TEIL 4 — Ich kündigte meinem mächtigsten Chef ein Abendessen an, doch als ich seinen Namen nannte, erstarrte Marius Orlov

TEIL 4

Marius steckte das Telefon ein.

— Ich gehe zum Fährterminal.

— Wir gehen gemeinsam, sagte ich.

— Nein.

— Sie haben gerade selbst gesagt, dass ich nicht allein in eine Falle laufen soll.

— Dort wird es gefährlicher sein als hier.

— Meine Mutter ist dort.

Er sah mich an. Für einen Moment war er wieder der Mann hinter dem Schreibtisch, der Befehle gab und erwartete, dass die Welt sich danach richtete. Dann blickte er auf den geöffneten Anhänger in meiner Hand.

— Du bleibst hinter mir.

— Ich bleibe neben dir.

Katya lud ihre Waffe durch.

— Dann sollten wir uns über die Reihenfolge einigen, bevor ihr beide an eurem Stolz erstickt.

Luca zog einen Schlüsselbund aus der Tasche.

— Ich kenne einen Zugang zum alten Terminal. Durch den Wartungsschacht. Viktor glaubt, der Haupteingang sei der einzige Weg hinein.

— Warum hilfst du ihm? fragte ich.

Luca sah auf das Register.

— Weil ich die letzte Person war, die deinen Vater lebend gesehen hat.

Wir fuhren in einem unscheinbaren Lieferwagen durch die nassen Straßen. Neapel glänzte im Regen, die Schaufenster waren dunkel, und aus den Gassen drang der Geruch von Meer und Diesel. Marius saß neben mir. Zwischen uns lag der rote Schal, dessen aufgetrennter Saum nun offen war.

— Was stand in der Nachricht? fragte ich.

Er antwortete erst, als wir an einer roten Ampel hielten.

— Viktor schrieb, deine Mutter habe die Wahrheit über meinen Vater. Er behauptet, sie habe Adrian nicht nur geschützt, sondern ihn in seine letzte Fahrt geschickt.

Mein Körper wurde kalt.

— Das kann nicht stimmen.

— Ich weiß es nicht.

— Sie wissen es nicht?

— Ich weiß, dass mein Vater vieles getan hat. Ich weiß nicht, was deine Mutter getan hat, um dich zu retten.

Die Ampel sprang auf Grün. Marius fuhr weiter.

— Deshalb haben Sie sie all die Jahre bezahlt? fragte ich.

— Ich bezahlte ihre Behandlung, weil ich glaubte, dass meine Familie sie zerstört hatte. Nicht, um sie zu kaufen.

— Und weil Sie Ihrem Vater etwas versprochen hatten?

— Nein. Weil ich dir etwas versprochen hatte, ohne dass du davon wusstest.

Ich drehte mich zu ihm.

— Das ist kein Schutz, Marius. Das ist ein Käfig mit weichen Wänden.

Er nahm die Hände fester ans Lenkrad.

— Dann reiße ich ihn heute ein.

Der Wartungsschacht begann hinter einem verrosteten Salzlager. Das Tor klemmte, und Luca musste zweimal dagegen treten, bevor es nachgab. Rost rieselte auf meine Hände. Tief unter dem Terminal roch es nach Algen, Öl und altem Holz.

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Wir bewegten uns im Dunkeln vorwärts. Katya ging voran. Luca trug das Register unter seinem Mantel. Marius blieb so dicht hinter mir, dass ich seine Wärme spürte.

Vor uns fiel eine Tür ins Schloss.

Eine Männerstimme sagte:

— Bianca, komm heraus. Deine Mutter wartet.

Ich erkannte die Stimme aus den Vorstandssitzungen. Viktor.

Marius stellte sich vor mich.

— Du hast sie nie verdient, sagte Viktor. Nicht die Firma. Nicht den Namen. Und schon gar nicht sie.

— Du hast meinen Vater getötet, sagte ich.

Viktor lachte leise.

— Dein Vater hat sich selbst getötet, als er glaubte, ein Buch könne mächtiger sein als Loyalität.

— Wo ist meine Mutter?

— Einen Raum weiter. Sie lebt. Noch.

Marius hob die Waffe.

— Öffne die Tür.

— Du kommst allein herein, Marius. Oder ich lasse sie die Spritze bekommen.

Ich packte Marius’ Ärmel.

— Nicht schießen.

— Er blufft nicht.

— Ich weiß.

Ich trat vor die Tür.

— Viktor, ich habe das Register.

Es wurde still.

— Dann leg es auf den Boden und schieb es herüber.

— Nein. Erst meine Mutter.

— Du stellst Bedingungen?

— Ich stelle die einzige Bedingung, die dir noch etwas nützt.

Hinter der Tür hustete meine Mutter. Dieses Geräusch traf mich härter als jeder Schrei.

— Bianca? rief sie.

— Ich bin hier, Mama.

— Hör nicht auf ihn. Er lügt über deinen Vater.

Viktor fluchte. Marius sah zu mir.

— Das war sein Fehler, sagte ich. Er hat sie sprechen lassen.

Luca ging zur Seite und deutete auf eine schmale Luke über der Tür. Katya kletterte auf eine Kiste. Marius hielt sie fest, während sie den Riegel von innen erreichte.

Viktor riss die Tür auf.

Alles geschah gleichzeitig.

Katya stieß die Luke auf. Luca warf eine Handvoll Löschpulver in den Raum. Marius packte mich an der Schulter und zog mich zur Seite, als Viktor schoss. Der Knall zerriss das Terminal. Eine Lampe platzte, und Dunkelheit verschluckte die Männer.

Ich hörte meine Mutter schreien.

Dann hörte ich Viktor fluchen.

Marius stürzte durch die Tür. Es folgten zwei dumpfe Schläge, ein Krachen und ein ersticktes Stöhnen.

Als das Notlicht anging, lag Viktor auf dem Boden. Marius kniete über ihm und hielt dessen Handgelenk auf den Rücken gedrückt. Neben der Wand saß meine Mutter, blass, aber wach. Eine Nadel steckte noch in ihrem Arm.

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Ich rannte zu ihr.

— Mama.

Sie schloss beide Hände um mein Gesicht.

— Du bist gekommen.

— Natürlich bin ich gekommen.

— Ich wollte dich schützen.

— Du hast mich belogen.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

— Dein Vater wollte das Register zu Marius bringen. Aber ich wusste, dass Viktor ihn beobachtete. Ich gab Adrian den falschen Treffpunkt. Ich dachte, so würde er entkommen. Viktor fand ihn trotzdem.

Ich setzte mich neben sie auf den kalten Boden.

— Du hast ihn in die letzte Fahrt geschickt.

— Ja.

Das Wort war kaum hörbar.

— Und danach?

— Danach nahm ich die letzte Seite und versteckte sie in deinem Anhänger. Ich wusste, dass Viktor dich suchen würde, wenn er sie findet. Also tat ich so, als wäre dein Vater ein unvorsichtiger Mann gewesen. Ich wollte, dass du mich hasst, nicht dass du nach ihm suchst.

Hinter uns zerrte Marius Viktor hoch. Luca hatte inzwischen die Hände des älteren Mannes mit einem Kabelbinder gefesselt.

— Du hast meinen Vater geopfert, sagte Marius.

Viktor spuckte Blut auf den Boden.

— Dein Vater war schwach. Unser Vater war stärker. Er wusste, dass die Firma ohne mich zerfallen würde.

Marius sah ihn lange an.

— Die Firma ist bereits zerfallen.

— Du hast keine Ahnung, was draußen auf dich wartet.

— Doch. Deine Rechnungen. Deine geheimen Konten. Deine Unterschrift unter jeder Lieferung.

Luca nahm das Register heraus.

— Ich habe Kopien an die Anteilseigner geschickt, bevor wir losgefahren sind. Die Sitzung beginnt in einer Stunde. Viktor verliert sämtliche Stimmrechte, sobald die Unterschriften geprüft sind.

Viktor starrte ihn an.

— Du kleiner Buchhalter.

— Ich war lange genug still, antwortete Luca.

Marius wandte sich an mich.

— Die Anteile deiner Mutter liegen ebenfalls in diesem Register. Dein Vater hat sie auf ihren Namen übertragen, bevor er starb. Viktor hat sie nie gefunden.

Ich blickte auf meine Mutter.

— Das Unternehmen gehört zur Hälfte ihr?

— Nicht mehr, sagte Luca. Deine Mutter kann die Anteile verkaufen oder sie in eine Stiftung für die Hafenarbeiter geben.

Meine Mutter schloss die Augen.

— Ich will, dass kein weiterer Vale daran verdient.

— Dann geht die Hälfte an die Familien, deren Männer im Hafen verschwunden sind, sagte ich.

Marius sah mich an. Kein Widerspruch. Kein Versuch, mich aufzuhalten.

— Und die andere Hälfte? fragte er.

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— An die Klinik, die meine Mutter gerettet hat.

— Damit bleibt dir nichts.

— Mir bleibt mein Name. Das genügt fürs Erste.

Er trat näher. An seiner Wange klebte Blut, das nicht von ihm stammte. Seine Stimme war rau.

— Bianca, ich kann nicht ungeschehen machen, was ich dir verschwiegen habe.

— Nein.

— Ich kann dir auch nicht versprechen, dass meine Welt plötzlich sauber wird.

— Das verlange ich nicht.

— Was verlangst du dann?

Ich sah auf den roten Schal. Der Saum war aufgerissen, der kleine Anhänger lag offen zwischen meinen Fingern.

— Keine Geheimnisse mehr, die als Schutz verkauft werden.

Marius nickte.

— Das kann ich dir versprechen.

— Und morgen gehe ich zu meiner Verabredung.

Zum ersten Mal seit jener Nacht im Büro erschien etwas beinahe Menschliches in seinem Gesicht.

— Mit Luca?

— Ja. Wir müssen die Unterlagen für die Stiftung vorbereiten.

Luca hob beide Hände.

— Ich habe nichts gegen einen sachlichen Kaffee.

Marius sah ihn an.

— Einen Kaffee. Nicht mehr.

Ich musste lachen, obwohl meine Mutter neben mir weinte und Viktor abgeführt wurde. Es war kein glückliches Lachen. Dafür war zu viel verloren gegangen. Aber es war mein eigenes.

Später, als die Sanitäter meiner Mutter die Nadel entfernten, stand Marius am Rand des Raumes. Er berührte mich nicht. Er wartete.

Ich ging zu ihm.

— Du hast heute nicht geschossen, sagte ich.

— Du hast mich darum gebeten.

— Früher hättest du trotzdem geschossen.

— Früher glaubte ich, dich nur schützen zu können, wenn ich alles allein entscheide.

Ich sah auf den Anhänger in meiner Hand.

— Und was glaubst du jetzt?

Marius nahm das kleine Stück Messing nicht an sich. Er ließ es zwischen uns liegen.

— Dass du neben mir stehen musst, wenn ich dich behalten will.

Meine Mutter rief nach mir. Luca blätterte bereits durch die erste Seite des Registers. Katya verließ den Raum, um den Anteilseignern die Nachricht zu überbringen. Draußen tobte der Regen weiter gegen das Blechdach des Terminals.

Ich steckte den Anhänger wieder in den aufgerissenen Saum meines roten Schals.

Dann ging ich nicht hinter Marius her.

Ich ging neben ihm zu meiner Mutter, während Luca hinter uns die erste Seite des Registers aufschlug und leise sagte: „Hier beginnt die Wahrheit.“

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