TEIL 4 — Ich kam mit Scheidungspapieren zu meiner Frau, doch ein Satz hinter dem Fenster ließ meine Hand erstarren

TEIL 4

…Ich legte nicht auf.

– Wer hat ihnen das mitgeteilt? fragte ich.

Am anderen Ende raschelte Papier.

– Die Nachricht kam von einem Herrn Viktor Sander. Er sagte, er handle in Ihrem Auftrag.

Mein Magen zog sich zusammen.

Viktor Sander war der kaufmännische Leiter meiner Firma. Er hatte seit sechs Jahren Zugriff auf alle Verträge, Konten und Vollmachten. Er war der Mann gewesen, der mich ständig gedrängt hatte, den Lübecker Auftrag anzunehmen, obwohl die Vorauszahlung ungewöhnlich spät kommen sollte.

– Haben Sie ihm geglaubt?

– Er hatte eine Kopie Ihrer Unterschrift.

Ich sah auf Natalja. Sie hielt noch immer meinen Arm. Ihre Finger waren kalt.

– Schicken Sie mir alles, sagte ich. – Und rühren Sie kein Konto an.

– Herr Kowalenko, die Bank hat bereits eine Zahlung abgelehnt. Außerdem fehlen zweihundertzwanzigtausend Euro vom Geschäftskonto.

Das Gespräch endete.

Für einige Sekunden hörte ich nur die Uhr im Flur.

Galina stand auf.

– Was hat er getan?

– Jemand hat meine Firma leergeräumt.

Natalja schüttelte den Kopf.

– Nein. Das darf nicht sein. Viktor hat mir versprochen, dass er den Vertrag schützt.

Ich drehte mich zu ihr.

– Du kennst Viktor?

Sie presste beide Hände gegen ihre Brust.

– Er wusste von der Stiftung. Er hat mir geholfen, die Unterlagen vorzubereiten.

– Seit wann?

– Seit sechs Monaten.

Ich ging einen Schritt zurück.

– Du hast mit ihm über unsere Firma gesprochen?

– Nur, weil er sagte, er könne verhindern, dass dein Auftrag an der fehlenden Finanzierung scheitert.

Doktor Reimann nahm seine Tasche vom Tisch.

– Sie müssen jetzt ins Krankenhaus.

– Ich komme mit, sagte ich.

– Andrij…

– Nein. Du gehst nicht allein dorthin.

Im Krankenhaus roch die Aufnahmehalle nach Desinfektionsmittel und nassen Mänteln. Eine automatische Tür zischte hinter uns zu. Natalja bekam ein Armband mit ihrem Namen, und ich musste mich abwenden, weil ich plötzlich nicht mehr sicher war, ob ich ihren Namen noch laut aussprechen konnte, ohne zu zerbrechen.

Vor dem Behandlungsraum hielt sie mich zurück.

– Wenn ich es nicht schaffe, nimm den Anteil zurück.

– Du entscheidest das nach der Operation selbst.

– Versprich es mir.

– Ich verspreche dir, dass du nichts mehr allein entscheidest.

Sie lächelte müde.

– Das klingt nicht besonders romantisch.

– Ich bin gerade nicht gut in romantischen Sätzen.

– Du warst nie gut darin.

Ich legte meine Stirn an ihre.

– Aber ich bin gut darin, Dinge zu bauen.

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– Dann bau mich wieder zusammen.

Die Pflegerin rief ihren Namen. Natalja verschwand hinter einer weißen Tür.

Eine Stunde später kam Viktor Sander in die Halle. Er trug seinen dunkelblauen Mantel und hielt eine Mappe unter dem Arm. An seinem rechten Daumen klebte noch ein schmaler Streifen roter Siegellack.

– Andrij, sagte er, – wir müssen reden.

– Du hast meine Firma verkauft.

– Ich habe versucht, sie zu retten.

– Mit zweihundertzwanzigtausend Euro?

Sein Blick glitt zur Tür des Operationsbereichs.

– Deine Frau hat eine Vereinbarung getroffen, die alles gefährdet. Wenn sie stirbt, verlieren wir die Hälfte der Firma. Wenn sie lebt, kann sie den Anteil zurückfordern. Der Auftraggeber wollte Sicherheit. Ich habe sie geschaffen.

– Du hast eine Zahlungsunfähigkeit vorgetäuscht.

– Ich habe eine vorübergehende Treuhandlösung eingeleitet.

– Mit einer gefälschten Vollmacht.

Er stellte die Mappe auf einen Plastikstuhl.

– Du hättest sowieso alles verkauft.

Da wusste ich, was er wirklich wollte. Nicht die Firma. Den Auftrag. Die Vermittlungsgebühr, die er über eine fremde Gesellschaft kassieren würde, wenn das Bauprojekt begann.

– Du hast darauf gewartet, dass Natalja stirbt, sagte ich.

Viktors Mund wurde schmal.

– Ich habe darauf gewartet, dass du dich nicht mehr wehren kannst.

Hinter ihm blieb Galina stehen. Sie hatte Doktor Reimann angerufen, bevor sie mit uns ins Krankenhaus gekommen war. Der Arzt hörte die letzten Worte. Auch der Sicherheitsmitarbeiter am Empfang hob den Kopf.

Viktor bemerkte es zu spät.

– Das war nicht so gemeint.

– Doch, sagte ich. – Genau so war es gemeint.

Aus der Mappe fiel ein Blatt auf den Boden. Es war eine Kopie der Vollmacht, die Natalja angeblich unterschrieben hatte. Ihre Unterschrift stand darunter, aber das Datum lag zwei Tage vor dem Tag, an dem sie die Stiftungserklärung beim Notar unterzeichnet hatte.

Galina ging in die Knie und hob das Blatt auf.

– Dieses Datum ist unmöglich. An diesem Tag war Natalja in der Klinik.

Viktor riss ihr das Papier aus der Hand.

– Sie verstehen nichts von Geschäftsangelegenheiten.

– Ich verstehe genug, sagte ich. – Natalja hat an diesem Tag ihre Aufnahmeunterlagen unterschrieben. Doktor Reimann war dabei.

Der Arzt nickte.

– Und sie konnte wegen der Untersuchung nicht einmal selbst einen Stift halten.

Viktor wich zurück.

Nicht wegen meiner Wut.

Wegen der Menschen, die nun jedes einzelne Wort gehört hatten.

Ein Mitarbeiter der Klinik kam mit einem Tablet auf uns zu. Die Stiftung hatte die Überweisung erhalten, die ich unterschrieben hatte. Dadurch war Viktors angebliche Rettungsmaßnahme nicht mehr nötig. Die Bank hatte die Zahlung eingefroren, bevor sie weitergeleitet werden konnte.

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Viktor verlor den Zugang zu den Konten, noch bevor Nataljas Operation begann.

Er verlor genau das, worauf er gesetzt hatte: die Stunde, in der ich zwischen meiner Frau und meiner Firma wählen musste.

Ich rief meinen Bauleiter an und stoppte den Verkauf unserer Maschinen. Den Auftrag in Lübeck konnten wir nicht retten. Aber wir konnten die Firma retten.

Der Preis war hoch. Zwei Wochen später musste ich die Werkstatt verkleinern und sieben Arbeiter entlassen. Ich unterschrieb jede Kündigung selbst. Keine davon fühlte sich wie ein Sieg an.

Viktor bekam keine Gelegenheit, sich herauszureden. Die Bank übergab die Unterlagen an die zuständigen Stellen, und seine eigene Unterschrift auf den Überweisungen war deutlicher als jede Aussage. Ich ging nicht mit ihm durch alle folgenden Verfahren. Ich hatte keine Kraft, sein Gesicht noch länger zum Mittelpunkt meines Lebens zu machen.

Mein Mittelpunkt lag hinter der weißen Tür.

Nach sieben Stunden kam Doktor Reimann heraus. Seine Maske hing unter dem Kinn. An seinem Ärmel klebte ein kleiner roter Faden.

– Die Operation ist gelungen, sagte er. – Aber die nächsten zwei Tage bleiben kritisch.

Ich schloss die Augen.

– Kann ich zu ihr?

– Nur kurz.

Natalja lag unter einer Decke, blass und reglos, mit Schläuchen an den Armen. Neben ihrem Bett lag das kleine messingfarbene Schlüsselkästchen. Galina hatte es mitgebracht.

Ich setzte mich nicht. Ich nahm ihre Hand.

Nach einer Weile bewegten sich ihre Lippen.

– Hast du die Scheidung eingereicht?

– Nein.

– Warum?

– Weil der erste Riss durch das Papier ging, nicht durch uns.

Sie öffnete die Augen einen Spalt.

– Das ist ein ziemlich schlechter Satz.

– Ich habe gesagt, ich sei nicht gut darin.

Ein schwaches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

Ich erzählte ihr nicht sofort von den entlassenen Arbeitern, der verkleinerten Werkstatt oder dem verlorenen Auftrag. Ich erzählte ihr, dass die Stiftung das Geld behalten durfte, falls sie es wollte. Nicht als Abschiedsgeschenk, sondern für Menschen, die sich die Behandlung sonst nie leisten könnten.

– Du gibst unseren Anteil weg? fragte sie.

– Nur, wenn du zustimmst.

– Und wenn ich nicht zustimme?

– Dann bauen wir die Firma wieder auf.

– Zusammen?

– Zusammen. Aber ohne Geheimverträge.

Sie schloss die Augen. Eine Träne lief zu ihrer Schläfe.

– Ich hatte solche Angst, dass du mich nur aus Pflichtgefühl behalten würdest.

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– Ich hatte solche Angst, dass du mich aus Liebe verlassen wolltest.

– Wir waren beide feige.

– Ja.

– Dann nenn mich nie wieder einen Talisman, der kaputtgehen könnte.

– Das würde ich nie.

– Gut. Denn ich habe noch eine Rechnung mit dir offen.

– Welche?

Sie öffnete die Augen ganz.

– Du schuldest mir neun Jahre ehrliche Gespräche.

Ich musste lachen, obwohl mir die Tränen über das Gesicht liefen.

– Das wird teuer.

– Teurer als deine Firma?

– Viel teurer.

In dieser Nacht blieb das messingfarbene Kästchen auf ihrem Nachttisch. Darin lagen die zerrissene Scheidungserklärung, die Stiftungspapiere und die Vollmacht mit Viktors falschem Datum.

Drei Blätter, die unser Leben beinahe auseinandergerissen hatten.

Als Natalja wieder kräftig genug war, ließ sie mich die Stiftungserklärung vor ihren Augen neu ausfüllen. Sie las jede Zeile. Dann unterschrieb sie selbst.

Die Hälfte der Firma ging an die Herzstiftung.

Nicht, weil sie sterben würde.

Sondern weil sie bleiben wollte und wusste, wie viele Menschen sonst vor derselben Entscheidung stehen würden.

Die Werkstatt wurde kleiner. Der Lübecker Auftrag war verloren. Einige Männer, die jahrelang bei mir gearbeitet hatten, fanden andere Stellen. Ich konnte ihnen keine glänzende Zukunft versprechen.

Ich konnte nur ehrlich sein.

Das war ungewohnt.

Aber es hielt.

Am Tag, an dem Natalja das Krankenhaus verlassen durfte, legte sie den braunen Umschlag auf den Küchentisch. Ich hatte ihn all die Wochen nicht weggeworfen.

Sie nahm den zerrissenen ersten Bogen heraus.

– Willst du ihn reparieren? fragte sie.

– Nein.

– Warum nicht?

– Weil er uns daran erinnern soll, was passiert, wenn man für den anderen entscheidet.

Sie nahm einen schwarzen Stift, strich die leere Unterschriftszeile durch und schrieb quer über das Papier: „Nicht unterschrieben.“

Dann stellte sie das Blatt neben die Stiftungserklärung und das Dokument mit Viktors falschem Datum.

Drei Seiten.

Eine für das, was ich beinahe getan hätte.

Eine für das, was Natalja aus Angst getan hatte.

Und eine für den Mann, der glaubte, unsere Angst gehöre ihm.

Natalja sah mich an.

– Morgen musst du in die Werkstatt.

– Ich weiß.

– Und danach?

– Danach komme ich zurück.

Sie legte ihre Hand auf meinen Arm, genau dort, wo sie früher beim gemeinsamen Fernsehen gelegen hatte.

Auf dem Tisch trocknete die Tinte unter ihrem letzten Satz:

„Dieses Mal unterschreiben wir beide.“

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