TEIL 4
…„Sergej Malzew“, sagte der Fremde. „Ihr Sohn hat ihm versichert, dass Sie die Wohnung freiwillig verlassen haben.“
Ich ließ die Tür nur einen Spalt offen.
„Dann haben Sie die falsche Adresse.“
„Frau Gawrilowna, wir können das friedlich klären.“
„Nein.“
Ich schloss die Tür und rief sofort die Polizei an.
Rodion rief gleichzeitig an. Dann noch einmal. Danach kamen Nachrichten, erst drohend, dann flehend.
Mama, lass uns reden.
Mama, du verstehst die Sache falsch.
Mama, Malzew macht Probleme.
Ich legte das Telefon neben den roten Zimmermannsbleistift auf den Tisch. Der Bleistift war stumpf und an einer Seite von meinen jahrelangen Messungen glatt gerieben. Ich hatte ihn am Vorabend auf der Kommode liegen lassen. Angelina hatte ihn vermutlich für wertlos gehalten.
Die Polizei kam nach zwanzig Minuten.
Der elegante Mann behauptete, Rodion habe ihm eine unterschriebene Vollmacht gezeigt. Sein Begleiter behauptete, er habe nur als Zeuge gedient. Beide verstummten, als die Beamtin den falschen Notarstempel sah.
„Sie gehen jetzt mit uns“, sagte sie zu Malzew.
„Das ist ein Missverständnis.“
„Das wird sich klären.“
Rodion erschien eine Stunde später mit einem Rechtsanwalt. Er trug dieselbe Jacke wie am Abend, an dem er mich zum Schuppen gebracht hatte. Nur war sie jetzt an der Schulter mit Schlamm bespritzt.
Sein Anwalt nahm mich beiseite.
„Ihr Sohn ist bereit, sich zu entschuldigen“, sagte er. „Wenn Sie die Anzeige zurückziehen, lässt sich vieles ohne weitere Folgen regeln.“
„Hat er Ihnen erzählt, dass er mich in einen ungeheizten Schuppen gebracht hat?“
Der Anwalt sah kurz zu Rodion.
„Das ist eine familiäre Angelegenheit.“
„Nein. Die gefälschte Vollmacht ist eine strafrechtliche Angelegenheit.“
„Frau Gawrilowna, Sie könnten Ihren Sohn ins Gefängnis bringen.“
Ich blickte durch den Flur auf die drei Monteure, die schweigend ihre Taschen in das Gästezimmer trugen.
„Nicht ich habe ihn dorthin gebracht.“
Der Anwalt nahm seine Brille ab.
„Dann kann ich ihn nicht vertreten.“
Er steckte die Brille ein und ging.
Rodion blieb zurück.
„Mama, bitte“, sagte er. „Ich hatte Schulden. Malzew hat mir geholfen. Ich wollte die Wohnung nicht wirklich verkaufen.“
„Was wolltest du dann?“
„Nur Zeit gewinnen.“
„Indem du mich verschwinden lässt?“
Er sah zu Boden.
„Angelina hat gesagt, du würdest sowieso bald sterben und könntest mit der Wohnung nichts anfangen.“
Die Worte kamen leise heraus. Gerade deshalb waren sie so grausam.
„Sie hat das gesagt?“
Rodion schloss die Augen.
„Und du hast ihr geglaubt.“
Er antwortete nicht.
Anatoli Prokofjewitsch stellte das Aufnahmegerät auf den Tisch. Die Polizei hatte eine Kopie davon genommen. Nun drückte er die Wiedergabe.
Rodions Stimme erklang erneut.
„Wenn meine Mutter ein paar Monate verschwindet, kann ich den Käufer in Ruhe empfangen.“
Rodion hörte sich selbst zu. Sein Gesicht veränderte sich. Erst wurde es weiß, dann grau. Er hob die Hand, als könnte er seine eigene Stimme zum Schweigen bringen.
„Mach das aus.“
„Du hast es gesagt“, erwiderte ich.
„Ich weiß.“
„Dann hör zu.“
Die Aufnahme lief weiter.
„Sie ist alt, sie versteht die Papiere ohnehin nicht.“
Rodion setzte sich auf die unterste Treppenstufe. Seine Finger zitterten.
„Ich war nicht ich selbst.“
„Doch. Du warst sehr deutlich.“
Er weinte nicht. Vielleicht konnte er noch nicht weinen. Er sah nur auf das Gerät, als hätte jemand fremdes Leben aus seinem Mund gezogen.
Am selben Abend musste er die Wohnung verlassen. Angelina war inzwischen bei ihrer Tochter untergekommen und rief ununterbrochen an. Sie beschimpfte mich, drohte mit Beschwerden und verlangte später, ich solle Rodion helfen.
Ich antwortete nicht.
In Rodions ehemaligem Zimmer stand nur noch ein leerer Schrank. Auf dem Fensterbrett lag ein altes Foto von unserer Familie. Rodion war darauf sechs Jahre alt und hielt einen roten Papierdrachen in den Händen. Ich nahm das Foto nicht mit.
Ich ließ es dort liegen.
Der körperliche Schmerz kam erst in der Nacht. Meine Knie pochten, und die kalte Schuppennacht hatte sich in meinen Rücken gesetzt. Am nächsten Morgen rief ich im Sanatorium an und reservierte eine sechs-wöchige Behandlung. Das Geld aus der Miete reichte dafür und für eine gründliche Reparatur der Wohnung.
Die Brückenbauer blieben.
Sie waren tatsächlich leise. Anatoli putzte sogar den Flur, nachdem seine Männer nasse Schuhe hineingetragen hatten. Michail reparierte den klemmenden Fenstergriff. Jeden Morgen roch die Küche nach Haferbrei und starkem Tee.
Rodion rief drei Tage später aus einer gemieteten Einzimmerwohnung an.
„Die Bank hat mein Konto gesperrt“, sagte er.
„Das tut mir leid.“
„Malzew verlangt sein Geld zurück.“
„Das ist deine Angelegenheit.“
„Angelina sagt, du musst uns helfen. Du bist schließlich meine Mutter.“
Ich sah auf den roten Bleistift neben meiner Tasse.
„Mutter zu sein bedeutet nicht, Betrug zu bezahlen.“
„Du willst mich wirklich fallen lassen?“
„Ich lasse dich nicht fallen. Ich trete nur nicht mehr vor dich, wenn du selbst über die Kante gehst.“
Danach legte ich auf.
Im Sanatorium roch es nach Kiefernnadeln, warmem Linoleum und Mineralwasser. Die ersten Tage schlief ich fast nur. Dann begann ich morgens im Park zu gehen. Die Sonne lag blass auf den gefrorenen Wegen, und mein Rücken wurde von Woche zu Woche beweglicher.
Nach einem Monat bekam ich einen Brief von der Staatsanwaltschaft. Die Ermittlungen gegen Rodion, Malzew und den Mann mit dem Mobiltelefon liefen. Angelina wurde als Zeugin vorgeladen. Rodion hatte die Fälschung nicht allein organisiert, aber er hatte sie veranlasst und den Käufer angelockt.
Ich las den Brief zweimal und legte ihn in meine Schublade.
Ich empfand keinen Triumph.
Nur Ruhe.
Im Dezember kam der erste richtige Schnee. Ich saß im Sanatoriumsfoyer, als ein kleiner Junge an meinen Tisch trat. Er hielt ein Blatt Papier in der Hand.
„Sind Sie Warwara?“, fragte er.
„Ja.“
„Mama sagt, Sie wohnen bald in der Stadt bei den Brückenbauern.“
„Vielleicht nicht bald. Aber ich vermiete ihnen meine Wohnung.“
Er legte mir das Bild hin. Darauf war eine große Brücke zu sehen, darunter ein kleines Haus mit gelben Fenstern.
„Das sind Sie“, sagte er und zeigte auf die Figur am Fenster. „Sie haben Licht an.“
Ich musste lächeln.
„Das ist ein schönes Haus.“
„Sie können es behalten.“
Ich steckte das Bild in meine Tasche. Ein Kind hatte mir etwas gegeben, ohne etwas dafür zu verlangen. Ich war diese einfache Güte nicht mehr gewohnt.
Im Januar kehrte ich in die Stadt zurück. Die Wohnung war warm, sauber und voller Leben. Die Monteure verabschiedeten sich nach und nach, sobald ihr Brückenabschnitt fertig wurde. Anatoli ließ mir einen neuen Wasserhahn einbauen. Michail brachte mir eine kleine Lampe für die Küche.
Ich begann, morgens in einem Baubüro auszuhelfen. Nur ein paar Stunden. Ich prüfte Rechnungen, maß Räume und schrieb Zahlen in mein schwarzes Notizbuch. Mittags ging ich zum Markt und kaufte Äpfel, Brot und den Käse, den ich früher wegen Rodions Schulden nie gekauft hatte.
Es waren kleine Dinge.
Aber sie gehörten mir.
Ende Februar lag ein letzter Brief von Rodion unter meiner Tür. Kein Anwalt hatte ihn gebracht. Nur seine eigene krumme Handschrift stand auf dem Umschlag.
Mama, ich habe verstanden, was ich getan habe. Angelina ist bei ihrer Tochter. Malzew hat alles verloren. Ich habe Arbeit gefunden. Lass mich zurückkommen. Nur für eine Weile. Ich schlafe im Flur. Ich werde mich ändern.
Ich las den Brief am Küchentisch.
Dann nahm ich ein frisches Blatt Papier.
Rodion, ich wünsche dir, dass du dein Leben in Ordnung bringst. Aber du wirst nicht mehr in meiner Wohnung wohnen. Ich helfe dir nicht, indem ich dir wieder erlaube, mich zu benutzen. Bitte respektiere diese Entscheidung.
Ich unterschrieb nicht mit Kosenamen. Nur mit meinem vollständigen Namen.
Am nächsten Morgen schickte ich den Brief ab.
Danach ging ich zum Fenster. Vor dem Haus fielen die letzten Schneeflocken auf den Gehweg. Auf der Kommode lag der rote Zimmermannsbleistift. Seine Spitze war fast verschwunden, aber ich hob ihn trotzdem auf und steckte ihn in die Tasche.
Ich ging zur Arbeit.
Diesmal schloss ich die Tür hinter mir selbst.
Und ließ den Schlüssel nicht zurück.
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