TEIL 4 — Ich hatte kaum noch Kraft, als der Fremde meine kaputte Karre sah — und plötzlich hörte der Schütze am Berghang auf zu lächeln

TEIL 4

Eine Männerstimme, die ich seit elf Monaten im Traum hörte.

„Abigail!“

Meine Knie gaben nach.

Elias fing mich auf, bevor ich auf die Steine fiel. Virgil nutzte den Augenblick und wich rückwärts zur Kante des Plateaus. Doch niemand beachtete ihn mehr.

Unterhalb der Felsen tauchte ein Mann auf.

Er war dünner als früher. Viel dünner. Sein Bart war grau durchsetzt, und an seiner linken Schläfe klaffte eine verheilte Wunde. Er trug einen Mantel, der an der Schulter aufgerissen war, und stützte sich auf einen Stock.

Aber ich kannte diese Hände.

Ich kannte den schiefen Gang.

Ich kannte die Stimme.

„Daniel?“

Der Name kam aus mir heraus wie ein Schrei.

Er blieb stehen.

„Ich wollte zu dir zurück“, sagte er. „Aber Cain ließ mich nicht.“

Mara schlug sich eine Hand vor den Mund. Elias wurde bleich. Virgil dagegen wirkte, als hätte jemand ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.

„Das ist unmöglich“, sagte er.

Daniel sah zu ihm hinauf.

„Du hast es versucht.“

Ich rannte die Böschung hinunter. Mein Bauch war schwer, mein Atem brannte, aber nichts konnte mich aufhalten. Daniel kam mir entgegen, langsam und unsicher. Als ich ihn erreichte, legte ich beide Hände an sein Gesicht.

Es war warm.

Lebendig.

„Du bist tot“, flüsterte ich.

„Ich weiß.“

„Ich habe dich begraben.“

„Du hast einen anderen begraben.“

Er erzählte es später, aber manche Bilder hörte ich noch an jenem Morgen, als stünden sie direkt vor mir. Doktor Pritchard hatte Daniel nicht vergiftet, sondern ihm ein starkes Schlafmittel gegeben. Cain wollte, dass alle glaubten, Daniel sei gestorben. Ein namenloser Leichnam war an seiner Stelle beerdigt worden, während Pritchard ihn in einen verlassenen Schacht bringen ließ.

Daniel hatte überlebt, weil ein Bergarbeiter ihn gefunden hatte. Fast ein Jahr lang hatte er sich versteckt, zu schwach, um seine Reise fortzusetzen, und zu vorsichtig, um jemanden in Gefahr zu bringen. Er hatte Mara einen Hinweis geschickt, doch Cain fing den Boten ab. Erst Elias hatte herausgefunden, dass Daniel noch lebte.

„Warum bist du nicht sofort zu mir gekommen?“, fragte ich.

Daniel senkte den Blick.

„Cain drohte, dich und das Kind zu töten. Ich dachte, wenn du glaubst, ich sei tot, würdest du wenigstens fliehen.“

Ich schlug ihm gegen die Brust.

Einmal.

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Dann noch einmal.

„Du hast mich allein gelassen.“

„Ich weiß.“

„Ich habe mit deiner Stimme gesprochen, damit unser Kind sie kennenlernt.“

Sein Gesicht zerbrach.

„Das war das Einzige, was mich am Leben hielt.“

Hinter uns lachte Virgil plötzlich.

„Rührend“, sagte er. „Aber der Vertrag bleibt trotzdem bei mir.“

Er hatte einen kleinen Derringer aus seinem Stiefel gezogen. Der Lauf zeigte auf Daniel.

Elias stellte sich dazwischen.

„Du hast keine Männer mehr.“

„Ich brauche keine Männer.“

Virgil hob die Waffe.

Da trat der junge Reiter vor, der ihm zuvor die Patronen abgenommen hatte. Ich erkannte ihn als den Mann, der uns durch die Schlucht verfolgt hatte. Er hielt eine Eisenstange in beiden Händen.

„Du hast meinen Bruder für dieselbe Quelle sterben lassen“, sagte er. „Und du hast uns erzählt, wir würden nur einen Anspruch holen.“

„Geh aus dem Weg, Tom.“

„Nein.“

Virgil zielte an ihm vorbei.

Mara ging zu dem steinernen Vermessungszeichen und riss Daniels Vertrag hoch.

„Die Vermessungsgesellschaft ist unten“, rief sie. „Und sie hat den Vertrag gesehen. Wenn du schießt, hören sie dich.“

Virgil blickte zur Schlucht. Dort bewegten sich Laternen. Drei Männer und eine Frau stiegen den Pfad hinauf, angeführt von einem hageren Vermesser mit rotem Schal.

„Mr. Mercer“, sagte die Frau, als sie Daniel erkannte. „Wir haben Ihre Nachricht erhalten.“

Daniel nickte.

„Dann bezeugen Sie, dass die Quelle auf meinem Land liegt.“

„Nicht nur das“, sagte sie. „Wir haben die ursprünglichen Unterlagen aus dem Archiv. Cain hat die Grenzmarken versetzen lassen.“

Virgil machte einen Schritt zurück.

Sein Absatz traf die lose Steinplatte am Rand. Der Boden brach unter ihm weg. Elias warf sich nach vorn und packte ihn am Handgelenk.

Virgil hing über dem Abgrund.

„Lass mich nicht fallen!“, schrie er.

Elias stemmte die Füße gegen den Fels. Seine verletzte Schulter begann wieder zu bluten.

„Dann gib Abigail den Vertrag.“

„Niemals!“

„Du wirst sterben für ein Stück Papier?“

„Es ist mein Weg nach oben!“

Virgil sah nicht auf den Abgrund. Er sah auf das Land.

Auf die Quelle.

Auf alles, was er besitzen wollte.

Ich kniete mich neben Elias und nahm ihm den Vertrag aus der Hand. Dann hielt ich ihn Virgil hin.

„Greifen Sie danach.“

Er streckte die freie Hand aus.

„Und Sie ziehen mich hoch?“

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„Ja.“

„Warum?“

Ich sah zu Daniel. Er stand wenige Schritte entfernt, zitternd, aber lebendig. Ich dachte an den Grabstein, den ich geküsst hatte. An die Nächte, in denen ich unser ungeborenes Kind allein begrüßt hatte. An Mara, die ihren Sohn verloren hatte. An Elias, der seinen Bruder beinahe ein zweites Mal verloren hätte.

„Weil ich nicht will, dass mein Kind lernt, Menschen sterben zu lassen, nur weil sie schuldig sind.“

Virgil griff nach dem Vertrag.

Sobald er ihn hatte, zogen Elias und ich ihn hinauf.

Die Männer der Vermessungsgesellschaft legten ihm Fesseln an, nicht weil ich es verlangt hatte, sondern weil der Vertrag, die Zeugenaussage und die gefälschten Grenzzeichen ausreichten, um ihn festzuhalten, bis die Behörden eintrafen. Doktor Pritchard wurde noch am selben Tag im Tal gefunden. Er hatte versucht, mit dem Zug zu fliehen, doch der Bahnhofsvorsteher erkannte seinen Namen auf den Unterlagen.

Mara erhielt keine Entschuldigung, die ihren Sohn zurückgebracht hätte. Aber sie bekam eine schriftliche Aussage von Tom, der bestätigte, dass Cain ihn bedroht und für seine Überfälle bezahlt hatte. Sie nahm den Jungen nicht bei sich auf; er war erwachsen und musste selbst mit seiner Schuld leben. Doch sie sorgte dafür, dass er nicht wie sein Bruder in einem namenlosen Grab endete.

Elias blieb bei uns, bis Daniels Bein wieder belastbar war.

Dann sagte er, er wolle gehen.

Daniel saß vor der Hütte und reparierte eine kleine Wiege, die Mara aus dem Holz der abgebrannten Hütte gebaut hatte. Er hielt einen krummen Nagel zwischen den Zähnen.

„Du gehst nirgendwohin“, sagte er.

Elias sah ihn an.

„Ich habe zu lange für Cain gearbeitet.“

„Und danach zu lange versucht, allein dafür zu bezahlen.“

„Du schuldest mir nichts.“

„Das weiß ich.“ Daniel legte den Nagel auf das Holz. „Deshalb bitte ich dich.“

Elias wandte sich ab.

Ich trat mit dem Kompass in der Hand zu ihnen. Die kleine Klappe stand offen. Der Zettel darin war inzwischen glatt gestrichen.

„Der Vermesser hat gesagt, die Quelle gehört uns“, sagte ich. „Aber das Land ist größer, als wir bewirtschaften können.“

Elias runzelte die Stirn.

„Was willst du tun?“

„Eine Schule bauen.“

Daniel sah mich überrascht an.

„Eine Schule?“

„Für die Kinder der Arbeiter, der Bergleute und der Familien, die Cain vertrieben hat. Wasser soll nicht wieder einem einzelnen Mann gehören.“

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Elias betrachtete den Kompass.

„Und wer soll sie leiten?“

„Mara kann lesen und schreiben. Du kennst jeden Pfad. Daniel kennt das Land.“

Daniel lachte leise. Es war die Stimme, die ich so lange aus meinem Gedächtnis hatte retten müssen.

„Und du?“

Ich legte die Hand auf meinen Bauch.

„Ich kenne die Kosten, wenn niemand rechtzeitig hilft.“

In derselben Nacht setzten die Wehen ein.

Nicht dramatisch. Kein Sturm, kein Schrei, kein galoppierendes Pferd. Nur ein harter Schmerz, der mich mitten beim Falten von Daniels Briefen innehalten ließ.

„Daniel“, sagte ich.

Er sprang auf.

„Was ist?“

„Unser Kind hat es eilig.“

Mara schickte Elias nach heißem Wasser. Er kam mit zwei Eimern zurück, stolperte über einen Stein und verschüttete fast alles. Daniel hielt meine Hand, während ich ihn beleidigte, ihn weinen sah und schließlich selbst weinte.

Kurz vor Sonnenaufgang wurde unser Sohn geboren.

Wir nannten ihn Samuel.

Daniel nahm ihn zuerst nicht auf den Arm. Seine Hände zitterten zu stark.

„Du darfst ihn halten“, sagte ich.

„Ich habe Angst.“

„Gut“, sagte ich. „Dann weißt du wenigstens, was er dir bedeutet.“

Er setzte sich und nahm den Jungen an seine Brust.

Elias stand an der Tür und hielt den Messingkompass. Er hatte ihn in der Nacht poliert, bis die Kratzer im Metall glänzten.

„Was machen wir mit dem?“, fragte er.

Ich nahm den Kompass und drehte die kleine Klappe zu.

„Wir hängen ihn über die Tafel der Schule.“

„Warum?“

Ich sah zu der eingeritzten Vermessungssäule, die durch das Fenster zu erkennen war. Dort hatte Daniel den Anfang seines Plans hinterlassen. Dort hatte Cain alles besitzen wollen. Und dort hatte die Wahrheit ihn erreicht.

„Damit jedes Kind weiß, dass ein Weg nicht dort endet, wo jemand anderes einen Grenzpfahl einschlägt.“

Daniel hob Samuel ein wenig höher.

Der Junge öffnete die Augen und schloss seine winzige Hand um den Finger seines Vaters.

Draußen begann die Quelle unter dem Felsen zu rauschen.

Und über der Wiege hing der Kompass, dessen Nadel nicht nach Norden zeigte, sondern genau auf den Ort, an dem Daniels Name in den Stein geritzt war.

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