TEIL 4
Die Stimme am anderen Ende war nicht die meiner Mutter.
Aber sie kannte ein Wort, das nur zwei Menschen auf der Welt kannten.
— Der Pfirsichbaum, sagte die Frau.
Meine Hand glitt von der Armlehne.
Als Kind hatte ich mich hinter einem Pfirsichbaum versteckt, nachdem mein Vater mich zum ersten Mal geschlagen hatte. Meine Mutter hatte mich dort gefunden und mir versprochen, dass niemand je erfahren würde, wie oft ich weinte.
Dieses Wort hatte sie nie ausgesprochen.
— Wer sind Sie? fragte ich.
— Helena Voss. Ich war die Krankenschwester Ihres Vaters. Luca hat mir die Unterlagen gegeben, bevor Viktor ihn in die Lagerhalle brachte.
Fay trat neben den Schreibtisch.
— Wo sind Sie?
— Im alten Zollhaus am Nordkai. Ich habe nicht mehr viel Zeit.
Im Hintergrund knackte etwas. Eine Tür. Schritte.
— Bleiben Sie dort, sagte ich.
— Nein, Dominic, sagte Helena. Hören Sie zu. In den Büchern fehlt eine Seite. Die Seite mit der Zahlung für Ihren Angriff ist nur eine Kopie. Das Original liegt bei dem Mann, der Ihnen die Kugel besorgt hat.
Viktor, der noch auf dem Boden lag, hob den Kopf.
— Fahren Sie nicht dorthin.
Ich sah ihn an.
— Warum nicht?
— Weil sie tot ist.
Fay wandte sich zu ihm.
— Du weißt nicht einmal, wer sie ist.
Viktor schwieg. Nicht aus Reue. Er rechnete.
Das war der Augenblick, in dem ich begriff, was er wirklich gewollt hatte. Nicht nur mein Geld. Nicht nur die Docks. Er wollte die einzige Person finden, die den Ablauf des Angriffs bezeugen konnte.
— Carmine, nimm drei Männer und bring Helena hierher.
— Und Viktor?
— Er kommt mit.
Viktor lachte leise.
— Du kannst nicht einmal selbst aus diesem Haus fahren.
— Dann schieb mich.
Fay sah mich an.
— Das ist keine gute Idee.
— Nein. Aber es ist meine.
Sie stellte sich hinter meinen Rollstuhl. Ihre Finger schlossen sich um die Griffe. Für einen Moment spürte ich die Wärme ihrer Handflächen durch den Stoff meiner Jacke.
Wir fuhren durch den unterirdischen Gang zum Nordkai. Der Gang roch nach Öl, feuchtem Beton und dem Salz des Flusses. Über uns dröhnten Lastwagen. Jeder Stoß fuhr mir bis in die Hüften.
Viktor ging zwischen Carmine und zwei Wachen. Er trug keine Fesseln. Er wusste, dass ich ihn lebend brauchte.
Am Zollhaus brannte nur eine Lampe.
Helena lag hinter dem Schreibtisch. Ihre Schulter blutete, aber sie hielt einen schmalen Lederriemen in der Hand. Daran hing eine kleine Metallkassette.
Fay stürzte zu ihr.
— Mein Vater?
Helena presste die Lippen zusammen.
— Er hat bis zum Ende versucht, dich aus dieser Sache herauszuhalten.
— Warum hast du ihn nicht gerettet?
— Weil ich feige war.
Die Antwort war so schlicht, dass Fay zurückwich.
Helena reichte ihr die Kassette.
— Dein Vater wollte nicht, dass Dominic nur Viktor bestraft. Er wollte, dass Dominic erfährt, wie viele Männer unter seinen Befehlen verschwunden sind.
Ich spürte, wie mein Gesicht heiß wurde.
— Was bedeutet das?
Helena sah mich direkt an.
— Luca hat nicht nur Viktors Unterschriften gesammelt. Er hat die Namen aller Familien aufgeschrieben, deren Leben durch Ihre Geschäfte zerbrochen ist.
Fay öffnete die Kassette. Darin lagen Briefe, Quittungen und ein kleines schwarzes Notizbuch.
Kein Wunder, dass ihr Vater verschwunden war.
Viktor hatte den Verrat begangen. Aber ich hatte das Reich gebaut, in dem solche Verräter mächtig wurden.
— Geben Sie mir das Buch, sagte Viktor.
— Warum? fragte Fay.
— Weil du nicht weißt, was darin steht.
— Doch, sagte ich. Ich weiß es.
Ich hatte die Namen gelesen. Einen Hafenarbeiter, der bei einer Sprengung ums Leben gekommen war. Eine Witwe, deren Wohnung wegen meiner Schuldenpfänder verkauft worden war. Zwei Brüder, die in meinem Auftrag geschlagen worden waren, weil einer von ihnen zu spät gezahlt hatte.
Ich kannte keinen dieser Menschen persönlich.
Das machte es nicht besser.
Viktor sah die Richtung meiner Gedanken und sprang plötzlich auf Carmine zu. Carmine wich zurück, doch Viktor riss ihm die Waffe aus der Hand.
Der Knall im Zollhaus war ohrenbetäubend.
Carmine fiel auf ein Knie. Blut sickerte durch seinen Mantel.
Fay schrie nicht. Sie griff nach dem schweren Messinghebel am alten Waagentisch und schlug Viktor damit gegen den Unterarm. Die Waffe rutschte über die Dielen.
Ich rollte darauf zu.
Viktor war schneller. Er packte den Rollstuhl an der Rückenlehne und stieß mich gegen die Wand. Mein Kopf prallte auf Holz. Vor meinen Augen explodierten weiße Punkte.
— Du hättest einfach unterschreiben sollen, zischte er.
— Was?
— Die Übergabe. Dein Haus. Die Docks. Alles.
— Du wolltest, dass ich lebe.
— Ich wollte, dass du leidest. Ein toter Mann wird zum Märtyrer. Ein hilfloser Mann wird zum Beispiel.
Fay kam von hinten und schlug ihm die Metallkassette gegen die Schläfe. Viktor taumelte.
Carmine hob die Waffe auf, zielte aber nicht auf ihn.
— Geh zurück, sagte er zu mir. Ich erledige das.
Ich sah Viktor an. Dann die Kassette. Dann Carmine, dessen Sohn wegen meines Schweigens beinahe als Geisel gestorben wäre.
— Nein.
Carmine starrte mich an.
— Dominic.
— Niemand erschießt ihn in meinem Namen.
Viktor lachte trotz des Blutes an seiner Stirn.
— Du willst plötzlich ein guter Mann sein?
— Nein. Ich will nur aufhören, ein Feigling zu sein.
Wir brachten Helena, Carmine und die Unterlagen zurück in die Villa. Dort warteten bereits die Männer aus den Docks. Viktor hatte sie gerufen, bevor wir gegangen waren. Fast dreißig Männer standen im großen Saal. Mäntel tropften auf den Steinboden. Niemand wusste, ob er mich ansehen durfte.
Ich ließ Fay die Bücher auf den langen Tisch legen.
— Viktor hat meinen Angriff bezahlt, sagte ich. Er hat Luca Willis beseitigen lassen. Er hat Geld aus den Lagerhäusern gestohlen.
— Lügen, rief Viktor. Er warf sich gegen Carmine, doch zwei Männer hielten ihn fest.
Ich hob das schwarze Notizbuch.
— Und ich habe Dinge getan, die ich nicht länger mit Befehlen und Loyalität beschönigen werde.
Ein Murmeln ging durch den Saal.
Ein junger Fahrer trat vor.
— Mein Bruder starb wegen Ihrer Leute.
Ich nickte.
— Ich weiß.
— Nein. Sie wissen seinen Namen nicht.
Ich sah in das Notizbuch.
— Matteo Bellini.
Der junge Mann wurde ganz still.
— Woher …?
— Weil Ihr Name hier steht. Und weil ich ihn nie gelesen habe.
Das war der Moment, in dem die Männer Viktor nicht mehr ansahen.
Sie sahen mich an.
Nicht als ihren Boss. Als den Mann, der entscheiden musste, was von seinem Reich übrig bleiben durfte.
Ich unterschrieb keine Übergabe an Viktor. Ich unterschrieb die Auflösung der Docks, übertrug die Lagerhäuser an eine unabhängige Treuhandverwaltung und legte fest, dass die Gewinne zuerst an die Familien aus Lucas Liste gingen.
Fay las jede Seite.
— Du kannst das nicht wiedergutmachen, sagte sie.
— Ich weiß.
— Mein Vater kommt nicht zurück.
— Ich weiß.
— Und trotzdem erwartest du, dass ich dir verzeihe?
— Nein.
Sie blickte lange auf meine Unterschrift.
— Warum hast du dann unterschrieben?
Ich sah auf ihre blutige Hand, die sie noch immer nicht verbunden hatte.
— Weil dein Vater wollte, dass ich hinschaue. Und weil du mich nicht gerettet hast, damit ich mich wieder verstecke.
Fay nahm einen Verband aus Mrs. Gables Nähkasten und wickelte ihn um ihre Hand.
Später, kurz vor Sonnenaufgang, ging sie in die Bibliothek. Nicht um zu packen. Sie nahm den verbogenen Messingschlüssel aus der Blechdose und legte ihn in den Tresor zurück, neben Lucas schwarzes Notizbuch.
— Warum lässt du ihn dort? fragte ich.
— Weil er nicht mehr dir gehört.
— Wem dann?
— Den Namen darin.
Ich fragte sie nicht, ob sie bleiben würde.
Sie fragte mich nicht, ob ich mich ändern würde.
Im Saal nebenan warteten bereits die Familien, deren Namen Luca aufgeschrieben hatte. Keine von ihnen wollte Dank. Einige wollten Geld. Eine wollte nur wissen, warum ihr Mann hatte sterben müssen.
Ich konnte ihnen keine Antwort geben, die groß genug gewesen wäre.
Also blieb ich sitzen und hörte zu.
Als Fay am Nachmittag den letzten Brief aus der Kassette nahm, entdeckte sie auf der Rückseite eine Zeile in der Handschrift ihres Vaters. Sie las sie laut vor.
— „Fay, wenn Dominic irgendwann zuhört, dann geh nicht fort, bevor er den Namen deines Vaters ausgesprochen hat.“
Sie legte den Brief auf den Tisch.
Ich sagte seinen Namen.
— Luca Willis.
Fay schloss die Augen.
Dann stellte sie den Messingschlüssel neben seine Unterschrift, und das rote Blümchen daran fing im Licht der Bibliothekslampe an zu glänzen.
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