TEIL 4 — Ich roch etwas in der Villa meiner neuen Arbeitgeberfamilie, doch als ich danach fragte, wurde der Arzt plötzlich kreidebleich

TEIL 4

Die Stimme am Telefon brach ab, bevor sie den Namen nennen konnte.

Ich hielt das Gerät noch immer ans Ohr.

„Hallo?“, sagte ich. „Wer ist dort?“

Nur ein leises Knacken antwortete.

Dann war die Verbindung tot.

Nathan nahm mir das Telefon aus der Hand.

„Was hat sie gesagt?“

„Dass Rebeccas Unfall kein Unfall war. Und dass jemand auf dem Tatortfoto zu sehen ist, den du schützt.“

Victor atmete scharf ein.

Reeves drehte sich zu ihm.

„Sie haben gesagt, der Wagen sei von der Brücke gerutscht.“

„Halt dich da heraus“, fauchte Victor.

Nathan packte ihn am Kragen. Nicht hektisch. Nicht laut. Gerade deshalb wichen die beiden Männer am Eingang zurück.

„Was hat sie gemeint?“, fragte Nathan.

Victor antwortete nicht.

Im Flur roch es noch immer süßlich. Unter dem Geruch lag der Duft von heißem Metall, weil Tom die Lüftungsanlage vollständig ausgeschaltet hatte.

Jacob begann zu husten.

Ich nahm ihn sofort mit in den Wintergarten. Jonah folgte uns, blass und wackelig auf den Beinen.

„Nur langsam“, sagte ich. „Atmet durch die Nase.“

„Ist der Geruch jetzt weg?“, fragte Jonah.

„Bald.“

Ich wusste nicht, ob das stimmte. Aber er brauchte eine Antwort, an der er sich festhalten konnte.

Nathan blieb im Flur.

„Rufen Sie die Notaufnahme“, sagte ich.

„Die Kinder kommen ins Krankenhaus“, erwiderte er.

„Nicht mit Reeves.“

Der Arzt hob den Kopf.

„Ich bin ihr behandelnder Arzt.“

„Sie sind der Grund, warum sie dort hingehören.“

Nathan sah ihn an.

„Sie gehen nirgendwohin.“

Zum ersten Mal verloren Reeves’ Hände ihre Sicherheit. Er versuchte, den Koffer zu öffnen, doch Tom stellte seinen Werkzeugkasten davor.

„Der bleibt hier“, sagte der Hausmeister.

„Sie haben keine Ahnung, was Sie tun“, zischte Reeves.

„Doch. Ich verhindere, dass Sie weitere Zylinder verschwinden lassen.“

Victor stieß einen der Männer am Eingang zur Seite und rannte zur Treppe. Nathan musste ihn nicht verfolgen. Einer seiner Sicherheitsleute versperrte den Weg.

„Ich bin dein Bruder“, rief Victor.

Nathan ging langsam auf ihn zu.

„Das war der einzige Grund, warum du noch hier stehst.“

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Victor lachte nervös.

„Du glaubst wirklich, ich hätte das allein geplant? Rebecca war gefährlich. Sie wollte alles verändern. Die Stiftung, die Konten, die Geschäfte. Sie wollte die Kinder aus diesem Leben holen.“

„Deshalb musste sie sterben?“

„Ich habe sie nicht getötet.“

„Aber du warst dort.“

Victor sah zur Seite.

Dieses winzige Ausweichen sagte mehr als jede Erklärung.

Nathan zog sein Telefon aus der Tasche und wählte eine Nummer.

„Bring die Originalunterlagen aus dem Tresor“, sagte er. „Alle. Auch die, die Rebecca vor dem Unfall versiegelt hat.“

Victor riss den Kopf hoch.

„Du hast sie noch?“

„Du hast mir erzählt, der Tresor sei leer.“

„Nathan, hör mir zu.“

„Zwei Jahre lang habe ich dir geglaubt.“

Er ging an Victor vorbei, ohne ihn zu berühren.

Im Wintergarten kniete ich vor den Jungen. Jacob hatte die Finger um den Holzsoldaten geschlossen. Jonah lehnte an meiner Schulter.

„Emily“, flüsterte er, „hat Mama gewusst, dass wir krank werden?“

„Sie hat gewusst, dass etwas nicht stimmt.“

„Hat sie uns verlassen?“

Die Frage war so klein, dass sie beinahe im Glasraum verschwand.

„Nein“, sagte ich. „Sie hat versucht, euch zu schützen.“

Nathan blieb hinter mir stehen.

„Das hat sie“, sagte er. „Und ich habe sie nicht geschützt.“

Jacob sah zu ihm auf.

„Warum nicht?“

Nathan setzte sich auf den Boden. Sein teurer Anzug knitterte auf den hellen Fliesen.

„Weil ich dachte, Geld könnte jedes Problem lösen. Und weil ich Menschen vertraut habe, die ich hätte überprüfen müssen.“

„Onkel Victor?“

„Ja.“

„Und Dr. Reeves?“

Nathan nickte.

Jonah legte seine Hand auf Nathans Ärmel.

„Bist du jetzt böse?“

„Sehr.“

„Wirst du dann wieder so wie früher?“

Nathan sah mich an. In seinem Gesicht lag keine Wut mehr, sondern etwas Schwereres.

„Nein“, sagte er. „Das darf ich nicht.“

Eine Stunde später traf die Ärztin aus dem Kinderkrankenhaus ein, begleitet von zwei Pflegern. Nathan ließ sie nicht in die Schlafzimmer gehen, bevor Tom die gesamte Anlage geöffnet und alle Zylinder in versiegelte Behälter gelegt hatte.

Die Untersuchungen bestätigten, was ich befürchtet hatte: eine chronische Vergiftung durch einen industriellen Lösungsmittelzusatz, der über die Lüftung verteilt worden war. Die Menge war niedrig genug gewesen, um einzelne Tests zu verwirren, aber hoch genug, um die Jungen jeden Tag ein wenig schwächer zu machen.

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Sie würden behandelt werden können.

Aber niemand konnte versprechen, wie viel Kraft zurückkehren würde.

Dieser Satz traf Nathan härter als alles, was Victor getan hatte.

Am Abend fand er im Tresor einen flachen Umschlag, der nicht grau und nicht auffällig war, sondern mit rotem Wachsstreifen versiegelt. Rebecca hatte ihren Ehering in das Wachs gedrückt.

Nathan öffnete ihn selbst.

Darin lag ein Vertrag über die Coleman-Stiftung. Rebecca hatte vor ihrem Tod festgelegt, dass kein Familienmitglied allein über das Vermögen oder die medizinische Versorgung der Kinder bestimmen durfte. Sie hatte außerdem eine unabhängige Treuhänderin eingesetzt: ihre Schwester Clara, die seit Jahren in Kanada lebte und mit Nathan keinen Kontakt gehabt hatte.

„Warum hat sie mir davon nichts gesagt?“, fragte Nathan.

Ich stand neben ihm im Arbeitszimmer.

„Vielleicht wusste sie, dass Sie es Victor erzählen würden.“

Er schloss die Augen.

„Sie hat mir nicht vertraut.“

„Sie hat Ihnen nicht vertraut, solange Sie ihm vertrauten.“

Nathan nahm die letzte Seite des Vertrags. Darunter klebte ein kleiner Zettel.

Wenn Nathan endlich hinsieht, soll Clara die Kinder holen. Nicht das Geld. Die Kinder.

Er starrte auf die Worte, bis eine Träne auf das Papier fiel.

„Ich habe Rebecca geliebt“, sagte er.

„Das bezweifle ich nicht.“

„Aber Liebe hat sie nicht gerettet.“

„Nein. Aufmerksamkeit hätte vielleicht geholfen.“

Er sah mich an.

„Bleiben Sie bei den Jungen?“

„Bis sie jemanden haben, dem sie vertrauen können.“

„Und wenn sie mich nicht mehr vertrauen?“

„Dann müssen Sie warten, bis sie es selbst entscheiden.“

Im Flur begann Victor zu schreien. Er hatte begriffen, dass die Stiftung nicht mehr unter seiner Kontrolle stand. Reeves saß auf einem Stuhl, die Hände zwischen den Knien, während Tom neben den beschlagnahmten Zylindern stand.

Nathan ging hinaus.

„Victor“, sagte er, „du bekommst keinen Zugang mehr zu meinen Kindern, meinen Konten oder meinen Firmen.“

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„Du kannst mich nicht einfach auslöschen.“

„Nein. Das wird Rebecca tun. Ihr Vertrag ist gültig.“

Victor wurde kreidebleich.

„Du hast die Stiftung verloren“, sagte Nathan. „Und alles, was du mit ihr kontrollieren wolltest.“

Victor sah zu Reeves.

„Sag ihm, dass du allein gehandelt hast.“

Reeves hob den Kopf.

„Ich habe keine Familie, die mich schützt“, sagte er. „Also werde ich nicht für dich lügen.“

Draußen wartete bereits Clara, die aus Montreal angereist war. Sie trat in den Wintergarten, setzte sich zu Jacob und Jonah und legte zwei kleine Stoffarmbänder auf den Tisch. Rebecca hatte sie für die Jungen genäht. Auf dem einen stand J, auf dem anderen J.

Jacob nahm seines sofort.

Jonah hielt das andere gegen seine Nase.

„Es riecht nach Lavendel“, sagte er.

„Das mochte eure Mutter“, antwortete Clara.

Nathan blieb in einiger Entfernung stehen.

Jacob sah ihn an.

„Papa, kommst du morgen wieder?“

Nathan schluckte.

„Wenn ihr mich haben wollt.“

Jonah nickte schwach.

„Dann bring keine Ärzte mit.“

Nathan lächelte zum ersten Mal, und es war kein glückliches Lächeln. Es war ein Versprechen, das ihn etwas kosten würde.

„Nur Pfannkuchen.“

Die Kinder lachten leise.

Ich stand an der geöffneten Wartungsklappe und sah auf den kleinen Messingzylinder, der neben den Werkzeugen lag. Zwei Jahre lang hatte niemand den Geruch ernst genommen, weil alle auf Zahlen, Namen und teure Diagnosen gestarrt hatten.

Doch Jacob zog plötzlich an meinem Ärmel.

„Emily“, sagte er, „Mama hat noch etwas versteckt.“

„Was denn?“

Er zeigte auf den Holzsoldaten in seiner Hand. Unter dem Fuß war eine schmale Kerbe, die mir vorher nicht aufgefallen war.

Nathan kam näher.

Jacob drehte die Figur um. Ein winziges Fach sprang auf, und darin lag ein zusammengefalteter Zettel.

Nathan nahm ihn nicht.

Er sah mich an.

„Lesen Sie ihn“, sagte er.

Ich faltete das Papier auseinander. Darauf standen nur sechs Worte, mit Rebeccas Handschrift geschrieben:

Vertraut niemals dem Mann am Tor.

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