Als ich Anna in unserer Hochzeitsnacht das Kleid von den Schultern zog, sah ich etwas, das mir den Atem nahm, und sie griff sofort nach meiner Hand.
Es war kurz nach Mitternacht in unserem kleinen Haus am Stadtrand von Bremen. Die letzten Gläser standen noch auf dem Tisch, eine halb geschmolzene Kerze tropfte auf die weiße Tischdecke, und draußen schlug Regen gegen die Fensterscheiben.
Anna saß auf der Bettkante. Ihr Hochzeitskleid raschelte bei jeder Bewegung. Unter dem warmen Licht der Nachttischlampe wirkte ihr Gesicht jünger, fast wieder so wie damals mit siebzehn, als sie hinter dem alten Apfelbaum auf mich gewartet hatte.
— Du musst nicht nervös sein, sagte ich.
— Ich bin nicht wegen dir nervös, Martin.
Ihre Stimme war kaum hörbar.
— Wegen wem dann?
Sie antwortete nicht. Stattdessen legte sie ihre Finger auf meine. Ihre Nägel waren kurz geschnitten, doch an ihrem rechten Daumen klebte noch ein winziger Rest roter Lack. Eine lächerliche Kleinigkeit. Ich merkte sie mir trotzdem.
Ich hatte dreiunddreißig Jahre mit meiner ersten Frau gelebt. Sie war freundlich, klug und geduldig gewesen, und nach ihrem Tod war unser Haus so still geworden, dass ich manchmal den Kühlschrank öffnete, nur um ein Geräusch zu hören. Unsere Kinder hatten Familien, Arbeit und eigene Sorgen. Ich war sechsundsechzig und hatte mich längst daran gewöhnt, dass niemand mehr fragte, ob ich gut nach Hause gekommen war.
Dann hatte ich Anna im Netz wiedergefunden.
Zuerst schrieben wir über harmlose Dinge. Über das Wetter. Über unsere alten Lehrer. Über den Bäcker an der Ecke, der schon damals die besten Mohnbrötchen verkauft hatte. Später telefonierten wir bis zwei Uhr morgens, während die Tassen neben unseren Betten kalt wurden.
Vor sechs Wochen hatte ich sie im Stadtpark gefragt, ob sie mich heiraten würde.
Sie hatte geweint.
— Ich habe vierzig Jahre auf diese Frage gewartet, hatte sie gesagt.
Nun kniete ich vor ihr und löste vorsichtig die kleinen Perlmuttknöpfe an ihrem Rücken. Unter dem Stoff kam zuerst ein schmaler schwarzer Verband zum Vorschein. Dann noch einer. Und darunter zeichnete sich eine breite, unregelmäßige Narbe über ihre linke Brust und bis zu den Rippen ab.
Ich erstarrte.
Anna zog hastig das Kleid wieder hoch.
— Schau nicht hin.
— Anna, wer hat dir das angetan?
— Niemand, der noch wichtig ist.
— Das entscheide ich selbst.
Sie stand auf, aber ihre Knie gaben nach. Ich fing sie auf. Unter dem Verband roch ihre Haut nach Desinfektionsmittel und Lavendel. An ihrer Seite war ein dünner Schlauch befestigt, der zu einem kleinen Beutel unter der Unterwäsche führte.
Mein Herz zog sich zusammen.
— Du bist krank, flüsterte ich.
— Ja.
Nur dieses eine Wort.
Auf dem Stuhl neben dem Bett lag ihre Handtasche. Sie fiel zu Boden, als Anna sich an mir festhielt. Ein Gegenstand rutschte heraus: ein flacher Umschlag, sorgfältig mit braunem Faden an einem Stück Stoff befestigt. Auf dem Stoff erkannte ich ein kleines, verblichenes Muster aus drei gelben Sternen.
Anna wurde kreidebleich.
— Fass das nicht an.
— Was ist darin?
— Etwas, das du nie sehen solltest.
In diesem Moment klopfte es unten an der Haustür.
Dreimal.
Langsam. Schwer. Als wüsste derjenige genau, dass wir noch wach waren.
Anna drückte mir den Umschlag gegen die Brust.
— Wenn er hier ist, darfst du ihm nicht sagen, dass ich dir die Wahrheit erzählt habe.
— Wer ist er?
Sie sah zur Tür, dann auf den Faden, der um den Umschlag gewickelt war. Mit zitternden Fingern begann sie, den Knoten zu lösen…
TEIL 2
Der Knoten gab nach, doch bevor Anna den Umschlag öffnen konnte, schlug unten die Haustür gegen die Wand.
Das Geräusch fuhr durch mich wie ein Schuss.
Wir waren im ersten Stock. Neben dem Bett tickte eine kleine Messinguhr, deren Zeiger auf zwölf Uhr siebzehn standen. Anna hielt den Umschlag so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden.
— Geh ins Bad, sagte ich.
— Martin, du verstehst nicht.
— Ich verstehe, dass jemand in mein Haus gekommen ist.
— Es ist auch mein Haus.
— Dann verstehe ich es erst recht.
Auf der Treppe knarrte eine Stufe. Eine Männerstimme rief nach ihr.
— Mutter?
Anna schloss die Augen.
— Daniel, sagte sie.
Ihr Sohn war vierundvierzig, trug bei der Trauung einen dunkelblauen Anzug und hatte mir beim Händedruck so fest die Finger gequetscht, als müsste er eine Grenze markieren.
Ich schob Anna hinter mich und nahm die schwere Messinguhr vom Nachttisch. Sie war kein gutes Werkzeug, aber das Einzige, was ich in Reichweite hatte.
Daniel erschien im Türrahmen. Sein Haar war vom Regen nass, und an seiner rechten Schuhsohle klebte ein Streifen roter Erde aus unserem Garten.
— Was machst du hier? fragte ich.
— Ich hole meine Mutter.
— Um diese Uhrzeit?
— Sie gehört nicht hierher.
Anna trat an mir vorbei.
— Ich bin genau dort, wo ich sein will.
Daniel sah auf ihren Verband. Sein Gesicht veränderte sich kaum, aber sein Blick wanderte sofort zu dem Umschlag.
— Du hast es ihm gezeigt?
— Ich habe ihm nichts gezeigt.
— Noch nicht, sagte er.
In meinem Nacken begann es zu brennen.
— Sprich anständig mit deiner Mutter.
Daniel lächelte, doch seine Augen blieben kalt.
— Sie hat immer sehr geschickt dafür gesorgt, dass andere Männer sie retten wollen.
Anna schlug ihm ins Gesicht.
Der Schlag war nicht laut. Trotzdem schien das ganze Zimmer danach zu vibrieren. Daniel legte zwei Finger auf seine Wange und starrte sie an.
— Du bereust das, sagte er.
— Ich bereue nur, dass ich dich so lange für meinen Sohn gehalten habe.
Er machte einen Schritt nach vorn. Ich stellte mich ihm entgegen.
— Noch einen Schritt, und du gehst wieder.
— Sie wissen nicht, wen Sie geheiratet haben.
— Dann erklär es mir.
— Fragen Sie sie, warum sie seit Monaten Geld von meinem Konto nimmt. Fragen Sie sie, warum sie ihre Krankheit verschwiegen hat. Fragen Sie sie, was unter diesem Verband wirklich steckt.
Anna schüttelte den Kopf.
— Er lügt.
— Dann öffnen wir den Umschlag, sagte ich.
Daniel wurde plötzlich unruhig. Nicht wütend. Unruhig. Sein Blick sprang zur Tasche auf dem Boden.
— Das dürfen Sie nicht.
— Warum?
— Weil es private Unterlagen sind.
— Dann gehen Sie, und wir sprechen morgen darüber.
Er griff nach Annas Arm. Sie keuchte, und der Schlauch an ihrer Seite spannte sich. Ich packte Daniels Handgelenk und stieß sie weg.
— Raus!
Eine Weile hörte man nur den Regen. Dann beugte sich Daniel zu Anna und flüsterte:
— Wenn du ihm die Wahrheit sagst, stirbt nicht nur deine Erinnerung an früher.
Er ging die Treppe hinunter, ohne die Haustür zu schließen. Kalte Luft strömte ins Haus.
Anna sank auf den Stuhl. Ich kniete vor ihr, legte die Messinguhr zurück und nahm den Umschlag.
— Hast du mich geheiratet, weil du Hilfe brauchst?
Sie presste die Lippen zusammen.
— Ich habe dich geheiratet, weil ich dich liebe.
— Und warum hast du Angst vor deinem eigenen Sohn?
Sie zog den Stoff mit den drei gelben Sternen auseinander. Darunter kam eine vergilbte Karte zum Vorschein. Auf der Rückseite stand eine Handschrift, die ich sofort erkannte.
Die Handschrift meiner verstorbenen Frau.
Anna sah mich an.
— Deine Frau hat mich drei Tage vor ihrem Tod angerufen.
Meine Hand begann zu zittern.
— Was wollte sie von dir?
Anna schob mir die Karte hin. Doch bevor ich lesen konnte, vibrierte ihr Telefon auf dem Bett.
Eine unbekannte Nummer.
Sie nahm ab.
Am anderen Ende sagte eine Frau nur einen Satz. Danach ließ Anna das Telefon fallen, und ihr Gesicht wurde schlagartig leer.
— Wer war das? fragte ich.
Anna blickte auf die Karte meiner verstorbenen Frau.
— Die Frau, die weiß, woher deine Frau die Narbe kannte…
TEIL 3
— Die Frau, die weiß, woher deine Frau die Narbe kannte…
Annas Satz hing im Schlafzimmer, während draußen ein Auto über das nasse Pflaster fuhr. Seine Scheinwerfer glitten über die Wand und verschwanden wieder. Ich sah auf die Karte in meiner Hand.
Auf der Vorderseite stand nur mein Name.
Martin.
Die Buchstaben waren schief, weil meine Frau offenbar im Liegen geschrieben hatte. Ich drehte die Karte um.
„Lies dies nur, wenn du Anna endlich gefunden hast.“
Darunter folgte ein Datum, drei Tage vor ihrem Tod.
Anna setzte sich schwer auf die Bettkante. Der Schlauch an ihrer Seite raschelte bei jeder Bewegung.
— Sie wusste von dir? fragte ich.
— Sie wusste alles.
— Seit wann?
— Seit zwei Jahren.
Ich las weiter. Deine Frau schrieb, sie habe Anna in einer Krebsberatungsstelle getroffen. Anna sei damals nach einer Operation zusammengebrochen, weil ihr Sohn Daniel ihre Vollmacht missbraucht und Geld von ihrem Konto genommen habe. Doch das war nicht das Schlimmste.
Das Schlimmste stand in einem einzigen Satz.
„Daniel hat nicht nur Annas Geld genommen. Er hat versucht, ihre Erinnerungen an dich zu zerstören.“
Ich hob den Kopf.
— Was bedeutet das?
Anna weinte lautlos.
— Nach dem Tod meines Mannes bekam ich Briefe. Angeblich von dir. Darin stand, du wolltest nichts mehr von mir wissen. Dass du glücklich verheiratet seist und ich dich in Ruhe lassen solle.
— Ich habe dir nie geschrieben.
— Das weiß ich jetzt.
— Wer hat diese Briefe verfasst?
Eine Stimme kam aus dem Flur.
— Ich.
Daniel stand dort. In seiner Hand hielt er einen Schlüsselbund. Hinter ihm wartete eine kleine, gebeugt stehende Frau mit gelbem Regenmantel.
Anna wurde starr.
— Frau Keller, sagte sie.
Die Frau trat ins Zimmer. Ihr Gesicht war schmal, ihre Hände zitterten, doch ihre Stimme blieb fest.
— Ich habe die Briefe auf Daniels Auftrag geschrieben. Ich arbeitete damals in seinem Notariat. Er sagte, Anna sei verwirrt und müsse vor einer alten emotionalen Belastung geschützt werden.
— Warum kommen Sie erst jetzt? fragte ich.
Frau Keller zog einen Hefter aus ihrer Tasche. Der Rand war mit rotem Klebeband repariert.
— Weil ich Angst hatte. Und weil Ihre Frau mich gefunden hat.
Ich blätterte die Seiten durch. Da waren Kopien von Überweisungen, Vollmachten und Daniels Unterschrift. Anna hatte ihr eigenes Haus als Sicherheit für einen Kredit eingesetzt. Daniel hatte das Geld auf eine Firma übertragen, die drei Wochen später geschlossen worden war.
— Du wolltest ihr Haus, sagte ich.
— Ich wollte verhindern, dass sie es an irgendeinen Fremden verschenkt.
— An mich, meinst du?
Daniel lachte bitter.
— Sie war krank. Sie hätte alles unterschrieben.
Anna stand auf. Ihr Verband rutschte ein wenig, und die große Narbe wurde sichtbar. Sie zog das Kleid nicht mehr darüber.
— Ich habe nichts unterschrieben, was ich verstanden habe.
Frau Keller legte eine weitere Seite auf das Bett.
— Ihre Mutter hat vor ihrem Tod eine neue Vollmacht erstellt. Nicht zugunsten Ihres Sohnes. Zugunsten von Martin.
Daniel riss ihr den Hefter aus der Hand.
— Das ist unmöglich.
— Nein, sagte ich. Unmöglich ist nur, dass du geglaubt hast, sie würde für immer schweigen.
Auf der letzten Seite stand die notarielle Erklärung meiner Frau. Sie hatte Anna das Geld zurückgezahlt, heimlich, aus ihren eigenen Ersparnissen. Sie hatte außerdem dafür gesorgt, dass Anna mich finden konnte, sobald Daniel keinen Zugriff mehr auf ihre Post hatte.
Anna griff nach meiner Hand.
— Ich habe dich nicht benutzt. Ich wollte nur einmal in meinem Leben selbst entscheiden.
Daniel starrte auf die Unterschrift meiner Frau. Dann bekam er einen Anruf. Er nahm ab, hörte zu und wurde blass.
— Was ist passiert? fragte Anna.
Daniel sah mich an.
— Die Bank hat das Haus gesperrt.
Frau Keller schüttelte den Kopf.
— Nicht die Bank. Ihre Mutter hat die Sperre selbst ausgelöst. Und morgen früh kommt jemand, der nicht wegen des Hauses hierherkommt…
Dann nannte die Frau vor der Tür plötzlich Annas Namen…
Ich glaubte, die schlimmste Wahrheit bereits zu kennen. Doch was danach ans Licht kam, stellte sogar unsere gemeinsame Vergangenheit infrage.
„Erzähl mir von damals.“
Anna begann zu weinen.
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