Als mein Kater mir die Krallen in den Rock schlug, wusste ich sofort, dass an diesem Morgen etwas Schreckliches geschehen würde.
Es war kurz nach fünf Uhr in Pristannoje. Durch die dünnen Vorhänge fiel blasses Sommerlicht, der Herd knackte noch von der Nacht, und aus dem Hof roch es nach feuchter Erde und aufgehängter Wäsche. Ich hatte gerade den Eimer genommen, als Tischka vom Fensterbrett sprang und sich quer vor die Tür legte.
Er war ein großer, rotweißer Kater mit einem zerrissenen rechten Ohr. Seine Schnauze sah aus, als hätte jemand zwei verschiedene Tiere zusammengesetzt: links rot, rechts weiß. Acht Jahre lebte er bei mir, und acht Jahre lang hatte er sich nie grundlos so verhalten.
— Na los, Tischka. Was hast du diesmal? — fragte ich.
Er antwortete nicht. Sein Schwanz schlug hart auf die Dielen.
Ich trat über ihn hinweg.
Da sprang er auf, schoss an mir vorbei und biss sich in den Saum meines Rocks. Nicht spielerisch. Nicht aus Hunger. Er zog mich zurück, als hinge mein Leben davon ab.
— Lass los! Du verrücktes Tier!
Ich musste mich am Türrahmen festhalten. In meiner Tasche lag die kleine Messingpfeife in Form eines Fisches, die meinem Mann Wassili gehört hatte. Ich trug sie immer bei mir, wenn ich zur Wolga ging. Die Pfeife war an einer alten Lederschnur befestigt, und ihr kaltes Metall drückte gegen meine Handfläche.
Wassili war vor fünf Jahren gestorben. Er hatte Tischka als winziges Kätzchen am Fluss gefunden und in der Tasche seiner Arbeitsweste nach Hause gebracht. Seitdem gehörten sie irgendwie zusammen. Nach seinem Tod blieb mir die flache Fischerboot, seine Angelruten und diese Pfeife.
Ich glaubte nicht an Vorzeichen. Aber Tischka war kein Vorzeichen. Er war eine Warnung.
Wenn er auf den Herd stieg und sich zu einem festen Fellball zusammenrollte, kam innerhalb weniger Stunden Wind. Manchmal Gewitter. Einmal hatte er mich sogar von einem vereisten Steg ferngehalten, bevor der Nebel so dicht wurde, dass man die Hand vor dem Gesicht nicht mehr sah.
An diesem Morgen aber war der Himmel makellos.
— Heute irrst du dich — sagte ich und öffnete die Tür.
Tischka fauchte.
Dann bog er den Rücken, stellte die Haare auf und trieb mich mit einem tiefen, kehligem Laut zurück ins Haus.
— Du brauchst keinen Tierarzt, sondern einen Priester — murmelte ich.
Er folgte mir bis zum Tisch, setzte sich auf meine Füße und sah mich an. In seinen gelben Augen lag etwas, das mir das Lächeln nahm.
Eine halbe Stunde später kam Ludmilla aus dem Haus gegenüber. Sie trug Gummischuhe, obwohl der Boden trocken war, und hielt einen leeren Salzbeutel in der Hand.
— Du bist nicht am Fluss? — fragte sie.
— Dein Enkel ist doch schon dort — antwortete ich. — Frag lieber, warum du mich noch hier siehst.
Ludmilla lachte.
— Wegen dieses Pelzbarometers? Der Himmel ist klar. Stepan fischt längst hinter der Biegung.
Sie ging zum Herd und beugte sich zu Tischka hinunter.
— Na, alter Wahrsager? Heute wieder dramatisch?
Tischka öffnete nur ein Auge.
— Er hat sich noch nie geirrt — sagte ich.
— Jeder irrt sich einmal.
Sie nahm das Salz und ging. Doch zwanzig Minuten später kam sie zurück. Diesmal war ihr Gesicht nicht mehr spöttisch.
— Olga, schläft er noch?
— Er bewegt sich kaum.
— Dann stimmt wirklich etwas nicht.
Ich wollte antworten, als draußen ein dumpfer Knall über den Hof rollte. Die aufgehängten Laken blähten sich plötzlich wie Segel. Am Horizont erschien ein schmaler dunkler Streifen, und er wuchs so schnell, dass mir der Atem stockte.
Ludmilla packte meinen Arm.
— Stepan ist auf dem Wasser.
Wir rannten zum Fluss. Der Wind riss an unseren Kleidern, Regen peitschte uns ins Gesicht, und die Wolga war nicht mehr der ruhige Fluss von vor zehn Minuten. Zwischen den weißen Wellen tauchte eine dunkle Form auf.
Ludmilla schrie:
— Da! Da ist sein Boot!
Ich griff nach der Messingpfeife in meiner Tasche. Im selben Moment entdeckte ich am schlammigen Ufer etwas, das zwischen den Weiden lag: Wassilis alte Holzkiste.
Der Deckel stand offen. Darin lag ein zusammengefaltetes Heft, und auf der ersten Seite war mein Name geschrieben. Ich streckte die Hand danach aus, als hinter mir jemand rief: — Olga, fass das nicht an, bevor du weißt, was darin steht…
TEIL 2
— Olga, fass das nicht an, bevor du weißt, was darin steht…
Ich fuhr herum. Im strömenden Regen stand Viktor Brandt, der Leiter des kleinen Flusshafens, unter einer durchweichten Kapuze. In seiner Hand hielt er eine schwarze Mappe, die er schützend an die Brust presste.
— Was machst du hier? — fragte ich.
— Ich könnte dich dasselbe fragen.
Hinter ihm krachte ein Ast ins Wasser. Die Böschung rutschte ab, und Schlamm quoll über unsere Schuhe. Ludmilla kniete am Rand des Stegs und zog gerade ihren Enkel aus dem Boot. Stepan hustete, blutete an der Stirn und hielt sich an der zersplitterten Bordwand fest.
— Er wäre ertrunken — sagte Ludmilla. — Wenn Tischka sie nicht aufgehalten hätte, wäre Olga heute mit uns draußen gewesen.
Viktor sah mich an.
— Ein Zufall.
— Ein Zufall, der in acht Jahren nie zufällig war — erwiderte ich.
Er wischte sich den Regen aus dem Gesicht. Seine Finger zitterten, obwohl er so tat, als wäre ihm kalt.
— Bring die Kiste ins Haus.
— Warum?
— Weil sie Wassili gehört hat.
Dieser Satz traf mich härter als der Wind. Viktor hatte meinen Mann kaum gekannt. Wassili war ein stiller Mensch gewesen, einer, der lieber Netze flickte, als sich in Gespräche einzumischen. Aber er hatte Dinge bemerkt, die andere übersahen.
Wir schleppten Stepan ins Haus. Um halb zwölf brannte der Herd, die nassen Kleider dampften, und Tischka lag wieder oben auf den warmen Ziegeln. Er schnurrte, als wäre nichts geschehen.
Stepan saß am Tisch und trank Tee aus Wassilis abgeplatzter Tasse.
— Der Motor ist einfach ausgegangen — sagte er. — Dann kam die Welle von der Seite. Ich dachte, das war’s.
— Hast du eine Warnung bekommen? — fragte ich Viktor.
— Wovor?
— Vor dem Sturm.
— Es gab keine Warnung.
Ich legte meine Hand auf die Holzkiste.
— Dann erklär mir, warum Wassili dieses Heft versteckt hat.
Viktor trat einen Schritt näher.
— Er war besessen von Wetterzeichen. Er hat überall Gefahren gesehen.
— Und du hast trotzdem gewusst, dass heute etwas kommt.
Sein Blick glitt zur geöffneten Kiste. Nur für einen Augenblick. Aber ich sah es.
Ludmilla sah es ebenfalls.
— Viktor — sagte sie leise. — Was ist in der Mappe?
— Hafenunterlagen.
— Warum hältst du sie dann so fest?
Er antwortete nicht.
Draußen trommelte der Regen auf das Blechdach. Tischka hob den Kopf, und zum ersten Mal an diesem Tag wirkte er nicht beruhigt. Er starrte auf die Kiste.
Ich nahm das Heft heraus. Die Seiten rochen nach Moder und Maschinenöl. Wassilis Handschrift stand in schmalen, schrägen Zeilen darin. Datum, Windrichtung, Wasserstand. Dazwischen kurze Bemerkungen über Geräusche, die man vor einem Sturm unter der Erde spürte.
Auf der letzten beschriebenen Seite stand: Wenn Tischka zur Tür geht, ist es nicht nur das Wetter. Es kommt etwas vom oberen Wehr.
Mir wurde kalt.
— Was bedeutet das? — fragte ich.
Viktor griff nach dem Heft.
Ich zog es zurück.
— Fass es nicht an.
— Du verstehst nicht, was du da liest.
— Dann erklär es mir.
Er beugte sich zu mir. Sein Atem roch nach bitterem Kaffee.
— Dein Mann hat sich geirrt. Und wenn du diese Geschichte im Dorf verbreitest, machst du dich lächerlich.
— Mein Mann hat Stepan das Leben gerettet, obwohl er seit fünf Jahren tot ist.
Viktors Gesicht wurde hart.
— Sei vorsichtig, Olga.
— Ist das eine Drohung?
— Das ist ein guter Rat.
Er drehte sich um und ging zur Tür. Doch bevor er sie öffnete, klingelte in seiner Mappe etwas. Kein Handy. Metall. Als wäre ein kleiner Gegenstand gegen eine andere Kante gestoßen.
Ich sah auf die schwarze Mappe.
— Was hast du dort?
Viktor erstarrte.
In diesem Moment sprang Tischka vom Herd, lief zur Kiste und kratzte mit der Pfote an einer verborgenen Holzleiste. Die Leiste gab nach. Dahinter erschien ein schmaler Schlitz mit einem winzigen Aufnahmegerät.
Viktor wurde bleich.
— Das gehört dir nicht — sagte er.
— Dann hast du nichts zu befürchten.
Ich nahm das Gerät heraus. Auf der Seite blinkte ein rotes Licht. Eine Aufnahme war gespeichert.
Viktor machte einen Schritt auf mich zu.
— Gib es her.
Ich drückte den Knopf. Erst rauschte es nur. Dann erklang eine Stimme, die ich sofort erkannte. Wassili sagte meinen Namen. Und danach fiel ein Satz, bei dem Viktor plötzlich die Tür nicht mehr öffnen konnte…
TEIL 3
— Wenn du das hörst, Olga, dann hat Tischka dich wahrscheinlich wieder vom Fluss ferngehalten.
Wassilis Stimme war leise und von einem tiefen Knacken begleitet. Trotzdem verstand ich jedes Wort. Meine Finger schlossen sich so fest um das Aufnahmegerät, dass die Kanten in meine Haut schnitten.
— Das Tier spürt die Druckwellen früher als wir. Aber heute geht es nicht nur um einen Sturm. Im oberen Wehr wird Wasser abgelassen. Viktor Brandt weiß davon. Er sagt, die Messgeräte seien ausgefallen. Ich glaube ihm nicht.
Ludmilla schlug die Hand vor den Mund.
Stepan stellte seine Tasse ab. Sie fiel um und rollte über den Tisch, während der Tee auf die Holzplatte lief.
— Das kann nicht sein — flüsterte er.
Viktor stand noch immer neben der Tür. Sein Gesicht hatte jede Farbe verloren.
Die Aufnahme ging weiter.
— Wenn mir etwas passiert, sucht in der Kiste nach der zweiten Datei. Nicht bei den Angelhaken. Unter dem falschen Boden. Und glaub niemandem, der behauptet, die Wolga könne so plötzlich steigen.
Dann knackte es. Ein Mann sprach im Hintergrund.
Viktors Stimme.
— Die Leute müssen nichts wissen. Wenn wir die Regatta absagen, verlieren wir den Auftrag. Eine Stunde halten die Dämme noch.
Wassili antwortete:
— Und wenn sie nicht halten?
— Dann war es ein Naturereignis.
Die Aufnahme endete.
Keiner bewegte sich.
Nur Tischka sprang wieder auf den Herd. Seine Krallen klapperten über die Ziegel, und dieses vertraute Geräusch war plötzlich das Einzige, was mich noch aufrecht hielt.
— Du hast gewusst, dass das Wasser kommt — sagte ich.
Viktor schluckte.
— Das ist aus dem Zusammenhang gerissen.
— Welcher Zusammenhang rechtfertigt es, Menschen auf den Fluss zu schicken?
— Ich habe niemanden geschickt.
— Du hast geschwiegen.
— Es war eine Wetterentscheidung. Keine Behörde kann wegen eines Verdachts den ganzen Hafen schließen.
Stepan sprang auf. Der Stuhl krachte gegen die Wand.
— Wegen deines Schweigens wäre ich heute tot!
— Setz dich — sagte Viktor.
— Du setzt dich selbst hin!
Ludmilla stellte sich zwischen die Männer.
— Raus hier, Viktor.
Er sah mich an.
— Du weißt nicht, was du auslöst, wenn du diese Aufnahme weitergibst.
— Doch. Ich löse aus, dass Menschen endlich erfahren, warum mein Mann nicht mehr lebt.
Wassili war fünf Jahre zuvor bei einer Kontrolle am oberen Wehr verschwunden. Man hatte gesagt, sein Boot sei gekentert. Es gab keine Leiche, keine Untersuchung, nur eine knappe Bescheinigung und Viktors Unterschrift unter dem Bericht.
Plötzlich verstand ich, warum mein Mann dieses Gerät versteckt hatte.
Nicht wegen des Wetters.
Wegen der Wahrheit.
Viktor ging. Ich wartete, bis seine Schritte im Regen verschwanden, dann hob ich den falschen Boden der Kiste an. Darunter lag eine zweite Speicherkarte und ein gefaltetes Blatt.
Darauf stand nur ein Satz: Die erste Aufnahme beweist, dass er wusste, was kommt. Die zweite beweist, warum Wassili nie zurückkehrte.
Meine Hände begannen zu zittern.
In diesem Moment klingelte das Telefon auf dem Tisch. Es war die Polizeiwache aus dem Nachbarort.
— Frau Olga Wassiljewna? — fragte ein fremder Mann. — Wir haben gerade einen anonymen Hinweis erhalten. Man beschuldigt Sie, die Aufnahme gefälscht und den Hafen absichtlich in Gefahr gebracht zu haben.
Ich blickte zu Tischka. Er saß völlig still und sah zur Tür.
Dann hörte ich draußen einen Motor. Jemand war zurückgekommen.
Der Beamte am Telefon sagte: — Öffnen Sie auf keinen Fall. Wir sind unterwegs, aber der Mann vor Ihrem Haus behauptet, er müsse nur die Kiste holen…
Da ging der Türgriff langsam nach unten…
Dann hörte Viktor plötzlich seine eigene Stimme…
Ich dachte, die Wahrheit würde mir meinen Mann zurückbringen. Stattdessen zwang sie mich, endlich ohne Angst weiterzugehen.
„Das habe ich so nicht gemeint.“
Zum ersten Mal musste niemand für ihn sprechen.
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