TEIL 4
Der Schlüssel rollte über das Holz und blieb an Santinos Hand liegen.
Es war kurz nach zwölf. Draußen warteten zweihundert Menschen auf dem Rasen, doch im Arbeitszimmer hörte ich nur das leise Klicken der Standuhr.
Marco sah den Schlüssel an, als hätte er eine Waffe erkannt.
— Nein, — sagte er.
Nicht zu mir.
Zu Santino.
Santino nahm den Schlüssel zwischen Daumen und Zeigefinger.
— Du kennst das Bootshaus?
Marco antwortete nicht.
Rosa trat näher.
— Hinter dem alten Gewächshaus. Der hintere Raum ist seit Daniels Tod abgeschlossen.
Ich griff nach dem Umschlag. Das Papier war an den Rändern weich und roch nach Feuchtigkeit, als hätte es jahrelang unter Brettern gelegen.
Die Handschrift meines Vaters sprang mir entgegen.
Emily, wenn du das liest, hat Santino beschlossen, dir die Wahrheit zu zeigen. Geh nicht allein zum Bootshaus. Derjenige, der mich verraten hat, wird versuchen, dich davon abzuhalten.
Darunter stand keine Erklärung. Nur eine Zeichnung: drei waagerechte Linien, ein Kreis und ein Pfeil zum Boden.
— Wir gehen jetzt hin, — sagte ich.
— Du bleibst hier, — widersprach Santino.
— Sechs Jahre lang haben alle anderen entschieden, was ich wissen darf. Das endet heute.
Marco lachte heiser.
— Du glaubst wirklich, Daniel hätte dir etwas hinterlassen? Dein Vater hat sich selbst in Gefahr gebracht. Er war schwach.
Ich sah ihn an.
— Er hat mich zu Ihnen geschickt.
Sein Gesicht veränderte sich.
Das war der Augenblick, in dem ich begriff, dass er mehr wusste, als er behauptete.
Santino fuhr zur Tür.
— Rosa, ruf die Männer aus dem Westflügel. Niemand verlässt das Grundstück.
— Keine Gewalt, — sagte ich.
Er sah mich an.
— Du stellst Bedingungen?
— Ich stelle eine Grenze.
Für einen Moment lag etwas beinahe Warmes in seinem Blick.
— Dann fahren wir ohne Waffen.
Wir gingen durch den Wintergarten. Der Boden war noch nass von meinen Kleidern, und die Gäste wichen zur Seite. Niemand wagte eine Frage. Der Rettungsschwimmer hielt mir mein Handtuch hin.
— Ich hätte springen müssen, — sagte er.
— Ja.
Er nahm den Blick nicht von Santino.
— Marco sagte, wer ins Wasser geht, verliert seine Arbeit.
Santino blieb stehen.
— Wie heißt du?
— Daniel Ortiz.
— Du arbeitest ab heute nicht mehr für Marco. Du arbeitest für mich, solange du selbst entscheiden willst.
Marco fuhr herum.
— Du kannst kaum noch stehen und verteilst trotzdem Befehle?
Santino legte die Hand auf den Rand seines Rollstuhls.
— Du hast dich immer geirrt, Marco. Meine Beine waren nie der Grund, weshalb die Menschen mir folgten.
Hinter dem Gewächshaus lag das Bootshaus am künstlichen See. Das Holz war aufgequollen, die Fenster waren mit Brettern vernagelt. Ein Fischreiher flog erschrocken aus dem Schilf, als Rosa den Schlüssel ins Schloss steckte.
Der hintere Raum roch nach Öl, Staub und altem Papier.
Mein Vater hatte dort gearbeitet. An der Wand hingen noch die Werkzeuge, jedes an einem kleinen Haken. Auf dem Boden stand eine hölzerne Kiste. Drei waagerechte Linien waren in den Deckel geritzt.
Ich kniete mich hin und steckte den Schlüssel in ein unsichtbares Schloss.
Die Kiste sprang auf.
Darin lagen keine Geldbündel und keine Waffe. Es waren Briefe. Dutzende. Jeder trug einen Namen, ein Datum und einen Ort.
Moretti nahm den obersten.
— Das sind die Familien, deren Zahlungen Margaret organisiert hat.
Ich erkannte einige Namen aus den Zeitungsartikeln meiner Kindheit. Männer, die angeblich verschwunden waren. Frauen, die angeblich mit gestohlenem Geld geflohen waren.
Unter den Briefen lag ein kleines Heft.
Santino sah es und wurde starr.
— Das habe ich noch nie gesehen.
Ich schlug die erste Seite auf.
Dort war Marcos Name verzeichnet. Daneben standen alle Zahlungen, die über die geheime Stiftung gelaufen waren. Aber es gab eine zweite Spalte: Geld, das an politische Entscheidungsträger, Werkstätten und zwei Sicherheitsfirmen geflossen war.
Jede Zeile trug Marcos Kürzel.
Marco stürzte vor.
Rosa stellte sich ihm entgegen. Er schob sie weg, doch Daniel Ortiz packte seinen Arm. Zwei weitere Männer kamen vom Westflügel herein.
— Lass mich los! — rief Marco. — Santino weiß nicht, was er tut. Er hat ohne mich nichts. Keine Männer, keine Geschäfte, keinen Schutz.
— Ich hatte einen Namen, — sagte Santino.
— Du hattest Angst!
Santino sah auf das Heft.
— Ja.
Die Antwort brachte Marco aus dem Gleichgewicht.
Santino fuhr näher an ihn heran.
— Ich hatte Angst, dass ich nach dem Unfall niemandem mehr gewachsen wäre. Deshalb habe ich dich machen lassen. Ich habe deine Lügen gesehen und mir eingeredet, sie hielten die Familie zusammen.
— Ich habe dich am Leben gehalten.
— Du hast mich in einem Käfig gehalten.
Marco zog einen kleinen Gegenstand aus seiner Jackentasche. Es war ein Feuerzeug. Er schlug den Deckel auf und hielt die Flamme an die Briefe.
Ich griff nach seinem Handgelenk. Die Flamme strich über meinen Ärmel, dann trat Daniel Ortiz dazwischen und schlug das Feuerzeug zu Boden.
Ein Funke fiel auf den alten Teppich.
Rosa löschte ihn mit ihrem Mantel.
Marco stand keuchend da. In diesem Moment waren draußen die Gäste angekommen. Sie hatten den Weg vom Haus bis zum Bootshaus verfolgt.
Eine der älteren Frauen hielt die Hand vor den Mund.
— Er wollte die Unterlagen verbrennen.
— Weil sie nicht stimmen, — sagte Marco.
Moretti blätterte weiter.
— Dann erklär uns diese Seite.
Er zeigte auf eine Überweisung vom Abend vor Santinos Unfall. Der Empfänger war die Werkstatt in Providence. Darunter stand Marcos vollständiger Name, nicht nur sein Kürzel.
Marco blickte auf die Seite.
— Die Unterschrift ist gefälscht.
— Das dachte ich auch, — sagte Santino.
Er nahm aus der Brusttasche seines nassen Hemdes ein gefaltetes Formular. Ich hatte nicht bemerkt, dass er es dort aufbewahrt hatte.
— Deshalb habe ich gestern die Bank angewiesen, jede Übertragung zu prüfen. Die Zahlung an die Werkstatt wurde nicht mit meiner Unterschrift freigegeben. Sie wurde mit dem Siegel meines Büros bestätigt.
Marco hob den Kopf.
— Das Siegel hatte Daniel.
Mir wurde kalt.
— Mein Vater?
Santino nickte.
— Ich gab es ihm, damit er die Zahlungen an die Familien schützen konnte. Marco wusste davon. Er ließ Daniel beseitigen und behauptete, dein Vater habe Geld unterschlagen.
— Warum haben Sie ihn nicht entlarvt? — fragte ich.
— Weil ich damals nicht wusste, wem ich vertrauen konnte. Und weil ich nach dem Unfall den falschen Mann zum Stellvertreter machte.
Marco wich zurück, bis sein Rücken die Wand berührte.
— Du kannst mich nicht vor all diesen Leuten fallen lassen.
— Du bist selbst gefallen, — sagte Santino. — Heute Morgen hast du zweihundert Menschen befohlen, mich sterben zu lassen. Vor ihnen allen hast du gezeigt, wer du bist.
Marco wandte sich an die Gäste.
— Ihr werdet Santino nicht folgen. Die Familie gehört mir!
Niemand antwortete.
Dann trat ein breitschultriger Mann aus der Menge. Er hatte bisher am Rand gestanden und kein Wort gesagt.
— Nein, Marco, — sagte er. — Sie gehört keinem von uns mehr.
Ich kannte ihn aus Santinos Besprechungen. Er war der Besitzer der Lagerhäuser am Hafen, ein Mann, der seit zwanzig Jahren jeden Befehl ausgeführt hatte.
— Ich ziehe meine Männer ab, — fuhr er fort. — Und die Konten, die du heute Morgen geleert hast, werden zurücküberwiesen.
Marco starrte ihn an.
— Du hast das Geld bereits verschoben?
Santino antwortete:
— Nicht ich.
Er blickte zu Moretti.
Der alte Buchhalter zog ein weiteres Blatt aus der Mappe.
— Die Stiftung ist nicht von Santino abhängig. Daniel hat sie vor seinem Tod mit einer Klausel versehen. Wenn Santino handlungsunfähig wird, übernimmt ein unabhängiger Treuhänderrat. Ich bin einer der drei Treuhänder. Die Bank hat die Abhebung gestoppt, bevor sie ausgeführt wurde.
Der unerwartete Schlag traf Marco härter als jede Hand.
Er hatte nicht nur Santinos Nachfolge verloren. Er hatte den Zugriff auf das Geld verloren, wegen dessen er alles getan hatte.
Ich ging zu Santino.
— Warum haben Sie mich wirklich eingestellt?
Er ließ die Hände auf den Armlehnen ruhen.
— Weil ich dir die Möglichkeit geben wollte, selbst zu entscheiden, ob du mich hasst.
— Und wenn ich Sie hasse?
— Dann unterschreibst du morgen deine Kündigung. Ich werde dich nicht aufhalten.
Ich dachte an meinen Vater. An die Briefe. An die sechs Jahre, in denen meine Mutter mich mit einer halben Wahrheit hatte leben lassen. An Santino, der im Wasser ruhig geblieben war, obwohl ein ganzer Garten auf seinen Tod gewartet hatte.
— Ich hasse Sie nicht, — sagte ich. — Aber ich verzeihe Ihnen nicht, dass Sie geschwiegen haben.
Er nickte.
— Das ist gerecht.
Marco wurde von den Männern aus dem Bootshaus geführt. Nicht in Handschellen. Nicht unter Geschrei. Nur hinaus, während jeder an ihm vorbeiging und keiner ihm Platz machte.
Am Nachmittag wurde das Anwesen leer. Die Gäste verschwanden durch das Tor, und die Kapelle packte ihre Instrumente ein. Der Pool blieb gesperrt, bis die zerbrochenen Glasstücke entfernt waren.
Santino bat mich, mit ihm noch einmal dorthin zu fahren.
Die Sonne stand tief über dem Wasser. Sein Rollstuhl hielt am Beckenrand.
— Du hast meinen Anzug ruiniert, — sagte er.
Ich zog den Messingknopf aus meiner Tasche und legte ihn auf seine Hand.
— Den können Sie behalten.
Er betrachtete ihn.
— Warum?
— Weil er beweist, dass der Stoff gerissen ist, bevor Sie untergingen. Nicht Ihre Würde.
Santino schloss die Finger darum.
— Du solltest die Stiftung führen.
Ich sah ihn an.
— Ich bin Sekretärin.
— Nein. Du bist Daniels Tochter. Und du warst die Einzige, die gesprungen ist.
— Das heißt nicht, dass ich Ihre Welt übernehmen will.
— Dann verändere sie.
Am nächsten Morgen bekam die Stiftung einen neuen Namen: das Daniel-Taylor-Haus. Das Geld blieb auf den Konten der Familien, die es brauchten. Die Lagerhäuser wurden in legale Unternehmen umgewandelt. Santino behielt nur so viel, wie er für seine Behandlung und das Personal benötigte.
Marco floh nicht weit. Als seine eigenen Leute ihm die Unterstützung entzogen, musste er seine Villa verkaufen, um die Werkstattrechnung und die offenen Schulden zu begleichen. Niemand aus der Familie half ihm. Nicht, weil Santino es verboten hatte, sondern weil niemand mehr bereit war, für einen Mann zu schweigen, der einen Ertrinkenden hatte sterben lassen.
Rosa bekam eine Wohnung für ihre Schwester. Daniel Ortiz blieb am Becken, diesmal mit einer echten Rettungsausrüstung und einem Vertrag, den er selbst unterschrieben hatte.
Und ich blieb.
Nicht als Spionin. Nicht als Schuldnerin.
Ich blieb, weil ich die Briefe meines Vaters gelesen hatte und wusste, dass die Geschichte, für die er gestorben war, noch nicht zu Ende geschrieben war.
Am Abend, als ich das Heft in den Tresor der Stiftung legen wollte, fand ich zwischen den Seiten einen letzten Zettel. Ich erkannte die Handschrift sofort.
Emily, wenn Santino dir dieses Heft gibt, frage ihn nach dem Namen auf der letzten Seite.
Ich schlug die letzte Seite auf.
Dort stand nur ein Name: Margaret Taylor.
Ich rannte zu Santinos Büro. Er saß unter der Lampe, den Messingknopf neben seiner Hand.
— Meine Mutter hat nicht nur Geld weitergeleitet, — sagte ich. — Sie hat jemanden geschützt. Wen?
Santino sah auf den Namen.
— Deine Mutter lebt.
Ich hielt mich an der Stuhllehne fest.
— Das ist unmöglich.
— Sie hat heute Morgen angerufen. Sie will dich treffen. Aber sie hat eine Bedingung gestellt.
— Welche?
Santino schob mir einen zweiten Brief über den Tisch.
Auf dem Umschlag stand: Für Emily, nachdem du Santino aus dem Wasser gezogen hast.
Ich öffnete ihn mit dem Messingknopf in der Hand.
Die erste Zeile ließ mir das Blut gefrieren:
„Meine Tochter, der Mann, den Marco töten wollte, war nicht Santino.“
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