Als der erste Schuss fiel, stand ich mit einer Hand auf meinem Bauch und mit der anderen an einer zerbrochenen Wagenstange, während fünf Männer auf dem Bergrücken ihre Gewehre hoben.
Die Kugel schlug dort ein, wo mein Kopf noch vor einer Sekunde gewesen war. Holz splitterte. Meine Maultierstute schrie auf und riss am Geschirr. Ich stolperte rückwärts, fiel auf ein Knie und spürte den scharfen Kies durch meinen Rock.
Mein Kind bewegte sich.
Das war der einzige Grund, warum ich nicht einfach liegen blieb.
„Steh auf!“, rief eine Männerstimme von oben. „Wir wollen den Wagen, Witwe. Und wir wollen, was darin ist.“
Ich sah den Berghang hinauf. Fünf Reiter standen zwischen den Kiefern. Ihre Gesichter waren kaum zu erkennen, aber der Mann in der Mitte hielt ein Fernglas aus Messing in der Hand. Es blitzte kurz in der Sonne.
Virgil Cain.
Ich kannte seinen Namen, obwohl ich ihn nie zuvor gesehen hatte. Jeder, der von Nebraska bis zu den nördlichen Pässen unterwegs war, kannte ihn. Er überfiel Wagen, verschwinden ließ er Menschen. Die Behörden behaupteten, es gebe keine Beweise. Die Witwen wussten es besser.
Meine Maultierstute zitterte so stark, dass ihr Geschirr klirrte. Ich strich ihr über den Hals und fühlte getrockneten Schweiß unter meiner Hand.
„Bitte“, sagte ich, obwohl ich wusste, dass Bitten bei solchen Männern nur ihre Geduld verlängerte. „Nehmt die Tiere. Nehmt die Kisten. Aber lasst mich weiter.“
Virgil lachte.
„Du bist seit drei Tagen weitergegangen, obwohl dein Wagen kaum noch Räder hat. Was glaubst du, warum wir gewartet haben?“
Ich wusste es.
Sie hatten gewartet, bis ich zu müde war, um wegzulaufen.
Elf Monate zuvor hatte Daniel Blut in ein weißes Taschentuch gehustet. Drei Wochen lang hatte ich ihn gepflegt, bis seine Hände kalt wurden und die Glocke der kleinen Kirche über unserem Dorf läutete. Danach verkaufte ich den Pflug, die Kuh und sogar das Porzellan meiner Mutter.
Nur die kleine Holzkiste behielt ich.
Darin lag Daniels Landvertrag, ein Bündel Briefe und der Messingfingerhut meiner Mutter, den ich bei jedem Stich getragen hatte. Der Fingerhut war an einer Seite eingedellt. Ich hielt ihn in meiner Tasche, als könnte seine vertraute Kante mich daran erinnern, dass ich noch existierte.
„Steig aus dem Weg“, rief Virgil. „Wir sehen uns an, was dein Mann dir hinterlassen hat.“
„Er hat mir nichts hinterlassen, was euch gehört.“
Sein Lächeln verschwand.
Da öffneten sich unterhalb des Bergrückens die Kiefern. Ein schwerer Lastwagen kam aus dem Wald, gezogen von zwei Pferden. Der Fahrer war breit gebaut, trug einen dunklen Hut und hielt die Zügel so locker, als würde er seine Tiere nicht lenken, sondern ihnen zuhören.
Er sah zuerst mich an. Dann den beschädigten Wagen. Dann die Männer auf dem Felsen.
Seine Schultern wurden ganz ruhig.
„Ma’am“, sagte er, als er neben mir anhielt, „steigen Sie auf meinen Wagen.“
„Meine Sachen—“
„Sind weniger wert als Ihr Leben.“
Er sprang hinunter. Seine Stiefel sanken in den Staub. Ohne zu fragen, löste er meine Maultierstute vom Wagen und band sie hinten an seinen. Dann hob er meine Kiste an, vorsichtig, beinahe ehrfürchtig.
„Wer sind Sie?“, fragte ich.
„Elias Ward.“
„Und warum helfen Sie mir?“
Er sah nicht zu den Reitern hinauf.
„Weil ich seit Sonnenaufgang beobachte, wie sie Ihnen folgen.“
Ein zweiter Schuss krachte. Der Baum neben meinem Gesicht platzte auf.
Elias packte meinen Arm. Seine Hand war warm und fest, aber nicht grob. Ich ließ mich auf den Sitz ziehen. Mein Herz schlug so heftig, dass mir schwarz vor Augen wurde.
„Halten Sie sich fest, Abigail.“
Ich erstarrte.
„Woher kennen Sie meinen Namen?“
Sein Blick traf meinen.
„Ihr Mann hat oft von Ihnen gesprochen.“
Noch bevor ich fragen konnte, woher er Daniel kannte, riss Elias die Zügel an. Die Pferde sprangen vorwärts. Hinter uns krachten fünf Gewehre gleichzeitig, und während mein Wagen über die Steine schlingerte, griff Elias unter den Sitz nach einer ledernen Mappe, die er bisher verborgen gehalten hatte. Seine Finger schlossen sich um den Riemen, dann zog er sie hervor und sagte…
TEIL 2
„Wenn Sie wissen wollen, warum sie Sie nicht einfach töten, müssen Sie mir jetzt zuhören.“
Elias lenkte den Wagen in eine schmale Felsspalte. Die Räder schlugen gegen den Stein, die Kisten rutschten hinter uns hin und her, und meine Maultierstute galoppierte mit gesenktem Kopf hinterher. Über uns peitschten weitere Schüsse durch die Kiefern.
Ich presste beide Hände auf meinen Bauch.
„Mein Kind—“
„Ist noch sicher.“
„Das können Sie nicht wissen!“
„Ich weiß mehr über diesen Weg als jeder Mann, der uns verfolgt.“
Er zog ein Gewehr unter dem Sitz hervor und reichte mir die Zügel.
„Halten Sie die Pferde gerade.“
„Was haben Sie vor?“
„Sie aufzuhalten.“
„Nicht schießen, um zu töten.“
Elias sah mich kurz an.
„Das hatte ich nicht vor.“
Er drehte sich um, legte das Gewehr auf die hintere Querstrebe und wartete, bis der erste Reiter am Eingang der Schlucht auftauchte. Dann feuerte er auf den Felsen über dessen Kopf. Geröll stürzte herab. Das Pferd scheute, der Reiter fiel beinahe aus dem Sattel, und hinter ihm prallten die anderen Männer ineinander.
„Sie hätten ihn treffen können!“, rief ich.
„Ich wollte, dass er sich erinnert, wie Angst schmeckt.“
Der Wagen raste weiter. Ich spürte jeden Stoß in meinem Rücken. Der Messingfingerhut in meiner Rocktasche drückte gegen meine Hüfte, bis die Kante schmerzte.
Nach wenigen Minuten verengte sich die Schlucht. Elias sprang vom Sitz, lief neben den Pferden her und führte uns durch einen Spalt, der kaum breiter war als der Wagen. Dahinter öffnete sich eine versteckte Senke mit einer verlassenen Hütte.
„Runter“, sagte er.
„Was?“
„Jetzt.“
Er zog mich vom Wagen, und wir duckten uns hinter eine Felsplatte. Die Pferde wurden in den Schatten geführt. Elias legte einen Finger an die Lippen.
Oben in der Schlucht rief Virgil: „Ward! Ich weiß, dass du sie hast!“
Mir wurde kalt.
„Sie kennen Sie.“
„Ja.“
„Wer sind Sie wirklich?“
Elias antwortete nicht. Er beobachtete den Weg, während Schweiß über seine Schläfe lief.
Virgil kam näher. Seine Stimme hallte zwischen den Felsen.
„Du kannst die Frau nicht retten. Ihr Mann hat genauso geglaubt, er könne uns entkommen.“
Elias’ Gesicht veränderte sich.
„Was hat er gesagt?“, flüsterte ich.
„Nichts, was Sie hören sollten.“
„Er hat Daniel gekannt.“
„Ich habe ihn gekannt.“
„Dann sagen Sie mir, was passiert ist.“
„Nicht hier.“
„Mein Mann ist tot. Ich bin seit elf Monaten unterwegs. Männer schießen auf mich, weil ich einen Landvertrag in einer Holzkiste trage, und Sie sagen mir, ich soll warten?“
Elias sah mich an, als hätte ich ihm eine Wunde geöffnet.
„Daniel wurde nicht von der Krankheit getötet.“
Die Welt schien für einen Moment stillzustehen.
„Was sagen Sie da?“
„Er wurde vergiftet.“
Ich schlug ihm ins Gesicht.
Der Ton meiner Hand auf seiner Wange war lauter als die Rufe in der Schlucht.
„Sie wussten es“, sagte ich. „Sie wussten es und haben mich allein gelassen.“
„Ich hatte keine Beweise.“
„Aber jetzt?“
Elias griff in seine Manteltasche und zog einen kleinen Schlüssel hervor. Er war an einem roten Faden befestigt, der an einer Seite ausgefranst war.
„Jetzt habe ich etwas, das Daniel mir vor seinem Tod gegeben hat.“
„Warum haben Sie es mir nicht früher gezeigt?“
„Weil jeder, der davon wusste, verschwunden ist.“
Ein Pferd wieherte am Eingang der Senke. Virgil hatte die Spur gefunden.
Elias nahm meine Holzkiste und stellte sie auf den Boden der Hütte. Dann kniete er sich davor. Unter dem Bodenbrett hatte er eine flache Ledertasche versteckt.
„Wenn ich diese Mappe öffne“, sagte er, „gibt es kein Zurück mehr.“
„Für mich gab es seit Daniels Tod kein Zurück mehr.“
Er löste den Riemen. Seine Hand glitt zum Verschluss, während draußen Stiefel über den Kies scharrten. Dann sagte Virgil vor der Tür meinen Namen, und Elias hob den Deckel der Mappe an…
TEIL 3
In der Mappe lag kein Geld. Kein Landvertrag. Kein Schmuck.
Elias zog ein Bündel vergilbter Blätter heraus, zusammengehalten von Daniels schwarzem Bindfaden. Daneben lag ein kleines Glasfläschchen mit braunem Pulver und ein zusammengefaltetes Schreiben, dessen Ecke mit meinem Namen beschriftet war.
Ich erkannte Daniels Handschrift sofort.
Meine Knie gaben nach.
„Lies es“, sagte Elias.
„Ich kann nicht.“
„Doch.“
Draußen krachte jemand gegen die Tür. Das Holz ächzte.
Ich nahm den Brief. Das Papier roch nach Rauch und getrocknetem Salbei, genau wie Daniels Arbeitsjacke an den letzten Abenden seines Lebens.
Abigail, wenn du diesen Brief liest, bin ich entweder tot oder fort. Glaube nicht, dass die Ländereien hinter Eagle Ridge leer sind. Unter ihnen liegt Silber, und Virgil Cain hat seit Jahren Menschen beseitigt, die ihre Ansprüche nicht verkaufen wollten. Unser Vertrag ist echt. Aber die Unterschriften, die man uns im Dorf gezeigt hat, sind gefälscht. Elias Ward besitzt die Namen und die Beweise. Vertraue ihm, auch wenn er dir zunächst verschweigt, wer er ist.
Ich konnte nicht weiterlesen. Die Buchstaben verschwammen.
„Er wusste, dass er sterben würde“, flüsterte ich.
Elias nickte.
„Er kam drei Nächte vor seinem Tod zu mir. Er hatte das Pulver aus Cains Lager genommen. Ein Apotheker bestätigte später, dass es ein Gift war. Der Apotheker verschwand, bevor er aussagen konnte.“
„Und Sie?“
„Ich war damals Ermittler für das Territorium. Ich arbeitete unter falschem Namen, weil Cain einen Mann in jedem Amt hatte.“
Er legte die übrigen Blätter vor mich. Darauf standen Namen, Daten, Zahlungen und Orte. Männer, die als vermisst galten. Familien, deren Land plötzlich an eine Bergbaugesellschaft gefallen war. Neben jedem Namen stand dieselbe schwarze Markierung.
„Das ist seine Liste“, sagte Elias. „Cain hat sie selbst geführt.“
Die Tür barst auf.
Virgil Cain trat herein, das Gewehr in der Hand. Hinter ihm standen zwei Männer. Der dritte lag draußen reglos im Geröll.
„Du hättest den Brief verbrennen sollen, Elias.“
Ich stand auf, obwohl meine Beine zitterten.
„Du hast meinen Mann getötet.“
Virgil lächelte dünn.
„Dein Mann hat sich selbst getötet, als er glaubte, eine Frau könne ein Stück Land retten.“
Elias hob das Gewehr.
„Leg deine Waffe weg, Cain.“
„Du wirst nicht schießen. Nicht vor ihr.“
„Du kennst mich schlecht.“
Virgil blickte auf meinen Bauch.
„Das Kind gehört also auch zu Daniels Geschichten? Wenn du nicht unterschreibst, wird es niemals erfahren, wie sein Vater starb.“
Ich nahm den Messingfingerhut aus meiner Tasche. Seine eingedellte Kante schnitt in meine Handfläche.
„Du wirst nie wieder bestimmen, was mein Kind erfährt.“
Virgil lachte. In diesem Moment zog Elias an einer Schnur neben der Tür. Hinter der Hütte löste sich ein schwerer Holzstamm und stürzte in den schmalen Zugang. Die beiden Männer draußen wurden abgeschnitten. Einer schrie.
Elias trat vor.
„Ich habe deine Worte aufgezeichnet.“
Virgil wurde blass.
Unter seinem Mantel holte Elias ein kleines Aufnahmegerät hervor, das ein Polizeibeamter aus der Hauptstadt ihm anvertraut hatte. Es surrte leise. Virgil hörte seine eigene Stimme: Dein Mann hat sich selbst getötet.
Dann ertönte draußen ein Signalhorn.
Weitere Reiter näherten sich. Nicht Cains Männer. Das Abzeichen auf ihren Mänteln gehörte den Bundesbeamten.
Virgil starrte auf die Tür, dann auf mich.
„Du hast sie gerufen“, sagte er.
„Nein“, antwortete Elias. „Daniel hat sie gerufen. Vor elf Monaten.“
Einer der Beamten rief: „Elias Ward! Wir haben einen Haftbefehl gegen Virgil Cain und jeden Mann, der für ihn arbeitet!“
Virgil wich zurück. Seine Hand glitt an den Gürtel.
Da klopfte es in der Tasche meines Kleides.
Nicht der Fingerhut. Ein zweites Stück Papier, das ich in Daniels Kiste nie bemerkt hatte, schob sich aus dem doppelten Boden. Elias sah es zuerst.
Auf der Außenseite stand nur ein Satz: Wenn Cain fällt, wird der Mann aus dem Grundbuch alles anzünden…
Dann hörte ich seine eigene Stimme aus dem kleinen Gerät…
Ich dachte, die Wahrheit hätte bereits alles verändert. Doch erst danach erkannte ich, wie weit der Verrat wirklich reichte.
„Ich brauche nichts von einem Mann, der mir schon einmal alles nehmen wollte.“
Danach wurde es vollkommen still.
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