Ich behauptete, der mächtigste Mann der Stadt könne nicht küssen – dann blieb er mitten im Laden stehen und sah mich an

„Er kann bestimmt furchtbar küssen.“

Ich flüsterte den Satz meiner besten Freundin Dalia zu und wünschte mir im selben Augenblick, mein Mund hätte sich einfach selbst verschlossen.

Dalias Augen wurden riesig.

Mitten auf dem polierten Marmorboden der Boutique Bellatore blieb Silas Romano stehen.

Nicht langsamer.

Er blieb stehen.

Sein anthrazitfarbener Mantel hing über einem Arm. In seinem dunklen Haar schimmerten silberne Strähnen. Zwei Männer in maßgeschneiderten Anzügen standen hinter ihm und betrachteten plötzlich mit großer Aufmerksamkeit eine leere Wand.

Mir wurde heiß und kalt zugleich.

Silas drehte sich um.

Unsere Blicke trafen sich zwischen Seidenkleidern, Messingständern und all den schlechten Entscheidungen, die ich seit dem Frühstück getroffen hatte.

„Nein“, hauchte Dalia.

„Oh doch“, flüsterte ich zurück.

Silas kam auf uns zu. Mit sechzig Jahren bewegte er sich nicht wie ein Mann, der irgendjemanden beeilen musste. Jeder Schritt war langsam, ruhig und dadurch viel beunruhigender.

Die Stadt erzählte sich Geschichten über ihn. Manche nannten ihn Geschäftsmann. Andere senkten dabei die Stimme und benutzten ein Wort, das ich nicht aussprechen wollte. Er besaß Restaurants, Lagerhäuser, Wohnanlagen und so viele Firmen, dass selbst seine Buchhalter angeblich den Überblick verloren.

Was alle wussten, war einfacher.

Wenn Silas Romano einen Raum betrat, folgte ihm Macht.

Und Stille.

Er blieb vor mir stehen.

„Habe ich gerade meinen Namen gehört?“

„Nein.“

Die Antwort kam viel zu schnell.

Sein Mundwinkel hob sich kaum merklich.

„Und den Teil über meinen Kuss?“

Dalia griff nach einem Kleid, als hinge ihr Leben davon ab, den Stoff zu prüfen.

Ich wollte davonlaufen. Stattdessen hob ich das Kinn.

„Ich sagte vermutlich.“

„Eine wichtige Einschränkung.“

„Eine wissenschaftlich begründete.“

„Worauf beruht Ihre Forschung?“

Ich schluckte.

„Sie sehen ungeduldig aus.“

Einer seiner Männer starrte zur Decke.

Silas betrachtete mich lange. Dann zeigte er auf einen dunkelblauen Anzug hinter mir.

„Ich bin am Freitag zu einem Familienessen eingeladen.“

„Das tut mir leid.“

Dalia verschluckte sich fast.

„Sie sollen mir helfen, etwas Passendes zu finden“, sagte er.

So begann es. Nicht mit Champagner. Nicht mit einem Versprechen. Sondern damit, dass ich Charleston bekanntestem gefürchtetem Mann erklärte, eine Jacke für siebentausend Dollar lasse ihn aussehen, als würde er zu seiner eigenen Beerdigung gehen.

„Mein Schneider hat diesen Schnitt empfohlen“, sagte er vor dem Spiegel.

„Ihr Schneider fürchtet Sie.“

„Die meisten Menschen tun das.“

„Dann wäre ein anderer Schneider vielleicht ein guter Anfang.“

Zum ersten Mal lachte Silas. Leise, rau und ungewohnt, als hätte er das Geräusch jahrelang nicht benutzt.

Von diesem Tag an kam er immer wieder in die Boutique. Angeblich brauchte er Hemden, Manschettenknöpfe oder eine Krawatte. Tatsächlich besaß er bereits dreiundzwanzig dunkelblaue Krawatten.

„Warum sind Sie wirklich hier?“, fragte ich eines Nachmittags.

Er sah zu Dalia, die hinter einer Schaufensterpuppe so tat, als höre sie nichts.

Dann beugte er sich zu mir.

„Ich wollte Kaffee.“

„In dieser Straße gibt es acht Cafés.“

„Keines davon hat Sie.“

Drei Sekunden lang vergaß ich zu atmen.

Er ging, bevor ich antworten konnte.

Das ärgerte mich.

Noch mehr ärgerte mich, dass ich die nächste Stunde lächelte.

Sechs Wochen lang lernte Silas, dass ich Kaffee mit zu viel Sahne trank und in ein zerfleddertes Notizbuch Kleider zeichnete. Ich erfuhr, dass er alte Kriminalromane mochte, Oper hasste und genau drei Gerichte kochen konnte.

Dann tauchte an einem regnerischen Dienstag ein cremefarbener Umschlag auf meinem Arbeitstisch auf.

Darauf stand nur mein Name.

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Als ich ihn berührte, legte sich hinter mir eine Hand auf die Glasplatte.

„Lesen Sie ihn nicht hier“, sagte Silas.

Sein Gesicht hatte jede Wärme verloren. Und bevor ich fragen konnte, wer den Umschlag geschickt hatte, öffnete sich die Ladentür, und einer seiner Männer griff unter seine Jacke…

TEIL 2

… und zog keine Waffe hervor, sondern einen zweiten Umschlag.

Er legte ihn neben den ersten.

„Der lag heute Morgen vor Ihrem Wagen“, sagte er.

Ich sah Silas an.

„Was ist hier los?“

Draußen rann Regen über die Schaufensterscheibe. Drinnen roch es nach Leder, warmem Staub und dem bitteren Kaffee, den ich vergessen hatte zu trinken.

Silas nahm den ersten Umschlag, ohne ihn zu öffnen.

„Jemand möchte, dass Sie Angst bekommen.“

„Das gelingt ihm gerade ziemlich gut.“

„Sie müssen mir zuhören, Camila.“

„Nein. Sie müssen mir endlich etwas erklären.“

Dalia war neben mir und hielt noch immer den Stoff eines Abendkleides in den Fingern. Ihre Knöchel waren weiß.

„Camila“, sagte sie leise, „vielleicht solltest du nach hinten gehen.“

„Nein“, antwortete ich. „Ich arbeite hier. Ich renne nicht aus meinem eigenen Laden, weil ein mächtiger Mann seine Geheimnisse nicht im Griff hat.“

Silas’ Blick wurde hart, aber nicht gegen mich. Eher gegen etwas, das nur er sehen konnte.

„Sie haben Ihren Namen benutzt, um Druck auf mich auszuüben.“

„Wer?“

„Jemand aus meiner Familie.“

Ein kalter Tropfen lief mir unter dem Kragen hinab.

„Und was soll ich damit zu tun haben?“

Er öffnete den zweiten Umschlag. Darin lag ein Foto von mir vor Bellatore, aufgenommen am Vorabend. Ich stand mit einer Einkaufstüte unter der Markise. Auf der Rückseite war mit schwarzer Tinte geschrieben: Wenn du ihn liebst, wird sie sterben.

Ich starrte auf den Satz.

Silas nahm mir das Foto aus der Hand.

„Ich liebe ihn nicht“, sagte ich automatisch.

Seine Finger schlossen sich um das Papier.

„Das habe ich nicht behauptet.“

„Sie sehen aber so aus.“

„Ich sehe aus, als würde ich versuchen, Sie am Leben zu halten.“

„Vielleicht hätte ich gern die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ob ich in Gefahr bin.“

Er schwieg. Dann zog er einen kleinen messingfarbenen Schlüssel aus der Manteltasche. An ihm hing ein verblichenes grünes Band, wie es früher an den Schlüsseln meiner Mutter befestigt gewesen war.

Mein Magen zog sich zusammen.

„Woher haben Sie das?“

Silas sah den Schlüssel an, als hätte er ihn selbst vergessen.

„Er gehörte Ihrer Mutter.“

Die Welt wurde plötzlich zu eng.

Meine Mutter war vor acht Jahren gestorben. Sie hatte nie über Silas Romano gesprochen. Nie seinen Namen erwähnt. Nicht einmal, als ich sie nach den Jahren gefragt hatte, in denen sie in Charleston Ferienhäuser gereinigt hatte.

„Sie kannten sie?“

„Ja.“

„Wie gut?“

Er antwortete nicht schnell genug.

Ich schlug mit der Hand auf den Tisch.

„Wie gut kannten Sie meine Mutter?“

Sein Begleiter bewegte sich, doch Silas hob eine Hand.

„Sehr gut.“

Dalia sog scharf die Luft ein.

„War sie wegen Ihnen in Schwierigkeiten?“

„Nein.“

„Hat sie für Sie gearbeitet?“

„Nein.“

„Dann sagen Sie mir die Wahrheit!“

Silas trat näher. Sein Rasierwasser roch nach Zedernholz, aber darunter lag etwas Metallisches, Kühles.

„Ihre Mutter hat mir vor neunzehn Jahren das Leben gerettet.“

Ich wollte lachen, doch kein Ton kam heraus.

„Und dafür schicken Sie mir anonyme Drohungen?“

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„Nicht ich.“

„Aber Sie wissen, wer es ist.“

Sein Handy vibrierte. Er nahm es heraus, las die Nachricht und wurde noch blasser.

„Was steht da?“, fragte ich.

Er drehte den Bildschirm zu mir.

Kommen Sie allein zum alten Fähranleger. Bringen Sie die Frau mit. Wenn nicht, erfährt sie, warum ihre Mutter wirklich sterben musste.

Unter der Nachricht stand ein Name.

Matteo Romano.

Silas’ Sohn.

„Sie bleiben hier“, sagte er.

„Nein.“

„Camila.“

„Wenn es um meine Mutter geht, komme ich mit.“

„Das ist keine Bitte.“

„Dann hören Sie auf, mich wie eine Angestellte zu behandeln.“

Draußen schlug der Regen gegen die Scheiben. Silas steckte das Handy ein und sah mich an, als hätte ich gerade etwas viel Gefährlicheres getan, als ihm widersprochen.

„Wenn Sie mitkommen“, sagte er, „kann ich Sie nicht mehr aus dieser Sache heraushalten.“

Ich nahm meinen Mantel vom Haken.

„Vielleicht war ich schon längst darin.“

Am alten Fähranleger roch die Luft nach Flusswasser und nassem Holz. Matteo wartete unter dem rostigen Dach einer verlassenen Lagerhalle. Er war Anfang dreißig, trug einen hellen Mantel und lächelte mit den Augen seines Vaters.

„Du hast sie wirklich mitgebracht“, sagte er.

„Du hast sie bedroht“, erwiderte Silas.

Matteo hob eine braune Ledermappe.

„Ich habe nur dafür gesorgt, dass sie Fragen stellt.“

Er schlug die Mappe auf und zog ein vergilbtes Dokument hervor.

„Ihre Mutter hat damals nicht nur dein Leben gerettet, Vater. Sie hat etwas unterschrieben.“

Sein Finger glitt über eine Zeile.

„Und wenn Camila diese Unterschrift sieht, wird sie endlich verstehen, wem das Romano-Vermögen wirklich gehört …“

TEIL 3

… Matteo wollte den Satz beenden, doch hinter ihm klapperte eine Tür.

Eine kleine, gebeugte Frau trat aus dem Schatten der Lagerhalle. Sie trug eine dunkelrote Wollmütze und hielt eine Blechdose gegen ihre Brust.

Silas fuhr herum.

„Teresa?“

Die Frau blieb stehen.

„Es reicht, Silas.“

Matteos Lächeln verschwand.

„Du solltest nicht hier sein.“

„Ich war dabei, als alles begann“, sagte Teresa. „Dann werde ich auch dabei sein, wenn du endlich aufhörst, deine Mutter für deine Lügen zu benutzen.“

Ich kannte sie. Teresa Bellini hatte früher im Haushalt meiner Mutter gearbeitet. Sie hatte mir als Kind immer Zucker in die Milch gerührt und behauptet, meine Mutter sei die mutigste Frau, die sie kenne.

Meine Knie wurden weich.

„Sie wissen, was passiert ist?“

Teresa stellte die Blechdose auf eine Holzkiste. Der Deckel war an einer Stelle eingedellt.

„Ich weiß, dass deine Mutter nicht gestorben ist, weil sie sich in etwas eingemischt hat.“

Silas schloss die Augen.

Matteo trat vor.

„Hör auf, alte Geschichten zu erzählen.“

„Dein Vater hat sie jahrelang erzählt“, erwiderte Teresa. „Nur nie die richtige.“

Sie öffnete die Dose. Darin lagen ein Schlüssel, mehrere gefaltete Briefe und ein kleines Notizbuch mit ausgefranstem Rand.

„Deine Mutter, Rosa Hartwell, war Buchhalterin in einem der Lagerhäuser deines Großvaters“, sagte Teresa zu mir. „Sie fand heraus, dass dein Großvater Arbeiter um Löhne betrog und Geld über Strohleute verschwinden ließ. Silas wollte ihn anzeigen.“

Ich sah Silas an.

„Sie wollten ihn anzeigen?“

„Ich war damals vierzig“, sagte er. „Ich hatte Angst, aber ich wollte aus dem Geschäft aussteigen.“

„Und meine Mutter?“

Teresa legte einen Brief auf die Kiste.

„Rosa sammelte Beweise. Als dein Großvater es bemerkte, schickte er zwei Männer zu ihr. Silas kam zu spät. Rosa stellte sich zwischen sie und ihn.“

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Silas’ Gesicht wurde starr.

„Sie wurde nicht getötet“, fuhr Teresa fort. „Aber sie wurde schwer verletzt. Sie wusste, dass sie mit dir verschwinden musste. Silas brachte euch heimlich aus Charleston fort und bezahlte die Behandlung deines Vaters. Danach sorgte er dafür, dass niemand euch fand.“

Ich hörte nur noch meinen eigenen Atem.

„Warum hat meine Mutter mir nie etwas erzählt?“

„Weil sie glaubte, Silas sei tot“, sagte Teresa. „Er ließ sie das glauben, damit dein Großvater euch nicht als Druckmittel benutzen konnte.“

„Und warum sind Sie jetzt wieder in meinem Leben aufgetaucht?“

Silas antwortete selbst.

„Weil mein Vater tot ist und Matteo seine Geschäfte übernommen hat.“

Matteo lachte scharf.

„Du hast immer so getan, als würdest du mich schützen. In Wahrheit hast du alles vor mir verborgen. Die Bücher, die Konten, die Vereinbarung mit Rosa.“

Er riss das Dokument aus der Mappe und hielt es hoch.

„Ihre Mutter hat unterschrieben, dass Silas sämtliche illegalen Firmen auflösen muss, sobald du volljährig bist. Sonst sollte ihr Anteil an den Gewinnen an dich fallen.“

Ich nahm das Papier. Die Tinte war verblasst, aber die Unterschrift meiner Mutter erkannte ich sofort.

„Das ist kein Anteil“, sagte Silas. „Es ist ein Treuhandvertrag. Rosa wollte, dass das Geld an die Arbeiter geht, die dein Großvater bestohlen hatte.“

Matteo wurde rot.

„Und du wolltest ihn erfüllen? Alles weggeben?“

„Ja.“

„Dann verliere ich alles!“

„Nein“, sagte Silas. „Du verlierst nur, was dir nie gehört hat.“

Matteo griff nach meinem Arm. Silas war schneller. Seine Hand schloss sich um Matteos Handgelenk, und plötzlich war von dem charmanten Mann aus der Boutique nichts mehr übrig.

„Fass sie nie wieder an.“

Matteo verzog das Gesicht.

Teresa nahm das Notizbuch aus der Dose.

„Es gibt noch etwas. Rosa hat die Namen aller Firmen und Konten aufgeschrieben. Nicht in diesem Buch. Auf der letzten Seite steht nur, wo die Originale liegen.“

Sie schlug das Buch auf. Die letzte Seite war leer, bis auf eine Zeichnung: ein kleines, schiefes Kleid mit drei Knöpfen.

Mein Atem stockte.

Ich hatte genau dieses Kleid als Kind gezeichnet. Meine Mutter hatte es gerahmt und über ihren Schreibtisch gehängt.

„Der Schlüssel“, sagte Silas.

Ich legte den messingfarbenen Schlüssel in die Mitte der Zeichnung.

„Er öffnet was?“

Teresa sah mich an.

„Das Fach, in dem Rosa die Wahrheit versteckt hat.“

In diesem Moment klingelte Silas’ Handy erneut. Er nahm ab. Seine Miene veränderte sich.

„Was ist passiert?“, fragte ich.

Er reichte mir das Telefon.

Am anderen Ende sprach eine fremde Männerstimme.

„Frau Hartwell, Ihr Vater ist nicht in Savannah. Er wurde heute Morgen aus der Rehaklinik geholt. Wenn Sie die Unterlagen finden, sehen Sie ihn nicht wieder.“

Dann brach die Verbindung ab.

Silas griff nach seinem Mantel.

„Wo liegt das Fach?“, fragte ich.

Teresa sah zu Matteo, und in ihrem Gesicht lag plötzlich etwas, das schlimmer war als Angst.

„Unter Bellatore“, sagte sie. „Und jemand ist bereits dort …“

FINALE TEIL

Als ich den Brief meiner Mutter las, wurde Silas ganz blass…

Ich dachte, ich hätte endlich verstanden, wer Silas wirklich war. Dann fand ich die Wahrheit dort, wo ich jeden Tag gearbeitet hatte.

Silas sah mich an und wartete auf mein Urteil.
„Du entscheidest.“
Dalia legte langsam den Feuerlöscher aus der Hand.

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