TEIL 4
TEIL 4
…Ich riss den Kopf herum.
Zwischen den Sonnenblumen stand ein schmaler Mann mit einer roten Tasche. Er hielt ein Streichholz in der Hand.
– Legen Sie es weg – sagte ich.
Der Mann grinste.
– Zu spät. Der Auftrag lautet, den Hof unbrauchbar zu machen.
Maxim ging sofort auf ihn zu.
– Du solltest im Wagen bleiben.
– Und du solltest die Papiere haben.
Diese Antwort veränderte alles. Maxim hatte den Mann nicht erwartet. Für einen Augenblick sahen die beiden sich an wie Geschäftspartner, die gerade bemerkten, dass jeder von ihnen den anderen loswerden wollte.
Ich nahm den schweren Schraubenschlüssel vom Tisch.
– Niemand setzt hier etwas in Brand.
Der Mann hob das Streichholz. Xenia griff nach dem Wassereimer, doch Pawlo rief:
– Nicht zum Stall! Das Heu ist trocken!
Meine Mutter packte den Eimer und schüttete das Wasser über die Hand des Fremden. Das Streichholz fiel zischend in den Sand.
Der Mann fluchte und stieß sie zur Seite.
Da sprang Lutschik aus dem Stall.
Sein schiefer Hinterlauf knickte kurz weg, aber sein Körper traf den Fremden mit solcher Wucht, dass dieser über den Zaun fiel. Die rote Tasche riss auf. Darin lagen mehrere Flaschen mit Brennstoff, ein Bündel Stofflappen und ein amtlicher Stempel.
Maxim wurde kreidebleich.
– Du hast gesagt, es passiert niemandem etwas.
– Du hast gesagt, ich soll nur den Hof anzünden – knurrte der Mann vom Boden.
Xenia sah mich an.
– Er hat es selbst gesagt.
Ich ging nicht auf Maxim los. Ich hob nur den amtlichen Stempel aus dem Gras und legte ihn auf den Tisch neben seine Verträge.
– Wem gehört dieser Stempel?
Er schwieg nicht, weil ihm die Worte fehlten. Er rechnete. Das konnte ich an seinen Augen sehen. Er suchte bereits nach dem nächsten Menschen, den er opfern konnte.
Irina trat vor.
– Der Stempel gehört dem Notariat, in dem die Vollmachten beglaubigt wurden. Maxim hat ihn vor drei Monaten gestohlen.
– Beweisen Sie das.
– Ich kann es beweisen.
Sie zog ein kleines Notizbuch aus ihrem Mantel. Auf jeder Seite standen Uhrzeit, Name und Geldbetrag. Sie hatte alle Zahlungen notiert, weil Maxim ihr nie vertraut hatte und sie deshalb jede Ausgabe unterschreiben musste.
– Hier ist die Zahlung an den Notar. Hier die Überweisung an den Mann mit dem Streichholz. Und hier – sie blätterte weiter – die Anweisung, die Grundstücke über Strohleute zusammenzukaufen.
Maxim riss ihr das Buch aus der Hand.
Ich stellte mich vor sie.
– Genug.
– Du glaubst, du kannst mich aufhalten? – fragte Maxim. – Du kannst kaum deinen eigenen Namen schreiben.
Ich nahm einen Bleistift und schrieb meinen Namen auf ein leeres Stück Papier. Die Buchstaben waren langsam, nicht schön, aber sicher.
– Vielleicht nicht schnell. Aber ich vergesse nichts.
Das war der Moment, in dem Pawlo aufstand. Er schwankte, hielt sich aber nicht mehr am Türrahmen fest.
– Maxim, ich habe die Vollmacht nie unterschrieben.
– Das haben Sie doch!
– Nein. Ich habe damals im Krankenhaus gelegen. Andrij hat mich hingebracht. Meine Unterschrift kann nicht gleichzeitig dort und in Ihrem Büro gewesen sein.
– Der Notar hat sie bestätigt!
– Der Notar wird bestätigen, dass Sie ihn bezahlt haben – sagte Irina.
Maxim drehte sich zu Xenia.
– Du hast all das verursacht. Hättest du geheiratet, wäre dein Vater nie in diese Sache geraten.
Xenia schloss kurz die Augen. Der alte Satz vom Hochzeitstag stand plötzlich zwischen uns: Ich will nicht in diesem Hof verrotten.
Dann öffnete sie sie wieder.
– Nein. Du hast meine Angst benutzt. Andrijs Schweigen. Die Krankheit meines Vaters. Alles, was du finden konntest.
– Ich habe dir eine Zukunft angeboten.
– Du hast mir eine Rechnung gegeben und meine Papiere genommen.
Der Fremde am Zaun versuchte aufzustehen. Meine Mutter hielt den Wassereimer vor ihn.
– Bleiben Sie sitzen.
Er setzte sich tatsächlich wieder.
Der schwarze Wagen am Straßenrand war nicht allein. Hinter ihm hielt ein alter Kleinbus. Darin saßen drei Frauen, die Irina aus der Stadt kannte. Eine von ihnen war die Besitzerin des ersten Grundstücks auf der Liste. Sie hatte ihre Wohnung verloren und war gekommen, weil Irina ihr versprochen hatte, endlich die Wahrheit zu zeigen.
Maxim sah sie und wich zurück.
– Was soll das?
– Sie wollten ihre Häuser – sagte Irina. – Sie sind gekommen, um zu sehen, wem Sie sie wegnehmen wollten.
Eine der Frauen stieg aus.
– Sie haben meinem Bruder erzählt, ich hätte Ihnen das Geld freiwillig gegeben.
– Das haben Sie unterschrieben.
– Weil Sie meinen Sohn bedroht haben.
Eine zweite Frau hielt einen Brief hoch.
– Und Sie haben meinen Namen auf ein Darlehen gesetzt, während ich im Krankenhaus lag.
Maxim schaute auf seine eigenen Papiere. Sein sorgfältig gebautes Netz lag nun offen auf unserem Tisch, zwischen dem Kassenbuch und dem alten Halfter von Lutschik.
Er griff plötzlich nach der Blechkiste.
Ich zog sie weg.
– Das gehört uns.
– Du weißt nicht, was du da zerstörst.
– Doch. Ihre Pläne.
Er stieß mich an. Ich fiel mit der Hüfte gegen den Tisch. Der Vertrag rutschte zu Boden. Xenia hob ihn auf, aber Maxim packte sie am Handgelenk.
– Du kommst mit mir.
Ich hörte, wie Lutschik unruhig schnaubte. Diesmal blieb er nicht hinter dem Zaun. Er drückte seine Brust gegen das Tor, bis der Riegel absprang.
Xenia riss sich los und schlug Maxim mit dem Vertrag ins Gesicht.
– Ich bin nicht mehr die Frau, die Sie aus dem Zimmer sperren konnten.
Maxim wich zurück. Sein Absatz blieb an einer losen Holzlatte hängen, und er stürzte in den Staub.
Der Mann mit der roten Tasche begann zu lachen.
– Du hast versprochen, mich zu bezahlen.
– Halt den Mund!
– Ich will mein Geld.
– Du bekommst gar nichts.
– Dann erzähle ich, wer den Auftrag erteilt hat.
Maxim wurde plötzlich still. Nicht ruhig. Nur ertappt.
Irina trat näher.
– Sie haben gesagt, Maxim habe den Auftrag allein gegeben. Aber wer hat ihm das Geld überwiesen?
Der Mann zeigte auf Maxim.
– Ein Mann namens Serhij Woron. Der Besitzer der Ziegelei.
Pawlo setzte sich wieder.
– Woron war früher dein Geschäftspartner.
Maxim wischte sich Staub von der Wange.
– Er wollte nur Land kaufen.
– Er wollte Menschen vertreiben – sagte ich.
– Das ist kein Verbrechen.
– Ein Feuer schon.
Xenia blickte auf den Gemeindebrief.
– Wenn die Übertragungen heute nicht eingereicht werden, verfällt die Genehmigung.
Irina nickte.
– Und wenn die Gemeinde erfährt, dass die Unterschriften gefälscht sind, wird Woron das Vorhaben nicht mehr retten können.
Maxim sprang auf und rannte zum Wagen.
Ich lief nicht hinterher. Ich nahm das alte Kassenbuch, die Blechkiste und Pawlos Bescheinigung. Xenia stellte sich mitten auf die Straße.
– Fahren Sie nicht weg, Maxim.
– Geh mir aus dem Weg.
– Sie wollten meinen Namen benutzen. Dann hören Sie jetzt zu: Ich werde persönlich zu jeder Frau fahren, die auf Ihrer Liste steht. Ich werde den Notar mitnehmen. Und ich werde Woron erzählen, dass Sie versucht haben, seinen Auftraggeber zu verraten.
Maxim starrte sie an.
– Du wagst es nicht.
– Ich habe schon schlimmere Nächte überstanden als Ihre Drohungen.
Er stieg in den Wagen, doch der Motor sprang nicht an. Irina hatte offenbar den Schlüssel aus dem Zündschloss gezogen, während alle auf den Streit konzentriert gewesen waren.
Der Fremde am Zaun gab ihr einen bitteren Blick.
– Das war nicht abgesprochen.
– Ihr Auftraggeber hat seine Rechnung nicht bezahlt – sagte Irina. – Wir sind quitt.
Am nächsten Morgen fuhren wir nicht zum Gericht. Wir mussten keinen langen Weg durch Flure machen, um zu verstehen, was geschehen war. Pawlo legte die Verträge mit Irina und den Frauen in das Gemeindeamt. Der Notar erschien noch vor Mittag und bestätigte, dass Maxim ihm die Unterschriften gebracht hatte. Woron zog seine Kaufzusage zurück, als er erfuhr, dass die Grundstücke mit falschen Vollmachten gesammelt worden waren.
Maxim verlor nicht nur den Hof, den er stehlen wollte. Er verlor auch das Vertrauen der Menschen, für die er gearbeitet hatte. Der Notar zahlte die erpressten Gebühren zurück. Irina bekam eine Stelle bei der Gemeinde, wo sie die alten Verträge ordnete und jede Unterschrift zweimal prüfte. Die Frauen gründeten gemeinsam eine kleine Beratungsstelle in der Stadt.
Xenia blieb zunächst bei ihren Eltern. Nicht bei mir. Das war wichtig.
Sie schlief im kleinen Zimmer neben der Küche und half Pawlo bei den Medikamenten. Jeden Morgen kam sie auf den Hof, stellte sich neben Lutschik und fütterte ihn mit einem Apfelstück.
Eines Tages fand ich sie am alten Birnbaum. In ihrer Hand hielt sie den Schleier vom Hochzeitstag. Die Perlen waren wieder angenäht, aber eine fehlte.
– Ich habe sie gesucht – sagte sie.
– Welche?
– Die, die bis zu deinem Stiefel gerollt ist.
– Die liegt wahrscheinlich noch im Staub.
– Vielleicht sollte sie dort bleiben.
Sie sah auf das Land, das Maxim beinahe an sich gerissen hätte.
– Ich kam zurück, weil ich dich brauchte. Das war nicht fair.
– Nein.
– Ich weiß nicht, ob ich dich jemals wieder heiraten darf.
– Das musst du auch nicht wissen.
Sie atmete zittrig aus.
– Und wenn du eines Tages jemanden findest, der besser zu dir passt?
Ich strich Lutschik über den Hals. Unter meinen Fingern bewegte sich die alte Narbe an seiner schiefen Hinterhand.
– Dann werde ich ihr sagen, dass sie nicht wegen des Hofes bleiben soll.
Xenia lächelte traurig.
– Und wenn ich bleiben möchte?
– Dann bleib nicht als meine gerettete Braut. Bleib als Xenia.
Sie nickte. Mehr versprach keiner von uns.
Am Nachmittag kamen die Frauen aus der Stadt zurück. Sie brachten die ersten Unterlagen für ihre Beratungsstelle und legten sie auf unseren Tisch. Pawlo unterschrieb seine Erklärung mit zittriger Hand. Irina setzte daneben ihre Unterschrift. Danach nahm Xenia den Bleistift.
Sie schrieb nicht ihren Namen.
Sie schrieb: Ich bestätige, dass diese Frau freiwillig handelt.
Dann reichte sie den Stift an mich.
– Lies es mir vor.
Ich las langsam. Jede Zeile. Jedes Wort.
Als ich fertig war, legte Lutschik draußen den Kopf gegen das Stalltor. Das Holz gab ein tiefes, vertrautes Knarren von sich. Xenia ging hinaus, hielt ihm den Apfel hin und sagte leise:
– Du warst der Einzige, der ihn damals nicht verlassen hat.
Lutschik nahm den Apfel aus ihrer Hand.
Und während seine Zähne das knackende Fruchtfleisch zerdrückten, setzte Xenia sich neben ihn in den Staub – nicht auf die Knie, sondern auf Augenhöhe.
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