Als ich aus der Privatklinik trat, klebte noch ein Wattepad an meinem Arm, während hinter der Tür jemand lachend meinen Namen sagte.
„Ich kann nicht glauben, dass sie wieder darauf hereingefallen ist.“
Ich blieb stehen. Der Geruch von Desinfektionsmittel hing in der Luft, und unter dem Verband pochte mein Arm im gleichen Rhythmus wie mein Herz. Vor weniger als einer Stunde hatte ich Blut gespendet, weil Brendan angeblich nach einem schweren Unfall dringend eine passende Blutgruppe brauchte.
„Wenn du mich wirklich liebst, fragst du nicht, wie viel sie brauchen“, hatte er am Telefon gesagt. „Du kommst einfach und hilfst mir.“
Ich war gekommen.
Drei Jahre lang hatte ich fast alles getan, was Brendan von mir verlangte. Deshalb hatte ich auch in dieser Nacht nicht gefragt, warum seine Freunde mich ausgerechnet in eine Klinik in La Jolla bestellten, obwohl der Unfall angeblich nahe Bakersfield passiert war.
Jetzt folgte ich einer Krankenschwester durch einen Seitengang. Sie schob einen kleinen Kühlbehälter auf Rollen vor sich her. Auf dem Deckel klebte ein Etikett.
Mein Name.
Chloe Bennett.
„Entschuldigung“, sagte ich. „Wohin bringen Sie das?“
Die Frau fuhr herum. In ihrer Hand glitzerte ein Schlüsselbund.
„Das darf ich Ihnen nicht sagen.“
Dann öffnete sie eine Tür zum Raum für biologische Abfälle und hob den Beutel mit meinem Blut aus dem Behälter.
„Warten Sie“, flüsterte ich.
Sie ließ den Beutel in den roten Abfallbehälter fallen.
Aus dem VIP-Zimmer nebenan kam Gelächter.
Ich trat näher. Die Tür stand einen Spalt offen.
Brendan lag entspannt auf dem Bett. Keine Schramme. Kein Verband. Nicht einmal ein Pflaster. Er trug sein weißes Hemd, die Ärmel akkurat hochgekrempelt, und hielt sein Telefon wie ein Zuschauer, der gerade eine besonders unterhaltsame Aufnahme betrachtete.
Neben ihm standen Mason, Liam und zwei weitere Freunde.
„Wie lautet der aktuelle Stand?“, fragte Mason.
Liam zählte an seinen Fingern ab. „Sechsundneunzig.“
Alle lachten.
Mir wurde kalt.
„Die Geschichte mit dem Armband war großartig“, sagte Liam. „Wir haben ihr erzählt, Brendan hätte das Geschenk zum Jahrestag verloren. Sie hat bis drei Uhr morgens im Regen danach gesucht.“
„Und bekam am nächsten Tag Fieber“, ergänzte Mason. „Trotzdem kam sie zu mir und fragte, ob ich es gefunden hätte.“
Brendan grinste.
Ich presste die Hand auf meinen Mund.
Eine Erinnerung nach der anderen riss auf. Die angebliche Bewusstlosigkeit nach seiner Operation. Die Nacht, in der ich in einer Kirche gebetet hatte. Die falsche Plagiatsbeschuldigung an der Universität, wegen der ich meinen eigenen Abschluss verpasst hatte.
Ich hatte jedes Mal geglaubt, es seien Zufälle gewesen.
„Nur noch drei“, sagte Mason. „Neunundneunzig Streiche, dann ist die Sache erledigt.“
„Danach verlässt Brendan sie“, sagte einer der Männer. „Und kehrt zu Scarlet zurück.“
Scarlet Montgomery.
Vor vier Jahren hatte ich sie bei einem landesweiten Tanzwettbewerb geschlagen. Sie war die Favoritin gewesen, ich nur die Tochter eines Buchhalters und einer Grundschullehrerin.
Brendan sprach nun mit einer Kälte, die ich noch nie gehört hatte.
„Scarlet hat den Sieg nie vergessen. Ich sollte Chloe dazu bringen, sich in mich zu verlieben. Dann würde sie verstehen, wie es ist, alles zu verlieren.“
„Du machst daraus keine Tragödie“, sagte Mason. „Sie drängt sich doch überall hinein.“
Ich wich zurück, bevor jemand mich sehen konnte. Neben dem Empfang sank ich auf den Boden, die Finger um den violetten Bluterguss an meinem Arm gekrampft.
Da rief meine Mutter an.
„Chloe, dein Vater hat die Wohnung in Tucson geregelt. Wir fahren nächste Woche. Kommst du mit?“
Monatelang hatte ich abgelehnt. Wegen Brendan.
Ich blickte auf den Abfallbehälter, in dem mein Blut lag.
„Mama“, sagte ich, „halt mir einen Platz frei.“
In diesem Moment kam eine Nachricht von Brendan.
„Komm morgen vorbei. Wir müssen noch drei Dinge erledigen.“
Ich starrte auf den Bildschirm. Dann öffnete sich hinter mir die Tür zum Klinikbüro, und eine fremde Hand griff nach einer schwarzen Aktenmappe…
TEIL 2
Die fremde Hand zog die schwarze Aktenmappe aus einem Regal, und ich erkannte den Mann, der sie hielt: Dr. Keller, der Verwaltungsleiter der Klinik.
„Sie haben das gehört“, sagte er leise.
Ich wich zurück. „Was genau meinen Sie?“
Er schloss die Tür hinter sich. Der Metallknauf war eiskalt.
„Dass Ihr Blut nie für Brendan bestimmt war. Er hatte keinen Unfall. Er war überhaupt nicht verletzt.“
„Warum haben Sie es dann angenommen?“
Dr. Keller sah auf meinen Arm. „Weil jemand die Spende bestellt und bezahlt hat. Eine Frau.“
„Scarlet?“
Er antwortete nicht. Stattdessen reichte er mir einen schmalen Papierstreifen. Darauf standen Datum, Uhrzeit und eine interne Kennnummer.
„Bewahren Sie das auf. Und kommen Sie morgen nicht allein zu Brendan.“
„Warum helfen Sie mir?“
Sein Blick wanderte zur Überwachungskamera über der Eingangstür.
„Weil ich vor drei Monaten begonnen habe, Fragen zu stellen.“
Draußen wartete ich im Regen auf ein Taxi. Mein Handy vibrierte erneut.
„Morgen, zehn Uhr. Keine Ausreden“, schrieb Brendan.
Ich antwortete nur: „Ich komme.“
Zu Hause legte ich den Papierstreifen neben die kleine Messingbrosche, die Brendan mir zu unserem ersten Jahrestag geschenkt hatte. Sie zeigte eine winzige Tänzerin und war an einer Stelle verbogen, weil ich sie jahrelang an meiner Tasche getragen hatte.
Ich nahm sie ab.
Zum ersten Mal fühlte sie sich nicht wie ein Geschenk an, sondern wie ein Beweisstück.
Am nächsten Morgen um zehn Uhr saß Brendan in seinem Loft am Hafen. Sonnenlicht lag auf dem Glas seiner Bar, und zwischen zwei Weingläsern stand ein kleiner Karton.
„Du siehst blass aus“, sagte er.
„Ich habe Blut verloren.“
Er lächelte. „Du dramatisierst schon wieder.“
Mason lehnte an der Fensterfront. Liam stellte die Tür ab, als müsste er verhindern, dass jemand ging.
„Die nächsten drei Dinge sind harmlos“, sagte Brendan. „Du musst nur beweisen, dass du mir vertraust.“
„Was soll ich tun?“
Er schob mir einen Umschlag zu.
„Unterschreib, dass du freiwillig auf deinen Anteil an der Wohnung verzichtest. Nur vorübergehend. Scarlet und ich brauchen etwas Raum, falls wir uns wieder annähern.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Du willst, dass ich dir meine Wohnung überlasse, während du zu ihr zurückgehst?“
„Unsere Wohnung“, korrigierte er. „Und hör auf, dich als Opfer darzustellen.“
Mason lachte. „Das ist Nummer siebenundneunzig.“
Ich ließ den Blick sinken, damit sie mein Gesicht nicht lesen konnten. In meiner Manteltasche lag das Telefon. Die Aufnahme lief.
„Und die letzten beiden?“ fragte ich.
Brendan beugte sich vor. Sein Atem roch nach Minze.
„Du gehst heute Abend zu einer Tanzschule in der Innenstadt und entschuldigst dich bei Scarlet. Vor allen Leuten. Danach verschwindest du aus meinem Leben.“
„Und wenn ich nicht unterschreibe?“
Seine Augen wurden leer.
„Dann sorge ich dafür, dass jeder glaubt, du hättest mich verfolgt, bestohlen und an der Universität betrogen.“
Ich hob langsam den Kopf. „Das hast du doch bereits vorbereitet.“
Für einen Moment sagte niemand etwas.
Dann vibrierte Liams Telefon.
Er las die Nachricht und wurde plötzlich nervös.
„Brendan, wir müssen gehen.“
„Warum?“
Liam drehte den Bildschirm um. Dort stand: Die Klinik hat die Sicherungskopie gefunden. Dr. Keller spricht heute mit der Polizei.
Brendan sprang auf und riss mir das Telefon aus der Hand.
„Was hast du aufgenommen?“
Ich griff nach meinem Gerät, doch Mason packte mein Handgelenk. Die verbogene Messingbrosche schnitt in meine Haut.
„Gib es her“, zischte Brendan.
Ich sah ihn an und sagte: „Du hast gerade selbst gefragt, was ich aufgenommen habe.“
Sein Gesicht veränderte sich.
Er schlug mir das Telefon aus der Hand, und es zerschellte auf den Fliesen. Dann öffnete sich die Tür, und Dr. Keller trat mit einer Frau ein, die ich noch nie gesehen hatte.
Die Frau hielt einen Umschlag und sagte: „Chloe, bevor Sie gehen, müssen Sie wissen, wer diesen ganzen Plan finanziert hat…
TEIL 3
„Scarlet Montgomery“, sagte die Frau. „Aber sie war nicht allein.“
Wir saßen eine Stunde später in einem kleinen Besprechungsraum der Klinik. Auf dem Tisch lag mein zerstörtes Telefon, daneben die schwarze Aktenmappe. Die Frau stellte sich als Rechtsanwältin Nora Weiss vor. Ihre Stimme war ruhig, doch ihre Finger ruhten fest auf dem Umschlag.
Brendan, Mason und Liam saßen uns gegenüber. Zum ersten Mal sah Brendan nicht überlegen aus. Seine Knöchel waren weiß, weil er die Hände so fest ineinander verschränkt hielt.
„Öffnen Sie ihn“, sagte Nora zu mir.
Ich zog die Lasche auf.
Darin lagen Zahlungsbelege, Nachrichten und ein Vertrag. Scarlet hatte eine private Firma beauftragt, mich über Monate zu überwachen. Aufgeführt waren die sechsundneunzig sogenannten Streiche, ihre Kosten und die Namen der Männer, die geholfen hatten.
Meine Finger zitterten.
„Das ist nicht echt“, sagte Brendan.
Nora legte ein zweites Blatt auf den Tisch. „Ihre Unterschrift steht auf der Vereinbarung. Sie haben Scarlet zugesichert, Chloe nach neunundneunzig Demütigungen zu verlassen und ihr die Wohnung zu überlassen.“
„Ich habe nichts unterschrieben.“
„Dann erklären Sie bitte, warum die digitale Prüfspur von Ihrem persönlichen Rechner stammt.“
Mason sprang auf. „Das war nur ein Spiel!“
„Ein Spiel, bei dem eine Frau absichtlich in Gefahr gebracht wurde?“ Nora schob den Klinikbericht nach vorn. „Die Blutspende wurde unter einer falschen Notfallmeldung veranlasst. Die Mitarbeiterin sollte den Beutel sofort vernichten. Das ist kein Scherz.“
Dr. Keller legte eine Fernbedienung auf den Tisch.
„Wir haben die Aufnahme aus dem VIP-Zimmer.“
Auf dem Bildschirm erschien Brendan. Er lachte. Mason fragte nach der Zahl. Liam nannte sechsundneunzig.
Dann hörte ich meine eigene Stimme aus dem Loft.
„Was hast du aufgenommen?“
Brendans Gesicht wurde grau.
Die Aufnahme lief weiter.
„Du gehst heute Abend zu Scarlet und entschuldigst dich“, sagte er. „Sonst sorge ich dafür, dass jeder glaubt, du hättest mich verfolgt, bestohlen und betrogen.“
Ich hatte diese Worte gehört. Nun hörte ich sie von außen. Sie klangen schlimmer, als ich sie in seinem Zimmer wahrgenommen hatte.
„Das ist aus dem Zusammenhang gerissen“, flüsterte Brendan.
„Nein“, sagte ich. „Es ist deine Stimme.“
Liam begann zu weinen. Mason setzte sich wieder, als hätten seine Beine nachgegeben.
Nora schob mir die Mappe zu. „Sie können heute Anzeige erstatten und eine einstweilige Verfügung beantragen. Außerdem gibt es Beweise für die gefälschten Universitätsunterlagen.“
Brendan sah mich an.
„Chloe, ich wollte nur, dass du verstehst, wie Scarlet sich gefühlt hat.“
„Drei Jahre lang?“
Er senkte den Kopf.
„Ich habe dich geliebt“, sagte ich.
„Das war dein Fehler“, antwortete er.
Diese vier Worte taten weh. Aber sie lösten auch etwas in mir, das jahrelang festgesessen hatte.
Nora nahm ihr Telefon. „Es gibt noch ein Problem. Scarlet hat heute Morgen die Unterlagen an die Universität und an Ihren Arbeitgeber geschickt. Sie behauptet, Sie hätten alles gefälscht, um Brendan zu erpressen.“
Ich spürte, wie mein Herz erneut raste.
„Und was passiert jetzt?“
Nora sah auf eine neue Nachricht. Ihr Gesicht wurde ernst.
„Die Universität hat eine Anhörung für morgen angesetzt. Außerdem liegt gegen Sie bereits ein Haftbefehl wegen angeblicher Erpressung vor.“
Brendan hob plötzlich den Kopf. In seinen Augen lag wieder dieser alte Ausdruck von Kontrolle.
„Du wirst niemandem glauben machen, dass ich der Böse bin“, sagte er.
Nora steckte das Telefon ein.
„Herr Walsh, der Haftbefehl richtet sich nicht gegen Chloe.“
In diesem Augenblick klingelte ihr Telefon erneut. Sie hörte zu, wurde blass und legte mir den Lautsprecher hin.
Eine Stimme sagte: „Frau Bennett, wir haben soeben die Originaldatei gefunden. Sie beweist, wer den Haftbefehl beantragt hat. Aber die Person, die ihn unterschrieben hat, sitzt gerade nicht in diesem Raum…“
Dann hörte Brendan seine eigenen Worte aus dem Lautsprecher…
Ich dachte, die Wahrheit würde mir nur mein altes Leben nehmen. Doch im Finale musste ich entscheiden, ob ich mich auch innerlich davon befreie.
„Du hast es selbst gesagt.“
Zum ersten Mal hatte er keine Antwort.
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