TEIL 4
„Was haben sie gefunden?“, fragte Großmutter.
Die Stimme am Telefon antwortete nicht sofort.
„Eine zweite Patientenakte“, sagte die Frau schließlich. „Und darin steht, dass Ihre Enkelin nicht erst seit einem Monat krank ist. Jemand hat die Untersuchung vor Jahren verhindert.“
Großmutter ließ den Hörer sinken.
Ich spürte, wie meine Finger um den Messingkompass krampften.
„Wer hat das verhindert?“, fragte ich.
„Das weiß ich nicht“, sagte Großmutter. „Aber wir fahren jetzt.“
Der Sturm hatte die Straße verwüstet. Ein Baum lag quer über dem Weg, Äste hingen in den Leitungen, und der Schlamm reichte bis zu den Knöcheln. Großmutter zog ihre Stiefel an, ohne die Flecken zu beachten. Anna bekam eine Decke um die Schultern. Ich steckte den Kompass in meine Tasche.
Am Ende des Dorfes wartete der Nachbar mit seinem alten Lieferwagen.
„Setzt euch hinein“, sagte er. „Die Hauptstraße ist noch frei.“
„Ich muss ins Krankenhaus“, sagte Großmutter.
„Das habe ich verstanden.“
„Ich habe meine Enkelkinder hinausgeschickt.“
Der Nachbar sah auf ihre schlammigen Stiefel.
„Dann holen Sie sie jetzt nicht wieder zurück. Lassen Sie sie neben sich sitzen.“
Im Wagen roch es nach nasser Wolle und Diesel. Anna lehnte an meiner Schulter, während Großmutter uns gegenüber saß. Sie sagte kein Wort. Sie hielt nur den geöffneten Brief fest, als könnte er ihr sonst aus den Händen fallen.
Im Krankenhaus war es hell, warm und viel zu laut. Menschen liefen durch die Flure, Telefone klingelten, Türen öffneten sich und schlossen sich wieder. Eine Ärztin kam auf uns zu.
„Frau Berger?“
Großmutter nickte.
„Ihr Sohn wurde operiert. Er ist außer Lebensgefahr, aber noch nicht bei Bewusstsein. Ihre Schwiegertochter hat einen komplizierten Bruch und liegt ebenfalls im Operationssaal.“
„Und Anna?“, fragte ich.
„Wir müssen die Herzuntersuchung sofort wiederholen. Haben Sie eine Einwilligung?“
Großmutter holte einen Kugelschreiber hervor.
„Ich unterschreibe.“
„Sie sind nicht die Erziehungsberechtigte.“
„Dann rufen Sie jeden an, den Sie brauchen. Aber lassen Sie dieses Kind nicht wieder warten.“
Die Ärztin blickte zu Anna, dann auf den Brief in Großmutters Hand.
„Ihr Sohn hat uns vor seiner Abreise eine Vollmacht hinterlegt. Für den Fall, dass er nicht ansprechbar ist.“
Großmutter schloss die Augen.
„Er hat an alles gedacht“, flüsterte sie.
„Nein“, sagte ich. „An alles außer daran, dass du uns die Tür vor der Nase zuschlägst.“
Sie nahm den Satz hin, ohne sich zu verteidigen.
Später saß ich neben dem Automaten im Krankenhausflur, während Anna untersucht wurde. Großmutter stand wenige Meter entfernt vor einem kleinen Lautsprecher. Ein Polizeibeamter hatte die Aufnahme aus dem Telefon gespeichert. Er spielte sie ab, weil mein Vater darin etwas Wichtiges gesagt hatte.
Seine Stimme klang erschöpft.
„Mama, ich komme nicht zurück, um wieder um deinen Segen zu bitten. Ich komme zurück, weil meine Kinder dich brauchen. Wenn du sie wieder fortschickst, dann verliere ich nicht nur ein Haus, sondern meine letzte Hoffnung, dass du mich jemals gesehen hast.“
Großmutter hörte jedes Wort.
Dann kam ihre eigene Stimme aus dem Lautsprecher. Eine Aufnahme von der Haustür, offenbar von der Überwachungskamera.
„Ihr bringt nur Schmutz! Verschwindet!“
Sie stand vollkommen still.
Ich sah, wie sie den Blick senkte. Nicht vor dem Polizisten. Vor sich selbst.
„Das habe ich gesagt“, flüsterte sie.
„Ja“, antwortete ich.
„Ich habe es wirklich gesagt.“
„Ja.“
Sie setzte sich neben mich.
„Ich dachte immer, wenn alles sauber bleibt, kann mir nichts passieren.“
„Aber wir sind keine Gefahr, Oma.“
„Das weiß ich jetzt.“
„Du musst es nicht nur wissen. Du musst es deinem Sohn sagen.“
„Wenn er aufwacht, werde ich es tun.“
„Und wenn er nicht sofort antwortet?“
Sie sah mich an.
„Dann warte ich. Zum ersten Mal warte ich, ohne jemanden wegzuschicken.“
Die Untersuchungen dauerten bis zum Morgen. Anna bekam Medikamente und einen Termin für die Operation. Die Ärztin erklärte uns, dass die Krankheit behandelbar sei, wenn jetzt alles nach Plan verlief. Großmutter schrieb jedes Wort auf einen Block, obwohl ihre Hand zitterte.
Mein Vater erwachte am nächsten Nachmittag.
Großmutter durfte zuerst zu ihm. Als sie aus dem Zimmer kam, war ihr Gesicht rot von Tränen.
„Er hat gefragt, ob ihr sicher seid.“
„Was hast du gesagt?“
„Dass ihr neben mir sitzt.“
„Und dann?“
„Dann habe ich ihn um Verzeihung gebeten.“
„Hat er dir verziehen?“
Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Er hat gesagt, ich soll mich neben ihn setzen. Das ist mehr, als ich verdient habe.“
Wochen vergingen. Anna wurde operiert. Die Operation dauerte vier Stunden, und ich lief während dieser Zeit den Flur auf und ab, bis der Kompass in meiner Tasche gegen mein Knie schlug. Als die Ärztin endlich lächelnd herauskam, weinte Großmutter so heftig, dass sie sich an der Wand festhalten musste.
Mein Vater und meine Mutter kamen erst Monate später nach Hause. Mein Vater war schwach, meine Mutter trug noch eine Schiene, aber beide lebten. Unser Leben wurde langsam und mühsam wieder normal.
Großmutter zog für einige Wochen zu uns in die Stadt. Sie schlief auf dem Sofa, stand früh auf und machte Frühstück. Am ersten Morgen verschüttete Anna Milch auf den Tisch.
Großmutter nahm ein Tuch, hielt inne und legte es wieder hin.
„Das kann bis nach dem Essen warten“, sagte sie.
Anna sah sie vorsichtig an.
„Bist du nicht böse?“
„Nein. Der Tisch kann warten.“
Mein Vater sprach lange kaum mit ihr. Er beantwortete ihre Fragen, aber seine Stimme blieb vorsichtig. Eines Abends fand ich die beiden im Flur. Großmutter hielt ein altes Foto in der Hand.
„Ich war als Kind genauso wie du“, sagte mein Vater. „Du wolltest nur nie sehen, wie viel Angst ich hatte.“
„Ich sehe es jetzt“, antwortete sie.
„Das reicht nicht für alles.“
„Ich weiß.“
„Aber vielleicht für den Anfang.“
Er nahm ihr das Foto ab und stellte es auf das Regal.
Im Frühjahr kehrten wir nach Jagenau zurück. Das Haus sah noch immer ordentlich aus, aber nicht mehr unberührbar. Anna malte mit Kreide Blumen auf die Steine vor der Tür. Großmutter ließ sie gewähren.
Im Flur hing kein Schild mehr.
Die Holzstufen waren voller kleiner Lehmspuren. Großmutter wischte sie nicht sofort weg. Sie stellte zuerst Tee auf den Tisch, schnitt Brot auf und fragte, wer Hunger hatte.
Ich begann, ihr im Garten zu helfen. Wir pflanzten Erdbeeren, reparierten den Zaun und bauten aus Brettern ein kleines Regal für Annas Bücher. Dabei wurde ich ständig schmutzig. Früher hätte Großmutter die Stirn gerunzelt. Nun hielt sie mir einfach einen Eimer Wasser hin.
„Der Dreck geht weg“, sagte sie.
„Und wenn nicht?“
„Dann bleibt er eben ein bisschen.“
Eines Abends, sieben Monate nach dem Sturm, kam ein Brief von ihr. Sie hatte ihn an meine Stadtadresse geschickt, obwohl wir uns am nächsten Wochenende sehen sollten.
Darin standen nur drei Zeilen: „Ich habe das Haus verkauft. Nicht, weil ich euch nicht mehr dort haben will, sondern weil ich nicht mehr allein darin leben möchte. Ich ziehe in eine kleinere Wohnung in eurer Nähe. Wenn ihr mich noch braucht, komme ich.“
Am Ende lag ein Schlüssel.
Ich rief sie an.
„Oma, du musst das nicht tun.“
„Ich weiß.“
„Du kannst auch in Jagenau bleiben.“
„Ich weiß auch das.“
„Warum kommst du dann?“
Sie schwieg lange.
„Weil ich gelernt habe, dass eine saubere Wohnung kein Zuhause ist, wenn niemand darin lachen darf.“
Ein Jahr nach dem Sturm bekam ich eine Nachricht von ihr. Sie wollte wissen, ob ich ihr helfen könne, einige Sachen aus dem alten Haus zu holen. Ich fuhr allein hin.
Die Räume waren fast leer. Keine weißen Vorhänge, keine glänzenden Böden, keine verbotenen Schilder. Nur der runde Küchentisch war noch da. Auf ihm lag die alte Wolldecke aus dem Holzschuppen.
Daneben lag mein Messingkompass.
Ich nahm ihn hoch. Der Zeiger zitterte noch immer, drehte sich ein paarmal und blieb dann stehen.
Großmutter kam aus dem Schlafzimmer.
„Er funktioniert nicht richtig“, sagte ich.
„Vielleicht zeigt er nicht nach Norden.“
„Wohin zeigt er dann?“
Sie lächelte müde.
„Dorthin, wo du hingehörst.“
Wir schlossen die Haustür gemeinsam. Diesmal fiel kein Riegel zwischen uns.
Im Zug nach Hause saß Anna am Fenster und malte mit Filzstiften. Mein Vater schlief neben ihr. Mutter hielt seine Hand.
Großmutter saß gegenüber und hatte Krümel auf ihrer Schürze. Sie bemerkte sie nicht.
Ich legte den Kompass auf ihre Handfläche.
„Behalte ihn“, sagte ich.
„Nein“, antwortete sie. „Du brauchst ihn mehr als ich.“
„Ich kenne den Weg.“
„Jetzt vielleicht.“
Draußen fiel der erste Schnee. Er bedeckte die Felder, die Dächer und die alten Lehmspuren am Bahnsteig.
Der Kompass lag warm zwischen meinen Fingern.
Zum ersten Mal zeigte er nach Hause.
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