TEIL 4
Ich legte nicht auf.
— Wer sind Sie?
Am anderen Ende hörte ich Wind und das ferne Dröhnen eines Motors.
— Jemand, der zu spät verstanden hat, was Richard Cole getan hat.
Richard machte einen Schritt auf mich zu.
— Legen Sie auf.
— Sie haben mir nichts zu befehlen.
— Sie wissen nicht, womit Sie spielen.
— Doch, sagte ich. Zum ersten Mal weiß ich es.
Ich gab Nora ein Zeichen. Sie hatte bereits die Polizei gerufen und unsere Sicherheitsabteilung alarmiert. Die Haustür unten wurde verriegelt. In der Ferne ertönte eine Sirene.
Richard hörte sie ebenfalls.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
— Sie machen einen Fehler, sagte er.
— Vielleicht. Aber diesmal entscheide ich selbst.
Einer der Männer hinter ihm griff in seine Jacke. Ich zog Emma hinter den Küchentisch. Sarah packte den schweren Topf vom Herd und hielt ihn mit beiden Händen.
Dann stürmten Polizisten die Wohnung.
Richard hob die Hände.
— Das ist ein Missverständnis.
— Lassen Sie die Hände sichtbar, sagte eine Beamtin.
— Ich bin der Verwalter dieses Gebäudes.
— Und wir haben eine Anzeige wegen Bedrohung, Betrug und versuchter Nötigung.
Richard sah mich an.
— Sie glauben dieser Frau wirklich?
Ich antwortete nicht.
Er wurde abgeführt. Einer seiner Männer hatte ein Messer bei sich. Der andere trug in seiner Tasche mehrere Schlüssel zu Wohnungen, die Richard angeblich nie betreten hatte.
Die Wohnung wurde plötzlich still.
Emma hielt ihren Bären so fest, dass seine zusammengenähte Bauchseite knirschte.
— Ist er weg? fragte sie.
— Ja, sagte ich. Er kommt nicht wieder.
Sarah setzte sich. Ihre Beine versagten beinahe.
Am nächsten Morgen traf ich Nora, meine Anwältin Helena und Dr. Blake in meinem Büro. Die Speicherkarte wurde in einem kleinen Gerät abgespielt.
Zuerst hörte man Richards Stimme.
— Wenn der Wartungsbericht verschwindet, wird niemand beweisen können, dass die Hydraulikleitung bekannt war.
Dann die Stimme meines Finanzdirektors.
— Und Mitchell?
— Mitchell wird trauern, arbeiten und nichts sehen. Dafür ist er schließlich gut.
Ich hörte meine eigene Vergangenheit aus dem Mund eines fremden Mannes.
Helena stoppte die Aufnahme.
— Das reicht für einen Durchsuchungsbeschluss. Wir müssen sofort zum Staatsanwalt.
Ich starrte auf den Bildschirm.
— Er hat gewusst, dass Catherine und James in Gefahr waren.
— Wir wissen noch nicht, ob er den Absturz verursacht hat, sagte Helena. Aber wir wissen, dass er Beweise verschwinden ließ.
Am selben Nachmittag wurde Richards Büro durchsucht. Man fand gefälschte Mietkonten, Zahlungen auf seine eigene Gesellschaft und einen Brief von Catherine, den er nie weitergeleitet hatte.
In diesem Brief stand nur ein Satz: „Alexander, bitte komm nach Hause. Ich muss dir von Emma erzählen.“
Ich las ihn dreimal.
Dann ging ich in das Zimmer, das ich seit drei Jahren nicht mehr betreten hatte.
Es war noch immer James’ Zimmer. Ein rotes Holzflugzeug hing über dem Bett. Auf dem Regal lag ein einzelner Turnschuh. In der Ecke stand eine Kiste mit Bauklötzen.
Auf dem Schreibtisch fand ich ein gerahmtes Foto von Catherine und mir. Ich nahm es heraus und legte es in eine Schublade. Nicht, weil ich sie vergessen wollte. Sondern weil ich endlich aufhören musste, in einem Zimmer zu leben, in dem niemand mehr antwortete.
Drei Wochen später zog Sarah mit Emma in eine helle Wohnung in Cambridge. Ich bezahlte die Miete nicht heimlich, sondern über eine Stiftung, deren Treuhänder Sarah selbst mitbestimmte.
— Ich will kein Almosen, sagte sie.
— Dann betrachten Sie es als Wiedergutmachung.
— Für etwas, das Sie nicht getan haben?
— Für das, was ich nicht gesehen habe.
Sie sah lange auf den Tisch.
— Das ist ein Unterschied.
— Für mich nicht mehr.
Richard wurde wegen Betrugs, Erpressung und Behinderung der Ermittlungen angeklagt. Die Untersuchungen zum Flugzeugabsturz wurden wieder aufgenommen. Der Pilot war unschuldig gewesen. Die Wartungsfirma hatte eine Warnung gefälscht, Richard hatte sie bezahlt und anschließend die Unterlagen verschwinden lassen.
Ob er den Absturz geplant hatte, konnte niemand beweisen. Aber er hatte gewusst, dass Menschen sterben konnten, und er hatte sich entschieden, nichts zu tun.
Im Prozess hörte Richard seine eigene Stimme.
Die Aufnahme lief über Lautsprecher.
„Mitchell wird trauern, arbeiten und nichts sehen.“
Richard saß hinter seinem Anwalt und wurde immer kleiner.
Er hörte sich selbst sagen, dass ich zu beschäftigt sei, um Fragen zu stellen. Dass Trauer einen Menschen berechenbar mache. Dass Sarah niemals genug Geld haben würde, um sich zu wehren.
Als die Aufnahme endete, herrschte Stille.
Der Richter fragte:
— Haben Sie diese Worte gesprochen?
Richard blickte auf seine Hände.
— Ja.
Es war das erste ehrliche Wort, das ich von ihm hörte.
Monate vergingen.
Ich arbeitete weniger. Jeden Dienstag holte ich Emma von der Schule ab. Anfangs nannte sie mich Herr Mitchell. Dann Alexander. Eines Tages blieb sie vor dem Eingang stehen und fragte:
— Darf ich dich Papa nennen?
Ich ging in die Knie, obwohl meine Knie inzwischen bei jedem Wetter schmerzten.
— Du darfst mich nennen, wie du möchtest.
— Auch Papa?
— Auch Papa.
Sie legte ihre Hand in meine.
— Dann darfst du morgen mit in die Klasse kommen. Wir bauen eine Rakete.
— Eine Rakete?
— Keine Flugzeuge, sagte sie ernst. Raketen fallen nicht einfach ins Meer.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Also sagte ich nur:
— Dann bauen wir eine Rakete.
Sarah begann wieder zu arbeiten. Sie half Frauen, die ihre Wohnungen verloren hatten, und kannte jedes Formular, jede Behörde und jeden versteckten Satz in Mietverträgen. In meinem Unternehmen wurde eine unabhängige Stelle eingerichtet, die Beschwerden von Mietern prüfte. Kein Verwalter durfte mehr allein über Kündigungen entscheiden.
Ich lernte, die Namen der Menschen in der Eingangshalle zu kennen.
Am ersten Schneetag zog Emma ihren roten Mantel an und steckte den Teddybären in meinen Rucksack. Der Bär war inzwischen neu zusammengenäht. Sein fehlendes Auge hatte sie durch einen kleinen Holzknopf ersetzt.
— Pass auf ihn auf, sagte sie.
— Das tue ich.
— Wirklich?
— Wirklich.
Am Abend bekam ich eine Nachricht von Richard. Sein Anwalt hatte sie weitergeleitet.
„Ich könnte Ihnen helfen, den Schaden beim Absturz zu begrenzen. Treffen Sie mich allein. Sie schulden mir wenigstens das.“
Ich las die Nachricht und löschte sie.
Eine Stunde später kam eine zweite.
„Catherine hätte gewollt, dass Sie mir zuhören.“
Diesmal antwortete ich.
„Benutzen Sie ihren Namen nie wieder, um etwas von mir zu bekommen.“
Dann schaltete ich das Telefon aus.
Im Frühling brachte Emma mir ein Bild aus der Schule. Darauf waren drei Figuren vor einem gelben Haus zu sehen. Eine große, eine mittlere und eine kleine. Neben der kleinen Figur stand ein Teddybär mit einem Holzknopf als Auge.
— Das sind wir, erklärte sie.
— Und wer ist die dritte Person?
— Das bist du zweimal. Einmal als Alexander und einmal als Papa.
Ich musste mich wegdrehen, damit sie meine Tränen nicht sah.
Später ging ich in die Küche. Auf dem Tisch lag der alte Bär, den Emma dort vergessen hatte. Sein Fell war abgewetzt, die dunklen Nähte waren noch sichtbar, aber der Holzknopf glänzte im Abendlicht.
Ich nahm ihn vorsichtig hoch.
Diesmal hatte ich nichts zu verlieren.
„Komm nach Hause“, sagte ich leise.
Und zum ersten Mal war zu Hause jemand da, der antwortete.
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