TEIL 4 — Mein Mann verkündete vor seiner Familie die Scheidung, doch als ich den Verkauf erwähnte, wurde seine Mutter kreidebleich

TEIL 4

…und dieser Name war nicht Nadja.

Es war Galina Petrowna.

Niemand bewegte sich.

Meine Schwiegermutter las die Nachricht zweimal. Dann griff sie nach der Lehne des Sessels, doch ihre Finger fanden keinen Halt.

„Das ist eine Lüge“, sagte sie.

Nadja schüttelte den Kopf.

„Ich habe den Vertrag selbst gesehen. Artem hat die Wohnung auf Ihren Namen eintragen lassen, weil er wusste, dass Alice sonst alles prüfen würde.“

„Du hast meinen Namen benutzt?“ Galina fuhr zu ihrem Sohn herum.

„Ich wollte dich schützen.“

„Du wolltest mich zum Eigentümer machen, damit du deine Schulden verstecken kannst!“

„Mutter, hör mir zu.“

„Nein. Du hörst jetzt mir zu.“

Ihre Stimme brach nicht. Sie wurde nur dünner, schärfer und erschreckend nüchtern.

Ich hatte sie in sieben Jahren oft schreien gehört. Noch nie hatte ich sie so leise erlebt.

Draußen knallte irgendwo eine Haustür. Der Wind drückte gegen die Fenster, und die Flamme der kleinen Kerze auf dem Tisch zitterte.

Mein Vater legte den Vertrag neben den Darlehensnachweis.

„Der Kaufpreis für die neue Wohnung wurde teilweise mit Geld bezahlt, das von Alices Konto kam“, sagte er. „Der Rest sollte durch das Darlehen gedeckt werden. Als Sicherheit wurde meine Wohnung angegeben.“

„Ich wusste davon nichts“, sagte Galina.

„Du hast mich gedrängt“, rief Artem. „Du hast gesagt, Alice müsse verschwinden, bevor sie merkt, dass ich mit Nadja zusammen bin!“

Marina presste beide Hände auf den Mund.

„Du hast das gesagt?“

„Sie war nur im Weg!“

„Ich war deine Ehefrau“, sagte ich.

Artem sah mich an. In seinem Gesicht kämpften Wut, Scham und Angst miteinander. Doch ich wartete nicht mehr darauf, dass eines davon Liebe wurde.

Nadja nahm ihren roten Schal ab und legte ihn auf den Tisch.

„Artem, mein Bruder will heute noch eine Antwort. Entweder du überweist das Geld zurück, oder er kündigt den Vertrag und verlangt die gesamte Summe. Die neue Wohnung ist dann weg.“

Artem fuhr herum.

„Du willst mich jetzt auch verlassen?“

„Ich will nicht heiraten, wen ich heute gesehen habe.“

„Du hast mich geliebt.“

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„Ich habe die Version von dir geliebt, die du mir erzählt hast.“

Dieser Satz traf ihn. Nicht laut. Aber sichtbar.

Mein Vater wandte sich an mich.

„Du kannst die Unterlagen an den Kreditgeber geben. Dann wird geprüft, was mit dem Geld geschehen ist. Oder du verlangst eine Rückzahlung und unterschreibst, dass du auf weitere Ansprüche verzichtest.“

Ich verstand, was er mir anbot. Einen schnellen Schnitt. Geld zurück. Kein jahrelanger Streit. Keine fremden Menschen, die mich nach unserer Ehe fragten.

„Wie viel ist noch da?“ fragte ich Artem.

Er starrte auf die Tischkante.

„Achtzehntausend.“

„Und der Rest?“

„Anzahlung. Möbel. Nadjas Bruder.“

„Du hast alles ausgegeben?“

„Ich dachte, wir würden zusammen anfangen.“

„Du hast ohne mich angefangen.“

Ich nahm den braunen Ordner und schlug ihn auf. Zwischen den Kontoauszügen lag ein kleines gefaltetes Blatt. Meine eigene Handschrift. Vor fünf Jahren hatte ich jede Überweisung notiert, weil Artem behauptete, seine Bank verliere ständig Unterlagen.

Datum. Betrag. Empfänger.

Plötzlich erkannte ich das Muster. Die angeblichen Rückzahlungen von Artem waren nie Rückzahlungen gewesen. Er hatte mein Geld nur in kleineren Summen zurücküberwiesen, damit es wie sein Einkommen aussah. Sogar die Rechnung für den neuen Kühlschrank war von meinem Konto bezahlt worden, während er seiner Mutter erzählt hatte, er habe ihn gekauft.

Galinа Petrowna las über meine Schulter.

„Du hast ihn all die Jahre getragen“, sagte sie.

„Ja.“

„Und ich habe dich eine Schmarotzerin genannt.“

„Ja.“

Sie setzte sich. Der Anhänger an ihrem Hals lag still auf ihrer Bluse.

„Warum hast du nie etwas gesagt?“

Ich sah sie an.

„Weil ich dachte, Familie bedeutet, dass man nicht jede Rechnung laut vorliest.“

Marina begann zu weinen. Oleg legte ihr eine Hand auf die Schulter, sagte aber nichts.

Um halb elf kam Nadjas Bruder. Er war ein breitschultriger Mann mit einem dunkelblauen Mantel und einer Ledertasche. Er blieb im Flur stehen, hörte sich alles an und nahm dann den Vertrag aus seiner Tasche.

„Die Wohnung wird nicht gekauft“, sagte er. „Meine Schwester zieht aus. Die Anzahlung wird zurückgefordert.“

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Artem machte einen Schritt auf ihn zu.

„Geben Sie mir zwei Wochen.“

„Sie hatten sieben Jahre.“

„Ich kann arbeiten.“

„Das hätten Sie früher tun können.“

Mein Vater schob ihm einen Umschlag zu. Darin lag die schriftliche Vereinbarung über die Rückzahlung der achtzehntausend Euro und die Erklärung, dass Artem die Wohnung weder verkaufen noch belasten durfte.

„Unterschreiben“, sagte Viktor.

Artem sah mich an.

„Wenn ich unterschreibe, bleibt mir nichts.“

„Mir blieb auch nichts“, sagte ich. „Bis ich deine Wahrheit gefunden habe.“

Er nahm den Stift. Seine Hand zitterte, als er seinen Namen unter die Zahlen setzte.

Galinа Petrowna stand auf.

„Und wo sollen wir hin?“

Mein Vater antwortete ruhig:

„Das müssen Sie selbst entscheiden.“

Sie sah mich an. In ihrem Gesicht lag plötzlich keine Überlegenheit mehr, sondern etwas, das beinahe wie Angst aussah.

„Alice, ich habe dich falsch behandelt.“

Ich sagte nichts.

„Ich wollte, dass mein Sohn ein besseres Leben hat.“

„Nein“, erwiderte ich. „Du wolltest, dass sein Leben so aussieht, wie du es kontrollieren kannst.“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Ich empfand keinen Triumph. Nur Müdigkeit.

„Es tut mir leid“, sagte sie.

Ich glaubte ihr vielleicht. Aber ein Bedauern konnte keine sieben Jahre zurückbringen.

Am nächsten Morgen um zehn Uhr kam der Käufer. Er war ein ruhiger Mann mit einem roten Notizbuch und stellte keine Fragen zu unserer Familie. Er besichtigte die Räume, maß das Wohnzimmer aus und blieb vor der Vitrine stehen.

„Der Porzellanservice gehört Ihnen?“ fragte er.

„Meiner Mutter“, sagte ich. „Ich nehme ihn mit.“

Ich packte jede Tasse selbst ein. Die goldenen Henkel klirrten leise gegen das Papier. Dieses Geräusch war nicht schön, aber es war ehrlich.

Artem hatte die Nacht auf dem Sofa verbracht. Seine Sachen lagen in zwei Taschen neben dem Heizkörper. Nadja war gegangen, ohne sich zu verabschieden. Marina nahm ihre Mutter mit zu sich, obwohl sie dabei immer wieder auf den Boden sah.

Als ich die letzte Schachtel in den Wagen meines Vaters stellte, kam Artem auf mich zu.

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„Alice.“

Ich drehte mich um.

„Was willst du?“

Er hielt einen kleinen Schlüssel in der Hand. Nicht den Wohnungsschlüssel. Den Schlüssel zu dem Schreibtisch, in dem er die Darlehensunterlagen versteckt hatte.

„Ich habe dort noch etwas gefunden.“

„Was?“

„Einen Brief von deiner Mutter. An Nadja. Sie wusste schon vor Monaten von uns.“

Ich nahm den Brief nicht.

„Dann gib ihn deiner Mutter.“

„Sie hat ihn geschrieben.“

„Das ist zwischen euch.“

„Du willst nichts wissen?“

„Ich weiß genug.“

Er sah zur Vitrine, in der nur noch ein leerer Glasboden geblieben war.

„Hast du mich nie geliebt?“

Ich dachte an seine Hand auf meinem Rücken an unserem Hochzeitstag. An seine Stimme, als er krank gewesen war. An die Abende, an denen wir gemeinsam Rechnungen sortiert hatten. Die Erinnerung war nicht wertlos, nur weil er später alles verraten hatte.

„Doch“, sagte ich. „Aber Liebe ist nicht verpflichtet, dort zu bleiben, wo sie ständig kleiner gemacht wird.“

Er schloss die Finger um den Schlüssel.

„Was mache ich jetzt?“

„Du fängst mit den Dingen an, die du unterschrieben hast.“

Mein Vater öffnete den Kofferraum. Zwischen Werkzeugkasten und Umzugskartons lag die Schachtel mit dem Porzellan. Durch das Papier zeichnete sich der blaue Rand einer Tasse ab.

Artem blieb auf dem Gehweg stehen, während der Käufer im Wohnzimmer die Wände ausmaß. Galina war fort. Nadja war fort. Die Wohnung, die er vor allen als sein Eigentum bezeichnet hatte, wurde in Zahlen und Zentimetern neu verteilt.

Ich nahm die letzte Tasse aus der Schachtel. Auf ihrer Unterseite stand in feiner Schrift der Name meiner Mutter.

Alice.

Ich strich mit dem Daumen darüber und hörte hinter mir Artems Stimme:

„Warte.“

Ich stellte die Tasse vorsichtig auf den Sitz neben mich.

„Ich warte nicht mehr auf dich“, sagte ich. „Ich warte auf den Käufer.“

Dann trug ich den letzten Teil meiner Mutter fort, während hinter mir der leere Vitrinenboden im Tageslicht glänzte.

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