TEIL 4
…Ich nahm das Telefon nicht in die Hand.
Niemand bewegte sich.
Das Baby begann zu wimmern, und Nadeschda drückte es näher an ihre Schulter. Sein Gesicht verschwand in der Falte ihres Mantels. Der silberne Anhänger am Kinderwagen pendelte weiter, obwohl niemand ihn berührte.
Dann klingelte es ein drittes Mal.
– Wer ist unten? – fragte ich.
Pavel ging zur Gegensprechanlage.
– Nicht öffnen – sagte Nadeschda.
– Ich muss wissen, wer es ist.
– Du musst gar nichts.
Pavel drückte die Sprechtaste.
– Ja?
Eine Männerstimme antwortete, gedämpft durch den Lautsprecher.
– Ich möchte mit Oleg sprechen.
Mir lief ein kalter Streifen über den Rücken.
– Woher kennt er meinen Namen? – fragte ich.
Pavel nahm den Finger von der Taste.
– Er kennt ihn aus den Unterlagen.
– Welche Unterlagen?
Nadeschda legte das Kind in den Wagen und schob die Decke bis zum Kinn.
– Die Unterlagen, die deine damalige Ärztin an eine Samenbank weitergegeben hat.
Ich sah sie an.
– Meine Ärztin?
– Du warst vor unserer Hochzeit bei ihr. Wegen der Untersuchung.
Plötzlich erinnerte ich mich an den kleinen Raum mit den cremefarbenen Wänden. An die Ärztin, die den Befund nicht auf den Tisch gelegt, sondern in eine Mappe geschoben hatte. An ihren Satz: „Wir sollten über Möglichkeiten sprechen.“ Und an meinen Ärger.
Ich hatte den Befund nie abgeholt.
Ich hatte Nadeschda gesagt, alles sei in Ordnung.
– Was stand darin? – fragte ich.
Nadeschda antwortete nicht sofort.
Pavel tat es.
– Deine Fruchtbarkeit war stark eingeschränkt. Die Klinik empfahl eine Behandlung. Du hast sie abgelehnt.
– Das weiß ich.
– Nein, Oleg. Du weißt es nicht. Du hast die Behandlung nicht nur abgelehnt. Du hast eine Einverständniserklärung unterschrieben, dass eine Probe von dir für eine spätere Behandlung eingefroren werden darf.
Ich schüttelte den Kopf.
– Warum sollte ich das tun?
– Weil du damals gehofft hast, es würde niemand erfahren – sagte Nadeschda. – Nicht einmal du selbst.
Draußen schlug jemand gegen die Haustür. Der Ton ging durch die Wohnung wie ein Stein durch dünnes Eis.
– Er muss weg – sagte ich.
– Wer?
– Der Mann unten.
– Er weiß bereits, wo wir sind.
Pavel nahm den weißen Umschlag vom Tisch und öffnete ihn. Darin lag eine Kopie eines Laborberichtes. Am unteren Rand stand der Name des Spenders: Oleg Sokolow.
Ich konnte nicht atmen.
– Das bin ich.
– Ja – sagte Nadeschda.
– Aber du hast gesagt, das Kind sei nicht von mir.
– Nicht von dem Mann, der sich als Spender ausgegeben hat. Die Klinik hat vor der Behandlung die Identität verwechselt. Deine alte Probe wurde verwendet.
Pavel legte ein zweites Blatt daneben.
– Der Mann, der Geld fordert, ist ein Betrüger. Er hat eine ehemalige Mitarbeiterin der Samenbank bestochen. Sie gab ihm die Aktennummer und den Namen deines Spenders. Er dachte, Nadeschda hätte ein Kind mit einer anonymen Probe bekommen. Dann sah er deinen Namen und glaubte, damit Druck auf dich ausüben zu können.
– Druck wofür?
– Für die Anteile an deiner Firma – sagte Nadeschda.
Ich starrte sie an.
– Welche Anteile?
Pavel setzte sich. Seine Stimme wurde leiser.
– Du hast nach der Scheidung die Hälfte der Firma deines Vaters behalten. Der Mann wusste davon. Er wollte dich glauben lassen, dass du der rechtliche Vater des Kindes bist und dass er die Wahrheit öffentlich machen würde, wenn du nicht zahlst.
Ich lachte nicht.
Ich konnte nicht.
Der Mann unten schlug erneut gegen die Tür.
– Oleg! Wir wissen beide, was in den Unterlagen steht!
Nadeschda hob den Kopf.
– Pavel, ruf die Hausverwaltung.
– Schon geschehen.
– Und du? – fragte ich.
Sie sah mich an.
– Was willst du?
Die Frage war schlimmer als jeder Vorwurf.
Ich trat zum Kinderwagen. Das Baby schlief wieder. Eine winzige Falte lag zwischen seinen Augenbrauen, genau wie bei mir, wenn ich mich konzentrierte. Ich wollte die Hand ausstrecken, hielt aber inne.
– Ich will die Wahrheit – sagte ich.
– Die Wahrheit ist, dass du der biologische Vater bist. Aber nicht automatisch der Vater in seinem Leben.
Der Satz traf mich ohne Laut.
– Darf ich ihn sehen?
Nadeschda blickte auf das Kind hinunter.
– Du darfst ihn ansehen. Das ist nicht dasselbe.
Pavel ging ins Schlafzimmer und kam mit einer Mappe zurück. Darin lagen die Erklärungen der Klinik, die Laborberichte und eine handschriftliche Notiz der Ärztin. Sie schrieb, sie habe Nadeschda nach der Scheidung geholfen, weil sie wusste, dass Oleg die alte Probe niemals absichtlich verwendet hätte. Sie hatte die Identität erst nach der Geburt durch einen Kontrolltest entdeckt.
– Warum hast du mir nichts gesagt? – fragte ich.
Nadeschda hielt die Mappe fest.
– Weil du gegangen bist, als wäre ich ein Möbelstück, das man nicht mehr braucht. Weil du mir gesagt hast, ich würde in meinem Alter niemanden mehr finden. Weil du nicht einmal gefragt hast, warum ich aufgehört hatte, dir zu widersprechen.
Ich senkte den Blick.
– Ich dachte, du würdest mich zurückrufen.
– Das weiß ich.
– Ich dachte, du würdest merken, was du verlierst.
– Das weiß ich auch.
Unten wurde es laut. Stimmen im Treppenhaus. Eine Tür fiel. Kurz darauf klopfte jemand fest an Nadeschdas Wohnungstür.
Pavel trat vor.
– Bleib hinter mir.
– Nein – sagte ich.
Ich ging selbst zur Tür und öffnete sie nicht. Durch das Holz hörte ich einen Mann hastig atmen.
– Oleg, du hast eine Familie zerstört und glaubst, du kannst dich jetzt einfach als Vater ausgeben?
Die Stimme war voller Wut, aber nicht voller Gewissheit.
Ich antwortete:
– Sie haben die falschen Menschen erpresst.
– Ich habe Beweise.
– Wir auch.
Pavel hielt die Mappe hoch, obwohl der Mann sie nicht sehen konnte.
– Und wir wissen, wer Ihnen die Akten verkauft hat.
Es wurde still auf dem Flur.
Dann entfernten sich die Schritte. Schnell. Zu schnell.
Pavel rief die Hausverwaltung erneut an. Der Mann wurde im Eingangsbereich festgehalten, bis die zuständigen Beamten eintrafen. Niemand musste in eine dramatische Verfolgung ausbrechen. Der Betrüger hatte sich selbst verraten, als er meinen Namen, die Firma und die Klinik in einem Atemzug genannt hatte.
Am Nachmittag saß ich noch immer in Nadeschdas Küche. Vor mir stand der Tee, den sie früher immer zu stark aufgebrüht hatte. Der Duft von schwarzem Pfeffer aus dem kleinen Gewürzglas hing in der Luft, weil sie für sich Suppe gekocht hatte.
Das Baby lag in ihrem Arm.
– Wie heißt er? – fragte ich.
– Anton.
Ich wiederholte den Namen leise.
– Darf ich ihn halten?
Nadeschda sah lange auf meine Hände.
– Du musst nicht wegen der Unterlagen hierbleiben.
– Ich weiß.
– Du musst auch nicht wegen des schlechten Gewissens bleiben.
– Ich weiß.
– Und wenn du gehst, wird Anton nicht wissen, dass du sein Vater bist.
Ich schluckte.
– Dann muss ich dafür sorgen, dass er es eines Tages nicht aus einem fremden Umschlag erfährt.
Nadeschda legte das Kind vorsichtig in meine Arme.
Es war leichter, als ich erwartet hatte. Und schwerer.
Anton öffnete die Augen. Sie waren dunkel, beinahe schwarz, und suchten mein Gesicht, als wäre ich ein Geräusch, das er noch nicht einordnen konnte.
Meine Finger zitterten.
– Er sieht dich an – sagte Pavel.
– Babys sehen jeden an.
– Nicht so.
Nadeschda stand vor mir. Nicht als meine Frau. Nicht als die Frau, die ich verlassen hatte. Sie war die Mutter dieses Kindes und die einzige Person im Raum, die mir nichts mehr beweisen musste.
– Ich werde nicht versprechen, dass alles wieder gut wird – sagte ich.
– Das wäre auch eine Lüge.
– Ich werde nur kommen, wenn du mich darum bittest.
– Nein.
Ich sah sie an.
– Nein?
– Du kommst nicht, weil ich dich darum bitte. Du kommst, wenn du Anton sehen willst. Aber du kommst pünktlich. Du kommst nüchtern. Und du erzählst ihm nie, dass ich dich von ihm ferngehalten hätte.
– Einverstanden.
– Außerdem verkaufst du deine Firmenanteile nicht, um diesen Mann zu bezahlen.
– Das hatte ich nicht vor.
– Du wolltest ihm doch immer beweisen, dass du alles unter Kontrolle hast.
Ich blickte auf Antons winzige Hand. Seine Finger schlossen sich um meinen Zeigefinger.
– Heute habe ich verstanden, dass Kontrolle nicht dasselbe ist wie Verantwortung.
Nadeschda nahm den gelben Umschlag vom Tisch und legte ihn neben den Kinderwagen. Der rote Wollschal hing noch immer am Griff. Eine Ecke war aufgegangen, und darunter kam eine kleine, sorgfältig gestickte Eule zum Vorschein.
– Den hat Pavel gestrickt – sagte sie.
– Das hätte ich mir denken können.
Pavel hob eine Augenbraue.
– Ich kann auch andere Dinge als Briefe tragen.
Zum ersten Mal an diesem Tag lächelte Nadeschda wirklich. Nicht für mich. Nicht gegen mich.
Für Anton.
Ich beugte mich über meinen Sohn, und er hielt meinen Finger fest, als hätte er längst entschieden, dass ich bleiben musste.
Auf dem Tisch lag noch immer der Befund mit meinem Namen.
Doch in meinen Armen lag kein Beweisstück.
Dort lag Anton und schlief, während seine kleine Hand meinen Finger nicht mehr losließ.
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