TEIL 4 — Ich fand den Schulbus der verschwundenen Kinder unter dem Wald, doch als ich die hintere Tür öffnete, wurde der Bürgermeister kreidebleich

TEIL 4

Die zweite Person war ein Mann mit einem schmalen Gesicht und einem Stock aus hellem Holz.

Er kam nicht näher.

Er blieb unter dem Vordach stehen und sah durch die beschlagene Scheibe zu mir herüber.

Ich kannte ihn.

Nicht persönlich. Aber von einem Foto, das meine Großmutter jahrelang in einer Schublade versteckt hatte.

Ein Junge mit schiefem Lächeln, einem Verband am linken Ohr und einer Zahnlücke.

Auf dem Foto stand: Martin Ahlers, zehn Jahre alt.

Der Mann vor dem Forsthaus war Martin.

Mara nahm meine Hand.

„Er war eines der Kinder.“

Die Luft im Raum wurde eng.

Reimann öffnete die Tür.

„Lana“, sagte er, „du musst mir zuhören.“

„Nein.“

„Du hast die falsche Geschichte gehört.“

„Dann erzähl mir die richtige.“

Sein Blick glitt zu Mara.

„Sie hat sich fast vierzig Jahre lang versteckt und lebt von einer Lüge.“

Mara erhob sich. Ihre Knie zitterten, aber ihre Stimme blieb fest.

„Ich habe von Ihrer Lüge gelebt, Konrad. Von der Angst, die Sie uns allen hinterlassen haben.“

Martin kam herein. Sein Stock stieß auf die Holzdielen.

„Lassen Sie sie sprechen“, sagte er.

Reimann fuhr herum.

„Du hättest niemals zurückkommen dürfen.“

Martin lächelte nicht.

„Dieser Satz war der Grund, warum ich zurückkam.“

Er legte einen Umschlag auf den Tisch. Darin befanden sich fünfzehn beglaubigte Erklärungen. Fünfzehn Menschen hatten unterschrieben, dass sie 1986 aus dem Tal gebracht worden waren. Einige lebten in Deutschland, andere in Dänemark, Frankreich, Kanada und Irland. Einer war inzwischen verstorben, doch seine Tochter hatte seine handschriftlichen Aufzeichnungen beigefügt.

„Wir waren Kinder“, sagte Martin. „Man sagte uns, unsere Familien seien in Gefahr. Wir sollten schweigen, bis Reimann uns gefunden hatte.“

„Ich habe euch gerettet“, rief Reimann.

„Du hast uns gestohlen.“

Der Satz traf ihn sichtbar.

Ich sah auf den Umschlag mit meinem Namen.

„Was ist darin?“

Reimann schüttelte den Kopf.

„Etwas, das du nicht verstehen wirst.“

Ich riss ihn ihm aus der Hand.

Das Papier darin war eine Geburtsurkunde. Mein Name stand darauf, aber nicht der Name meiner Mutter. Als Vater war Konrad Reimann eingetragen.

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Ich konnte nicht atmen.

Mara schloss die Augen.

„Elise war schwanger“, sagte sie. „Sie hatte es niemandem erzählt. Reimann war der Vater.“

„Das stimmt nicht“, sagte Reimann.

„Doch“, sagte Martin. „Elise hat es uns erzählt, als wir in der Försterhütte waren. Sie wollte dich holen. Sie wollte nicht, dass du bei ihm bleibst.“

Meine Finger wurden taub.

„Warum hat meine Großmutter mich dann als ihre Tochter ausgegeben?“

Mara antwortete leise: „Weil Reimann drohte, dich ebenfalls verschwinden zu lassen.“

Die Geschichte zerfiel in meinem Kopf und setzte sich neu zusammen. Meine Mutter war nicht einfach auf einer Fahrt verschwunden. Sie hatte fünfzehn Kinder beschützt, Beweise gesammelt und versucht, zu mir zurückzukehren.

Reimann war nicht der Mann gewesen, der meiner Familie geholfen hatte.

Er war der Grund, warum meine Familie jahrzehntelang geschwiegen hatte.

„Wo ist meine Mutter?“, fragte ich.

Reimann sah zur Blechschachtel.

„Im Tunnel.“

Mara presste eine Hand auf den Mund.

„Du hast gesagt, der Eingang sei verschüttet gewesen.“

„Er war es“, sagte Reimann. „Aber Elise war nicht dort.“

Martin trat auf ihn zu.

„Du hast sie mitgenommen.“

Reimann schwieg.

Da legte ich die Quittung für die fünfzehn Fahrkarten auf den Tisch.

„Du hast die Kinder fortgebracht. Aber was hast du mit meiner Mutter gemacht?“

Sein Gesicht bekam eine graue Farbe.

„Sie wollte nicht aufhören.“

„Das ist keine Antwort.“

„Sie hatte die Bücher. Die Zahlungen. Alles. Wenn sie gesprochen hätte, wäre Nordtal gefallen. Und ich mit ihm.“

„Wo ist sie?“

Reimann blickte zu Martin.

„Du weißt es.“

Martin griff in die Innentasche seines Mantels und holte ein kleines, gefaltetes Stück Stoff heraus. Es war ein Rest von Elise’ gelbem Schal.

„Sie gab ihn mir“, sagte er. „In der Nacht, als du sie zum Tunnel gebracht hast. Sie sagte, ich solle ihn behalten, bis Lana alt genug sei, die Wahrheit zu ertragen.“

Meine Knie gaben nach. Jens fing mich auf.

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„Sie lebt nicht mehr“, sagte Reimann.

„Wann?“

„1987.“

„Woran ist sie gestorben?“

Reimann antwortete nicht.

Mara nahm die Blechschachtel und öffnete das Fach im Boden. Darin lag ein Schlüssel mit der eingravierten Zahl sieben.

„Tunnel sieben“, sagte sie. „Dort ist nicht nur der Zugang. Dort liegt der alte Verwaltungsraum.“

Martin zog eine weitere Erklärung hervor.

„Elise hat dort etwas versteckt, bevor Reimann sie fand.“

Am Abend gingen wir gemeinsam zum Steinbruch. Der Regen hatte aufgehört, doch aus dem Wald stieg der Geruch nasser Erde. Reimann führte uns schweigend zu einem eingestürzten Schacht. Unter einer Betonplatte fanden wir eine kleine Stahltür.

Der Schlüssel passte.

Hinter der Tür lag ein Raum, dessen Wände mit Regalen bedeckt waren. Keine Leiche. Kein Grab. Nur Kisten voller Abrechnungen, Fotografien, Briefe und Namen.

In der Mitte stand ein hölzerner Schultisch.

Darauf lag ein Heft mit meiner Mutter Handschrift.

Ich schlug es auf.

Die erste Seite war an mich gerichtet.

„Lana, wenn du das liest, dann hat jemand endlich den Mut gefunden, dir zu sagen, dass ich dich nicht verlassen habe.“

Ich musste mich an der Tischkante festhalten.

Reimann blieb im Eingang stehen.

„Ich wollte dich schützen“, sagte er.

„Du hast mich in einem Haus aufwachsen lassen, in dem jeder wusste, dass meine Mutter verschwunden war, nur ich nicht warum.“

„Ich habe bezahlt, damit du versorgt bist.“

„Du hast bezahlt, damit niemand redet.“

Er ging einen Schritt zurück.

Martin stellte sich vor ihn.

„Morgen unterschreiben wir alle die Aussagen. Die Unterlagen gehen an die zuständigen Behörden und an die Familien.“

Reimann sah auf die Kisten, auf die Rechnungen, auf die fünfzehn Namen.

„Dann verliere ich alles.“

„Nein“, sagte ich. „Du verlierst nur das, was du gestohlen hast.“

Er griff nach dem Schultisch.

„Elise hätte dich nicht erkannt.“

Ich legte ihre Notiz unter die Lampe. Die Tinte war verblasst, aber der letzte Satz blieb lesbar:

„Wenn Lana fragt, wer ihr Vater ist, soll sie nicht nach seinem Namen suchen. Sie soll danach suchen, was er getan hat.“

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Reimann sank auf den Boden.

Nicht aus Reue.

Aus Erschöpfung.

Am nächsten Morgen standen die fünfzehn Überlebenden vor der alten Schule. Einige waren grau geworden, einer trug eine Sauerstoffflasche, eine Frau hielt die rosafarbene Brotdose an sich gedrückt, die wir im Bus gefunden hatten. Sie war Maria.

Sie hatte ihr Käsebrot nie vergessen.

Martin legte den grünen Kinderschuh neben die Brotdose.

„Wir sollten sie nicht im Museum ausstellen“, sagte er.

„Was dann?“, fragte ich.

Er zeigte auf den alten Schulhof.

„Wir stellen sie hierhin. Mit den Namen. Nicht als Denkmal für das Verschwinden. Als Beweis, dass wir zurückgekommen sind.“

Die Kisten aus dem Tunnel wurden geöffnet, die Zahlungen veröffentlicht, und Nordtal-Chemie wurde mit allem verbunden, was Reimann fast vier Jahrzehnte verborgen hatte. Die Familien erfuhren, dass ihre Kinder nicht im Wald gestorben waren. Manche bekamen Antworten. Manche bekamen nur neue Fragen.

Reimann verlor das Bürgermeisteramt, seine Firmenanteile und den Zugang zu dem Land, das er sich durch Schweigen gesichert hatte. Was danach mit ihm geschah, war nicht meine Entscheidung. Meine Entscheidung war, nicht mehr auf eine Erklärung von ihm zu warten.

Ich behielt nur eine Seite aus dem Heft meiner Mutter.

Den Rest gab ich Martin.

Am späten Nachmittag setzte ich mich im leeren Klassenraum an den alten Schultisch. Auf der Tafel standen fünfzehn Namen. Darunter schrieb ich den Namen meiner Mutter.

Elise Vogt.

Maria stellte die Brotdose daneben.

Martin legte den grünen Schuh an die erste Reihe.

Und als ich den kleinen Kompass von meinem Hals nahm, zeigte seine Nadel noch immer nach Osten.

Dorthin, wo der Tunnel unter dem Wald begann.

Dorthin, wo meine Mutter ihre letzte Nachricht versteckt hatte.

Auf der Rückseite der Seite stand nur ein Satz:

„Lana, wenn du mich findest, bring die Kinder nach Hause.“

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