TEIL 4
Ich hörte das Klacken der Leitung, lange nachdem die Stimme verstummt war.
Dominic nahm mir das Telefon aus der Hand.
— Wo ist der alte Bahnhof? fragte Isabella.
— Am Fluss, sagte Enzo. Der verlassene Güterbahnhof in Red Hook.
Ich versuchte, mich aufzurichten. Sofort riss ein brennender Schmerz durch meine Seite.
— Ich komme mit.
— Du kannst kaum stehen, sagte Dominic.
— Meine Mutter ist dort.
— Eben deshalb bleibst du hier.
Ich packte sein Hemd. Der Stoff war glatt und kühl unter meinen Fingern.
— Du hast mich geheiratet, um mich zu schützen. Dann schütz mich nicht, indem du mich wieder einsperrst.
Sein Blick blieb an meiner Hand hängen. Der Ring lag zwischen uns auf dem Bettlaken.
— Du bist meine Frau, sagte er.
— Das hast du entschieden, als ich nicht sprechen konnte. Entscheide jetzt nicht auch noch, ob ich zu meiner Mutter darf.
Isabella stellte sich neben mich.
— Dominic, sie hat recht.
— Mutter…
— Du wolltest ihr deinen Namen geben. Dann gib ihr auch die Wahrheit.
Enzo schob die Tür zu und legte die Pistole auf den Tisch. Sie schlitterte über die Metallfläche.
— Wir fahren nicht zum Bahnhof, sagte er.
Dominic drehte sich um.
— Was?
— Der Anruf kam aus einem Wartungstunnel unter dem Krankenhaus. Ich habe die Nummer zurückverfolgt.
— Costa will, dass wir zum Bahnhof fahren, sagte Isabella.
— Ja. Und währenddessen holen seine Leute Ellen aus dem Keller des Krankenhauses.
Ein dumpfer Schlag kam aus dem Flur.
Dann noch einer.
Die Stationslampe flackerte. Eine Krankenschwester schrie irgendwo hinter der Tür.
Dominic nahm seine Waffe vom Gürtel.
— Enzo, bleib bei Mara.
— Nein, sagte ich.
— Das war keine Bitte.
— Und meine Ehe war keine Entscheidung.
Er sah mich an. Für einen Moment war er nicht der gefürchtete Mann aus dem Ballsaal, sondern jemand, der begriff, dass er seine eigene Schutzmauer nicht mehr kontrollierte.
Die Tür flog auf.
Ein Mann in grauer Krankenhauskleidung stürmte herein. Enzo rammte ihn gegen den Schrank, doch der Fremde schlug mit einem Metalltablett nach ihm. Die Kante traf Enzos Schulter. Ich griff nach dem Tablett und stieß es weg.
Dominic feuerte nicht. Er packte den Mann am Kragen und drückte ihn gegen die Wand.
— Wo ist Ellen?
Der Mann grinste blutig.
— In der alten Wäscherei. Costa wartet nicht auf euch. Er wartet auf sie.
Dominic schlug ihn nicht. Er drehte nur dessen Handgelenk, bis ein Schlüsselbund zu Boden fiel.
An einem Schlüssel hing eine kleine Messingmarke mit der Nummer 17.
Ich kannte sie.
Meine Mutter trug seit Jahren eine identische Marke an einer dünnen Lederschnur um den Hals. Ich hatte sie immer für einen alten Schließfachschlüssel gehalten.
— Das ist kein Schlüssel, sagte ich.
Dominic hob die Marke auf.
— Es ist die Nummer eines Schließfachs.
— Wo?
— Im Bahnhof.
Der Mann in Grau lachte.
— Costa hat euch genau dorthin geschickt, wo alles begann.
Enzo hielt sich die blutende Schulter.
— Vielleicht hat er sich verrechnet.
Dominic sah mich an.
— Du bleibst hier.
Ich nahm den Ring vom Bett und steckte ihn wieder auf meinen Finger.
Nicht aus Liebe.
Nicht aus Angst.
Als Zeichen dafür, dass ich selbst entscheiden würde, was dieser Name bedeutete.
— Ich komme mit, sagte ich.
— Du bist verletzt.
— Und du hast eine Frau geheiratet, die sich vor Kugeln geworfen hat. Tu nicht so, als hättest du etwas anderes erwartet.
Isabella schnaubte trotz ihrer Angst.
— Sie gefällt mir immer besser.
Wir verließen die Station durch einen Versorgungsgang. Der Geruch nach Desinfektionsmittel wich feuchter Erde und rostigem Wasser. Dominic stützte mich, obwohl ich seine Hilfe nicht verlangt hatte. Seine Hand lag an meiner Taille, vorsichtig, beinahe unsicher.
— Wenn wir Ellen finden, sagte er, musst du ihr nicht sofort vergeben.
— Dir auch nicht.
— Das weiß ich.
— Du hast mich überwachen lassen.
— Ja.
— Du hast einen Priester gerufen, während ich operiert wurde.
— Ja.
— Und du hast geglaubt, dein Name könne mein Leben retten.
Er blieb stehen.
— Das habe ich nicht geglaubt. Ich wusste es.
— Das ist dein Problem, Dominic. Du glaubst, Gewissheit ersetzt Zustimmung.
Er sah zu Boden.
— Mein Bruder starb, weil ich zu lange gewartet habe, bis er mir vertraute. Bei dir wollte ich nicht noch einmal warten.
Ich wusste nicht, dass Daniel sein Bruder gewesen war. Die Worte trafen mich so unerwartet, dass ich seine Hand losließ.
— Dein Bruder?
— Nicht durch Blut. Aber durch alles, was zählt. Er hat mich aus einem brennenden Lagerhaus gezogen. Danach versprach ich ihm, Ellen und dich zu finden, falls er es nicht schaffen sollte.
— Und du hast dreiundzwanzig Jahre gebraucht.
— Ich fand dich vor drei Monaten.
— Zu spät.
— Ja.
Das war die erste Antwort von ihm, die nicht wie eine Waffe klang.
In der alten Wäscherei fanden wir Ellen zwischen rostigen Wagen. Ihre Hände waren gefesselt, doch sie stand aufrecht. Neben ihr lag eine offene Kiste mit medizinischen Akten.
Ein Mann hielt ihr ein Messer an den Hals.
— Dominic Rossi, sagte er. Du bringst die Tochter deines toten Buchhalters. Wie rührend.
— Lass sie gehen.
— Erst die Marke.
Ich trat vor.
— Du willst die Nummer 17? Dann nimm sie.
Ellen schrie:
— Mara, nein!
Ich zog die Messingmarke von der Lederschnur, die mir Dominic aus der Tasche gegeben hatte. Der Mann riss sie an sich und steckte sie in ein kleines Gerät. Ein rotes Licht blinkte.
— Falsch, sagte er.
Dominic hob die Waffe.
— Noch ein Schritt, und du stirbst.
Der Mann drückte das Messer fester an Ellens Hals.
— Die Marke ist nur die Hälfte. Die andere Hälfte trägt Mara.
Ich verstand plötzlich. Die dünne Narbe unter meinem rechten Schlüsselbein. Die Stelle, die ich seit meiner Kindheit hatte und für eine missglückte Operation hielt.
— Mein Vater hat den Schlüssel in meinen Körper bringen lassen, sagte ich.
Ellen weinte lautlos.
— Daniel wollte, dass niemand ihn findet. Er ließ eine kleine Metallkapsel unter deine Haut setzen, als du ein Baby warst. Ich sollte sie entfernen lassen, sobald du sicher bist.
— Du hast gewusst, dass sie in mir steckt?
— Ich wusste, dass du sonst sterben würdest.
Dominic trat neben mich.
— Costa hat die Unterlagen durchsucht, weil er wusste, dass Ellen die Marke besitzt. Er wusste nur nicht, dass der eigentliche Schlüssel bei Mara liegt.
Der Mann im grauen Kittel hob den Kopf.
— Woher weißt du das?
Enzo kam hinter ihm aus dem Schatten. In seiner unverletzten Hand hielt er die zweite Seite von Daniels Erklärung.
— Weil du gerade selbst bestätigt hast, dass Costa nichts von der Kapsel wusste.
Der Mann erstarrte.
Isabella trat aus dem Gang. Hinter ihr standen zwei Männer aus der Sicherheitsmannschaft des Hotels. Sie hatten den Krankenwagen verfolgt und Costa im Bahnhof gefunden.
Der Geiselnehmer wich zurück.
— Ihr habt keine Beweise.
Ellen lachte heiser.
— Doch. Daniel hat nie eine Kapsel in Mara eingesetzt.
Alle sahen sie an.
— Was? fragte ich.
Ellen blickte zu Dominic.
— Ich habe ihm die ganze Wahrheit nicht gesagt. Daniel versteckte den Schlüssel nicht in dir. Er versteckte ihn in deiner Narbe. Aber die Kapsel wurde vor sechs Monaten entfernt.
Dominic wurde blass.
— Wer hat sie entfernt?
— Ich, sagte Ellen. Und ich habe den Schlüssel an die Klinik geschickt, damit er in Maras Akte liegt.
Nora trat aus der hinteren Tür. In ihrer Hand hielt sie eine kleine Glasampulle.
Darin lag ein winziger schwarzer Speicherchip.
— Deine Mutter hat mir ihn vor drei Tagen gegeben, sagte sie. Nicht Costa.
— Wem dann? fragte ich.
Ellen schloss die Augen.
— Daniel hatte Angst vor Dominic. Er glaubte, dass Dominic nach seinem Tod selbst zu dem Mann werden würde, den er bekämpfte. Deshalb sollte der Chip niemals bei ihm landen.
Dominic nahm diese Worte entgegen, ohne sich zu verteidigen.
Der Geiselnehmer griff nach Ellen.
Ich riss einen Metallwagen herum. Er krachte gegen seine Knie. Enzo stieß ihn zu Boden, und die Sicherheitsleute fesselten ihn mit Kabelbindern.
Im selben Moment heulten draußen Sirenen auf.
Diesmal ließ Dominic den Mann nicht verschwinden. Er übergab ihn den Ermittlern, zusammen mit Daniels Erklärung, den Kontobelegen und dem Chip. Victor Costa wurde noch am selben Abend festgenommen, als er aus dem Bahnhof fliehen wollte. Seine Konten wurden eingefroren, seine Männer sagten aus, und die Familie Rossi verlor mehr Geld, als ich in meinem ganzen Leben gesehen hatte.
Dominic verlor außerdem die Kontrolle über seine Geschäfte.
Nicht durch einen Feind.
Durch Isabella.
Sie zwang ihn, alle legalen Unternehmen in eine Stiftung umzuwandeln, die die Klinik meiner Mutter und die Familien der erschossenen Kellner finanzierte. Den illegalen Teil ließ sie schließen. Dominic widersetzte sich nicht.
Drei Tage später saß ich wieder im Krankenhaus, diesmal ohne Beatmungsgerät. Sieben Kugeln waren entfernt worden. Eine war noch immer tief an meiner Wirbelsäule, zu gefährlich für eine Operation.
Dominic stand an meinem Bett und hielt den Ehering zwischen Daumen und Zeigefinger.
— Wenn du willst, lasse ich die Ehe annullieren, sagte er.
— Du kannst das?
— Ich kann vieles. Aber diesmal entscheidest du.
Ich nahm den Ring nicht.
— Ich bleibe verheiratet.
Sein Gesicht veränderte sich.
— Warum?
— Weil ich deinen Namen nicht brauche, um geschützt zu sein. Aber ich will, dass du jeden Morgen daran erinnert wirst, dass er mir gehört, solange ich ihn trage.
Er nickte langsam.
— Das ist fair.
— Noch etwas.
— Was?
— Du sagst mir alles. Keine Akten. Keine Priester. Keine Entscheidungen über meinen Kopf hinweg.
— Alles, sagte er.
Ellen lag im Bett neben mir. Ihre Hand zitterte, als sie mir die kleine Lederschnur reichte. Die Messingmarke war in der Mitte zerbrochen. Ich steckte sie nicht wieder um den Hals.
Stattdessen legte ich sie auf Daniels Erklärung und schob beides in einen Umschlag für die Stiftung.
Die letzte Kugel blieb in meinem Körper.
Nicht als Zeichen meiner Schwäche, sondern als Grund, warum ich nie wieder glaubte, etwas sei vorbei, nur weil ein Mann es behauptete.
Am Abend kam Dominic mit einem Teller Krankenhauspudding zurück. Er stellte ihn vor mich und sah auf meinen Verband.
— Der Arzt sagt, du musst essen.
— Der gefürchtetste Mann von New York bringt mir Pudding?
— Ich lerne noch.
Ich nahm den Löffel, probierte und verzog das Gesicht.
— Das ist widerlich.
Zum ersten Mal lächelte er, ohne dass es wie eine Drohung wirkte.
Auf dem Tisch zwischen uns lag Daniels Chip in einer durchsichtigen Schale. Darauf befanden sich Namen, Konten und die letzte Nachricht meines Vaters.
Dominic las sie nicht.
Er wartete, bis ich ihm den Chip selbst zuschob.
Und als ich es tat, sagte ich: — Jetzt fangen wir mit der Wahrheit an.
Missed the beginning?







