TEIL 4
„Wer sind Sie?“, fragte ich.
Am anderen Ende raschelte Papier.
„Mein Name ist Vera Malzew. Ich habe vor zwei Jahren für Ihren Bruder gearbeitet.“
Slawa sah mich an. Sein Gesicht war plötzlich nicht mehr wütend, sondern aufmerksam. Zu aufmerksam.
„Wo sind Sie?“, fragte ich.
„Im Café neben dem Bahnhof. Bitte kommen Sie allein.“
„Warum?“
„Weil ich Angst habe, dass er mich findet.“
Ich legte auf.
Im Besprechungszimmer sagte niemand etwas. Meine Mutter weinte lautlos, Ljusja starrte auf ihren Ehering, und Igor hob sein Telefon vom Boden auf, ohne auf den zerbrochenen Rand zu achten.
Slawa kam auf mich zu.
„Du gehst nirgendwohin.“
„Du hast mir gerade erklärt, dass ich ein Viertel der Wohnung besitze. Ich glaube, ich entscheide selbst, wohin ich gehe.“
„Sie lügt.“
„Dann hast du nichts zu befürchten.“
Sein Kiefer spannte sich an.
„Marina, mach daraus keinen Krieg.“
„Du hast daraus einen gemacht, als du meinen Namen benutzt hast.“
Eine Stunde später saß ich Vera Malzew gegenüber. Das Café war fast leer. An der Scheibe klebte ein handgeschriebenes Schild für Kirschkuchen, und unter dem Tisch vibrierte die Kaffeemaschine.
Vera war kleiner, als ich erwartet hatte. Sie trug einen gelben Regenmantel und hielt ihre Tasche mit beiden Händen fest.
„Ich war damals als Betreuungskraft bei Ihrer Mutter“, sagte sie. „Nur für drei Tage.“
„Warum wusste ich nichts davon?“
„Ihr Bruder sagte, Sie hätten die Wohnung verlassen und würden nicht mehr zurückkommen.“
Mir wurde kalt.
„Ich war im Salon.“
„Das weiß ich jetzt.“
Vera zog einen gefalteten Zettel aus der Tasche.
„Am Tag der Unterschrift sollte ich Ihrer Mutter erklären, was sie unterschreibt. Aber Slawa sagte, es gehe um eine Vorsorgevollmacht. Ihre Mutter war nach dem Schlaganfall erschöpft. Sie fragte dreimal, ob Sie auch etwas davon erfahren würden.“
„Und was sagten Sie?“
Vera sah in ihre Tasse.
„Dass Sie sicher Bescheid wüssten.“
„Warum haben Sie unterschrieben?“
„Weil ich von ihm Geld bekam. Nicht viel. Aber mein Sohn brauchte damals eine Operation.“
Sie zog einen weiteren Zettel hervor. Darauf stand eine handschriftliche Notiz mit Datum und Betrag.
„Er hat mir gesagt, ich solle später behaupten, Ihre Mutter habe die ganze Wohnung freiwillig verschenkt. Ich habe gelogen.“
Ich starrte auf ihre Finger. Die Nägel waren kurz, unter dem rechten Daumen klebte noch ein Streifen gelber Farbe.
„Warum kommen Sie jetzt?“
„Weil Ihr Bruder letzte Woche wieder bei mir war. Er wollte, dass ich eine Erklärung unterschreibe, nach der Sie Ihre Mutter vernachlässigen. Er sagte, dann würden Sie aus der Wohnung verschwinden, und er könnte sie verkaufen.“
Ich hörte den Satz, aber mein Verstand nahm ihn erst nach einigen Sekunden an.
„Verkaufen?“
Vera nickte.
„Der Käufer war schon da. Ein Mann mit schwarzer Mappe. Er hat die Zimmer ausgemessen.“
Im Café roch es nach verbranntem Kaffee. Ich musste an den neuen Messingschlüssel denken.
„Hat meine Mutter davon gewusst?“
„Sie wusste, dass jemand kommen sollte. Aber Slawa sagte ihr, es gehe um Reparaturen.“
Als ich nach Hause kam, stand Slawa im Flur. Neben ihm lagen zwei Kartons. Einer war bereits mit Klebeband verschlossen.
„Wo warst du?“
„Bei Vera.“
Sein Gesicht veränderte sich.
„Du hast sie gefunden?“
„Sie hat mich gefunden.“
„Diese Frau ist krank im Kopf.“
„Sie hat aufgeschrieben, wie viel du ihr bezahlt hast.“
Slawa packte meinen Arm. Seine Finger gruben sich in meine Haut.
„Du ruinierst alles.“
Ich riss mich los.
„Was genau?“
Er sah zur Wohnzimmertür. Dahinter saß meine Mutter. Sie hatte alles gehört.
„Den Verkauf“, sagte er.
Das Wort fiel in den Flur wie ein Glas, das auf Stein zerbricht.
Meine Mutter schob sich mit beiden Händen aus dem Sessel hoch. Ihr linkes Bein zitterte, aber sie stand.
„Du wolltest verkaufen?“, fragte sie.
„Nur, damit wir die Pflege bezahlen können.“
„Welche Pflege?“, fragte ich. „Du wolltest, dass ich verschwinde.“
„Ich hätte euch beide versorgt.“
„Mit welchem Geld?“
Slawa antwortete nicht. Ljusja kam hinter ihm aus dem Treppenhaus, bleich und ohne Mantel.
„Slawa“, sagte sie, „sag ihr, dass es nicht stimmt.“
„Halt dich da raus.“
„Du hast gesagt, wir ziehen in die Wohnung am See.“
Jetzt war es Slawa, der niemanden mehr ansehen konnte. Igor stand hinter Ljusja und hielt sein Telefon so fest, dass seine Knöchel weiß wurden.
„Du wolltest die ganze Wohnung verkaufen“, sagte er.
„Ich habe euch geholfen!“, schrie Slawa. „Jahrelang habe ich alles geregelt!“
„Du hast geregelt, dass Marina leer ausgeht“, sagte ich.
Meine Mutter sank zurück in den Sessel.
„Ich habe ihm gesagt, er soll es tun“, flüsterte sie.
Alle sahen sie an.
„Was?“, fragte ich.
Sie legte die rechte Hand auf die Decke.
„Nach deinem Vater. Du warst immer diejenige, die blieb. Slawa sagte, ein Mann brauche Sicherheit. Ich dachte, du würdest dich schon irgendwie durchschlagen.“
Die Worte waren schlimmer als ein Schrei. Nicht weil sie neu waren. Weil sie endlich ausgesprochen wurden.
„Du hast mich nicht für stark gehalten“, sagte ich. „Du hast gedacht, ich brauche nichts, weil ich immer weitergemacht habe.“
Meine Mutter begann zu schluchzen.
„Ich habe mich geirrt.“
Slawa nahm seinen Mantel.
„Ich lasse mich nicht von einer alten Frau und einer undankbaren Schwester erpressen.“
„Niemand erpresst dich“, sagte ich. „Morgen wird der Eigentumsanteil berichtigt. Der Verkauf ist beendet. Und bis dahin bleibt die Wohnung unverändert.“
„Du hast das Geld für die Eintragung nicht.“
„Ich habe die Quittungen aus dem Archiv. Und Vera hat ausgesagt. Außerdem habe ich heute meine vermietete Wohnung gekündigt.“
Slawa lächelte bitter.
„Du willst wieder dort wohnen?“
„Nein. Ich werde sie verkaufen.“
Er blinzelte.
„Was?“
„Meine Wohnung im Norden. Nicht diese. Ich behalte meinen Anteil hier, aber ich werde nicht mehr auf dem Sofa schlafen. Ich miete für Mama eine barrierefreie Wohnung im Erdgeschoss. Die Kosten teilen wir drei Geschwister.“
„Ich zahle keinen Cent.“
„Dann bekommst du auch keinen Zugang zu den Unterlagen und keine Zustimmung zum Verkauf.“
Das war der Moment, in dem Slawa verstand, was er verloren hatte. Nicht nur die Wohnung. Die Kontrolle über alle Entscheidungen.
Am nächsten Morgen trafen wir uns wieder bei Notarin Keller. Vera kam ebenfalls. Sie wiederholte ihre Aussage, diesmal mit ruhiger Stimme. Slawa versuchte, sie zu unterbrechen.
„Sie hat Geld genommen!“, rief er.
„Ja“, sagte Vera. „Von Ihnen. Und ich gebe es zurück, sobald ich kann.“
Keller sah ihn über die Brille hinweg an.
„Das entlastet Sie nicht.“
Slawa unterschrieb die Erklärung über die Berichtigung nicht freiwillig. Aber er unterschrieb sie, nachdem Keller ihm erklärt hatte, dass der Käufer vom geplanten Geschäft zurücktreten würde, sobald die Eigentumsverhältnisse bekannt waren. Der Mann mit der schwarzen Mappe kam nicht wieder.
Meine Mutter zog in eine kleine Wohnung mit breiten Türen und einem niedrigen Balkon. Sie wollte zunächst nicht gehen.
„Das ist, als würdet ihr mich wegschicken“, sagte sie.
„Nein“, antwortete ich. „Wir schicken dich dorthin, wo du nicht jeden Tag vier Stockwerke fürchten musst.“
„Und du?“
„Ich wohne nicht mehr bei dir.“
Sie sah auf den Tablettenbecher in ihrer Hand. Der Deckel war durchsichtig, die Fächer trugen die Wochentage. Ich hatte ihn am selben Abend neu sortiert.
„Mittwoch ist voll“, sagte sie.
„Donnerstag auch.“
„Wirst du noch kommen?“
Ich betrachtete ihre dünnen Finger. Dann nahm ich den Stift, der neben dem Medikamentenplan lag, und schrieb unter die Namen aller drei Geschwister die monatlichen Beträge. Slawa hatte seinen Anteil nicht gestrichen. Er würde zahlen, ob er wollte oder nicht.
Meine Mutter las die Zeilen lange.
„Du hast deinen Namen an die erste Stelle geschrieben.“
„Diesmal stand er dort.“
Sie legte die Hand auf meine.
„Marina?“
„Ja?“
„Wenn du wieder arbeitest, darf ich die erste Kundin sein?“
Ich musste lachen, obwohl mir die Augen brannten.
„Du kannst nicht still sitzen, während ich dir die Haare schneide.“
„Dann bindest du mich fest.“
„Das hast du früher mit mir versucht.“
Meine Mutter lächelte. Es war ein kleines, erschöpftes Lächeln, aber es blieb.
Drei Tage später öffnete ich den Friseursalon wieder. Tanja hatte die alten Kundinnen angerufen, und am ersten Vormittag warteten zwei Frauen vor meinem Stuhl. Auf dem Tisch lag die beglaubigte Kopie aus dem Archiv, nicht als Trophäe, sondern weil ich sie noch bei der Bank abgeben musste.
Gegen Mittag kam Slawa herein. Er trug dasselbe Poloshirt wie beim Familienrat, aber die Schultern wirkten schmaler.
„Die erste Zahlung ist überwiesen“, sagte er.
„Gut.“
„Ljusja ist ausgezogen.“
Ich legte den Kamm neben die Schere.
„Das tut mir leid.“
„Sie sagt, sie habe einen Mann geheiratet, der ihr ein Haus versprochen hat, und keinen, der unsere Mutter verkaufen wollte.“
Er sah auf das Schriftstück.
„Wirst du mich anzeigen?“
Ich dachte an seine Hand an meinem Arm. An den neuen Schlüssel. An all die Nächte, in denen ich geglaubt hatte, ich sei undankbar, weil ich müde war.
„Ich will, dass du die Zahlungen einhältst und nie wieder ein Papier über meinen Namen bringst. Mehr verlange ich heute nicht.“
„Und wenn ich mich entschuldige?“
„Dann entschuldige dich bei Mama. Nicht bei mir, damit du dich besser fühlst.“
Am Abend brachte ich meiner Mutter die Unterlagen für die neue Wohnung. Sie nahm den Medikamentenbecher, öffnete den Deckel und setzte die Donnerstagstablette selbst in das richtige Fach.
Dann zeigte sie auf die Unterschriften unter dem Pflegeplan.
„Hier“, sagte sie. „Dein Name steht neben meinem.“
Ich setzte mich ihr gegenüber.
„Ja.“
Sie strich mit dem Finger über die Zeile, als müsste sie sich an die Form jedes Buchstabens erinnern.
„Dann unterschreibe ich diesmal auch dort, wo du es sehen kannst.“
Und sie schrieb langsam, mit zitternder Hand, unter meinen Namen: „Ich habe meine Tochter gehört.“
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