TEIL 4
– Diese Vollmacht ist nicht von mir – sagte ich.
Meine Stimme klang ruhig, obwohl mein Herz gegen die Rippen schlug.
Am anderen Ende der Leitung blieb der Kunde still.
– Können Sie das schriftlich bestätigen?
– Ja. Aber zuerst möchte ich wissen, wer Ihnen dieses Papier geschickt hat.
– Ihre Vertreterin nannte sich Marina Nowak.
Ich drehte mich zu meiner Freundin um. Marina war gerade durch die Seitentür ins Lagerhaus gekommen und hielt noch den Autoschlüssel in der Hand.
– Was?
Sie blieb stehen.
– Lena, ich wollte es dir sagen.
Der Boden unter mir schien nachzugeben. In der kalten Luft roch ich plötzlich wieder den Kaffee vom Empfang, den nassen Karton, den Metallstaub.
– Du hast ihnen eine Vollmacht geschickt?
– Nicht für Olga. Für dich.
Herr Brandt hob den Kopf.
– Wer ist diese Frau?
Marina kam näher. Ihre Wangen waren gerötet, und an ihrem Mantel klebte ein kleiner Faden vom Sitz des Wagens.
– Ich habe vor zwei Wochen den Hauptkunden angerufen. Nicht im Namen von Lena. Ich habe mich als freie Vermittlerin vorgestellt und erzählt, dass die Kampagne von ihr stammt. Der Kunde wollte Lena direkt sprechen. Olga hat den Anruf abgefangen.
– Warum steht dann dein Name unter der Vollmacht? – fragte ich.
Marina sah mich an.
– Weil ich wusste, dass du nach der Kündigung vor Scham alles hinwerfen würdest. Ich wollte dir einen Termin sichern, bevor du dich selbst kleinmachst. Die Vollmacht sollte nur erlauben, einen Besprechungstermin zu vereinbaren. Olga hat sie verändert.
Ria nahm ihr das Blatt aus der Hand.
– Die Unterschrift wurde ausgeschnitten und in ein anderes Dokument eingesetzt.
Marina schloss die Augen.
– Ich hätte dich fragen müssen.
Das tat mehr weh als Olgas Lügen. Marina hatte mich schützen wollen und war dabei über meine Entscheidung gegangen. Doch sie hatte den Kunden überhaupt erst auf mich aufmerksam gemacht.
– Warum hast du nichts gesagt?
– Weil du gestern angerufen hast und geweint hast. Ich dachte, ich könnte dir einmal etwas abnehmen.
– Du kannst mir nicht mein Leben abnehmen.
– Ich weiß.
Ihre Antwort war so leise, dass sie fast im Lärm des Regens unterging.
Herr Brandt nahm den Hörer aus meiner Hand.
– Frau Nowak, ich rufe Sie in zehn Minuten zurück. Wir klären das persönlich.
Er legte auf und wandte sich an Olga.
– Sie verlassen das Unternehmen heute. Ihr Zugang wird gesperrt. Die Bücher werden vollständig geprüft.
Olga starrte ihn an.
– Sie glauben ihnen? Einer gekündigten Buchhalterin und einem unzufriedenen Produktionsleiter?
Ria stellte sich neben Viktor.
– Sie können die Kontobewegungen nicht wegreden.
– Das ist eine interne Angelegenheit.
– Nein – sagte ich. – Es ist meine Arbeit.
Olga wandte sich mir zu. Ihr Gesicht war hart, aber in ihren Augen lag etwas, das ich nicht erwartet hatte: Angst.
– Du wirst ohne mich keinen Auftrag bekommen.
– Das dachten Sie.
– Kunden wollen Sicherheit. Kein Mädchen mit einer Mappe und großen Vorstellungen.
Ich öffnete meine Tasche und holte die gedruckten Entwürfe heraus. Die Blätter waren an einer Ecke geknickt. Auf dem ersten war die Kampagne zu sehen: ein Markt am Wasser, warme Lampen, Menschen, die sich zwischen Ständen bewegten. Ich hatte die Szene entworfen, weil mein Vater früher jeden Sonntag mit mir über den alten Hafen gegangen war.
– Das ist keine Mappe mit großen Vorstellungen. Das ist meine Arbeit.
Olga griff danach.
– Sie gehört der Firma.
Viktor stellte sich zwischen uns.
– Die Grunddateien wurden von Lena vor ihrer Einstellung erstellt. Ich habe die ursprünglichen Zeitstempel und die Übertragungsprotokolle.
Herr Brandt sah ihn an.
– Warum haben Sie das alles aufgehoben?
– Weil ich wusste, dass Olga irgendwann jemanden brauchen würde, auf den sie zeigen kann.
– Und warum haben Sie geschwiegen?
Viktor senkte den Blick.
– Weil ich Angst hatte, meine Arbeit zu verlieren.
Ria legte ihm eine Hand auf die Schulter.
– Wir alle hatten Angst. Nur Lena hatte keine Ahnung, dass sie allein gegen mehrere Menschen arbeitete.
Michail trat vor. Seine Hände waren in den Taschen seiner Jacke vergraben.
– Lena, ich habe die Dateien weitergegeben. Ich dachte, es wäre nur eine Möglichkeit für mich, einen besseren Job zu bekommen.
– Du wusstest, dass Olga mich loswerden wollte.
– Nicht am Anfang.
– Aber später?
Er nickte.
– Später wusste ich es.
Ich sah auf seinen linken Daumen. Dort klebte noch ein schwarzer Streifen von Druckerschwärze. Früher hätte ich ihn weggewischt. Jetzt ließ ich die Hand sinken, die sich bereits gehoben hatte.
– Dann warst du nicht verwirrt. Du hast dich entschieden.
Er schluckte.
– Ich wollte nicht arm bleiben.
– Ich auch nicht. Aber ich hätte dich nie dafür verkauft.
Er nickte langsam, als hätte ich ihm eine Rechnung genannt, die er nicht bezahlen konnte.
Herr Brandt stellte sich an die Laderampe und rief den Hauptkunden zurück. Ich hörte nur seine Hälfte des Gesprächs.
– Ja, die Vollmacht war gefälscht. Nein, Lena hat nichts unterschrieben. Ja, wir bestätigen schriftlich, dass die Entwürfe von ihr stammen.
Dann reichte er mir das Telefon.
– Sie möchten Sie sprechen.
Die Stimme des Kunden war freundlich, aber vorsichtig.
– Frau Nowak, wir können Ihnen den Auftrag nicht einfach schenken. Sie müssen eine eigene Rechnung stellen, ein Gewerbe anmelden und die Verantwortung übernehmen.
Ich sah auf das Messinglineal an meinem Handgelenk.
– Wie schnell brauchen Sie eine Entscheidung?
– Heute.
Marina hob erschrocken den Blick.
Ich musste an die zahllosen kleinen Firmen denken, die mich nach einer Saison entlassen hatten. An die Gespräche, in denen ich mich für meine Arbeit rechtfertigte. An Olga, die mir eingeredet hatte, Überstunden seien ein Beweis meiner Unfähigkeit.
– Ich nehme den Auftrag an.
– Ohne Agentur?
– Ohne Agentur.
Meine Knie wurden weich, doch ich blieb stehen.
Am Nachmittag saßen wir in einem kleinen Besprechungsraum über einer Bäckerei. Vor mir lagen die Unterlagen für meine eigene Firma. Ria hatte die Rechnungen übergeben. Viktor hatte die Produktionsprotokolle kopiert. Herr Brandt unterschrieb eine Erklärung, dass meine Entwürfe nicht zum Eigentum der Firma gehörten und dass ich für die fehlerhafte Freigabe nicht verantwortlich war.
Olga kam nicht zurück.
Sie verlor nicht nur ihren Arbeitsplatz. Der Kunde kündigte den Vertrag mit ihrer geplanten Agentur, weil er die gefälschte Vollmacht entdeckt hatte. Die Bank fror die verdächtigen Zahlungen ein, und ihre neue Firma blieb ein Name auf einem Formular. Sie hatte alles getan, um die Kunden zu besitzen.
Am Ende besaß sie keinen einzigen.
Michail wartete vor dem Gebäude. Der Himmel über dem Kanal war klarer geworden, aber zwischen den Steinen stand noch Wasser.
– Ich möchte dir etwas geben – sagte er.
Er hielt mir einen Umschlag hin.
– Meine Zugangskarte.
– Die brauchst du nicht mehr.
– Ich weiß. Es ist nur das Einzige, was ich zurückgeben kann.
Ich nahm sie nicht.
– Du kannst die Wahrheit sagen, wenn jemand dich fragt. Nicht für mich. Für dich.
– Ich werde es tun.
– Und such dir eine Arbeit, bei der du nicht erst jemanden verraten musst, um gesehen zu werden.
Sein Mund zitterte. Er steckte die Karte wieder ein und ging am Kanal entlang davon.
Marina wartete im Wagen. Ich stieg ein, aber sie startete den Motor nicht.
– Du kannst mich immer noch aus deinem Leben werfen – sagte sie.
– Ich weiß.
– Ich habe dir wehgetan.
– Ja.
– Ich wollte deine Angst kleiner machen.
– Dann frag mich nächstes Mal, wie groß sie ist.
Marina nickte. Keine Entschuldigung konnte den gestrigen Tag ausradieren. Aber sie blieb sitzen, ohne sich zu verteidigen.
Ich zog mein Messinglineal vom Handgelenk und legte es auf die Mappe.
– Hilfst du mir, die Maße für das neue Plakat zu prüfen?
Marina sah mich an.
– Als Freundin oder als Mitarbeiterin?
– Als Freundin. Die Mitarbeiterin stelle ich erst ein, wenn sie eine Rechnung schreiben kann.
Zum ersten Mal an diesem Tag lachte sie.
Am Abend erhielt ich die Nachricht des Kunden. Die Besprechung sollte am nächsten Morgen stattfinden. Nicht in Olgas Büro, nicht unter dem Namen einer fremden Firma, sondern unter meinem eigenen.
Ich öffnete die Mappe und legte den Entwurf für den Markt auf den Tisch. Neben die Lampen zeichnete ich eine schmale Messinglinie, genau dort, wo später der Rand des Plakats verlaufen sollte.
Dann schrieb ich unter den Entwurf meinen Namen.
Nicht klein in einer Ecke.
In der Mitte.
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