„Wenn du mich wirklich liebst, fragst du nicht, wie viel sie brauchen. Du spendest einfach.“
Das waren Brendans letzte Worte, bevor die Krankenschwester die Nadel in meinen Arm schob.
Vierzig Minuten später verließ ich die Blutspendestation einer Privatklinik in La Jolla. Meine Knie zitterten, ein weißer Tupfer klebte unter einem durchsichtigen Pflaster auf meiner Haut, und ich hielt mich trotzdem für den wichtigsten Menschen der Welt. Ich glaubte, gerade das Leben des Mannes gerettet zu haben, den ich seit drei Jahren liebte.
Seine Freunde hatten mich mitten in der Nacht angerufen.
„Chloe, Brendan hatte einen schweren Unfall“, hatte Mason gesagt. Seine Stimme klang so verzweifelt, dass ich sofort aus dem Bett gesprungen war.
„Was ist passiert?“
„Testfahrt auf einer privaten Rennstrecke bei Bakersfield. Er verliert viel Blut. Komm sofort.“
Ich hatte nicht gefragt, warum Brendan selbst mich nicht anrief. Ich hatte nur meine Schuhe angezogen und war losgefahren.
Auf dem Weg zur Aufzugshalle bemerkte ich eine Frau in medizinischer Kleidung. Sie schob einen kleinen weißen Kühlbehälter an mir vorbei. An der Seite klebte ein Aufkleber, den ich wenige Minuten zuvor gesehen hatte.
Chloe Bennett.
Mein Name.
Die Frau bog durch eine Seitentür ab. Ich folgte ihr, ohne zu wissen, warum. Hinter der Tür roch es nach Desinfektionsmittel und kaltem Metall. Die Frau öffnete den Behälter, nahm den Blutbeutel heraus und ging damit auf einen roten Abfallbehälter zu.
Ich blieb stehen.
„Entschuldigung“, sagte ich. „Warum werfen Sie das weg?“
Sie drehte sich erschrocken um.
„Das darf ich Ihnen nicht erklären.“
„Auf dem Beutel steht mein Name. Er sollte für Brendan Bennett sein.“
„Ich sagte, ich darf—“
Aus einem nahegelegenen Zimmer drang Gelächter.
Die Tür zur VIP-Suite stand einen Spalt offen.
„Ich kann nicht glauben, dass Chloe schon wieder darauf hereingefallen ist.“
Mein Herz setzte aus.
Ich ging näher. Brendan lag auf dem Bett, aufrecht und entspannt, ohne Verband, ohne Sauerstoffmaske, ohne auch nur einen Kratzer. In seiner Hand hielt er sein Telefon. Um ihn herum standen Mason, Liam und zwei Männer, deren Stimmen ich aus unzähligen gemeinsamen Abenden kannte.
„Wie lautet der Punktestand?“, fragte Mason.
Liam grinste und zählte an den Fingern.
„Sechsundneunzig.“
Alle lachten.
„Die Geschichte mit dem Armband war großartig“, sagte einer. „Sie hat mitten in der Nacht im Regen danach gesucht.“
„Und bekam Fieber“, ergänzte Mason. „Trotzdem kam sie am nächsten Morgen und fragte, ob Brendan es gefunden hätte.“
Meine Finger verkrampften sich um den Riemen meiner Tasche.
Ich erinnerte mich an die nasse Straße, an meine Schuhe voller Schlamm und daran, wie Brendan damals behauptet hatte, ich sei überempfindlich.
„Die angebliche Operation war auch gut“, sagte Liam. „Sie hat die ganze Nacht in der Kapelle gebetet, weil wir ihr erzählt haben, er läge im Koma.“
„Und die Plagiatsgeschichte an der Universität“, sagte Brendan. „Sie hat ihren eigenen Abschluss verpasst, um ihre Unschuld zu beweisen.“
Mir wurde übel.
Ich hatte jede dieser Katastrophen für Pech gehalten. Für Missverständnisse. Für Prüfungen, die unsere Beziehung stärker machen sollten.
„Nur noch drei“, sagte Mason. „Neunundneunzig Racheaktionen, dann ist es vorbei.“
„Dann verlässt Brendan sie und geht zu Scarlett zurück“, sagte Liam.
Scarlett.
Der Name traf mich härter als jede Ohrfeige.
Vor vier Jahren hatte Scarlett Montgomery den großen Tanzwettbewerb der Universität gewinnen sollen. Ihre Familie war reich, ihre Ausbildung teuer, ihre Sponsoren mächtig. Doch ich, die Tochter eines Buchhalters und einer Grundschullehrerin, hatte gewonnen.
Ich sah noch das Licht der Bühne. Meine Mutter, die in der ersten Reihe weinte. Meinen Vater, der mit seinem alten Telefon filmte.
„Chloe hat ihr den Sieg genommen“, sagte Mason.
„Deshalb hat Brendan sie verführt“, antwortete Liam. „Er sollte sie verliebt machen und sie dann für alles bezahlen lassen.“
Ich presste eine Hand auf meinen Mund.
„Mach keine Tragödie daraus“, sagte Brendan ruhig. „Sie drängt sich überall hinein. Niemand zwingt sie zu irgendetwas.“
In diesem Moment verstand ich, dass ich nicht nur betrogen worden war. Ich war das Spiel gewesen.
Ich wich zurück, bevor jemand mich sehen konnte. Im Foyer sank ich neben einem riesigen Keramiktopf auf den Boden. Mein Arm pochte unter dem Pflaster.
Dann rief meine Mutter an.
„Chloe, dein Vater hat die Wohnung in Tucson geregelt. Wir fahren nächste Woche. Du kannst noch mitkommen.“
Monatelang hatte ich abgelehnt. Wegen Brendan.
Ich sah auf den violetten Bluterguss an meinem Arm.
„Mama“, sagte ich, „halt mir einen Platz frei.“
Kaum hatte ich aufgelegt, erschien eine Nachricht von Brendan.
Komm morgen vorbei. Wir müssen noch drei Dinge erledigen.
Ich starrte auf die Worte. In meiner Tasche lag ein alter, zerknitterter Tanzwettbewerbszettel, den ich seit vier Jahren mit mir herumtrug. Auf seiner Rückseite standen neunundneunzig leere Kästchen.
Und während ich den ersten Stift aus meiner Tasche nahm, öffnete sich hinter mir die Seitentür, und jemand sagte meinen Namen…
TEIL 2
„Chloe?“
Ich fuhr herum.
Die Krankenschwester mit dem weißen Kühlbehälter stand hinter mir. Ihr Blick sprang von meinem Pflaster zu dem zerknitterten Zettel in meiner Hand.
„Sie sollten gehen“, sagte sie leise.
„Warum wurde mein Blut weggeworfen?“
Sie sah zur Tür der VIP-Suite.
„Weil es nie für Brendan bestimmt war.“
„Dann für wen?“
Die Frau schluckte. „Ich habe keinen Auftrag, darüber zu sprechen.“
„Aber Sie haben meinen Namen auf den Beutel geschrieben.“
„Das war nicht ich.“
Ihre Finger zitterten. An ihrem Namensschild stand Elena Ruiz. Sie trat näher und senkte die Stimme.
„Wenn Sie morgen wiederkommen, gehen Sie nicht allein.“
„Was bedeutet das?“
„Es bedeutet, dass manche Menschen glauben, sie könnten alles kaufen.“
Dann verschwand sie durch die Tür.
Ich blieb noch eine Minute sitzen. Mein Rücken lag an dem kalten Keramiktopf, und der Geruch nach Lilien aus der Empfangshalle ließ mir den Magen umdrehen. Schließlich schrieb ich Brendan zurück.
Ich komme morgen. Aber diesmal bestimme ich, wann wir gehen.
Er antwortete sofort.
Natürlich. Ich wusste, dass du mich nicht im Stich lässt.
Diese Nachricht war schlimmer als sein Gelächter.
Am nächsten Morgen um neun Uhr stand ich vor Brendans Wohnung in San Diego. Ich trug eine cremefarbene Bluse, deren Ärmel den Bluterguss nicht ganz bedeckte. In meiner Tasche lagen mein Ausweis, der Tanzwettbewerbszettel und ein kleines Notizbuch. Ich hatte begonnen, jedes Detail aufzuschreiben, an das ich mich erinnerte.
Brendan öffnete die Tür mit einem Lächeln.
„Du siehst erschöpft aus.“
„Du siehst bemerkenswert unverletzt aus für jemanden, der angeblich fast gestorben wäre.“
Sein Lächeln hielt einen Augenblick zu lange.
„Ich hatte Glück.“
„Und dein Blutverlust?“
„Die Ärzte haben übertrieben. Das machen sie gern, damit die Familie sofort handelt.“
„Ich bin nicht deine Familie.“
„Nach drei Jahren solltest du dich nicht an solchen Begriffen festhalten.“
Im Wohnzimmer lagen drei Umschläge auf dem Glastisch. Neben ihnen stand eine halbvolle Tasse Kaffee, deren Rand mit Lippenstift verschmiert war. Der Lippenstift war nicht meiner.
„Was sind die drei Dinge?“, fragte ich.
Brendan nahm den ersten Umschlag.
„Du unterschreibst, dass du wegen der Sache an der Universität keine Ansprüche mehr stellst. Die Vorwürfe könnten sonst wieder auftauchen.“
„Welche Ansprüche?“
„Du hast doch nie beweisen können, dass du das Stück selbst geschrieben hast.“
Ich blickte auf seine Hand. Unter seinem Daumen glänzte ein kleiner goldener Fleck, derselbe Schimmer wie auf dem Lippenstiftrand.
„Und das zweite?“
„Du gibst mir die Hälfte des Preisgeldes vom Tanzwettbewerb zurück. Scarlett hätte gewonnen. Du weißt das.“
„Du willst Geld von mir?“
„Ich will, dass du Verantwortung übernimmst.“
Ich lachte. Es klang fremd.
„Das dritte?“
Er stellte sich zwischen mich und den Flur.
„Du verschwindest für einige Wochen. Keine Anrufe, keine Nachrichten. Wenn du dich weigerst, erzähle ich allen, dass du mich aus Eifersucht beschuldigst.“
„Und Scarlett?“
Sein Gesicht veränderte sich.
„Lass ihren Namen aus dem Spiel.“
„Sie war von Anfang an im Spiel.“
In diesem Moment klopfte es. Mason kam herein, ohne auf eine Antwort zu warten. Er trug eine schwarze Ledermappe und roch nach Pfefferminz.
„Wir müssen das heute abschließen“, sagte er.
„Warum?“, fragte ich.
„Weil Brendan morgen nach New York fliegt.“
Brendan warf ihm einen scharfen Blick zu.
Mason erstarrte.
„Was?“, fragte ich.
„Nichts“, sagte Brendan.
„Du wolltest Scarlett nach New York folgen“, sagte ich. „Oder?“
Mason öffnete die Ledermappe. Darin lagen mehrere Ausdrucke, Quittungen und ein Vertrag mit Scarletts Namen.
„Das war nicht für dich bestimmt“, murmelte er.
Ich nahm den obersten Ausdruck. Es war eine Rechnung der Klinik. Darauf stand nicht Brendans Name, sondern meiner. Daneben war eine handschriftliche Notiz: Blutgruppe bestätigen, Spenderin erneut bestellen.
„Erneut“, flüsterte ich.
Mason versuchte, mir das Blatt aus der Hand zu reißen.
„Gib es her.“
„Wie oft habt ihr das gemacht?“
Brendan packte meinen Arm. Genau dort, wo die Nadel gestochen hatte.
„Du machst jetzt keine Szene.“
Ich sah auf seine Finger und dann auf den dunklen Flur hinter ihm. Dort lag ein schwarzer Mantel. Aus der Tasche ragte ein Schlüsselband mit dem Zeichen derselben Klinik.
Hinter der Wohnungstür erklang plötzlich Elenas Stimme.
„Chloe, öffnen Sie nicht den dritten Umschlag. Darin steht, warum Sie wirklich ausgewählt wurden…“
TEIL 3
Ich riss meinen Arm aus Brendans Griff und ging zur Tür. Elena stand im Hausflur, blass, mit einer braunen Papiertüte in der Hand.
„Sie sind mir gefolgt“, sagte Brendan.
„Nein“, antwortete Elena. „Ich bin gekommen, weil ich nicht länger so tun kann, als wäre das harmlos.“
Mason stellte sich vor sie.
„Sie haben hier nichts zu suchen.“
Elena hob die Tüte. Darin lag ein Plastikordner, dessen Ecken vom Regen aufgeweicht waren.
„Ich habe alles aufbewahrt. Die Anweisungen, die Listen, die Belege.“
Brendan wurde plötzlich sehr still.
„Elena“, sagte er, „du arbeitest für die Klinik.“
„Seit acht Jahren. Und in den vergangenen drei Jahren habe ich auf deinen Wunsch Blutabnahmen vorbereitet, die nie medizinisch notwendig waren.“
Mein Magen verkrampfte sich.
„Blutabnahmen?“
Elena nickte. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Brendan ließ dich jedes Mal unter einem anderen Vorwand kommen. Angeblicher Unfall, angebliche Operation, angebliche Spende für einen Verwandten. Dein Blut wurde nicht für ihn verwendet. Es wurde vernichtet oder für Schulungszwecke eingefroren.“
„Warum?“
„Weil er beweisen wollte, dass du alles tust, was er verlangt.“
Mason stieß ein nervöses Lachen aus.
„Das ist lächerlich.“
Elena zog ein Blatt aus dem Ordner.
„Hier ist die Liste. Sechsundneunzig Einträge. Datum, Uhrzeit, Vorwand und seine Bewertung.“
Ich nahm das Blatt. Neben dem Eintrag vom Vortag stand: Spendet trotz Schwäche, neun von zehn.
Darunter war Brendans Unterschrift.
Meine Hände wurden kalt.
„Du hast das unterschrieben“, sagte ich.
Brendan trat auf mich zu.
„Das war ein Spiel, Chloe. Ein dummes Spiel, das zu weit gegangen ist.“
„Du hast gesagt, niemand zwingt mich.“
„Du hättest Nein sagen können.“
„Du hast mich glauben lassen, dass du stirbst!“
„Weil du sonst nie gezeigt hättest, wie wichtig ich dir bin.“
Elena schlug die Hand vor den Mund. Mason senkte den Blick.
Ich blätterte weiter. Dort waren Kopien von Nachrichten, Buchungen und Quittungen. Die Geschichte mit dem Armband. Die angebliche Komapatientin. Die Plagiatsvorwürfe. Sogar der Tag meines Abschlusses war markiert.
„Du hast mich absichtlich vom Abschluss ferngehalten“, sagte ich.
Brendan antwortete nicht.
Mason tat es.
„Scarlett wollte, dass du die Bühne verpasst. Sie sagte, du solltest einmal erleben, was es bedeutet, wenn dir alles genommen wird.“
Brendan fuhr herum.
„Halt den Mund!“
„Warum? Du wolltest doch, dass sie die Wahrheit erfährt.“
„Nicht so.“
Ich sah ihn an.
„Du hast das alles für Scarlett getan?“
Sein Gesicht wurde hart.
„Am Anfang. Danach ging es nur noch darum, ob du endlich aufhörst, dich für etwas Besonderes zu halten.“
Elena stellte den Ordner auf den Tisch.
„Es gibt noch etwas.“
Sie zog eine unterschriebene Erklärung hervor.
„Ich habe die Klinikleitung informiert. Die Aufzeichnungen der Blutabnahmen wurden gesichert. Außerdem hat Scarlett gestern versucht, die Auszahlung des Tanzpreisgeldes anzufechten.“
Ich starrte auf ihren Namen.
„Scarlett weiß, dass ich hier bin?“
„Sie weiß, dass die Unterlagen existieren.“
Brendan rieb sich über die Stirn.
„Sie wollte nur, dass Chloe verschwindet. Sie wusste nichts von der Klinik.“
„Du hast mir drei Jahre lang erzählt, Scarlett sei Vergangenheit“, sagte ich.
„Ich wollte sie zurück.“
Das Geständnis lag zwischen uns wie ein zerbrochenes Glas.
Ich nahm mein Telefon heraus. Ich hatte den Notruf nicht gewählt. Ich hatte nur meine Mutter angerufen.
„Mama, ich brauche dich heute in San Diego.“
„Was ist passiert?“
„Ich erzähle es dir, wenn du hier bist. Bring bitte Vaters altes Aufnahmegerät mit.“
Brendan sah auf das Telefon.
„Du willst mich ruinieren.“
„Nein. Ich will, dass du aufhörst, mich zu benutzen.“
In diesem Augenblick klingelte Brendans Telefon. Er nahm ab und hörte zu. Seine Pupillen weiteten sich.
„Wer war das?“, fragte ich.
Er legte auf.
„Scarlett ist auf dem Weg zur Klinik.“
„Warum?“
Brendan blickte auf Elenas Ordner. Auf den sechsundneunzig Seiten. Auf seiner eigenen Unterschrift.
„Weil sie behauptet, die siebenundneunzigste Aktion habe nie stattgefunden. Und sie bringt jemanden mit, der beweisen kann, wer den ersten Plan geschrieben hat…“
Scarlett legte den letzten Umschlag auf den Tisch…
Ich glaubte, Brendans Spiel endlich verstanden zu haben. Doch die Wahrheit über seinen ersten Plan traf mich noch härter.
„Ich wusste nicht, dass er deine Gesundheit dafür benutzt.“
Da begriff ich, dass auch sie eine Grenze erreicht hatte.
😱 ERFAHREN, WAS SIE VERBORGEN →
👇 Das Finale der Geschichte ist bereits geöffnet.







