TEIL 4 — Ich floh mit Daniels letzter Besitzurkunde durch die Berge, als fünf Gewehre krachten und mein Retter plötzlich meinen Namen kannte

TEIL 4

Die Zeile war mit Bleistift geschrieben, so schwach, dass ich sie im ersten Moment für einen Kratzer hielt.

Elias nahm mir das Papier aus der Hand und hielt es gegen den Himmel.

„Was steht dort?“, fragte ich.

Martha trat näher. Ihre Finger zitterten, als sie die Schrift berührte.

„Die Namen der ursprünglichen Eigentümer“, sagte sie. „Und eine Anweisung.“

„Welche?“

Elias las laut vor:

„Der Anspruch gilt nur, wenn der Fluss ungeteilt bleibt. Wer ihn umleitet, verliert jedes Recht auf das Land.“

Unter dem Satz standen drei Namen. Einer davon gehörte einem Vermesser, der seit sechs Jahren tot war. Der zweite war der Name eines entfernten Stammesältesten, der im Tal lebte. Der dritte war Daniels eigener Name.

Cain hatte die Urkunde gesehen. Er hatte aber nicht gewusst, dass Daniel die Rückseite beschrieben hatte.

„Das ist kein Eigentumsnachweis“, sagte Elias.

„Nein“, antwortete Martha. „Es ist ein Bündnis.“

Unter uns rief einer der Arbeiter:

„Die Sprengladung ist fertig!“

Cain hob die brennende Zündschnur.

„Dann haben wir keine Zeit für Papier.“

Er ließ das Ende fallen.

Elias rannte den Hang hinunter.

Ich folgte ihm.

Der Weg war steil, die Erde locker, und jeder Schritt rutschte unter meinen Stiefeln weg. Mein Bauch spannte sich hart zusammen. Für einen Augenblick dachte ich, das Kind würde kommen.

„Abigail!“, rief Elias.

„Ich kann laufen!“

„Das habe ich nicht gefragt!“

„Dann fragen Sie nicht!“

Martha lief hinter uns und schrie den Arbeitern zu, sie sollten die Zündschnur abschneiden. Einige legten ihre Schaufeln nieder. Andere sahen zu Cain.

Der Mann mit der Laterne, der inzwischen eine blutende Wange hatte, trat vor.

„Ihr habt gesagt, wir würden nur einen Graben ziehen“, rief er. „Nicht, dass das ganze Tal ertrinken soll.“

„Zurück an die Arbeit!“, brüllte Cain.

„Mein Sohn lebt unten am Fluss.“

Cain zog seine Pistole.

Elias warf sich gegen seine Hand. Der Schuss ging in den Boden. Beide stürzten zwischen die Kisten mit Sprengstoff.

Ich erreichte die erste Ladung. Die Zündschnur brannte bereits, eine kleine orangefarbene Flamme kroch über die Hanffasern.

Mit bloßen Händen riss ich daran.

Der Rauch biss mir in die Augen. Die Schnur löste sich nicht.

„Abigail, weg da!“, schrie Elias.

Martha reichte mir ihr Messer. Ich schnitt die Faser durch. Die Flamme erlosch zwei Fingerbreit vor der Kiste.

Die zweite Ladung lag am anderen Ende des Dammes.

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Ich wollte hinlaufen, doch ein Schmerz fuhr durch meinen Rücken. Ich sank auf ein Knie.

Elias sah es und stieß Cain weg.

„Bleib bei ihr“, sagte er zu dem Arbeiter mit der blutigen Wange.

„Nein“, sagte ich. „Die zweite Ladung.“

„Du bist schwanger.“

„Und du bist sein Bruder. Wir haben beide Gründe, nicht wegzusehen.“

Für einen Moment standen wir einander gegenüber. Dann nahm er das Messer und rannte zum Damm.

Cain hob sich vom Boden hoch. Blut lief aus seinem Mund. Er sah nicht zum Fluss, sondern zu mir.

„Gib mir die Urkunde“, sagte er.

„Damit Sie das Tal stehlen können?“

„Damit du dein Kind behalten kannst.“

Er zog einen zusammengefalteten Vertrag aus seinem Mantel.

„Du unterschreibst, und du bekommst Geld, ein Haus in Omaha und genug, um nie wieder einen Wagen ziehen zu müssen.“

Ich dachte an meine zerbrochene Karre. An Daniels Koffer. An das kleine Messingmedaillon, das er mir vor unserer Hochzeit geschenkt hatte und das jetzt zwischen meinen Rippen drückte.

„Sie bieten mir das Leben an, das Sie meinem Mann genommen haben.“

Cain lächelte kalt.

„Ich biete dir das Leben, das du verdienst, wenn du klug bist.“

Martha trat neben mich.

„Sag ihm, was auf der Rückseite steht.“

„Er kennt die Zeile nicht“, sagte ich.

Cain riss die Augen auf.

Er kannte sie.

Nicht den genauen Wortlaut, aber die Tatsache, dass es eine Rückseite gab. Seine Reaktion verriet mehr als jede Zeugenaussage.

Der Arbeiter mit der blutigen Wange sah ihn an.

„Du hast gesagt, das Papier sei sauber.“

Cain wandte sich zu ihm.

„Du hast niemals lesen gelernt.“

„Aber ich kann zählen. Drei Männer haben unterschrieben. Du hast nur zwei Namen auf deinen Verträgen.“

Am Damm krachte es.

Elias hatte die zweite Zündschnur durchtrennt. Gleichzeitig löste sich ein Balken, und eine Wassermauer schoss durch die Öffnung. Der Fluss tobte über den Graben, riss Erde mit sich und begrub die Kisten.

Cain starrte auf das Wasser.

Sein ganzes Vorhaben lag dort unten: die Umleitung, die Sprengladungen, die gefälschten Grenzpfosten.

Dann hörte ich Hufschläge.

Auf dem Talweg kamen Menschen heran. Familien aus den verstreuten Siedlungen, Holzfäller, Bauern und die Angehörigen der Arbeiter. Martha hatte sie offenbar früher alarmiert. Einige trugen Werkzeuge, andere Laternen.

Ein alter Mann stieg vom Pferd. Ich erkannte ihn von Daniels Zeichnungen.

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„Samuel Rusk“, flüsterte Elias. „Der dritte Unterzeichner.“

Samuel trat vor Cain.

„Du hast meinen Namen auf deine gefälschte Karte gesetzt.“

Cain wich zurück.

„Du hast mir das Land verkauft.“

„Ich habe dir nie etwas verkauft. Ich habe Daniel gebeten, den Fluss zu schützen.“

„Daniel ist tot.“

„Aber seine Schrift lebt.“

Samuel sah zu mir.

„Und jetzt ist die Urkunde in den Händen der Frau, für die sie bestimmt war.“

Cain hob die Pistole ein letztes Mal. Doch der Mann mit der blutigen Wange packte sein Handgelenk. Ein zweiter Arbeiter nahm ihm die Waffe ab. Cain wehrte sich, aber niemand wich zurück.

Elias kam vom Damm herauf. Seine linke Schulter blutete, und er hielt etwas in der Hand: einen kleinen, nassen Beutel.

„Was ist das?“, fragte ich.

„Das Original des Kaufbuchs.“

„Woher?“

„Cain hatte es in einer Kiste unter der Sprengladung versteckt.“

Martha öffnete den Beutel. Darin lag ein Buch mit sieben Seiten, jede davon mit Zahlungen, Namen und Daten. Neben Daniels Namen stand eine Summe, die am Tag vor seinem Tod ausgezahlt worden war.

Daneben war Cains Zeichen.

Cain sah das Buch und verlor die Farbe aus seinem Gesicht.

Doch der wichtigste Eintrag trug nicht seinen Namen.

Er trug den Namen des Arztes aus Red Willow.

„Der Arzt hat Ihnen geholfen“, sagte ich.

Cain lachte kurz, aber es klang leer.

„Jeder hat seinen Preis.“

Martha nahm das Buch an sich.

„Dann wird jeder erfahren, welchen.“

Cain blickte auf die versammelten Menschen. Er hätte fliehen können. Aber hinter ihm rauschte der Fluss, vor ihm standen die Familien, und in seiner Tasche lag nur noch der Vertrag, den niemand mehr unterschreiben würde.

Später, als die Männer die Sprengstoffkisten aus dem Wasser bargen und Samuel die Namen der bestochenen Leute notierte, saß ich auf einem umgedrehten Eimer neben Elias.

Mein Rücken tat weh. Meine Hände waren verbrannt. Das Kind bewegte sich unruhig.

Elias reichte mir eine Blechschale mit Wasser.

„Du hättest sterben können“, sagte er.

„Das hast du heute mehrmals gesagt.“

„Weil es stimmt.“

„Und du hättest Daniel retten können?“

Er sah auf den Fluss.

„Nein. Aber ich hätte bei ihm sein können.“

Ich antwortete nicht.

Er nahm den Messingkompass aus der Kiste und legte ihn in meine Hand. Der Deckel war verbeult, und die Nadel zitterte, bis sie nach Norden zeigte.

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„Er wollte, dass du ihn bekommst“, sagte Elias. „Daniel sagte, du würdest den Weg finden, wenn alle Karten gelogen hätten.“

Ich schloss die Finger darum.

„Du bleibst nicht hier, um für ihn zu bezahlen“, sagte ich.

„Ich weiß.“

„Was willst du dann?“

Er blickte auf das Tal, dessen Wasser wieder in seinem alten Bett floss.

„Den Wagen reparieren. Die Leute brauchen einen Weg hierher.“

„Und wenn ich nicht möchte, dass du allein entscheidest?“

„Dann entscheide mit mir.“

Drei Tage später wurde Cains Lager von den Familien auseinandergenommen. Nicht aus Rache. Jeder nahm nur zurück, was ihm gestohlen worden war: Werkzeuge, Saatgut, Briefe, Namen auf den Listen. Das Kaufbuch ging an die zuständigen Behörden, und der Arzt aus Red Willow floh noch in derselben Nacht. Martha blieb bei mir, bis die Wehen einsetzten.

Das Kind kam vor Sonnenaufgang.

Elias stand draußen vor der Hütte und reparierte die Achse meiner alten Karre. Als er den ersten Schrei hörte, ließ er den Hammer fallen.

Ich rief nicht nach ihm.

Er kam trotzdem herein.

Martha legte mir das Kind in die Arme. Ein Mädchen. Kleine geballte Hände. Dunkles Haar wie Daniel.

Elias blieb am Eingang stehen, als dürfe er den Raum nicht betreten.

„Sie heißt Nora“, sagte ich.

„Nach wem?“

„Nach niemandem. Der Name bedeutet Licht.“

Er schluckte.

Ich hielt ihm das Kind hin.

„Du bist ihr Onkel.“

Elias nahm Nora so vorsichtig, als bestünde sie aus dünnem Glas. Sie öffnete die Augen und schloss ihre winzigen Finger um seinen rauen Daumen.

Draußen rief Samuel, dass der Wagen wieder rollen könne.

Elias sah auf das Kind hinab.

„Die Achse hält“, sagte er.

„Dann fahren wir morgen.“

„Wohin?“

Ich blickte auf Daniels Kompass, der neben mir auf der Decke lag. Die Nadel zeigte nicht zum Weg, den ich gekommen war, sondern über den Fluss hinweg zu dem Land, das man uns hatte nehmen wollen.

„Dorthin, wo Daniel uns erwartet hat.“

Elias lächelte Nora an. Und als der reparierte Wagen am nächsten Morgen über die hölzerne Brücke rollte, klapperte unter seinem Sitz die kleine Messingkapsel mit dem Gift, während über uns der Fluss frei und laut durch das Tal lief.

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