Als Andreas mir an diesem Abend die Schüssel aus der Hand riss, wusste ich, dass es nie um meine Gesundheit gegangen war.
Es war 19:14 Uhr. Wie jeden Abend seit fast zwei Monaten hatte er zuerst die Vorhänge im Wohnzimmer zugezogen. Nicht langsam, nicht beiläufig, sondern mit einer Genauigkeit, die mich inzwischen frösteln ließ. Der Stoff glitt durch seine Finger, bis kein Streifen Straßenlicht mehr zwischen den Falten hindurchkam.
Dann ging er in die Küche.
Ich hörte den Deckel des Topfes klappern, das leise Kratzen der Kelle am Metall und schließlich seine Schritte auf dem Parkett. In seinen Händen stand die kleine weiße Schüssel. Der Rand war an einer Stelle abgesplittert. Ich hatte sie vor Jahren gekauft, zusammen mit sechs anderen, aber nur diese brachte Andreas jeden Abend zu mir.
— Du musst alles aufessen, sagte er.
Ich sah auf die dunkle, dicke Flüssigkeit.
— Du könntest wenigstens einmal sagen, was darin ist.
— Gemüse, Brühe und Dinge, die dein Körper braucht.
— Welche Dinge?
Andreas setzte sich mir gegenüber. Seine Daumenkuppe strich über den abgesplitterten Rand.
— Mara, fang nicht wieder an.
Früher hätte mich dieser Ton verletzt. An diesem Abend machte er mich aufmerksam. Er schaute nicht auf mein Gesicht, sondern auf die Oberfläche der Suppe, als würde er darin auf etwas warten.
Ich nahm den Löffel.
Der Geruch war bitter und erdig. Nach drei Löffeln spürte ich das bekannte Gewicht hinter meinen Augen. Mein Körper wurde schwer, obwohl ich den ganzen Tag kaum etwas getan hatte.
— Warum bist du so müde? fragte Andreas.
Ich legte den Löffel ab.
— Das fragst du mich jeden Abend.
— Weil du dich nicht schonst.
— Oder weil du mir jeden Abend etwas gibst, das mich müde macht?
Seine Hand blieb auf dem Tisch liegen. Nur der Zeigefinger zuckte.
— Du hörst zu viele Geschichten, sagte er.
Am nächsten Morgen suchte ich in seinem Arbeitszimmer nach nichts Bestimmtem. Genau deshalb erschrak ich, als ich in seiner Jackentasche eine Quittung fand. Medizinisches Zentrum am Ring. Darunter ein Datum, das erst zwei Tage zurücklag.
Ich steckte den Zettel ein.
Um 13:20 Uhr rief Andreas aus dem Flur jemanden an. Ich stand hinter der halb geschlossenen Tür und hörte seine Stimme, gedämpft und scharf.
— Sie darf davon nichts erfahren.
Eine Frauenstimme antwortete so leise, dass ich kein Wort verstand.
— Ich habe gesagt, ich kümmere mich darum, sagte Andreas. Und solange sie die Suppe trinkt, bleibt alles unter Kontrolle.
Mein Herz schlug so laut, dass ich glaubte, er müsse es hören.
Als er auflegte, stand ich bereits in der Küche und schnitt Karotten. Er blieb im Türrahmen stehen.
— Mit wem hast du telefoniert?
— Mit niemandem, der dich etwas angeht.
Das Messer rutschte mir fast aus der Hand.
In dieser Nacht wachte ich um 3:07 Uhr auf. Andreas stand neben dem Bett. Das Mondlicht lag auf seinem Gesicht, aber ich konnte seinen Blick erkennen. Er beobachtete meine Brust, als würde er prüfen, ob sie sich noch hob.
— Was machst du da? flüsterte ich.
— Schlaf weiter.
— Warum siehst du mich so an?
Er antwortete nicht. Er legte sich hin und drehte mir den Rücken zu.
Ich blieb wach.
Am nächsten Abend versteckte ich ein kleines Schraubglas im Ärmel meines Schlafanzugs. Als Andreas kurz in den Keller ging, füllte ich drei Löffel der Suppe hinein. Meine Finger zitterten so stark, dass die Brühe gegen den Glasrand schwappte.
Ich schraubte den Deckel zu und schob das Glas unter die lose Einlage meiner Nähkiste. Dort lag seit Jahren ein gelbes Maßband mit ausgefransten Zahlen. Andreas hatte nie verstanden, warum ich Dinge aufhob, die niemand mehr brauchte.
Diesmal rettete mich genau das.
Am nächsten Morgen würde ich das Glas in ein Labor bringen. Doch noch bevor ich das Haus verließ, hörte ich hinter mir den Keller verriegeln. Andreas kam die Treppe herauf und hielt plötzlich die Nähkiste in der Hand. Sein Daumen lag bereits unter der losen Einlage…
TEIL 2
Sein Daumen lag bereits unter der losen Einlage, als ich die Kiste mit beiden Händen an mich riss.
— Was suchst du? fragte ich.
Andreas sah auf das gelbe Maßband, das aus der Kiste hing. Ein kleiner Metallhaken schlug gegen den Tisch und erzeugte ein helles, nervöses Klirren.
— Ich wollte nur den Schlüssel für die Garage.
— In meiner Nähkiste?
— Du stellst dich an.
— Und du suchst in meinen Sachen.
Für einen Moment standen wir uns im engen Flur gegenüber. Hinter ihm roch es nach feuchtem Beton und Motoröl. Die Garagentür war wieder verschlossen, obwohl Andreas dort seit Wochen angeblich nur alte Kartons sortierte.
Sein Blick glitt zur Tasche an meiner Schulter.
— Wohin willst du so früh?
— Zur Arbeit.
— Du hast heute frei.
Ich hatte tatsächlich frei. Die Lüge kam zu schnell, und ich sah, wie er sie bemerkte.
— Dann zu meiner Schwester, sagte ich.
— Du hast seit drei Wochen nicht mit Klara gesprochen.
— Vielleicht möchte ich das ändern.
Andreas trat einen Schritt näher. Seine Finger schlossen sich um den Griff der Nähkiste.
— Mara, du bist erschöpft. Du erinnerst dich an Dinge, die so nicht passiert sind. Du solltest dich untersuchen lassen.
— Von wem? Von dem Arzt aus dem medizinischen Zentrum am Ring?
Sein Gesicht verlor die Farbe.
Nur für eine Sekunde. Aber ich sah es.
Ich ging an ihm vorbei, ohne schneller zu werden. Im Bus zum Labor hielt ich die Tasche auf dem Schoß und presste die Hand dagegen. Ich hatte Angst, dass jemand das Glas sehen könnte, obwohl es tief zwischen einem Schal und meiner Geldbörse lag.
Das Labor lag in einem niedrigen Gebäude hinter einem Supermarkt. Um 8:42 Uhr nahm eine junge Mitarbeiterin mit roten Haaren meine Probe entgegen.
— Wissen Sie, was genau untersucht werden soll?
— Etwas, das mein Mann in eine Suppe mischt.
Sie hob den Blick.
— Hat er Ihnen etwas verschrieben?
— Nein.
— Dann essen Sie die Suppe bitte nicht weiter. Wir melden uns, sobald das Ergebnis vorliegt.
Ihre behandschuhten Finger schoben das Glas in eine beschriftete Schale. Das Geräusch des Deckels, der auf Kunststoff traf, blieb mir im Kopf, als ich wieder hinausging.
Am Abend war Andreas freundlich. Zu freundlich.
Um 19:14 Uhr zog er die Vorhänge zu, stellte die weiße Schüssel vor mich und strich mir sogar über die Schulter.
— Du siehst heute blass aus.
— Vielleicht brauche ich weniger Suppe.
— Du brauchst Vertrauen.
— Vertrauen entsteht nicht, wenn man Fragen vermeidet.
Er setzte sich. Der Löffel glänzte zwischen uns wie ein kleines Messer.
— Iss.
— Nein.
Andreas stand so abrupt auf, dass der Stuhl über den Boden schabte.
— Du wirst krank, wenn du dich gegen alles wehrst.
— Ich bin bereits krank. Seit ich deine Suppe trinke.
Sein Atem ging schneller. Dann zwang er sich, wieder ruhig zu werden.
— Du hast keine Ahnung, wovon du redest.
Ich nahm die Schüssel, ging zur Spüle und ließ die Suppe langsam hineinlaufen. Andreas packte mein Handgelenk.
Nicht fest genug, um einen blauen Fleck zu hinterlassen. Fest genug, um mir zu zeigen, dass er es könnte.
— Du wirst das nicht tun, sagte er.
— Lass mich los.
— Wenn du die Behandlung abbrichst, kann es gefährlich werden.
— Welche Behandlung?
Er ließ mich los, als hätte ich ihn verbrannt.
In derselben Nacht rief das Labor an. Ich saß im Bad auf dem geschlossenen Toilettendeckel und hielt den Hörer so fest, dass meine Finger weiß wurden.
— Frau Keller, wir haben die Untersuchung abgeschlossen, sagte die Mitarbeiterin. In der Probe befindet sich ein verschreibungspflichtiger Wirkstoff. Die Menge ist nicht zufällig. Bei regelmäßiger Einnahme kann er starke Müdigkeit, Kreislaufprobleme und Verwirrtheit auslösen.
Mir wurde kalt.
— Was für ein Wirkstoff?
Sie nannte den Namen. Ich schrieb ihn mit zitternder Hand auf die Rückseite einer alten Zahnarztrechnung.
— Bitte nehmen Sie nichts mehr davon ein und suchen Sie dringend einen Arzt auf.
Als ich aus dem Bad kam, stand Andreas im Flur. In seiner Hand hielt er meine Tasche. Der Reißverschluss war geöffnet.
Sein Blick blieb auf dem Papier in meiner Hand liegen.
— Wo warst du heute Morgen? fragte er.
Ich sagte nichts.
Er nahm die Rechnung, drehte sie um und las den Namen des Wirkstoffs. Dann hob er langsam den Kopf.
— Du hast meine Anweisung missachtet, sagte er.
— Deine Anweisung?
— Du verstehst nicht, was auf dem Spiel steht.
— Dann erklär es mir.
Andreas ging zur Wohnungstür, schloss sie ab und zog den Schlüssel aus dem Schloss. Anschließend legte er ihn auf den Tisch, genau neben die weiße Schüssel.
— Morgen früh wirst du mit mir in das medizinische Zentrum kommen.
— Nein.
— Doch.
— Warum?
Er beugte sich zu mir, und zum ersten Mal war in seinem Gesicht keine Sorge zu erkennen.
— Weil sie dort bereits auf deine Unterschrift warten…
TEIL 3
Weil sie dort bereits auf deine Unterschrift warten, sagte Andreas.
Der Satz blieb zwischen uns hängen.
Draußen fuhr ein Lastwagen über das nasse Kopfsteinpflaster. Die Scheiben zitterten. Andreas stand noch immer neben dem Tisch, eine Hand auf der weißen Schüssel, als müsste er sie festhalten.
— Welche Unterschrift? fragte ich.
— Du bist nicht in der Lage, das zu verstehen.
— Dann versuch es.
Er griff nach dem Schlüssel. Ich war schneller und stellte mich zwischen ihn und die Wohnungstür.
— Du gibst mir Medikamente, sperrst mich ein und willst mich morgen zu einem Arzt bringen. Was soll ich unterschreiben?
Sein Mund verzog sich.
— Eine Einverständniserklärung.
— Wofür?
— Für deine Behandlung.
— Meine Behandlung oder deine Rettung?
In diesem Augenblick klingelte es.
Andreas fuhr herum. Es war 20:03 Uhr. Niemand besuchte uns ohne Ankündigung. Er ging zur Tür, blieb aber vor dem Spion stehen.
— Wer ist da? rief er.
— Ich bin es, Frau Keller. Bitte machen Sie auf.
Andreas wurde bleich.
Ich kannte die Stimme nicht, aber er kannte sie. Das sah ich an der Art, wie seine Finger sich um den Türgriff krampften.
— Geh ins Schlafzimmer, sagte er.
— Nein.
— Mara, geh sofort.
Die Klingel ertönte erneut.
Ich öffnete, bevor er mich aufhalten konnte. Auf dem Flur stand eine schmale Frau in dunkelgrüner Arbeitskleidung. Unter ihrem Arm klemmte eine Mappe.
— Ich heiße Helene Vogt, sagte sie. Ich bin die Apothekerin aus dem medizinischen Zentrum am Ring.
Andreas stellte sich in den Türrahmen.
— Sie haben hier nichts verloren.
— Das dachte ich zuerst auch, antwortete Helene. Dann habe ich die Verordnung gesehen.
Sie öffnete die Mappe und zog ein Formular heraus. Oben stand mein Name. Darunter meine Anschrift, mein Geburtsdatum und eine Unterschrift, die meiner verblüffend ähnlich sah.
— Diese Verordnung wurde vor sechs Wochen eingelöst, sagte Helene. Das Medikament wurde für Frau Keller bestellt. Die Abholung wurde mit Ihrer Vollmacht bestätigt.
Ich nahm das Blatt. Meine Hände waren kalt.
— Ich habe nie etwas unterschrieben.
— Das weiß ich jetzt.
Andreas lachte kurz, hart und ohne Freude.
— Sie machen einen Fehler.
— Nein, sagte Helene. Der Fehler war, dass ich Ihnen geglaubt habe.
Sie holte ein zweites Blatt hervor. Es war ein Antrag auf eine medizinische Betreuung mit eingeschränkter Entscheidungsbefugnis. Mein Name stand darauf. Auch dort war meine Unterschrift gefälscht.
Ich sah Andreas an.
— Du wolltest mich für nicht zurechnungsfähig erklären lassen.
— Das ist nicht wahr.
— Dann warum steht mein Name dort?
— Weil du krank bist!
Seine Stimme prallte von den geschlossenen Fenstern zurück. Helene zuckte zusammen. Ich spürte, wie mir der Boden unter den Füßen nachgab, aber ich blieb stehen.
— Der Wirkstoff macht mich krank, sagte ich.
Andreas fuhr sich über das Gesicht.
— Er sollte dich beruhigen.
— Wovor?
Er schwieg.
Helene trat näher.
— Sie haben mir gesagt, Ihre Frau sei unberechenbar und wolle sich selbst gefährden. Sie behaupteten, sie brauche eine gesetzliche Vertretung, weil sie bald ihr Vermögen verlieren würde.
— Ich wollte sie schützen, sagte Andreas.
— Vor wem?
— Vor ihrer Schwester.
Ich starrte ihn an.
Klara und ich hatten seit Jahren keinen Kontakt. Nicht, weil sie mir schaden wollte, sondern weil Andreas dafür gesorgt hatte, dass ich glaubte, sie wolle an mein Erbe. Das Geld meiner Mutter lag in einem Treuhandkonto. Ich hatte nie darüber gesprochen.
Helene legte ein letztes Dokument auf den Tisch.
— Und das ist der Grund, warum ich gekommen bin. Heute Nachmittag rief mich eine Bankmitarbeiterin an. Sie wollte wissen, ob Frau Keller die Auszahlung des Treuhandkontos genehmigt habe.
Mein Magen zog sich zusammen.
— Welche Auszahlung?
Helene sah auf Andreas.
Er machte einen Schritt zurück.
— Das Konto sollte aufgelöst werden, sagte sie. Die vollständige Summe sollte auf ein Konto gehen, das auf den Namen von Andreas Keller und eine Firma namens Nordtal Beratung eingetragen ist.
Die weiße Schüssel rutschte von Andreas’ Hand und zersprang auf dem Boden.
Er sah nicht auf die Scherben. Er sah auf mich.
— Ich hatte Schulden, sagte er leise. Ich wollte nur Zeit gewinnen.
— Und dafür hast du mich vergiftet?
— Es war keine Vergiftung.
— Du hast meinen Namen gefälscht.
— Ich dachte, du würdest mir helfen, wenn du endlich ruhig bist.
Helene nahm ihr Telefon heraus.
— Ich habe bereits dafür gesorgt, dass keine Auszahlung erfolgt. Aber Frau Keller muss heute noch zu einem Arzt. Und sie muss wissen, dass die Sache größer ist, als Sie glauben.
— Was soll das heißen? fragte ich.
Helene blickte zur verschlossenen Garagentür.
— Das medizinische Zentrum hat nicht nur eine Verordnung ausgestellt. Dort liegt auch eine zweite Akte. Auf Ihren Namen. Und darin steht etwas, das Andreas Ihnen bisher verschwiegen hat…
Doch in der zweiten Akte stand noch eine erschreckende Notiz…
Ich glaubte, die Wahrheit bereits zu kennen. Dann tauchte ein Dokument auf, das Andreas’ Plan in eine viel größere Gefahr verwandelte.
„Ihre Zustimmung wurde für morgen vorbereitet.“
Andreas’ Gesicht verlor jede Farbe.
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