TEIL 4
Ich legte nicht auf.
Ich konnte nur nicht mehr sprechen.
Der Mann am Telefon nannte sich Rechtsanwalt Krämer. Seine Stimme war ruhig, beinahe höflich, und gerade deshalb wurde mir übel.
— Welche Aufnahme? fragte ich schließlich.
— Eine, auf der Sie Frau Petrowa bedrohen.
— Ich habe sie nie bedroht.
Nadeschda sah mich an. Ihre Augen waren trocken.
— Du hast gesagt, ich würde es bereuen, wenn ich dich verlasse, sagte sie.
— Das war keine Drohung.
— Du hast gesagt, du würdest dafür sorgen, dass niemand mich mehr ernst nimmt.
— Ich war wütend.
— Du hast gesagt, du würdest mir das Leben nehmen.
Die Eingangshalle schien sich zu drehen.
Pavel legte eine Hand auf Nadeschdas Schulter. Anna schlief inzwischen in ihrem Arm, eine kleine Faust unter dem Kinn.
— Das habe ich nicht so gemeint, sagte ich.
Krämer schwieg kurz am Telefon.
— Herr Sokolow, Sie haben Ihre Frau in den letzten Monaten mehrfach beobachten lassen. Sie haben Kollegen angerufen, gemeinsame Bekannte ausgefragt und Pavel eine Nachricht geschickt, in der Sie ankündigten, ihn für alles bezahlen zu lassen. Wir haben die Nachrichten gesichert.
— Das ist lächerlich.
— Nein. Lästig wäre es nur, wenn Sie damit aufhören würden. Bedrohlich wird es, wenn Sie weitermachen.
Hinter mir blieb Doktor Weber stehen. Auf seiner Kitteltasche war ein kleiner Kugelschreiber mit orangefarbener Kappe eingeklemmt.
— Was wollen Sie? fragte ich.
— Ich will gar nichts. Ihre frühere Frau möchte, dass Sie die Wohnung, ihr Krankenhaus und ihren Arbeitsplatz nicht mehr aufsuchen. Außerdem sollen Sie bestätigen, dass Sie keine weiteren Nachrichten senden.
— Sie will mich anzeigen?
— Sie hat bereits Anzeige erstattet.
Das Wort fiel zwischen uns und blieb dort liegen.
Ich blickte zu Nadeschda. — Du hast mich angezeigt?
— Ja.
— Nach allem, was wir waren?
— Gerade deshalb.
In diesem Augenblick erhielt Pavel eine Nachricht. Er legte sein Telefon auf den Tisch, ohne hinzusehen.
— Hör sie dir an, sagte er.
— Was?
— Die Aufnahme.
Er drückte auf den Bildschirm.
Zuerst war nur das Rattern einer Waschmaschine zu hören. Dann meine Stimme. Sie klang tief und gelangweilt, so wie immer, wenn ich glaubte, im Recht zu sein.
„Du wirst noch an diesen Morgen denken, Nadeschda. Wenn du mich verlässt, wird niemand dich auffangen.“
Ein Stuhl scharrte über den Boden.
„Und wenn du mit Pavel anfängst, sorge ich dafür, dass jeder erfährt, was für eine undankbare Frau du bist.“
Dann kam Nadeschdas Stimme.
„Geh einfach.“
Meine Stimme lachte.
„Du wirst zurückkommen. Alle kommen zurück.“
Die Aufnahme endete.
Ich hörte meine eigenen Worte, aber sie kamen mir vor, als hätte sie ein Fremder ausgesprochen. Ein Mann, den ich nicht kannte und doch sofort erkannte.
— Woher habt ihr das? fragte ich.
— Aus der Wohnung, sagte Nadeschda. Ich habe die Kamera gefunden, nachdem du ausgezogen warst. Sie war hinter dem Bücherregal versteckt.
Ich erinnerte mich an den kleinen schwarzen Punkt über dem Regal. Ich hatte ihn damals für einen Fehler in der Holzmaserung gehalten.
Krämer sprach noch immer am Telefon: — Ihr Mandant hat außerdem versucht, die Wohnung zurückzufordern. Das ist rechtlich ausgeschlossen. Sie gehörte Frau Petrowa bereits vor der Ehe.
— Ich wollte nur reden.
— Dann hätten Sie reden sollen, bevor Sie gegangen sind.
Er legte auf.
Mein Telefon vibrierte sofort wieder. Meine Freundin Larissa war am Apparat. Die Frau, wegen der ich Nadeschda verlassen hatte.
— Oleg, sagte sie, wo bist du?
— In der Klinik.
— Deine Sachen stehen vor meiner Tür.
— Was?
— Ich habe genug. Du hast mir erzählt, du seist frei und würdest nur noch eine letzte Sache mit deiner Vergangenheit klären. Aber gerade hat mich ein Anwalt angerufen. Ich will nicht in deine Probleme hineingezogen werden.
— Larissa, warte.
— Nein. Du hast immer gesagt, andere würden zu dir zurückkommen. Ich komme nicht zurück.
Sie legte auf.
Ich sah auf die Babyschale. Darin lag ein kleines gelbes Stoffhäschen mit grünem Band. Nadeschda hatte es neben Anna gelegt.
— Das war für dich bestimmt, sagte sie.
Ich hob den Kopf.
— Für mich?
— Nicht als Vater. Als Erinnerung daran, dass du einmal versprochen hast, ein guter Mensch zu sein.
Diese Worte waren schlimmer als jede Beleidigung.
Zwei Tage später saß ich in einem kleinen Vernehmungsraum der Polizeiwache. Die Neonröhre über mir summte. Auf dem Tisch lag ein Formular, daneben ein Glas Wasser, das niemand angerührt hatte.
Die Beamtin schob mir die Ausdrucke meiner Nachrichten hin.
— Haben Sie das geschrieben?
Ich las die erste Zeile.
„Du wirst froh sein, wenn du wieder zu mir zurückdarfst.“
— Ja, sagte ich.
— Warum?
Ich wollte sagen, dass ich verletzt gewesen sei. Dass ich nur Angst gehabt hätte. Dass Nadeschda mich provoziert habe.
Aber ich hatte keine Kraft mehr zu lügen.
— Weil ich dachte, sie müsste leiden, damit ich mich nicht wertlos fühle.
Die Beamtin sah mich lange an.
— Das ist immerhin ehrlich.
Ich bekam eine einstweilige Verfügung. Ich durfte Nadeschda, Pavel und die Klinik nicht mehr aufsuchen. Die Polizei nahm die Sache ernst, aber es kam nicht zu einer Haft. Nadeschda wollte keine Rache. Sie wollte Abstand, Sicherheit und ein Ende.
Ich unterschrieb jedes Blatt.
Als ich die Wache verließ, regnete es. Auf dem Parkplatz stand mein Wagen unter einer Laterne, und auf der Windschutzscheibe lag ein einzelnes Blatt aus dem Drucker. Der Wind hatte es unter den Scheibenwischer geklemmt.
Es war ein Foto.
Nadeschda hatte es offenbar aus meiner Wohnung nehmen lassen. Darauf standen wir an unserem Hochzeitstag vor dem Standesamt. Ich lächelte breit. Sie sah mich an, nicht die Kamera.
Auf der Rückseite stand in ihrer Handschrift: „Ich habe dich geliebt. Aber ich werde mich nicht noch einmal verlieren.“
Ich steckte das Foto in meine Tasche.
Dann fuhr ich nach Hause zu einer Wohnung, die plötzlich zu groß war.
Die folgenden Wochen wurden still.
Larissa meldete sich nicht mehr. Meine Mutter sagte am Telefon, sie habe damals von meinem Befund gewusst, aber sie habe geglaubt, ich würde irgendwann selbst die Wahrheit sagen.
— Warum hast du nichts getan? fragte ich.
— Weil ich dachte, du seist erwachsen.
Ich hatte keine Antwort darauf.
Im Januar räumte ich meine Schränke aus. In einer Kiste fand ich den roten Wollschal von Nadeschda. Ich hatte ihn am Tag in der Klinik eingesteckt, ohne es zu merken. An einer Stelle war der Stoff ausgefranst.
Ich hätte ihn zurückbringen können.
Aber die Verfügung verbot jeden Kontakt.
Also legte ich den Schal in eine Schublade und schloss sie.
Drei Monate später sah ich Nadeschda wieder. Nicht persönlich. Auf dem Foto einer gemeinsamen Bekannten. Sie saß in einem kleinen Park auf einer Bank, Anna auf dem Schoß. Pavel kniete vor ihnen und band dem Kind einen winzigen roten Schuh zu.
Nadeschda lächelte nicht für die Kamera. Sie lächelte für ihre Tochter.
Zum ersten Mal tat es nicht weh.
Im Frühjahr zog ich in eine kleinere Wohnung am Stadtrand. Ich begann, in einer Werkstatt Möbel zu reparieren. Anfangs hielt ich es für eine Strafe, den ganzen Tag Holz zu schleifen und Schubladen auszurichten. Später merkte ich, dass mir die Arbeit gefiel. Dinge waren dort einfach. Wenn ein Tisch wackelte, fand man die lose Stelle. Man musste niemandem einreden, dass der Tisch schuld war.
Jeden Mittwoch ging ich zu einer Beratungsgruppe. Dort saßen Männer, die ihre Ehe verloren hatten, ihre Kinder nicht mehr sehen durften oder erst spät verstanden, was sie angerichtet hatten.
Eines Abends fragte mich ein Mann, ob ich Nadeschda hasse.
— Nein, sagte ich.
— Warum nicht?
— Weil sie aufgehört hat, mich zu retten.
Im Juni erhielt ich einen Brief von ihr. Er war kurz.
„Anna hat ihren ersten Zahn bekommen. Pavel sagt, sie zieht deine Augenbrauen zusammen, wenn sie wütend ist. Ich weiß nicht, ob du das hören möchtest. Ich schreibe es trotzdem, weil ich glaube, dass du lernen musst, Erinnerungen auszuhalten, ohne sie in Ansprüche zu verwandeln.“
Darunter stand: „Bitte antworte nicht.“
Ich antwortete nicht.
Ein halbes Jahr nach Annas Geburt kam die letzte Nachricht. Nicht von Nadeschda, sondern von Pavel.
„Oleg, du kannst sie einmal sehen, wenn du möchtest. Unter Bedingungen, die wir festlegen. Nur wenn du wirklich verstanden hast, dass Anna kein Ersatz für deine verlorene Ehe ist.“
Ich saß lange am Küchentisch.
Dann schrieb ich: „Noch nicht. Vielleicht später. Im Moment muss ich lernen, ein Mensch zu sein, der niemanden besitzen muss, um sich wertvoll zu fühlen.“
Pavel antwortete erst am nächsten Morgen.
„Das ist die erste Nachricht von dir, die keine Forderung enthält.“
Im Dezember fiel der erste Schnee. Ich stand am Fenster meiner kleinen Wohnung und öffnete die Schublade.
Der rote Wollschal lag darin, sorgfältig gefaltet. Ich nahm ihn heraus, ging zum Briefkasten und schickte ihn an Nadeschda zurück.
Dazu legte ich nur einen Zettel.
„Du hattest recht. Es ist jetzt mein Problem.“
Am Abend rief ich meine Mutter an. Wir sprachen eine Stunde lang. Zum ersten Mal erzählte ich ihr nicht, was Nadeschda, Pavel oder Larissa getan hatten. Ich erzählte ihr, was ich getan hatte.
Als wir auflegten, hörte der Schnee auf.
Auf der Fensterbank lag noch ein winziger Faden vom Schal. Ich nahm ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, betrachtete ihn kurz und legte ihn dann nicht zurück in die Schublade.
Ich ließ ihn dort liegen.
Zum ersten Mal musste nichts mehr festgehalten werden.
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