Ein Baseball schoss vom oberen Stockwerk auf meinen Kopf zu, während Adrian Vale hinter mir ruhig erklärte, dass vierzehn Kindermädchen vor mir geflohen waren.
Ich fing den Ball wenige Zentimeter vor meinem Gesicht auf. Das Leder war kalt und an einer Stelle mit schwarzem Filzstift beschmiert. Oben am Geländer standen vier Jungen. Evan, elf Jahre alt, mit verschränkten Armen. Caleb, neun, dessen Knie blutete. Noah, sieben, der einen Schraubenzieher in der Hand hielt. Und Luke, sechs, der hinter den anderen hervorschaute.
— Sie hat ihn gefangen — sagte Luke.
— Das sehe ich — antwortete Evan.
— Sie hätte schreien müssen — meinte Caleb.
Ich hob den Ball hoch.
— Vielleicht wollte ich euch nicht enttäuschen.
Für einen Sekundenbruchteil veränderte sich Evans Gesicht. Nicht zu einem Lächeln. Eher zu einem erschrockenen Zucken, als hätte ich eine Antwort gegeben, die nicht in ihrem Plan vorkam.
Hinter mir raschelte Adrians maßgeschneiderter Mantel, als er näher kam.
— Genau das sagte die letzte Nanny auch.
Ich drehte mich zu ihm um.
— Und was ist aus ihr geworden?
— Sie ist gegangen.
— Durch die Tür oder mit dem Krankenwagen?
Sein Blick blieb auf meinem Gesicht liegen.
— Mit dem Krankenwagen.
Im Eingangsbereich roch es nach poliertem Holz, kaltem Kamin und dem scharfen Reinigungsmittel, mit dem man offenbar jeden Hinweis auf ein normales Familienleben entfernte. An einer Wand hingen keine Kinderbilder, sondern vier gerahmte Fotografien von Adrian bei Wohltätigkeitsveranstaltungen. Auf keinem war seine Familie zu sehen.
Er führte mich um 8.20 Uhr in sein Arbeitszimmer. Die Tür schloss sich mit einem schweren Klicken. Auf dem Schreibtisch lag ein Vertrag, daneben ein kleiner Messingwecker, dessen Sekundenzeiger viel zu laut tickte.
— Sie haben dreiundsiebzig Stunden — sagte Adrian.
— In der Anzeige standen drei Tage.
— Ich rechne nicht mit Ihrer Ankunftsstunde.
— Und wenn ich ablehne?
— Dann zahle ich Ihnen trotzdem den Vorschuss.
Ich sah auf die Zahl im Vertrag. Sie war fast doppelt so hoch wie das, was ich für die Operation meiner Schwester Mara noch brauchte. Maras Herzfehler ließ ihr kaum Kraft, aber sie hatte gestern am Telefon versucht, einen Witz über meine schlechte Kochkunst zu machen.
— Meine Schwester wird in neun Tagen operiert — sagte ich. — Der Vorschuss muss heute überwiesen werden.
Adrian zog eine Augenbraue hoch.
— Sie haben sich informiert.
— Ich habe keine Zeit, mich retten zu lassen.
Zum ersten Mal wirkte er nicht überlegen. Nur müde.
Dann krachte oben Glas.
Luke kreischte. Eine Wache brüllte. Ich rannte zur Treppe, noch bevor Adrian mich zurückhalten konnte. Im Flur lag ein zersplitterter Bilderrahmen. Noah stand am Fenster und hielt eine rote Spielzeugrakete. Caleb hatte die Türklinke mit Klebeband umwickelt. Evan war verschwunden.
— Wo ist Ihr Bruder? — fragte ich.
— Nicht mein Problem — sagte Caleb.
Aus dem verschlossenen Musikzimmer ertönte ein dumpfes Pochen.
Ich riss das Klebeband ab und öffnete die Tür. Evan saß auf dem Boden, die Hände hinter dem Rücken gefesselt mit einem Seidenschal. Neben ihm blinkte eine kleine rote Lampe.
— Ein Alarmknopf? — fragte ich.
— Wenn Sie ihn befreien, verlieren Sie — sagte Evan.
— Was?
Er sah zur Decke.
— Die dreiundsiebzig Stunden.
Ich kniete mich hin, löste den Knoten und bemerkte dabei etwas, das mir den Atem nahm: Der Schal trug auf der Innenseite ein eingesticktes Datum. Den Tag, an dem ihre Mutter gestorben war.
Da öffnete sich hinter mir die Tür. Adrian stand dort, bleich und reglos, und hielt eine dünne schwarze Aktenmappe in der Hand. Er legte sie auf den Flügel.
— Wenn Sie wirklich bleiben wollen, müssen Sie zuerst wissen, warum sie jede Frau vertreiben — sagte er.
Seine Finger schoben sich unter den Verschluss der Mappe, und genau in dem Moment sprang im ganzen Haus das Licht aus…
TEIL 2
Seine Finger lagen noch auf dem Verschluss, als das Haus in völlige Dunkelheit fiel.
Irgendwo schlug eine Tür. Dann kreischte eine Sirene los, so schrill, dass die Scheiben im Musikzimmer vibrierten. Evan sprang auf und packte meinen Ärmel.
— Nicht anfassen! — zischte er. — Er darf die Mappe nicht öffnen.
— Wer darf was nicht? — fragte ich.
— Papa darf gar nichts öffnen — rief Noah aus dem Flur.
Ein rotes Notlicht flackerte an. Der eingestickte Schal lag zwischen meinen Fingern wie ein Beweisstück, dessen Bedeutung ich noch nicht verstand. Adrian stand vor dem Flügel, die Mappe aufgeschlagen, doch die Seiten darin waren leer.
— Das ist ein schlechter Scherz — sagte er scharf.
— Nein — erwiderte Evan. — Das ist Mamas Regel.
Adrian fuhr herum.
— Evan, geh in dein Zimmer.
— Du hast gesagt, wir sollen nie über sie sprechen.
— Ich habe gesagt, ihr sollt aufhören, die Angestellten zu bestrafen.
— Du hast gesagt, sie würde uns hören.
Der Satz traf Adrian härter als der Stromausfall. Seine Hand schloss sich um die Mappe, bis die Knöchel weiß wurden.
Um 9.05 Uhr brachte man uns in die Küche, weil die Sicherheitsanlage überprüft werden musste. Die Küche war größer als die Wohnung, in der Mara und ich aufgewachsen waren. Auf der Edelstahlplatte stand ein Teller mit vier unberührten Sandwiches. Die Brote waren in exakt gleiche Dreiecke geschnitten.
Ich setzte mich nicht.
— Wer hat den Schal bestickt? — fragte ich.
Die Jungen sahen einander an.
— Unsere Mutter — sagte Noah.
— Sie ist seit vier Jahren tot.
— Sie hat ihn vorher gemacht — antwortete Caleb.
Luke starrte auf das Marmormuster.
— Sie sagte, wenn wir eine Nanny finden, die den Ball fängt, sollen wir ihr den Raum zeigen.
— Welchen Raum?
Adrian stellte eine Tasse so hart auf den Tisch, dass der Kaffee über seine Finger lief.
— Luke, genug.
Ich sah die rote Haut an seiner Hand. Er bemerkte meinen Blick und wischte den Kaffee nicht ab.
— Was ist in diesem Haus passiert? — fragte ich.
— Nichts, das Sie betrifft.
— Vier Kinder, die seit vier Jahren jeden Erwachsenen vertreiben, betrifft mich spätestens dann, wenn einer von ihnen gefesselt in einem Musikzimmer sitzt.
Evan schob seinen Teller weg.
— Mama hat nicht einfach aufgehört zu atmen.
Adrian schlug die Hand auf den Tisch. Luke zuckte zusammen. Ich stellte mich sofort zwischen die Jungen und ihn.
— Nicht vor mir — sagte ich.
Sein Blick wurde hart.
— Sie sind seit einer Stunde hier.
— Und ich habe bereits mehr bemerkt als vierzehn Menschen, die angeblich nur zu unfähig waren, Ihre Kinder zu beruhigen.
Am Nachmittag führte Evan mich in den alten Wintergarten. Hinter den beschlagenen Scheiben standen vertrocknete Zitronenbäume. Unter einer losen Bodenfliese fand ich einen kleinen Messingschlüssel, an dem ein Stück orangefarbenes Garn hing.
— Mama gab ihn mir — sagte Evan. — Wenn Papa wieder behauptet, sie sei gefallen, soll ich warten, bis jemand kommt, der nicht sofort wegläuft.
Mein Herz schlug schneller.
— Was soll ich damit öffnen?
— Das weiß nur Mrs. Bell.
— Wer ist Mrs. Bell?
Bevor Evan antworten konnte, kam Adrian in den Wintergarten. In seiner Hand hielt er mein Mobiltelefon.
— Sie haben meine private Etage betreten — sagte er.
— Ihr Sohn hat mich hergeführt.
— Sie sind entlassen.
Er legte das Telefon auf den Tisch. Auf dem Display leuchtete eine Nachricht vom Krankenhaus: Maras Operation wurde vorgezogen. Die Anzahlung müsse bis zum nächsten Morgen eingehen.
Adrian sah genau, wann ich die Nachricht las.
— Sie können gehen und Ihre Schwester verlieren oder bleiben und die Wahrheit über meine Familie vergessen.
Ich hob den Blick.
— Sie haben gerade selbst entschieden, dass ich bleiben werde.
Evan trat neben mich.
— Sie hat den Ball gefangen.
Adrian schlug die Tür hinter sich zu. Der Schlüssel in meiner Hand war warm von Evans Fingern. Draußen zogen dunkle Wolken über die Bäume, und im selben Augenblick vibrierte mein Telefon erneut.
Eine unbekannte Nummer schrieb nur einen Satz: „Wenn Sie den Schlüssel gefunden haben, bringen Sie die Kinder heute Nacht in den Keller. Nicht Adrian.“
Darunter stand der Name einer Frau, die laut Adrian seit vier Jahren tot war…
TEIL 3
Darunter stand der Name: Claire Vale.
Ich starrte auf das Display, bis die Buchstaben verschwammen. Claire war die Mutter der Jungen. Claire war tot. Und trotzdem hatte jemand unter ihrem Namen geschrieben.
Um 18.40 Uhr stand ich mit Evan, Caleb, Noah und Luke im Keller vor einer alten Stahltür. Der Schlüssel mit dem orangefarbenen Garn passte genau ins Schloss. Hinter uns summte die Heizungsanlage. Vor uns roch die Luft nach Staub, feuchtem Stein und dem Lavendelöl, das offenbar jemand vor langer Zeit benutzt hatte.
— Wenn Papa kommt, sagen wir, wir spielen Verstecken — flüsterte Luke.
— Nein — sagte ich. — Wir sagen gar nichts, bevor wir wissen, wem wir trauen können.
Ich drehte den Schlüssel.
Im Raum standen ein Schreibtisch, vier kleine Stühle und ein alter Aktenkasten. An der Wand hing eine Kalenderseite vom 14. Februar, dem Tag von Claires Tod. Auf dem Tisch lag ein Umschlag mit meinem Namen.
Meine Finger zitterten, als ich ihn öffnete.
Darin lag kein Abschiedsbrief, sondern eine handschriftliche Erklärung. Claire schrieb, sie habe entdeckt, dass Adrian über eine Stiftung Medikamente für kranke Kinder kaufte und die Rechnungen fälschte. Das Geld floss über mehrere Firmen zurück an ihn. Sie hatte die Unterlagen kopiert und wollte am nächsten Morgen zu den Behörden gehen.
Dann las ich die letzte Seite.
„Adrian hat mich heute im Wintergarten eingesperrt. Er sagt, niemand wird vier Kindern glauben, und wenn mir etwas geschieht, werden die Jungen als verwirrt gelten. Mrs. Bell kennt den zweiten Schlüssel. Ich habe die Kinder angewiesen, nur der Frau zu vertrauen, die den Ball fängt.“
Hinter mir fiel etwas zu Boden.
Adrian stand im Türrahmen.
— Geben Sie mir den Brief — sagte er.
Evan stellte sich vor mich.
— Du hast gesagt, Mama sei gestürzt.
Adrian sah ihn an. Sein Gesicht war plötzlich älter als am Morgen.
— Sie ist gestürzt.
— Weil du sie eingesperrt hast? — fragte Caleb.
— Ich wollte sie nicht töten.
Die Worte hingen zwischen uns.
Ich hielt die Erklärung hoch.
— Sie wollten sie zum Schweigen bringen.
— Ich wollte Zeit gewinnen. Die Stiftung hätte Hunderte Menschen versorgt. Wenn der Skandal herausgekommen wäre, wäre alles zusammengebrochen.
— Also haben Sie Ihre Frau sterben lassen?
Adrian presste beide Hände gegen den Türrahmen.
— Ich habe den Schlüssel weggenommen. Sie hat versucht, durch das Fenster zu klettern. Der Rahmen brach. Ich rief nicht sofort Hilfe, weil ich Angst hatte.
— Und danach haben Sie vierzehn Nannys bezahlt, damit sie verschwinden? — fragte ich.
— Nein. Die Jungen haben sie vertrieben. Ich habe sie nur gehen lassen.
— Damit niemand Fragen stellt.
Da erschien eine gebeugte Frau hinter ihm. Mrs. Bell, die ehemalige Haushälterin, hielt einen alten Ordner an die Brust.
— Nicht alle gingen freiwillig — sagte sie.
Adrian fuhr herum.
— Sie sollten in der Stadt sein.
— Ich war dort. Vier Jahre lang. Weil ich versprochen hatte, zurückzukommen, wenn jemand den Schlüssel findet.
Sie legte den Ordner auf den Tisch. Darin lagen Kopien von Überweisungen, Claires unterschriebene Beschwerden und ein Eintrag aus dem Krankenhaus: Claire hätte überlebt, wenn der Notruf innerhalb von zehn Minuten erfolgt wäre. Adrian hatte zweiundvierzig Minuten gewartet.
Die Jungen sahen ihren Vater an. Luke begann zu weinen.
— Warum hast du gesagt, Mama hätte uns verlassen?
Adrian ging auf die Knie.
— Weil ich feige war.
Mein Telefon klingelte. Das Krankenhaus war dran. Die Anzahlung für Maras Operation war eingegangen, aber nicht von Adrian. Die Klinik habe soeben erfahren, dass jemand ihre Patientenakten nach einem seltenen Medikament durchsucht hatte.
Mrs. Bell wurde kreidebleich.
— Dann hat er nicht nur Claires Unterlagen versteckt. Jemand sucht nach dem Namen Ihrer Schwester.
Auf meinem Display erschien eine neue Nachricht. Diesmal von der Nummer des Krankenhauses.
„Kommen Sie nicht allein. Der Mann, der Maras Behandlung bezahlt hat, sitzt bereits im Wartebereich.“
Adrian sah die Nachricht und griff nach meinem Arm.
— Nia, Sie müssen mir zuhören. Wenn dieser Mann dort ist, sind Ihre Schwester und meine Kinder in größerer Gefahr, als Sie ahnen…
Adrian las Claires letzte Zeile und griff nach dem roten Kalender…
Ich dachte, ich müsste nur vier Kinder bändigen. Dann fand ich den Schlüssel zu einer Wahrheit, die ihr ganzes Leben verändert hatte.
Doch selbst das war nicht die größte Gefahr, die im Krankenhaus auf uns wartete.
„Behalte ihn, bis wir einen neuen werfen.“
Da stritten vier Jungen darum, wer Maras Wasser bringen durfte.
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