TEIL 4
— Wo ist dieser Umschlag?, fragte mein Vater.
Die Sozialarbeiterin hielt das Telefon noch in der Hand.
— Frau Seidel bringt ihn her.
Katja taumelte rückwärts und stieß mit der Schulter gegen den Türrahmen. Ein dünnes Klappern ging durch den Raum, weil der Metallständer neben meinem Bett wackelte.
— Das darf sie nicht, sagte sie.
— Warum nicht?, fragte mein Vater.
— Weil es privat ist.
— Was hast du genommen?
Katja schluchzte. Diesmal klang es nicht wie eine Rolle, die sie jederzeit ablegen konnte.
— Ich wollte nur den Umschlag sehen.
Mein Vater hielt ihm die Hand entgegen.
— Welchen Umschlag?
Katja presste die Lippen zusammen.
Die Sozialarbeiterin stellte sich zwischen beide.
— Niemand fasst hier irgendjemanden an. Katja, du setzt dich jetzt dort hin.
Meine Schwester gehorchte. Sie setzte sich auf den Besucherstuhl, der unter ihr knarrte. Ich sah, wie sie die Fingernägel in ihre Handflächen bohrte.
Eine halbe Stunde später kam Mara Seidel ins Zimmer. Sie war ungefähr fünfzig, trug eine gelbe Regenjacke und hielt einen durchsichtigen Beutel in der Hand. Auf ihrer linken Wange klebte noch ein Pflaster, wahrscheinlich von der Arbeit.
— Ich hoffe, ich störe nicht, sagte sie.
— Sie haben mein Kind gefunden, sagte mein Vater. Danke.
Mara sah ihn lange an.
— Ich habe Ihre Tochter gefunden, ja. Aber ich habe vorher Ihre andere Tochter gesehen.
Katja hob den Kopf.
— Sie haben mich nicht erkannt.
— Doch. Ich kenne Sie aus dem Laden an der Haltestelle. Sie haben dort heute um 17.18 Uhr gestanden.
Mara legte den Beutel auf den Tisch. Darin lag ein Umschlag mit einem aufgeweichten Rand und ein kleiner Schlüssel.
Mein Vater wurde blass.
— Der Schlüssel gehört zum Schuppen.
— Er lag im Gras hinter der Gartenmauer, sagte Mara. Ich habe ihn gefunden, nachdem ich den Rucksack Ihrer Tochter gesehen hatte. Ich wollte ihn eigentlich nur aufheben. Dann hörte ich Ihre Tochter weinen.
Katja begann zu zittern.
— Ich habe den Schlüssel nicht dort verloren.
— Das glaube ich Ihnen, sagte Mara. Sie haben ihn dort hingelegt.
Mein Vater wandte sich an mich.
— Lena, ich hatte die Tabletten wirklich im Werkzeugschrank. Ich wollte sie dort wegschließen, weil ich sie zu oft genommen habe. Nicht wegen dir. Wegen meiner Nächte.
Ich dachte an die vielen Abende, an denen er am Küchentisch gesessen und ins Leere gestarrt hatte. Ich hatte geglaubt, er sei müde wegen der Arbeit. Vielleicht hatte er Angst, und ich hatte es nicht bemerkt.
Mara schob den Umschlag zur Sozialarbeiterin.
— Er lag im Rucksack Ihrer Tochter. Nicht in der großen Tasche, sondern in der Innentasche hinter dem Algebraheft.
Mein Vater sah mich an.
— Ich habe ihn dort nicht hingelegt.
— Das weiß ich, sagte ich.
Die Sozialarbeiterin öffnete den Umschlag vorsichtig. Darin lag eine handschriftliche Erklärung. Nicht von meinem Vater, sondern von Katja.
Sie las die ersten Zeilen und hob den Blick.
— Katja, du hast aufgeschrieben, dass dein Vater Lena wegen ihrer Krankheit loswerden wollte.
— Das stimmt, sagte Katja.
— Nein, sagte mein Vater. Das stimmt nicht.
— Du hast es gesagt!
— Ich sagte, dass ich Angst habe, ihr nicht gerecht zu werden. Ich sagte, dass ich manchmal nicht weiß, wie ich zwei Kinder allein großziehen soll. Du hast nur den Teil gehört, den du hören wolltest.
Katja sprang auf.
— Und was sollte ich hören? Dass Lena wieder gerettet werden muss? Dass ich immer die Schwierige bin?
— Du bist nicht schwierig, sagte ich.
Alle sahen mich an.
Mein Herz raste. Nicht wegen des Fiebers. Wegen der Erkenntnis, dass Katja nicht nur gelogen hatte, um mich zu bestrafen. Sie hatte geglaubt, ich nähme ihr den letzten Platz im Leben unseres Vaters weg.
— Aber du hast mich fast umgebracht, sagte ich.
Katja erstarrte.
— Ich wollte das nicht.
— Das ändert nicht, was du getan hast.
Der Satz blieb zwischen uns liegen wie ein schwerer Gegenstand.
Mein Vater wandte sich an die Sozialarbeiterin.
— Was passiert jetzt?
— Lena bleibt mindestens bis morgen unter medizinischer Beobachtung. Danach kann sie zu Ihrer Schwester gebracht werden, bis geklärt ist, ob sie in Ihrem Haushalt sicher ist.
— Zu Anna?, fragte ich.
Die Sozialarbeiterin nickte.
Anna war die Schwester meines Vaters. Sie hatte mich seit zwei Jahren jeden Sonntag angerufen, auch wenn mein Vater behauptet hatte, ich sei zu beschäftigt, um zu sprechen.
Mein Vater setzte sich neben mein Bett.
— Ich habe ihr gesagt, du wolltest nicht mit ihr reden.
Ich betrachtete seine nassen Ärmel.
— Ich wollte mit ihr reden.
— Ich weiß.
— Warum hast du mich nicht gefragt?
Er sah auf den Messing-Leuchtturm, den die Krankenschwester auf die Decke gelegt hatte.
— Weil Katja mir eine einfache Antwort gegeben hat. Und ich war zu feige, nach der schwierigen zu suchen.
Am nächsten Morgen brachte die Pflegerin meine Sachen. Die blaue Brotdose war an einer Ecke eingedellt, aber sie schloss noch. Mein Algebraheft war wellig vom Regen. Auf der letzten Seite klebte ein kleiner Stein, der sich in der nassen Tasche verfangen hatte.
Mein Vater kam wieder. Diesmal allein.
— Katja ist bei unserer Nachbarin, sagte er. Die Sozialarbeiterin hat entschieden, dass ihr beide vorerst nicht zusammen wohnen sollt.
Ich nickte.
— Wird sie bestraft?
— Sie muss mit einer Beratungsstelle sprechen. Und sie muss dir erklären, wo sie die Wahrheit versteckt hat. Nicht nur mir.
— Ich will nicht, dass sie ins Gefängnis kommt.
Er schloss die Augen.
— Ich weiß nicht, was passieren wird.
— Aber du wirst nicht mehr für sie antworten.
— Nein.
Es war das erste Versprechen, das ich ihm glaubte, weil es nicht groß klang.
Am Nachmittag kam Anna. Sie umarmte mich nicht sofort. Sie setzte sich auf den Stuhl und fragte, ob sie meine Hand halten dürfe.
Ich sagte ja.
Ihre Finger waren rau von der Gartenarbeit. Sie rochen nach Seife und Rosmarin.
— Dein Vater hat mir heute alles erzählt, sagte sie.
— Alles?
— Auch, dass er dich hinausgeworfen hat.
Ich sah zur Seite.
— Ich kann dich mitnehmen. Nicht für eine Nacht. Für so lange, wie du möchtest.
Mein Vater stand am Fußende des Bettes. Er protestierte nicht.
Das war der zweite Beweis, dass sich etwas verändert hatte.
— Ich komme mit Anna, sagte ich.
Sein Gesicht verzog sich, aber er nickte.
— Ich bringe dir deine Bücher.
— Nur die aus dem Regal. Nicht die aus Katjas Zimmer.
— Natürlich.
Als wir das Krankenhaus verließen, wartete Mara im Eingangsbereich. Sie hielt meinen Messing-Leuchtturm in der Hand.
— Der Anhänger war verbogen, sagte sie. Ich habe ihn richten lassen.
Ich nahm ihn entgegen. Der kleine Turm glänzte wieder, aber an der Seite blieb eine feine Kerbe.
— Danke, sagte ich.
— Deine Mutter hat dir den geschenkt?
— Ja.
Mara lächelte traurig.
— Dann hat er seinen Zweck erfüllt.
Draußen stand mein Vater neben Annas Wagen. Er hielt die beiden Umschläge, den mit seiner Unterschrift und den mit Katjas Lüge. Er hätte sie zerreißen können. Stattdessen steckte er beide in eine Mappe.
— Warum behältst du sie?, fragte ich.
— Weil ich nicht mehr so tun will, als wäre nichts passiert.
Ich ging nicht zu ihm. Noch nicht.
Anna öffnete die hintere Autotür. Auf dem Sitz lag eine warme Decke und daneben ein Thermobecher mit Kakao. Nicht der Kakao meiner Schwester. Eine neue Tasse, deren Deckel fest verschlossen war.
Ich setzte mich hinein und legte den Rucksack auf meine Knie.
Mein Vater beugte sich zum Fenster.
— Lena, darf ich dich morgen anrufen?
Ich sah auf den verbogenen Leuchtturm.
— Du darfst anrufen. Aber wenn du etwas wissen willst, fragst du mich.
— Das mache ich.
— Und wenn Katja etwas sagt, fragst du sie nicht zuerst. Du fragst uns beide.
Er nickte.
Anna startete den Wagen. Im selben Moment vibrierte das Telefon meines Vaters. Die Sozialarbeiterin hatte ihm eine Nachricht geschickt: Katja hatte beschlossen, ihre Aussage selbst zu unterschreiben und ihren Anteil an allem aufzuschreiben, ohne dass jemand sie dazu zwang.
Mein Vater las die Nachricht und starrte lange auf den Bildschirm.
Ich sah nicht mehr hin.
Vor dem Krankenhaus lag noch eine schmale Spur Regenwasser zwischen den Pflastersteinen. Darin spiegelte sich der kleine Leuchtturm an meinem Rucksack, schief, verkratzt und trotzdem hell genug, um ihn zu erkennen.
Anna legte den ersten Gang ein.
Hinter uns blieb mein Vater mit zwei Umschlägen in der Hand stehen.
Vor mir lag der Weg zu einem Haus, in dem mich niemand vor die Tür setzen sollte.
Und als Anna fragte, wohin wir zuerst fahren wollten, antwortete ich: — Zu Tante Anna. Aber vorher holen wir meine Mutter aus dem Werkzeugschrank.
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