TEIL 4 — Mein Mann verkündete vor seiner Familie die Scheidung, doch nach einem einzigen Anruf meines Vaters erstarrte seine Mutter

TEIL 4

„Wer hat dem Käufer das erzählt?“, fragte ich.

Vater antwortete nicht sofort.

Er nahm den Schlüssel mit dem roten Kunststoffkopf und drehte ihn zwischen den Fingern. Das kleine Stück Plastik war an einer Stelle eingerissen. Ich kannte diesen Schlüssel. Vater hatte ihn mir am Tag unserer Hochzeit gegeben, mit den Worten: „Wenn du irgendwann irgendwo nicht mehr willkommen bist, komm zu mir.“

Damals hatte ich gelacht.

Jetzt verstand ich, dass er es ernst gemeint hatte.

„Herr Wendt“, sagte Vater, „wer hat Sie angerufen?“

Der Makler sah zu Artjom.

„Eine unbekannte Nummer. Der Mann behauptete, Frau Morosowa habe an der Wohnung Unterlagen entwendet und der Verkauf könne rechtliche Folgen haben.“

„Hat er seinen Namen genannt?“

„Nein.“

Frau Keller blätterte in ihren Papieren.

„Aber der Anruf kam von der Nummer, die im Darlehensantrag als Kontakt des Antragstellers eingetragen ist.“

Artjom schluckte.

„Das war nicht ich.“

„Dann finden wir heraus, wer es war“, sagte Vater.

Er holte sein Telefon heraus und rief jemanden an. Ich hörte nur seine kurzen Antworten.

„Ja. Sofort. Nein, noch nicht zur Bank. Erst die Unterlagen sichern.“

Galina saß wie versteinert am Tisch. Vor ihr lag der Darlehensvertrag. Die Zahlen darauf waren höher, als ich mir vorstellen konnte.

„Wie viel schuldest du?“, fragte sie.

Artjom ging zum Fenster.

„Es ist kompliziert.“

„Wie viel?“

„Hundertachtzigtausend.“

Galina presste beide Hände an ihre Schläfen.

„Du hast gesagt, es seien dreißigtausend.“

„Das war früher.“

„Und die Wohnung sollte alles bezahlen?“

„Ich hätte es zurückgezahlt.“

„Womit?“

Er drehte sich um.

„Mit dem Geld aus dem Verkauf. Mit Jelenas Hilfe. Mit—“

„Jelena ist gegangen“, sagte ich.

Er sah mich an.

„Du kennst sie nicht.“

„Ich kenne genug.“

Ich dachte an ihre nassen Haare, den Umschlag an ihrer Brust und ihren Satz: Du hast gesagt, diese Wohnung gehört bald uns.

Artjom hatte nicht nur unsere Ehe vorgeführt. Er hatte eine Zukunft versprochen, die ihm nie gehört hatte.

Vater legte auf.

„Die Person, die den Käufer angerufen hat, war nicht Artjom.“

Alle blickten ihn an.

„Es war Oleg“, sagte er.

Marina wurde blass.

„Mein Mann?“

Oleg stand noch immer neben dem Kuchen. Das Messer lag vor ihm, die Klinge voller Creme.

„Das ist absurd“, sagte er.

„Die Nummer gehört einem alten Geschäftstelefon“, erwiderte Vater. „Aber der Anschluss läuft auf deine Firma.“

Oleg lachte nervös.

„Ich wollte nur verhindern, dass ein Käufer in eine problematische Wohnung investiert.“

„Warum?“, fragte Marina.

Er sah zu Artjom.

Artjom schloss die Augen.

„Sag es ihr“, sagte Vater.

Oleg wischte sich die Hände an einem Tuch ab.

„Artjom hat mich gebeten, Druck auf den Käufer auszuüben. Er wollte, dass der Verkauf platzt, damit dein Vater ihm die Wohnung trotzdem überlässt.“

„Warum sollte mein Vater das tun?“, fragte ich.

„Weil Artjom behauptet hat, du hättest ihn betrogen. Er sagte, du würdest die Wohnung bei der Scheidung an dich reißen.“

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Marina sah ihren Bruder an.

„Du hast ihn belogen.“

„Ich wollte nur Zeit.“

„Du hast meinen Mann benutzt, um deine Schulden zu verstecken.“

Oleg hob die Hände.

„Ich wusste nicht, dass die Unterschrift gefälscht war.“

„Aber du wusstest, dass die Geschichte nicht stimmt“, sagte Vater.

Oleg schwieg.

Frau Keller nahm die gefälschte Vereinbarung und steckte sie in eine Klarsichthülle.

„Diese Unterlagen müssen gesichert werden. Niemand verlässt die Wohnung damit.“

Artjom sprang auf.

„Sie können mir nichts wegnehmen!“

„Das versucht niemand“, sagte ich. „Du hast nur Angst, dass man dir etwas wegnimmt, das dir nie gehört hat.“

Er kam auf mich zu.

„Du glaubst, du bist jetzt besser als ich?“

„Nein.“

„Du hast doch all die Jahre von dieser Wohnung gelebt.“

„Ich habe in ihr gelebt, weil dein Vater mir ein Zuhause gab. Du hast darin gelebt, als wäre es eine Beute.“

Sein Gesicht wurde hart.

„Ich habe dich geheiratet.“

„Und gestern hast du mich vor deiner Familie erniedrigt, damit du heute mit einer anderen Frau und einer Wohnung dastehen kannst.“

„Jelena war ein Fehler.“

„Nein“, sagte ich. „Sie war dein Plan. Ich war nur das Hindernis darin.“

Vater trat zwischen uns.

„Artjom, nimm deine persönlichen Sachen. Bis heute Abend.“

Artjom lachte bitter.

„Du wirfst mich hinaus?“

„Ich beende eine Duldung.“

„Ich bin sein Schwiegersohn!“

„Du warst der Mann meiner Tochter. Das ist kein Eigentumstitel.“

Galina stand auf.

„Ich gehe nicht.“

Vater sah sie ruhig an.

„Sie haben bis zum Ersten Zeit. Danach wird die Wohnung übergeben.“

„Wohin soll ich?“

„Das hätten Sie sich überlegen sollen, bevor Sie meiner Tochter sagten, sie sei eine Bettlerin.“

Galina blickte zu mir.

„Alice, du kannst nicht zulassen, dass wir alles verlieren.“

Ich sah auf die Tasse mit den gemalten Kornblumen. Der Henkel war dünn und golden, an einer Stelle bereits abgerieben.

„Ich habe euch nichts weggenommen.“

„Du bist meine Schwiegertochter.“

„Das war ich, solange Ihr Sohn mich brauchte.“

„Er braucht dich jetzt.“

Artjom fuhr herum.

„Mutter!“

Aber sie hörte nicht auf.

„Er hat Schulden, keine Wohnung und eine Frau, die ihn verlassen hat. Wenn du ihn jetzt im Stich lässt, bist du genauso grausam wie dein Vater.“

Dieser Vergleich traf ihn sichtbar. Artjoms Vater hatte die Familie verlassen, und Galina hatte ihr ganzes Leben daraus einen Anspruch gemacht.

Vater nahm einen Brief aus der Mappe.

„Das ist die Erklärung Ihres früheren Mannes“, sagte er zu Galina. „Er hat die Wohnung nicht verlassen, weil er Sie mittellos machen wollte. Er hat sie verlassen, nachdem Sie seine Unterschrift auf einem Kreditvertrag nachgemacht hatten.“

Galina griff nach dem Tisch.

„Das ist eine Lüge.“

„Er hat mir die Unterlagen damals gegeben.“

„Warum hast du sie nie gezeigt?“

„Weil Marina noch ein Kind war. Ich wollte nicht, dass sie zwischen euch wählen muss.“

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Marina wurde ganz still.

„Du hast seine Unterschrift gefälscht?“, fragte sie ihre Mutter.

„Ich musste Geld für die Familie beschaffen.“

„Und heute hast du Artjom beigebracht, dass man Familie für Geld belügt.“

Galina sah ihre Tochter an, als hätte sie sie zum ersten Mal nicht wiedererkannt.

Am Nachmittag kam Jelena zurück.

Sie stand nicht vor der Tür. Sie wartete unten im Hausflur, neben den Briefkästen. Ich fand sie, als ich das Porzellan zum Wagen meines Vaters brachte.

„Ich wollte mich entschuldigen“, sagte sie.

Sie hielt den Umschlag noch immer in der Hand.

„Wofür?“

„Dafür, dass ich Ihnen geglaubt habe, Sie seien das Problem.“

„Was ist in dem Umschlag?“

Sie reichte ihn mir.

Darin lagen die Nachrichten, die Artjom ihr geschickt hatte. Keine Tonaufnahme, keine große Enthüllung. Nur Worte, die er offenbar für ungefährlich gehalten hatte.

„Er schrieb, Ihr Vater sei alt und würde die Wohnung bald überschreiben“, sagte Jelena. „Er schrieb, Sie hätten kein Recht darauf. Und er schrieb, nach der Scheidung würden Sie mit nichts gehen.“

Ich las die letzte Nachricht.

„Wenn sie unterschreibt, gehört alles uns.“

Meine Hände wurden kalt.

„Warum bist du gegangen?“

Jelena sah auf ihren Bauch.

„Weil die Schwangerschaft nicht von ihm ist. Ich habe es erst gestern erfahren. Und weil ich verstanden habe, dass ein Mann, der seine Frau so behandelt, auch mich irgendwann so behandeln würde.“

Ich gab ihr den Umschlag zurück.

„Behalte ihn.“

„Warum?“

„Weil du ihn geschrieben bekommen hast. Und weil du selbst entscheiden musst, was du damit machst.“

Sie weinte nicht. Sie nickte nur und ging.

Am Abend saß ich mit Vater in seiner Küche. Zwischen uns stand die geöffnete Schachtel mit dem Porzellan. Die Tassen waren mit alten Handtüchern umwickelt.

„Du hättest mir früher sagen müssen, dass die Wohnung dir gehört“, sagte ich.

„Ich habe es dir gesagt.“

„Du hast gesagt, du hättest sie gekauft.“

„Und du hast gesagt, Artjom sei ein guter Mann.“

Ich musste trotz allem lachen. Es war ein raues, erschöpftes Lachen.

„Warum verkaufst du sie wirklich?“

Vater strich über den Rand einer Tasse.

„Weil deine Mutter dort nie glücklich war. Sie wollte, dass du einmal einen Tisch besitzt, an dem niemand dich hinauskomplimentieren kann.“

„Du verkaufst sie also wegen ihr?“

„Wegen ihr. Wegen dir. Und weil Artjom sonst immer behaupten würde, er habe dort etwas verloren.“

Am nächsten Morgen unterschrieb ich die Scheidungspapiere nicht in einem Büro und nicht vor einer versammelten Familie. Ich unterschrieb sie allein am Küchentisch meines Vaters, während draußen Herr Wendt die Übergabe der Wohnung vorbereitete.

Artjom kam nicht mit.

Er hatte seine Sachen in drei Taschen gepackt. Galina nahm die alte Kaffeemaschine, Marina holte nur ihre persönlichen Dinge und Oleg musste die Bank über seine Bürgschaft informieren.

Bevor Artjom ging, blieb er im Flur stehen.

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„Alice“, sagte er.

Ich sah ihn an.

„Was willst du?“

Er blickte auf meine Hände.

„Die Tasse. Die mit den Kornblumen.“

„Warum?“

„Du hast immer gesagt, sie erinnert dich an deine Mutter.“

„Das tut sie.“

„Dann nimm sie mit.“

Ich stellte die Tasse in die Schachtel.

„Sie war nie deine.“

Er nickte, als hätte er etwas anderes erwartet. Dann ging er.

Ich dachte, damit sei alles vorbei.

Doch am Nachmittag rief der Käufer wieder an. Er wollte die Wohnung nicht mehr für sich. Er hatte erfahren, dass sich im Erdgeschoss eine kleine Werkstatt befand, die bald schließen musste, und dass die Räume für eine gemeinnützige Beratungsstelle genutzt werden könnten.

Vater sah mich an.

„Was würdest du tun?“

Ich blickte auf den Vertrag.

„Verkauf sie nicht an jemanden, der sie nur als Anlage sieht.“

„Und an wen dann?“

Ich dachte an die Jahre, in denen Frauen in meiner Nachbarschaft niemanden hatten, der ihnen glaubte. An die Beratungsstelle, die wegen steigender Miete schließen musste. An Galinas Stimme, an Artjoms Rede und an die unzähligen Sätze, die Frauen klein machten, bis sie selbst glaubten, klein zu sein.

„Vermiete die Räume an die Beratungsstelle“, sagte ich. „Und verkaufe die Wohnung darüber an eine Familie, die sie wirklich braucht.“

Vater lächelte.

„Das ist kein kleiner Schritt.“

„Ich weiß.“

„Du würdest dich um die Verträge kümmern müssen.“

Ich nahm den roten Schlüssel vom Tisch.

„Dann lerne ich es.“

Wochen später stand ich im Erdgeschoss der alten Wohnung. Die Wände waren frisch gestrichen, der Geruch nach Rauch verschwunden. In der ehemaligen Küche hing ein neues Schild: „Beratung für Frauen und Familien“.

Marina kam mit zwei Kartons herein.

„Meine Mutter hat gefragt, ob sie den Namen von der Klingel behalten darf.“

„Welchen Namen?“

„Ihren.“

Ich sah auf die Liste der neuen Mieter.

„Nein.“

Marina atmete aus.

„Das dachte ich mir.“

„Aber sie kann ihre Sachen abholen. Und sie bekommt die Adresse der Übergangswohnung, die du gefunden hast.“

Marina lächelte traurig.

„Du hilfst ihr trotzdem.“

„Ich helfe ihr nicht, die Vergangenheit zu behalten.“

Oben stellte ich die Kornblumentasse auf ein Regal. Nicht in eine Vitrine. Nicht hinter Glas. Sie stand dort, wo jede Besucherin sie sehen konnte, neben einem Wasserkocher und einer Dose Tee.

Eine junge Frau kam herein, hielt die Hand ihres kleinen Sohnes und fragte leise:

„Kann man hier wirklich bleiben, auch wenn man kein Geld hat?“

Ich sah auf die Tasse meiner Mutter und dann auf den roten Schlüssel in meiner Hand.

„Sie können bleiben“, sagte ich. „Wir finden einen Weg.“

Der Junge zeigte auf die gemalten Blumen.

„Die Tasse ist schön.“

„Ja“, sagte ich. „Sie hat lange auf diesen Tisch gewartet.“

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