TEIL 4 — Nach zehn Jahren Kinderwunsch wurde ich endlich schwanger – doch als ich meinen Adoptivsohn an die Hand nahm, verstummte das ganze Dorf

TEIL 4

Der Mann blieb neben dem Tor stehen und legte die Hand auf den rostigen Pfosten.

„Sie haben den Ordner gefunden“, sagte er.

Frau Riedel wurde kreidebleich.

„Saranow?“

„Mein Name ist Anton Saranow. Viktor Saranow war mein Vater.“

Aljoscha versteckte sich nicht hinter mir. Er stellte sich neben den Tisch, auf dem noch immer seine alte Spielzeugautoschachtel lag.

„Was wollen Sie?“, fragte Michail.

Anton sah zu ihm, dann zu Elena.

„Ich will, dass diese Sache aufhört, bevor sie meine Familie zerstört.“

„Ihre Familie?“, fragte ich.

Er lachte kurz, aber ohne Freude.

„Mein Vater ist tot. Seine Akten sind alles, was von ihm übrig ist. Wenn herauskommt, was er getan hat, verlieren wir das Heim, die Stiftung, alles.“

Frau Riedel ging einen Schritt auf ihn zu.

„Nicht die Akten haben Menschen zerstört. Ihr Vater hat es getan.“

Anton zog den Siegelring vom Finger. Er war schwer und aus dunklem Metall, mit einem Wappen, das an den Rändern abgenutzt war.

„Er hat mir immer gesagt, die jungen Mütter hätten ihre Kinder freiwillig abgegeben. Ich habe ihm geglaubt.“

„Und später?“, fragte ich.

„Später habe ich die Briefe gefunden.“

Die Nachbarin, die neben dem Bürgermeister stand, verschränkte die Arme.

„Das ist doch alles lange her. Der Junge lebt bei Vera. Sie ist schwanger. Vielleicht wäre es wirklich besser, wenn er zu Elena geht.“

Aljoscha drehte sich zu ihr um.

„Ich will nicht zu jemandem gehen. Ich will bei meiner Familie bleiben.“

Der Satz war ruhig. Gerade deshalb traf er alle.

Anton nahm den Brief mit dem Stempel des Jugendamtes aus der Hand des Bürgermeisters.

„Die Beschwerde war von mir“, sagte er.

Michail machte einen Schritt nach vorn.

„Sie haben versucht, uns den Jungen wegzunehmen?“

„Ich wollte Zeit gewinnen.“

„Indem Sie ein Kind bedrohen?“

„Ich wollte verhindern, dass Elena den Antrag stellt.“

Elena trat aus dem Schatten der Hauswand.

„Welchen Antrag?“

Anton sah zu Boden.

„Sie wollte die alten Entscheidungen anfechten. Mit den Briefen und der falschen Unterschrift hätte sie gute Chancen gehabt.“

„Ich will meinen Sohn nicht zurückholen“, sagte Elena. „Ich will nur, dass sein Leben nicht auf einer Lüge aufgebaut ist.“

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Anton hielt den Atem an.

„Mein Vater hat noch mehr getan“, sagte er. „Nicht nur bei Aljoscha. Es gibt sieben weitere Akten.“

Frau Riedel schloss die Augen.

„Sieben?“

„Ich habe die Kopien in meinem Wagen. Die Originale liegen noch im alten Heim. Wenn ich sie abgebe, ist die Stiftung erledigt.“

„Dann geben Sie sie ab“, sagte ich.

Er sah mich an.

„Sie verstehen nicht. Die Stiftung bezahlt die medizinische Versorgung von Kindern im Kreis. Wenn sie geschlossen wird, verlieren Dutzende ihre Behandlung.“

„Und deshalb soll Aljoscha wieder schweigen?“

„Nein.“

„Doch. Genau das verlangen Sie.“

Anton blickte auf meinen Bauch. Dann auf Aljoscha.

„Ich wollte, dass Sie ihn freiwillig zurückgeben. Dann wäre die Akte als erledigt gegolten. Keine Untersuchung. Kein Skandal.“

Mir wurde übel, aber nicht wegen der Schwangerschaft.

„Sie haben gedacht, eine schwangere Frau würde sich leichter einschüchtern lassen.“

„Ich habe gedacht, sie würde Angst um ihr ungeborenes Kind haben.“

„Die habe ich“, sagte ich. „Aber meine Angst entscheidet nicht, wer mein Sohn ist.“

Am nächsten Morgen trafen wir uns nicht im Rathaus, sondern im alten Heim. Das Gebäude roch nach nassem Holz und Heizöl. An der Wand hing noch ein verblasstes Bild mit lachenden Kindern, dessen Rahmen schief über einem Heizkörper hing.

Anton öffnete mit seinem Schlüssel den Archivraum.

„Ich bringe die Akten heraus“, sagte er.

Frau Riedel hielt ihn zurück.

„Nein. Wir gehen gemeinsam hinein.“

Er nickte.

In einem Metallschrank lagen die sieben Ordner. Auf jedem stand ein Kindername. Einer davon war Aljoschas Akte, mit einem roten Strich über dem Deckel.

Anton nahm sie heraus und legte sie auf den Tisch.

„Mein Vater hat die Briefe immer hier aufbewahrt. Er sagte, niemand werde je danach fragen.“

Elena stand neben mir. Ihre Hände zitterten.

„Warum haben Sie mich nicht früher gesucht?“, fragte sie.

Anton antwortete erst nach langer Zeit.

„Weil ich feige war. Und weil ich dachte, solange die Stiftung Kindern hilft, dürfe ich die Vergangenheit nicht anfassen.“

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„Die Stiftung hat nicht geholfen, wenn sie mit dem Leid dieser Kinder bezahlt wurde“, sagte ich.

„Ich weiß.“

Aljoscha betrachtete den Ordner.

„Darf ich ihn sehen?“

Ich wollte ihn zurückhalten. Doch Elena legte ihre Hand auf meinen Arm.

„Er soll selbst entscheiden.“

Aljoscha öffnete die Mappe. Zwischen Formularen und Stempeln lag die Zeichnung eines kleinen Hauses. Drei Strichfiguren standen davor: eine junge Frau, ein Kind und ein Mann mit einem großen schwarzen Kreis über dem Gesicht.

„Das habe ich gemalt“, sagte Aljoscha.

Elena beugte sich darüber.

„Du hast immer Häuser gemalt.“

„Weil ich dachte, irgendwo wartet eines auf mich.“

Ich musste mich am Tischrand festhalten.

„Es wartet nicht irgendwo“, sagte ich. „Du bist darin.“

Anton schob uns einen Umschlag zu.

„Hier sind die Unterlagen für die Untersuchung. Und eine Erklärung, dass ich die Beschwerde erfunden habe.“

Michail las das Blatt.

„Damit können Sie sich selbst belasten.“

„Das habe ich verdient.“

„Es geht nicht darum, was Sie verdienen“, sagte ich. „Es geht darum, ob Sie diesmal die Wahrheit tragen können, ohne sie wieder auf ein Kind abzuwälzen.“

Anton sah lange auf den Siegelring in seiner Hand.

Dann legte er ihn auf die Akte.

„Ich werde aussagen.“

Frau Riedel schob den Ring zurück.

„Behalten Sie ihn. Aber tragen Sie ihn nie wieder als Zeichen Ihres Vaters.“

Anton steckte ihn nicht ein. Er ließ ihn auf dem Tisch liegen.

Am Nachmittag saßen wir zu viert in unserer Küche. Elena hatte einen Kuchen mitgebracht, der an einer Seite eingesunken war. Aljoscha fand ihn trotzdem gut.

„Mama“, sagte er zu mir, „kann Elena bei der Geburt dabei sein?“

Ich sah zu ihr.

Elena erschrak.

„Wenn du das wirklich möchtest.“

„Ich möchte, dass ihr beide da seid.“

Michail lächelte schwach.

„Dann brauchen wir einen größeren Tisch.“

Aljoscha nahm die alte Plastikschachtel und stellte sie zwischen uns.

„Das Auto bekommt das Baby“, sagte er.

„Warum?“, fragte ich.

„Weil es nur ein Rad hat. Dann muss niemand damit fahren. Es kann bei uns bleiben.“

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Elena legte die Fingerspitze auf den zerkratzten Deckel.

„Und was bekommst du?“

Aljoscha sah mich an.

„Meine Mutter.“

Ich wollte etwas antworten, doch meine Stimme kam nicht heraus. Also zog ich ihn an mich. Elena legte ihre Hand auf seinen Rücken. Für einen Moment standen wir drei so da, ohne Rollen, ohne Akten, ohne die Worte der Nachbarn.

Draußen rief der Bürgermeister die Frauen vom Zaun fort. Niemand diskutierte mehr darüber, ob Aljoscha „eigen“ war.

Die Wahrheit hatte ihm keine neue Familie gegeben.

Sie hatte die alte endlich aus den Händen anderer Menschen zurückgeholt.

Einige Wochen später wurde Elena nicht wieder zu einer Fremden. Sie kam sonntags zum Mittagessen, brachte manchmal zu salzigen Salat mit und fragte immer, ob sie bleiben dürfe. Aljoscha zeigte ihr seine Hausaufgaben, aber nur die gelungenen.

Michail baute im Schuppen ein zweites kleines Regal.

„Für die Spielsachen des Babys“, sagte er.

Aljoscha legte die alte Autoschachtel ganz oben darauf.

„Die bleibt hier“, erklärte er. „Damit jeder weiß, wo sie angefangen hat.“

Ich stand daneben und betrachtete das Spielzeugauto mit dem fehlenden Rad. Früher hatte ich geglaubt, etwas Unvollständiges müsse ersetzt werden, damit es in eine Familie passe.

Aljoscha hatte mich etwas anderes gelehrt.

Manchmal muss man nur aufhören, es wegzuschieben.

Als am Abend ein Brief aus dem Kreisamt kam, öffnete Aljoscha ihn selbst. Er las langsam, blieb bei jeder Zeile stehen und gab das Blatt dann Elena.

„Da steht, dass du meine Mutter bist“, sagte er.

Elena strich über ihren Namen.

„Und da steht, dass Vera meine Mutter ist“, fügte Aljoscha hinzu.

Ich sah auf die beiden Frauen, die in seinem Leben nicht gegeneinander kämpfen mussten.

Aljoscha nahm das Spielzeugauto, setzte es auf den Tisch und schob es vorsichtig bis an den Rand.

„Wenn das Baby kommt“, sagte er, „mache ich eine Straße mit zwei Spuren.“

„Wozu zwei?“, fragte Michail.

Aljoscha lächelte.

„Damit niemand mehr warten muss, bis er an der Reihe ist.“

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