Als Xenia mitten vor dem Traualtar erklärte, sie würde lieber ohne alles gehen, ließ der Priester das schwere Kirchenbuch sinken.
Der Hof meiner Eltern lag an diesem warmen Junimorgen voller Menschen. Zwischen dem alten Birnbaum und dem hölzernen Stall standen Tische mit bestickten Tüchern, Schalen mit Kirschen und ein Fass, aus dem mein Onkel bereits vor der Zeremonie getrunken hatte. In meiner Hand hielt ich den abgetragenen Filzhut meines verstorbenen Vaters. Ich hatte ihn nur genommen, weil meine Finger so stark zitterten.
Xenia hob den Schleier an.
– Ich kann das nicht, Andrij.
Ein Raunen ging durch die Gäste.
– Was kannst du nicht? – fragte ich, obwohl ich die Antwort längst spürte.
Sie sah nicht mich an, sondern die staubigen Stiefel meiner Mutter, die rostige Pumpe neben dem Brunnen und die niedrigen Gebäude unseres Hofes.
– In diesem Anwesen verrotte ich. Ich will kein Leben zwischen Vieh, Getreidesäcken und Menschen, die kaum lesen können.
Meine Mutter presste die Hand an ihre Brust.
– Xenia, Kind, nicht heute.
– Gerade heute – sagte sie und riss den Schleier aus ihrem Haar.
Die Perlen daran fielen in den Staub. Eine rollte bis an meinen Stiefel. Ich bückte mich nicht danach.
Sie nahm ihren kleinen Koffer, ging durch die Reihe der Gäste und stieg in ein wartendes Auto. Niemand hielt sie auf. Nicht einmal ich.
Am Abend saß ich im Stall neben Lutschik. Der alte Wallach hatte eine schief geborene Hinterhand und war deshalb auf jedem Markt als wertlos bezeichnet worden. Ich hatte ihn mit einer Flasche großgezogen, nachdem seine Mutter bei der Geburt gestorben war. Sein warmer Atem strich über meine Finger.
– Jetzt sind nur noch wir beide übrig – flüsterte ich.
Lutschik legte den Kopf an meine Schulter. Das Leder seines alten Halfters knarrte, und plötzlich war dieses Geräusch das Einzige, was mich nicht verletzte.
In den nächsten Monaten arbeitete ich weiter. Ich reparierte den Zaun von Xenias Eltern, schnitt ihr Brennholz und brachte ihrem Vater, der schlecht atmete, jeden Morgen Medikamente. Niemand wusste, ob ich es aus Liebe tat oder aus Gewohnheit. Vielleicht wusste ich es selbst nicht.
Xenia schickte keine Nachricht.
In der Stadt mietete sie ein Zimmer über einer lauten Gaststätte und arbeitete zuerst als Kellnerin. Dann traf sie Maxim Gorenko. Er versprach ihr eine Stelle in einem großen Hotel, nahm ihre Ausweispapiere an sich und erklärte, sie müsse zunächst 310.000 Griwna zurückzahlen. Für Unterkunft, Vermittlung und angebliche Gebühren.
Als sie nachts in einem verschlossenen Schrank die Unterlagen anderer Frauen fand, begriff sie, dass sie nicht die Erste war. Sie floh mit einer abgewetzten braunen Reisetasche, in deren Innenfutter noch der Geruch von billiger Seife hing.
Fast ein Jahr nach der Hochzeit erschien sie bei Sonnenuntergang vor unserem Hoftor.
Lutschik wieherte so laut, dass ich den Schraubenschlüssel fallen ließ.
Xenia stand auf dem Weg. Ihr Mantel war zu dünn, ihre Hände waren aufgerissen, und unter ihrem Auge lag ein gelblicher Schatten.
– Andrij, ich habe alles zerstört – sagte sie.
Dann fiel sie vor mir auf die Knie.
– Ich verlange nicht, dass du die Vergangenheit zurückholst. Ich bitte dich nur um Vergebung.
– Steh auf – sagte ich. – Niemand kniet vor mir.
Da dröhnte ein Wagen über die steinige Straße. Maxim stieg aus, schwenkte eine Mappe und lächelte, als gehöre ihm der Hof bereits.
– Sehr rührend – sagte er. – Aber Xenia schuldet mir Geld. Wenn sie nicht zahlt, nehme ich, was ihr gehört.
Er breitete die Papiere auf dem Brunnenrand aus. Dort stand die Unterschrift von Xenias Vater. Doch als Xenia sie sah, wich das Blut aus ihrem Gesicht.
– Diese Unterschrift stammt nicht aus dem Vertrag – flüsterte sie. – Sie stammt aus einer anderen Sache.
Ich nahm das oberste Blatt. Im gleichen Augenblick hörte ich hinter dem Stall ein metallisches Klirren, und Maxim fuhr herum, als hätte jemand seinen Namen gerufen. Dann griff ich nach der Mappe und zog das nächste Dokument hervor…
TEIL 2
…Meine Finger berührten das Papier, bevor Maxim die Mappe an sich reißen konnte.
– Lassen Sie das liegen – sagte er scharf.
– Warum? – fragte ich.
– Weil es nicht für Bauernhände bestimmt ist.
Der Satz blieb zwischen uns hängen. Xenias Vater, Pawlo, trat aus dem Haus. Er hielt sich am Türrahmen fest, weil seine Beine schwach waren. Neben ihm stand meine Mutter mit dem Medikamentenglas in der Hand.
– Was hast du unterschrieben, Pawlo? – fragte ich.
Maxim schob sich vor ihn.
– Ihr Vater hat den Vertrag freiwillig bestätigt. Xenia hat Geld angenommen und nicht zurückgezahlt.
– Ich habe kein Geld angenommen – sagte Xenia. – Du hast meine Dokumente genommen.
– Du hast in meinem Zimmer gewohnt.
– In einem Zimmer, dessen Fenster von außen verriegelt war!
Maxim lächelte wieder, aber seine rechte Hand zitterte. An seinem Daumen klebte ein schwarzer Fleck von der Druckerschwärze. Ich sah auf die erste Seite und erkannte, dass mehrere Unterschriften mit derselben Tinte geschrieben worden waren.
– Warum steht hier der Name meines Hofes? – fragte ich.
Er antwortete zu schnell.
– Als Sicherheit.
– Für einen privaten Arbeitsvertrag meiner früheren Braut?
– Sie sind nicht beteiligt.
– Das entscheide ich selbst.
Der Wind blätterte die Seiten um. Zwischen den Forderungen lag ein Verzeichnis mit acht Namen, acht Beträgen und acht kleinen Grundstücken. Neben jedem Namen stand eine handschriftliche Bemerkung: zahlungsunfähig, keine Familie, leicht einzuschüchtern.
Xenia wurde bleich.
– Ich habe diese Liste gesehen – sagte sie. – In einem Schrank hinter seinem Schreibtisch. Dort lagen die Papiere von Frauen, die genauso verschwunden waren wie ich.
Maxim packte ihren Arm.
– Du wirst jetzt aufhören, Lügen zu erzählen.
Ich stellte mich zwischen sie.
– Nehmen Sie die Hand von ihr.
– Oder was?
Lutschik schlug im Stall gegen die Bretter. Das Tor vibrierte. Maxim musterte den Wallach und lachte leise.
– Ein krummbeiniger Gaul und ein Analphabet wollen mich bedrohen?
Ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg. Diesen Spott kannte ich seit meiner Kindheit. Ich hatte nie eine Schule besucht, weil ich meine kranke Mutter pflegen und auf dem Hof arbeiten musste. Aber ich hatte gelernt, Menschen an ihren Händen zu erkennen. Maxim hielt seine linke Hand ruhig. Nur die rechte verriet ihn.
– Ich kann vielleicht nicht jedes Wort lesen – sagte ich. – Aber ich erkenne, wenn jemand Angst hat.
Sein Lächeln verschwand.
Pawlo bat um die Mappe. Mit unsicheren Fingern zeigte er auf eine Stelle am unteren Rand.
– Diese Unterschrift ist nicht meine.
– Du hast sie doch vor dem Notar gesetzt – widersprach Maxim.
– Nein. An diesem Tag lag ich im Krankenhaus.
Meine Mutter sah mich an.
– Andrij, hol das alte Kassenbuch aus der Werkstatt.
Ich wusste sofort, welches sie meinte. Seit Jahren schrieb ich darin jeden Einkauf und jede Zahlung ab. Nicht schön, aber ordentlich. Darin konnte stehen, wo Pawlo an jenem Tag gewesen war.
Während ich zur Werkstatt lief, hörte ich Maxim hinter mir rufen:
– Wenn du dieses Buch bringst, brennt dein ganzer Hof noch vor Mitternacht!
Ich blieb stehen.
Als ich mich umdrehte, hielt Xenia eine lose Seite in der Hand. Darauf war nicht nur Pawlos Name zu lesen. Unter dem Vertrag stand eine zweite Klausel, die Maxim bisher verborgen hatte.
Xenia las sie laut vor und sah mich dann an.
– Andrij, er will nicht nur meinen Vater enteignen. Er hat deinen Hof bereits als seinen Besitz eingetragen.
Maxim ging rückwärts zum Wagen.
– Ihr versteht nicht, was ihr da tut.
– Dann erklären Sie es – sagte ich.
Er griff in seine Jacke und zog einen Schlüsselbund heraus. An einem Schlüssel hing ein kleines Messingschild mit der Nummer unseres Grundstücks.
In diesem Moment fuhr am Ende der Straße ein schwarzer Wagen vor. Eine Frau stieg aus, hielt einen Umschlag an die Brust und rief, sie könne beweisen, wer die Verträge unterschrieben hatte. Maxim blickte zu ihr, und sein Gesicht veränderte sich…
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TEIL 3
TEIL 3
…Die Frau blieb am Tor stehen, als hätte sie dort eine unsichtbare Grenze erreicht.
– Ich heiße Irina Melnyk – sagte sie. – Und ich habe sieben Jahre für Maxim gearbeitet.
Maxim machte einen Schritt auf sie zu.
– Du weißt, was passiert, wenn du redest.
Irina hob den Umschlag höher.
– Das weiß ich besser als jeder andere.
Der Hof roch nach trockenem Heu und heißem Eisen. Eine Fliege setzte sich auf den Rand des Brunnens, während niemand sprach. Ich nahm Irina den Umschlag nicht ab. Ich wartete, bis sie selbst zu mir kam.
– Was ist darin? – fragte ich.
– Die Vollmacht, die Pawlo angeblich vor dem Notar unterschrieben hat. Und die Zahlungslisten der anderen Frauen.
Maxim lachte hart.
– Eine gekündigte Buchhalterin mit gestohlenen Papieren. Mehr ist sie nicht.
– Dann sehen Sie hinein – sagte Irina.
Ich öffnete den Umschlag. Das Papier war an den Rändern wellig, als hätte es lange in einem feuchten Keller gelegen. Oben stand das Datum des Tages, an dem Pawlo angeblich den Hof verpfändet hatte.
Meine Mutter schlug das Kassenbuch auf.
– An diesem Tag kaufte Andrij um neun Uhr zwölf Säcke Futter beim Händler in Danyliwka. Um elf Uhr brachte er Pawlo ins Krankenhaus. Um vierzehn Uhr zahlte ich dort die Behandlung.
Pawlo hob den Kopf.
– Ich lag drei Tage dort.
Irina zog ein weiteres Blatt heraus.
– Der Vertrag wurde aber um zwölf Uhr vierzig beglaubigt. In einem Büro, das zweihundert Kilometer entfernt liegt.
Maxim riss ihr das Blatt aus der Hand.
– Das beweist gar nichts.
– Doch – sagte Xenia. – Weil die Nummer des Notars hier steht.
Sie holte aus ihrer Tasche eine gefaltete Bescheinigung. Ihre Finger zitterten, aber ihre Stimme wurde fester.
– Ich habe den Notar gefunden, bevor ich aus der Stadt floh. Er sagte, Maxim habe ihm eine Liste mit Unterschriften gebracht. Er sollte nur stempeln und nicht fragen.
– Wo ist er? – fragte ich.
– In der Stadt. Er wartet auf mich.
Maxim schlug mit der Faust auf den Brunnenrand. Der Schlag ließ eine dünne Staubwolke aufsteigen.
– Ihr habt keine Ahnung, mit wem ihr euch anlegt!
– Doch – sagte Irina. – Mit einem Mann, der die Namen armer Menschen auf Grundstücke schreibt und ihnen danach Angst macht.
Sie zeigte auf das Verzeichnis. Neben jedem Namen stand derselbe Vermerk: Rückzahlung binnen dreißig Tagen, sonst Übertragung des Eigentums. Die angeblichen Darlehen waren nie ausgezahlt worden. Maxim hatte nur die Schulden erfunden, um die Unterschriften zu bekommen.
Mein Hof sollte als letzter fallen. Weil Maxim wusste, dass Pawlo mich nach Xenias Weggang um Hilfe bitten würde. Er hatte damit gerechnet, dass Scham und Misstrauen uns auseinanderhielten.
– Du hast uns absichtlich gegeneinander ausgespielt – sagte Xenia.
Maxim sah sie an.
– Ich musste nur warten. Du hast Andrij doch selbst für wertlos gehalten.
Diese Worte trafen sie sichtbarer als jeder Schlag. Ihre Lippen bebten.
Ich nahm den Vertrag und legte ihn auf den Tisch.
– Sie wollten meinen Hof. Aber wofür?
Irina antwortete statt ihm.
– Für den Zugang zur alten Lehmschicht unter eurem Land. Maxim wollte dort eine Ziegelei bauen. Er brauchte die Grundstücke der ganzen Reihe, und euer Hof war der letzte fehlende Teil.
Pawlo sank auf die Bank.
– Deshalb die Angebote. Deshalb die Drohungen.
Maxim griff nach dem Schlüsselbund, doch Lutschik riss im selben Moment am morschen Stalltor. Ein Brett sprang heraus und fiel vor Maxims Füße. Dahinter kam eine Blechkiste zum Vorschein.
Ich zog sie hervor. Darin lagen die Originale der Verträge, die Maxim offenbar auf unserem Hof versteckt hatte. Ganz unten lag ein Brief mit dem Siegel der Gemeinde.
Ich brach es auf.
Darin stand, dass die Genehmigung für die Ziegelei nur erteilt werden konnte, wenn alle Grundstücke noch am selben Tag übertragen würden. Und der Termin war morgen früh.
Dann klingelte Xenias Telefon. Sie hörte zu, wurde kreidebleich und reichte es mir.
Eine fremde Stimme sagte: „Wenn Maxim heute nicht mit den unterschriebenen Übertragungen erscheint, wird der Brand im Archiv auf euch zurückfallen. Und Andrij wird als Täter genannt werden.“
Hinter dem Stall knackte ein Zweig. Im hohen Gras bewegte sich jemand, und auf einmal begriff ich, dass Maxim nicht allein gekommen war…
CTA
Als Lutschik das Tor sprengte, änderte sich alles…
Ich dachte, es gehe nur um einen gefälschten Vertrag. Doch hinter Maxims Forderung stand ein viel größerer Plan.
Und dann tauchte jemand auf, der alles belegen konnte.
„Ich bin nicht mehr die Frau, die Sie aus dem Zimmer sperren konnten.“
Da wich er zurück.
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