Meine Schwiegermutter behauptete am Telefon, ich müsse zwanzig Menschen bewirten, während mein Mann neben mir den Preis für seine Beförderung auf meine Rechnung setzte.
— Diana, schreibst du mit?
Sofja Prokofjewnas Stimme klang süß, aber unter der Süße lag der Ton einer Frau, die seit Jahrzehnten Befehle gab. Ich saß am Küchentisch, strich mit dem Finger über den gesprungenen Rand meiner Lieblingstasse und öffnete den Kalender auf meinem Handy.
— Ich höre zu.
— Unser Wladik hat gestern die wichtigste Nachricht seines Lebens bekommen. Kaufmännischer Direktor! Das muss man angemessen feiern. Warwara kommt mit ihrem Mann, Uljana ebenfalls. Ich habe alle für sechs Uhr eingeladen.
Im Schlafzimmer suchte Wlad bereits hektisch nach seinem neuen Hemd. Er hatte den Kleiderschrank halb ausgeräumt und fluchte, weil sein Gürtel nicht dort lag, wo er ihn am Vorabend selbst hingelegt hatte.
— Mama, ich lade noch fünf Kollegen ein, sagte er laut. — Vielleicht kommt sogar der Generaldirektor.
Sofja Prokofjewna wurde sofort lebhafter.
— Dann brauchst du natürlich etwas Besonderes. Diana, mach Rindfleisch nach französischer Art, vier Salate, roten Fisch, gefüllte Röllchen und eine ordentliche Käseplatte. Der Tisch darf nicht arm aussehen.
Ich schrieb jedes Wort auf. Nicht, weil ich es tun wollte. Weil ich längst gelernt hatte, dass Widerspruch bei dieser Familie nicht als Antwort, sondern als Angriff galt.
— Ich komme gegen fünf und helfe dir, sagte sie. — Nimm das gute Porzellan. Nicht diese alltäglichen Teller.
Als das Gespräch endete, erschien Wlad im Türrahmen. Er trug nur eine Hose und hielt zwei Krawatten in den Händen.
— Du hast alles gehört.
— Ja.
— Dann fahr nach der Arbeit einkaufen. Der Tisch muss sich biegen.
Ich nahm meinen kleinen Samtbeutel vom Regal. Darin lagen normalerweise Lippenstift, Puder und die Theaterkarte, die ich seit zwei Monaten aufbewahrte.
— Überweist du mir Geld für den Einkauf?
Er sah mich an, als hätte ich eine völlig absurde Frage gestellt.
— Bezahlt wird mit deiner Karte. Ich habe für den Anzug und die Schuhe bereits genug ausgegeben. Mit dem ersten Gehalt bekommst du alles zurück.
— Wir hatten vereinbart, dass ich deine Feier nicht finanziere.
— Es ist keine gewöhnliche Feier, Diana. Ich bin jetzt kaufmännischer Direktor.
Er nahm mir den Weg zum Spiegel weg und knotete seine Krawatte.
— Und heute Abend habe ich eine Premiere im Stadttheater.
— Dann geh ein anderes Mal.
— Die Karten sind bezahlt.
— Du bist meine Frau. Meine Kollegen sollen sehen, dass du hinter mir stehst.
Ich sah auf die beiden Theaterkarten in meiner Hand. Auf einer stand das Datum, auf der anderen der Sitzplatz. Reihe sieben, Platz zwölf. Zwei Monate hatte ich mich darauf gefreut.
— Hinter dir zu stehen bedeutet nicht, vor dir herzulaufen und deinen Gästen das Essen zu bezahlen.
Sein Gesicht verhärtete sich.
— Mach heute einfach keinen Ärger.
Er ging. Ich blieb mit dem Geruch seines Rasierwassers und einem Knoten im Magen zurück.
Gegen zwei Uhr saß ich beim Friseur. Die warme Luft des Haartrockners strich über meinen Nacken, während meine Handtasche auf dem Tisch vibrierte.
— Diana, Planänderung, sagte Wlad am Telefon. — Der Generaldirektor kommt. Und sein Stellvertreter.
— Verstanden.
— Kauf Kaviar. Und einen wirklich guten Brandy. Ich will mich nicht blamieren.
— Dann bestell das Essen.
Am anderen Ende wurde es still.
— Du machst das.
— Ich habe dir zugehört.
Ich legte auf und sah mein Spiegelbild an. Zum ersten Mal an diesem Tag fühlte ich keine Schuld. Nur eine kalte, klare Ruhe.
Um Viertel vor sechs schloss Sofja Prokofjewna die Wohnungstür auf. Sie trug eine senffarbene Strickjacke und hatte einen eigenen Stoffschurz dabei.
— Wo ist die Gastgeberin?
Dann betrat sie die Küche. Die Arbeitsflächen glänzten. Auf dem Herd stand kein Topf. Im Kühlschrank lag nur eine halbe Zitrone.
— Diana!
— Ich bin im Schlafzimmer.
Sie stürmte hinein und blieb stehen.
Ich trug ein dunkelgrünes Kleid, meine Haare waren hochgesteckt, und an meinem Handgelenk glänzte ein schmaler silberner Armreif. In meiner Hand lag der Samtbeutel.
— Was soll das werden?
— Ich gehe ins Theater.
— Heute?
— Heute.
— Dein Mann hat eine Beförderung gefeiert!
— Seine Beförderung. Seine Gäste. Sein Abend.
In diesem Augenblick flog die Wohnungstür auf. Wlad kam mit einem riesigen Blumenstrauß herein, blieb im Flur stehen und sah erst auf den leeren Tisch, dann auf mein Kleid.
— Diana, was hast du getan?
— Ich gehe jetzt.
Er legte den Strauß auf das Bett.
— Wenn du durch diese Tür gehst, brauchst du nicht wiederzukommen!
— Die Wohnung gehört mir. Sie wurde vor unserer Ehe gekauft.
Hinter mir begannen Sofja und Wlad gleichzeitig zu reden. Ich hörte Worte wie Schande, Generaldirektor und undankbare Ehefrau. Dann öffnete ich die Tür.
Im Treppenhaus roch es nach nassem Stein. Ich drückte den Aufzugknopf und sah, wie Wlad hinter mir die Hand hob, als wolle er mich noch zurückhalten. Stattdessen griff er nach dem Telefon auf der Kommode und rief jemanden an. Seine Stimme wurde plötzlich leise.
— Sie hat es wirklich getan. Hol die Unterlagen aus meinem Arbeitszimmer, bevor sie zurückkommt. Wenn sie sie findet, ist alles vorbei…
TEIL 2
Wlad hatte den Satz nicht für meine Ohren bestimmt. Aber im stillen Treppenhaus trug seine Stimme weiter als jedes Geschrei.
Ich blieb hinter der halb geschlossenen Wohnungstür stehen. Mein Herz schlug so laut, dass ich sicher war, er müsse es hören.
— Was soll ich holen? fragte Sofja Prokofjewna.
— Die Mappe aus dem unteren Fach. Und nimm den roten Ordner gleich mit.
— Wlad, was ist darin?
— Mama, nicht jetzt. Sie darf nichts davon erfahren.
Der Aufzug kam. Die Türen öffneten sich mit einem metallischen Ruck. Ich trat hinein, bevor sie mich sehen konnten. Erst als sich die Türen schlossen, merkte ich, dass meine Finger den Samtbeutel so fest umklammerten, dass der Stoff tiefe Abdrücke in meiner Hand hinterlassen hatte.
Im Wagen rief ich meine Freundin Katja an. Sie war Rechtsanwältin und kannte Wlad seit unserer Hochzeit.
— Ich habe gerade gehört, dass er Unterlagen verstecken will, sagte ich.
— Welche Unterlagen?
— Ich weiß es nicht.
— Dann geh nicht nach Hause, bevor du weißt, worum es geht.
Der Taxifahrer schaltete das Radio leiser. Draußen glitten nasse Straßenlaternen über die Scheibe.
— Katja, glaubst du, er betrügt mich?
— Vielleicht nicht mit einer Frau. Vielleicht mit Geld. Hast du in letzter Zeit etwas unterschrieben?
Ich dachte an den Stapel Papiere, den Wlad mir vor drei Wochen in der Küche hingelegt hatte.
— Er sagte, es seien Unterlagen für seine neue Stelle. Ich habe nur auf einer Seite unterschrieben.
Katja schwieg lange.
— Genau das macht mir Sorgen.
Im Stadttheater roch es nach Samt, Staub und dem süßen Parfüm der Besucherinnen. Ich nahm in Reihe sieben Platz. Neben mir blieb der zweite Sitz leer. Wlad hatte nie verstanden, warum ich mich auf diesen Abend freute. Für ihn war ein Theaterstück nur eine teure Möglichkeit, zwei Stunden stillzusitzen.
Als das Licht erlosch, vibrierte mein Telefon.
Eine Nachricht von Wlad: „Du hast mich vor allen gedemütigt. Komm sofort zurück.“
Eine zweite folgte: „Wenn du nicht kommst, erfährt jeder, was du unterschrieben hast.“
Ich las die Worte dreimal. Dann legte ich das Telefon mit dem Bildschirm nach unten.
Auf der Bühne sprach eine Schauspielerin über eine Frau, die jahrelang die Rechnungen eines Mannes bezahlte, bis sie eines Tages begriff, dass Dankbarkeit kein Ehevertrag war. Ich musste beinahe lachen. Stattdessen liefen mir heiße Tränen über die Wangen.
In der Pause wartete Katja vor dem Theater. Ihr schwarzer Mantel war an den Schultern nass, und in der Hand hielt sie einen flachen Ordner.
— Ich habe im Grundbuch nachgesehen, sagte sie.
— Wegen der Wohnung?
— Wegen der Wohnung und wegen der Firma, bei der Wlad angeblich befördert wurde. Diana, seine neue Stelle existiert. Aber die Beförderung ist nicht das Problem.
— Was dann?
Katja schlug den Ordner nicht auf. Sie sah nur auf meine Hände.
— Er hat einen Kredit beantragt. Sehr hoch. Als Sicherheit wurde deine Wohnung angegeben.
Mir wurde kalt, obwohl die Heizung über unseren Köpfen rauschte.
— Das ist unmöglich. Ich habe nichts unterschrieben.
— Du hast unterschrieben. Aber offenbar nicht das, was er dir gesagt hat.
Im Foyer klirrte jemand mit einem Glas. Ein Mann lachte zu laut.
— Ich habe eine Kopie angefordert, fuhr Katja fort. — Außerdem gibt es eine Aufnahme aus dem Bürogebäude. Wlad war dort nicht allein, als die Unterlagen eingereicht wurden.
— Wer war bei ihm?
Katja schob den Ordner unter ihren Arm.
— Das sage ich dir erst, wenn wir sicher sind, dass er die Wohnung nicht mehr belasten kann.
Wir fuhren zu Katjas Kanzlei. Es war kurz nach zehn, als sie die Tür mit einem Schlüssel öffnete. Im Flur roch es nach Papier und kaltem Kaffee. Sie schaltete nur die Schreibtischlampe ein.
— Hör dir das an, sagte sie.
Auf ihrem Rechner erschien eine Tonaufnahme. Zuerst hörte ich Stimmen, undeutlich und weit entfernt. Dann wurde Wlad klar verständlich.
— Diana unterschreibt alles, wenn ich ihr sage, es gehe um meine Beförderung. Sie will doch immer, dass ich Erfolg habe.
Mir zog sich der Magen zusammen.
Eine andere Stimme fragte:
— Und wenn sie es herausfindet?
Wlad lachte.
— Bis dahin ist der Kredit bewilligt. Dann kann sie gar nichts mehr machen.
Katja stoppte die Aufnahme. Ich starrte auf den dunklen Bildschirm.
— Wer ist die andere Stimme? fragte ich.
Sie antwortete nicht. Stattdessen drehte sie den Ordner um. Auf dem Deckel klebte ein kleiner Zettel mit einer handschriftlichen Notiz: „Morgen, neun Uhr. Besprechungsraum drei. Mit dem echten Vertrag.“
In diesem Moment klingelte mein Telefon. Die Nummer war unbekannt.
— Frau Berger? fragte ein Mann. — Mein Name ist Dr. Reuter. Ich bin der Generaldirektor von Wlads Unternehmen. Sie müssen sofort zu uns kommen. Es geht um Ihren Mann und um etwas, das heute Abend aus seinem Arbeitszimmer verschwunden ist…
TEIL 3
„Verschwunden“ war das Wort, das mich aus meiner Erstarrung riss.
— Was ist verschwunden? fragte ich.
Dr. Reuter atmete hörbar aus.
— Ein USB-Speicher mit einer vollständigen Kopie des Kreditantrags. Wlad behauptet, Sie hätten ihn an sich genommen.
— Ich war den ganzen Abend im Theater.
— Das wissen wir. Die Aufnahmen aus dem Gebäude bestätigen es. Kommen Sie trotzdem.
Eine halbe Stunde später standen Katja und ich im Verwaltungsgebäude. Es war fast Mitternacht. Die gläsernen Türen spiegelten mein dunkelgrünes Kleid, und an meinem Handgelenk lag noch immer der silberne Armreif. Ich sah aus wie eine Frau, die zu einer Feier gegangen war. Nicht wie eine Frau, deren Ehe gerade unter ihren Füßen zerbrach.
Dr. Reuter wartete mit einer älteren Frau im Besprechungsraum. Wlad saß ihnen gegenüber. Seine Krawatte war gelockert, sein Gesicht glänzte vor Schweiß. Neben ihm stand Sofja Prokofjewna und hielt eine braune Ledermappe an die Brust gedrückt.
Wlad sprang auf.
— Diana, endlich. Sag ihnen, dass du die Unterlagen zu Hause gesucht hast.
— Ich habe nichts gesucht.
— Du hast sie weggenommen!
Dr. Reuter hob die Hand.
— Herr Berger, setzen Sie sich.
Wlad gehorchte. Zum ersten Mal an diesem Tag klang niemand in seinem Umfeld nach Bewunderung.
Katja legte den Ordner auf den Tisch.
— Bevor hier jemand behauptet, meine Mandantin habe etwas unterschlagen, sollten wir die Unterschriften prüfen.
Die ältere Frau stellte sich vor.
— Ich bin Frau Lindner von der Kreditabteilung. Frau Berger, Sie haben vor drei Wochen einen Antrag über zweihunderttausend Euro unterschrieben. Als Sicherheit wurde Ihre Eigentumswohnung angegeben.
Ich sah Wlad an.
— Du hast gesagt, es sei ein Formular für die Personalabteilung.
— Ich wollte dich nicht belasten.
— Du wolltest mich täuschen.
Seine Lippen wurden schmal.
— Ich hätte das Geld zurückgezahlt.
— Mit welchem Gehalt? fragte Dr. Reuter ruhig. — Die Beförderung war nur vorläufig. Sie sollte erst nach einer Prüfung bestätigt werden.
Wlad fuhr herum.
— Sie haben mir die Stelle zugesagt!
— Ich habe Ihnen Verantwortung angeboten. Sie haben vertrauliche Kundendaten weitergegeben, Spesen gefälscht und versucht, einen privaten Kredit über das Eigentum Ihrer Ehefrau abzusichern.
Sofja Prokofjewna wurde blass.
— Wlad, was meint er damit?
Er starrte auf den Tisch.
Katja schaltete ihr Aufnahmegerät ein. Die Stimme meines Mannes erfüllte den Raum.
— Diana unterschreibt alles, wenn ich ihr sage, es gehe um meine Beförderung. Sie will doch immer, dass ich Erfolg habe.
Wlad sprang auf.
— Das ist aus dem Zusammenhang gerissen!
— Der Zusammenhang ist auf der zweiten Datei, sagte Katja. — Dort erklären Sie Ihrem Geschäftspartner, dass Sie den Kredit für Spielschulden und den neuen Wagen brauchen.
Niemand bewegte sich.
Ich hatte gewusst, dass Wlad mich belog. Aber nicht, dass er mein Zuhause wie einen Gegenstand behandelte, den man heimlich verpfänden konnte.
Frau Lindner zog ein Blatt aus ihrer Mappe.
— Die Kreditbewilligung wird hiermit widerrufen. Außerdem liegt eine gefälschte Bestätigung vor, die mit dem Firmenstempel erstellt wurde.
Dr. Reuter sah Wlad an.
— Sie sind ab sofort freigestellt. Morgen früh übergeben Sie sämtliche Geräte und Unterlagen.
Wlad lachte kurz, verzweifelt und schrill.
— Sie können mich nicht einfach hinauswerfen.
— Doch, sagte Dr. Reuter. — Und wir haben bereits die Polizei informiert.
Sofja Prokofjewna setzte sich. Ihre Finger zitterten auf der Ledermappe.
— Diana, warum hast du uns nichts gesagt?
— Weil ich es erst heute erfahren habe.
In diesem Augenblick vibrierte Katjas Telefon. Sie nahm ab, hörte zu und wurde blasser.
— Was ist passiert? fragte ich.
Sie legte auf und sah mich an.
— Die Polizei war bei deiner Wohnung. Wlad hat behauptet, du hättest ihn angegriffen und die Originalunterlagen gestohlen.
Wlad hob den Kopf. In seinem Blick lag keine Scham mehr, nur Panik.
— Ich musste mich schützen.
Katja öffnete den letzten Umschlag aus ihrem Ordner. Darin lag ein einzelnes Foto aus einer Überwachungskamera. Wlad stand vor unserem Haus. Neben ihm der Mann, dessen Stimme ich in der Aufnahme gehört hatte.
— Wer ist das? fragte ich.
Dr. Reuter nahm das Foto und schloss für einen Moment die Augen.
— Sein Geschäftspartner. Und er ist nicht nur wegen des Kredits hier gewesen. Vor einer Stunde hat er gestanden, dass Wlad ihn beauftragt hat, den Tresor aus Ihrer Wohnung zu öffnen.
Mein Blick fiel auf Wlad.
Er wusste noch nicht, was im Tresor lag. Aber ich wusste es. Und als Katjas Telefon erneut klingelte, hörte ich in ihrer Stimme, dass die schlimmste Nachricht dieses Tages nicht Wlad erwartete, sondern mich…
Wlad hörte seine eigene Stimme und verlor die Kontrolle…
Ich dachte, der schlimmste Teil wäre vorbei.
Doch dann musste er seine eigenen Worte hören.
„Du vermisst nicht unser Zuhause. Du vermisst die Frau, die dich immer gerettet hat.“
Danach antwortete er nicht mehr.
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