TEIL 4 — Ich entließ jede Pflegekraft nach drei Tagen – doch als die neue Dienstmagd vor meinem Rollstuhl kniete, wurde mein Leibwächter kreidebleich

TEIL 4

„Wen?“, fragte ich.

Mrs. Gable hielt den Hörer noch immer ans Ohr.

„Deinen Neurologen.“

Mir wurde kalt.

Dr. Varga war am Tag nach dem Anschlag verschwunden. Carmine hatte gesagt, er sei aus der Stadt geflohen, weil er sich schuldig fühlte. Niemand hatte ihn gesucht. Nicht wirklich.

Carmine sprang zur Tür.

„Wir fahren zum Kai.“

„Du fährst nirgendwohin“, sagte Fay.

Er blieb stehen.

Auf dem Boden lag noch immer seine Waffe. Mrs. Gable hatte sie mit dem Fuß unter den Tisch geschoben.

„Du hast gerade vor allen bestätigt, dass Elias lebt“, sagte ich. „Und du hast die Quittung gesehen. Wenn du jetzt gehst, nehmen dich die Männer am Tor fest.“

Carmine blickte zu den Fenstern.

„Die Männer am Tor gehören mir.“

„Gehörten“, sagte ich.

Er lachte kurz, doch das Geräusch hatte keine Kraft mehr.

Ich nahm mein Telefon vom Tisch und wählte eine Nummer, die ich seit dem Anschlag nicht angerufen hatte.

„Luca“, sagte ich, als er abhob. „Schließ alle Konten, die auf Carmine laufen. Sofort. Und ruf jeden Kapitän am Nordkai an. Kein Schiff legt ab, bis ich dort bin.“

„Dominic, deine Beine—“

„Meine Stimme funktioniert noch.“

Ich beendete das Gespräch.

Fay stand neben mir. Der rote Faden ihrer kleinen Taschenuhr hatte sich an einem Knopf ihres Kleides verfangen.

„Sie können nicht zum Kai“, sagte sie.

„Ich kann.“

„Sie haben gerade einen Schuss abgegeben. Ihre Hände zittern.“

„Dann zittern sie eben.“

„Sie wollen sterben.“

„Nein. Ich will wissen, warum dein Bruder sechs Monate lang leben musste wie ein Gejagter.“

Sie sah zur Mappe.

„Und warum wollen Sie, dass ich mitkomme?“

„Weil du die Einzige bist, die Elias aus seinem Versteck holen kann.“

Fay presste die Lippen zusammen.

„Sie kennen ihn kaum.“

„Du auch nicht. Du hältst ihn für tot.“

Dieser Satz traf sie. Sie griff nach ihrem Mantel.

Mrs. Gable schob mir eine Decke über die Knie.

„Ich komme ebenfalls mit.“

Carmine zog die Tür auf. Drei bewaffnete Männer standen im Flur. Einer von ihnen, Neri, senkte sofort den Blick.

„Carmine“, sagte er, „wir haben gerade erfahren, dass die Zahlungen aus unseren Lohnbüchern verschwunden sind.“

„Was soll das heißen?“

„Dass wir nicht mehr für dich arbeiten.“

Carmine wollte nach ihm greifen. Neri trat zurück.

Ich hatte früher Menschen mit einem Nicken gefeuert. Es war seltsam, dieselbe Macht nun aus einem Rollstuhl heraus zu spüren. Nicht stärker. Nur ehrlicher.

Eine Stunde später hielten wir vor der alten Fährwerkstatt. Der Regen hatte aufgehört, aber Wasser tropfte von den rostigen Dachrinnen. Im Inneren roch es nach Maschinenöl, nassem Holz und kaltem Rauch.

Ein Mann trat aus dem Schatten.

Elias Willis war dünner, als Fay ihn in Erinnerung hatte. Eine tiefe Narbe lief über seine Wange. Er hielt eine Eisenstange in der Hand, ließ sie aber fallen, als er seine Schwester sah.

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Fay blieb stehen.

„Elias?“

„Fay.“

Sie rannte zu ihm. Ihre Arme schlossen sich um seinen Hals. Er hielt sie so fest, als müsse er prüfen, ob sie wirklich da war.

Ich sah weg. Nicht aus Scham. Weil dieser Augenblick ihnen gehörte.

Nach einer Weile kam Elias zu mir.

„Ich wollte zu Ihnen“, sagte er.

„Warum hast du es nicht getan?“

„Weil ich gesehen habe, wer den Schützen bezahlt hat. Und weil ich wusste, dass Carmine Ihre Männer kontrolliert.“

„Du hättest Fay in Gefahr gebracht.“

„Sie war schon in Gefahr. Der Vermieter bekam jeden Monat Geld von Carmine. Er sollte sie aus dem Haus werfen, damit sie den Messingschlüssel findet, den ich ihrer Mutter gegeben hatte.“

Fay berührte den Schlüssel.

„Du hast mich hierhergeschickt?“

Elias nickte.

„Ich wusste, dass du nicht wegsehen würdest.“

Fay schlug ihm gegen die Brust.

„Ich habe sechs Monate um dich getrauert.“

„Ich weiß.“

„Nein. Das weißt du nicht.“

Er nahm den Schlag hin. Dann zog er aus seinem Mantel ein Foto. Darauf standen Matteo Corso und Dr. Varga vor einem Lagerhaus.

Auf der Rückseite war das Datum des Anschlags notiert.

„Matteo hat Carmine den Auftrag gegeben“, sagte Elias. „Carmine führte ihn aus. Aber Matteo brauchte einen Arzt, der die Verletzungen so behandelte, dass du nicht starbst und trotzdem nicht mehr laufen konntest.“

Ich sah Dr. Varga vor mir. Seine ruhige Stimme. Seine Hände. Die Erklärung, dass die Nerven vollständig zerstört seien.

„Er hat mich absichtlich falsch behandelt.“

„Er hat Ihre Wirbelsäule nicht repariert, obwohl er es konnte“, sagte Elias. „Die Schädigung war schwer. Aber nicht endgültig.“

Fay kniete vor meinem Rollstuhl.

„Dominic, hören Sie mir zu. Ihre Zehen bewegen sich.“

„Das ist ein Krampf.“

„Nein.“

Sie legte ihre Hand auf meinen Fuß.

„Versuchen Sie, den großen Zeh zu heben.“

Ich versuchte es.

Nichts.

Dann ein kaum sichtbares Zittern.

Fay riss den Kopf hoch.

„Da.“

Ich spürte es. Nicht viel. Nur einen dünnen Funken unter der Haut. Aber er war da.

Carmine stand hinter uns und beobachtete meinen Fuß.

„Varga sagte, du würdest nie wieder gehen“, murmelte er.

„Dann hat er dir wohl nicht alles erzählt“, sagte ich.

Wir fuhren noch in derselben Nacht zum Nordkai. Matteo wartete zwischen zwei Lagerhallen. Dr. Varga stand neben ihm, blass und mit einem Verband um die Stirn.

Matteo breitete die Arme aus.

„Bruder.“

„Nenn mich nicht so.“

„Du solltest tot sein.“

„Das war der Plan.“

Carmine ging auf Matteo zu. „Du hast gesagt, der Arzt würde ihn vollständig ausschalten.“

„Und du hast gesagt, Elias sei tot.“

„Ich musste improvisieren.“

Matteo wandte sich an mich. „Wir können das noch ordnen. Die Häfen bleiben in der Familie. Du bekommst eine großzügige Abfindung. Carmine verschwindet. Fay und ihr Bruder erhalten genug Geld, um neu anzufangen.“

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Fay lachte ungläubig.

„Sie bieten uns Geld aus dem Blut Ihres Bruders an?“

Matteo sah sie kaum an.

„Ich biete euch Sicherheit.“

„Sie haben mich aus meiner Wohnung gejagt.“

„Das war Carmine.“

Carmine fuhr herum. „Du hast es befohlen!“

„Du hast es unterschrieben.“

Da verstand ich, warum Matteo so ruhig war. Er wollte Carmine opfern und mit sauberen Händen zurückkehren.

Ich holte das Kontobuch aus meiner Tasche.

„Du hast eine Sache vergessen.“

Matteo betrachtete es.

„Das ist nicht genug.“

„Nein. Aber die Namen darin stehen auf den Konten deiner Reedereien. Und Luca hat sie bereits an die Kapitäne geschickt.“

Matteos Gesicht veränderte sich.

Hinter ihm sprangen an den Lagerhallen die Lichter an. Einer nach dem anderen traten Männer aus dem Schatten. Kapitäne. Hafenmeister. Zwei Buchhalter, die jahrelang für meine Familie gearbeitet hatten.

Sie waren nicht gekommen, um zuzusehen.

Sie waren gekommen, um ihre Anteile zurückzufordern.

Dr. Varga wich zurück.

„Matteo, du hast gesagt, alles sei geregelt.“

„Halt den Mund.“

„Du hast mir versprochen, dass Dominic nie wieder—“

Matteo schlug ihm ins Gesicht.

Der Schlag war der Fehler.

Nicht, weil Dr. Varga danach zu Boden ging. Sondern weil alle sahen, dass Matteo nicht länger der Mann war, der alles kontrollierte.

Ich rollte vor.

„Carmine“, sagte ich, „du hast meine Männer bezahlt, meinen Arzt bestochen und meinen Fahrer gejagt. Was wolltest du?“

Er sah zu Matteo.

„Deine Familie hat mir versprochen, dass ich nach deinem Tod alles bekomme.“

Matteo schloss die Augen.

Carmine begriff zu spät, dass er gerade den einzigen Satz gesagt hatte, den ich brauchte.

Ich gab Luca das Kontobuch.

„Nimm die Häfen aus Matteos Händen. Übertrage die Anteile an die Arbeiter, die sie aufgebaut haben. Carmine bekommt nichts. Kein Geld, kein Haus, keinen Namen in den Büchern.“

Matteo trat auf mich zu.

„Du kannst die Familie nicht zerstören.“

„Ich zerstöre nicht die Familie. Ich beende dein Geschäft damit.“

Fay stellte sich neben mich.

„Und was geschieht mit Elias?“

„Er erhält seinen Namen zurück“, sagte ich. „Auf jedem Vertrag, den ihr gefälscht habt.“

Elias schüttelte den Kopf.

„Ich will keinen Namen von ihm.“

Er deutete auf mich.

„Ich will, dass Dominic öffentlich sagt, dass ich ihn nicht verraten habe.“

Ich sah auf die Männer am Kai.

„Elias Willis hat mich nicht verraten. Er hat mich gerettet. Und ich habe sechs Monate gebraucht, um es zu begreifen.“

Niemand widersprach.

Später brachte Dr. Varga mir die vollständigen Behandlungsunterlagen. Nicht aus Reue. Aus Angst vor Matteo, dessen Schutz verschwunden war. Darin stand, dass eine Operation möglich gewesen wäre.

Sie war riskant.

Sie garantierte mir nicht, dass ich wieder gehen konnte.

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Aber sie gab mir eine Chance.

Fay blieb bei mir, bis ich sie bekam. Nicht als Dienstmagd. Nicht als Schuldnerin. Ich bot ihr Geld an, doch sie nahm nur genug, um die Wohnung ihres Bruders und die Schulden ihrer Mutter zu bezahlen.

„Warum nicht mehr?“, fragte ich.

Sie befestigte die kleine Taschenuhr wieder an ihrem roten Band.

„Weil ich nicht möchte, dass jedes gute Ding in meinem Leben mit Ihrem Geld beginnt.“

„Und was soll ich dir geben?“

„Die Wahrheit. Wenn sie unbequem wird.“

„Das kann ich versuchen.“

„Nein“, sagte sie. „Das können Sie entscheiden.“

Carmine verschwand aus der Stadt, nachdem alle seine Konten leer waren. Matteo verlor die Reedereien, die er besitzen wollte, an die Männer, die sie am Laufen gehalten hatten. Dr. Varga übergab seine Zulassung und verbrachte den Rest seines Lebens damit, vor einer Untersuchungskommission auszusagen. Ich ließ ihn nicht verhaften. Nicht aus Gnade. Seine eigene Unterschrift unter den Krankenakten war schwerer als jede Strafe, die ich hätte verlangen können.

Elias eröffnete in der alten Fährwerkstatt eine Reparaturhalle. Über dem Eingang hing ein neues Schild. Darauf stand sein vollständiger Name.

Am Tag vor meiner Operation kam Fay in mein Zimmer. Auf dem Tisch lag noch immer die Pistole, die sie am ersten Abend aufgehoben hatte. Daneben stand eine Schale mit Haferbrei.

„Das ist Absicht“, sagte sie.

„Der Haferbrei?“

„Die Erinnerung.“

Ich sah auf meine Beine. Der rechte Fuß zuckte wieder.

„Wenn die Operation misslingt?“

„Dann lernen Sie, mit einem Rollstuhl zu leben.“

„Und wenn sie gelingt?“

Fay zog die Schüssel näher zu mir.

„Dann lernen Sie, ohne Ihre Männer aufzustehen.“

Ich musste lachen. Es tat in der Wirbelsäule weh, aber ich lachte trotzdem.

Sie setzte sich nicht. Sie wartete.

Ich nahm den Löffel und aß den Haferbrei selbst.

Nicht, weil er schmeckte.

Sondern weil Fay Willis mich ansah, als wäre ich noch immer ein Mensch, der etwas entscheiden konnte.

Am nächsten Morgen führte sie mich nicht zur Tür, sondern zum Fenster der Klinik. Auf dem Parkplatz stand Elias neben seinem alten Wagen. Er hielt ein Schild hoch, das er auf die Rückseite einer Hafengenehmigung geschrieben hatte: „Fahr vorsichtig, Bruder.“

Ich hob die Hand.

Fay legte ihre Finger auf meine Schulter.

„Bereit?“

Ich sah auf meinen Fuß, der sich unter der Decke bewegte.

„Nein.“

Sie nickte.

„Gut. Dann sind Sie wenigstens ehrlich.“

Als der Pfleger den Rollstuhl in den Operationsraum schob, hörte ich hinter mir das vertraute Klappern ihrer kleinen Messinguhr.

Und diesmal war es nicht das Geräusch einer Frau, die kam, um mich zu retten, sondern das Geräusch ihrer Schritte, die neben mir blieben.

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