TEIL 4 — Ich sollte den Aufstieg meines Mannes mit meiner Kreditkarte feiern, doch als ich das Haus verließ, verschwand sein Lächeln

TEIL 4

Katja nahm den Anruf an und entfernte sich bis zum Fenster.

Ich hörte nur einzelne Worte.

„Notaufnahme.“

„Atemprobleme.“

„Ihre Mutter.“

Meine Mutter.

Ich hatte sie am Nachmittag angerufen und gesagt, ich würde nach dem Theater zu ihr kommen. Sie wusste, dass ich seit Wochen unter Wlads Druck litt. Sie hatte nichts gefragt, nur gesagt: „Komm, wenn du kannst.“

Jetzt saß sie im Krankenhaus.

— Ist sie in Gefahr? fragte ich, als Katja auflegte.

— Die Ärzte kümmern sich um sie. Sie ist zusammengebrochen, nachdem zwei Polizeibeamte bei ihr waren und nach dir gefragt haben.

Wlad sprang auf.

— Ich habe niemanden zu ihr geschickt.

— Du hast die Polizei gerufen, sagte ich.

— Weil du mich bestohlen hast!

— Was soll ich dir gestohlen haben?

Er antwortete nicht.

Frau Lindner trat einen Schritt zurück. Dr. Reuter nahm sein Telefon aus der Tasche.

— Herr Berger, setzen Sie sich sofort wieder hin.

— Sie alle sind gegen mich.

— Nein, sagte ich. — Wir hören nur auf, dich zu retten.

Das war der Satz, der ihn endgültig verstummen ließ.

Wenige Minuten später kamen zwei Polizeibeamte in den Raum. Einer von ihnen, ein breitschultriger Mann mit nasser Uniform, las Wlad die Vorwürfe vor: versuchter Betrug, Urkundenfälschung, Veruntreuung von Firmendaten und falsche Anschuldigung.

Wlad sah mich an.

— Diana, sag ihnen, dass wir verheiratet sind.

— Das ändert nichts an dem, was du getan hast.

— Du kannst mich nicht einfach fallen lassen.

— Ich habe dich nicht fallen lassen. Du bist selbst gesprungen.

Er wurde abgeführt. Sofja Prokofjewna blieb zurück und hielt noch immer die Ledermappe fest.

— Ich wusste nicht, dass er so weit gehen würde, flüsterte sie.

— Du hast nur immer geglaubt, was er dir erzählt hat.

— Er ist mein Sohn.

— Und ich war seine Frau. Trotzdem war ich nie seine Geldbörse.

Sie weinte nicht. Sie sah nur auf den Tisch, als läge dort plötzlich die ganze Wahrheit ihres Lebens.

Katja und ich fuhren ins Krankenhaus. Es war drei Uhr morgens. Die Flure glänzten vom Reinigungsmittel, und vor dem Zimmer meiner Mutter stand ein leerer Metallstuhl.

Meine Mutter schlief, blass und erschöpft. Als sie die Augen öffnete, lächelte sie schwach.

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— Hast du das Stück geschafft?

Ich setzte mich neben sie und nahm ihre Hand.

— Ja.

— War es gut?

— Sehr gut.

— Dann hat sich der Abend gelohnt.

Ich konnte nicht mehr antworten. Ich legte den Kopf auf ihre Bettdecke und weinte, bis die ersten Vögel vor dem Fenster zu hören waren.

Am nächsten Vormittag ging ich allein in die Wohnung zurück.

Die Tür stand offen. Auf dem Boden lagen Rechnungen, Schubladen waren herausgezogen, und im Schlafzimmer war der Inhalt des Tresors über das Bett verstreut.

Nichts Wertvolles fehlte.

Wlad hatte nur nach den Papieren gesucht.

Auf dem Tisch lag mein Samtbeutel. Der Verschluss war offen, der Lippenstift herausgerollt. Daneben lag die Theaterkarte aus Reihe sieben, Platz zwölf, zerknittert und mit einem Schuhabdruck versehen.

Ich hob sie auf und strich sie glatt.

Da verstand ich, was ich verloren hatte.

Nicht meinen Mann.

Den Glauben, dass ich ihn eines Tages dazu bringen könnte, ein guter Mensch zu werden.

Am Nachmittag rief Wlads Anwalt an.

— Mein Mandant möchte eine einvernehmliche Lösung, sagte er.

— Welche Lösung?

— Sie ziehen die Anzeige zurück. Im Gegenzug verzichtet Herr Berger auf alle Ansprüche an der Wohnung.

Ich sah durch das Fenster auf den Innenhof. Eine Nachbarin schüttelte dort eine Decke aus.

— Die Wohnung war nie sein Eigentum.

— Frau Berger, Sie sollten an Ihre Ehe denken.

— Das habe ich jahrelang getan. Jetzt denke ich an die Wahrheit.

— Dann wird es unangenehm.

— Für mich ist es bereits vorbei.

Ich legte auf.

Zwei Tage später traf ich Wlad in Katjas Kanzlei. Er trug denselben teuren Anzug wie bei seiner Beförderungsfeier, aber der Stoff war am Ellenbogen zerknittert. Seine Hände lagen flach auf dem Tisch.

Katja stellte einen Lautsprecher auf.

— Wir hören uns jetzt die Aufnahme vollständig an.

Wlad sah mich an.

— Das musst du nicht tun.

— Doch.

Die Datei begann. Seine eigene Stimme erklang im Raum.

„Diana unterschreibt alles, wenn ich ihr sage, es gehe um meine Beförderung.“

Dann lachte er.

„Bis dahin ist der Kredit bewilligt. Dann kann sie gar nichts mehr machen.“

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Wlad schloss die Augen.

Es war das erste Mal, dass er seine Worte nicht als Waffe gegen jemand anderen benutzen konnte. Sie kamen aus dem Lautsprecher zurück, kalt und deutlich, ohne seine Gesten, ohne sein selbstsicheres Lächeln, ohne die Möglichkeit, mich zu unterbrechen.

Als die Aufnahme endete, blieb es still.

— Ich war unter Druck, sagte er.

— Das erklärt deine Angst, nicht deinen Betrug.

— Ich wollte aufsteigen.

— Du wolltest so aussehen, als hättest du bereits alles erreicht.

— Ich liebe dich.

Ich sah auf den silbernen Armreif an meinem Handgelenk. Er war ein Geschenk meiner Mutter gewesen, lange vor Wlad.

— Liebe macht aus dem Eigentum eines anderen Menschen keine Sicherheit.

Er beugte sich vor.

— Gib mir noch eine Chance.

— Ich habe dir viele gegeben.

— Wann?

— Jedes Mal, wenn ich deine Rechnungen bezahlte. Jedes Mal, wenn ich deiner Mutter erklärte, du seist müde. Jedes Mal, wenn ich deine Lügen kleiner machte, damit du dich nicht schämen musstest.

Sein Gesicht verlor die letzte Farbe.

— Was soll ich jetzt tun?

— Zum ersten Mal selbst die Folgen tragen.

Die Scheidung wurde im Herbst ausgesprochen. Der Kredit war nie zustande gekommen. Die Firma kündigte Wlad fristlos, und gegen seinen Geschäftspartner wurde ebenfalls ermittelt.

Ich erfuhr davon nur aus Katjas Nachrichten. Ich las sie, legte das Telefon weg und machte weiter.

Sofja Prokofjewna besuchte mich einmal. Sie stand vor meiner Tür mit einer Schachtel selbst gebackener Kekse.

— Ich wollte mich entschuldigen, sagte sie.

— Das ist nicht nötig.

— Doch. Ich habe dich behandelt, als wärst du für Wlads Leben verantwortlich.

Ich öffnete die Tür weiter.

— Du darfst hereinkommen. Aber nicht, um mir zu erklären, was ich tun soll.

Sie nickte. An diesem Tag tranken wir Tee, ohne über Wlad zu sprechen.

Meine Mutter wurde wieder gesund. Sie zog für einige Wochen zu mir, und wir stritten uns jeden Morgen darüber, wer den Kaffee machen durfte.

— Du musst wieder essen, sagte sie.

— Du musst wieder schlafen.

— Ich bin deine Mutter.

— Und ich bin deine Tochter.

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Das war unsere neue Art, einander zu sagen, dass wir Angst hatten.

Drei Monate später begann ich in einem kleinen Verlag zu arbeiten. Ich kümmerte mich um Lesungen, Theaterprogramme und Veranstaltungen. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde meine Fähigkeit, alles zu organisieren, nicht als selbstverständliche Pflicht behandelt, sondern bezahlt und gelobt.

Ich mietete keine neue Wohnung. Ich blieb in meinem Zuhause.

Aber ich stellte die Möbel um.

Der große Tisch kam ans Fenster. Auf die Wand darüber hängte ich ein Plakat aus dem Stadttheater. In die Küche stellte ich eine schmale Vase mit frischen Zweigen.

Die Arbeitsflächen blieben sauber.

Nicht aus Angst vor Sofja Prokofjewnas Kritik, sondern weil ich es mochte.

An einem Samstag im Dezember fiel der erste Schnee. Meine kleine Nichte Alina kam zu Besuch und malte am Küchentisch ein Bild für mich. Darauf war ein grünes Kleid zu sehen, daneben ein großes Theater mit gelben Fenstern.

— Das bist du, sagte sie.

— Warum stehe ich vor dem Theater?

— Weil du da hingehörst.

Ich rahmte das Bild ein.

Am selben Abend kam eine Nachricht von Wlad.

„Ich habe eine neue Stelle gefunden. Bitte lass uns noch einmal reden. Ich vermisse unser Zuhause.“

Ich las sie langsam.

Dann antwortete ich:

„Du vermisst nicht unser Zuhause. Du vermisst den Menschen, der dich darin immer gerettet hat. Diese Frau bin ich nicht mehr.“

Ich blockierte seine Nummer.

Draußen legte sich der Schnee auf die Fensterbank. Im Wohnzimmer stand noch immer der kleine Samtbeutel, den ich an jenem Abend mit ins Theater genommen hatte.

Ich öffnete ihn und fand darin den Lippenstift, die Puderquaste und die zweite Theaterkarte, die ich damals nicht benutzt hatte.

Die Tinte war an den Rändern verblasst.

Aber Reihe sieben, Platz zwölf, war noch lesbar.

Am nächsten Morgen rief ich das Theater an und kaufte zwei neue Karten.

Eine für meine Mutter.

Eine für mich.

Dann stellte ich den Samtbeutel neben die Tür.

Nicht als Erinnerung an Wlad.

Als Erinnerung an den Abend, an dem ich mich selbst gewählt hatte.

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