PART 4 — Ich setzte mich bei Galinas Geburtstag vor zweiundzwanzig Gäste, doch als ich die Mappe öffnete, verschwand Andrejs Lächeln

PART 4

—Welche Wohnung? fragte ich.

Meine Stimme klang ruhig, obwohl meine Finger taub wurden.

Galina hielt den Schlüsselbund so fest, dass der rote Anhänger in ihre Handfläche schnitt.

—Es ist nur eine kleine Wohnung am Stadtrand.

—Für wen?

—Für mich.

Andrej fuhr herum.

—Du hast gesagt, es geht um eine Umschuldung.

—Das war es auch. Zuerst.

—Du wolltest die Wohnung deiner Mutter kaufen? fragte ich.

Galina hob das Kinn.

—Ich wollte nicht auf der Straße landen, falls die Bank mir die Wohnung nimmt.

—Welche Bank?

Sabine Reuter antwortete über das Telefon, das ich noch immer in der Hand hielt.

—Frau Berger, die bestehende Wohnung ist mit einem Darlehen belastet. Die Raten wurden seit vier Monaten nicht vollständig bezahlt.

Ich sah zu Galina.

—Du hast uns erzählt, alles sei abbezahlt.

—Es waren nur noch wenige Zahlungen offen.

—Wie viele?

—Neunzehntausend Euro, sagte Sabine.

Die Zahl fiel in den Raum und blieb dort liegen wie ein schwerer Gegenstand.

Andrej setzte sich wieder. Sein Hemdkragen war feucht, obwohl es im Zimmer kühl war.

—Warum hast du mir das nicht gesagt?

Galina sah ihn an.

—Weil du mich sonst nicht mehr unterstützt hättest.

—Ich hätte dir geholfen.

—Du hast mir doch geholfen! Du hast Marina geheiratet, und plötzlich warst du der Meinung, du müsstest vernünftig werden.

Der Satz traf Andrej sichtbar. Er fuhr mit der Hand über sein Gesicht.

—Du hast mich belogen.

—Ich habe dich gebraucht.

Ich lehnte mich gegen den Tisch. Unter meiner Hand spürte ich die raue Kante der Mappe.

Alles bekam plötzlich eine Form: die angeblichen Rückenschmerzen, die teuren Besuche im Schönheitssalon, die Wochenenden, an denen Galina mit Freundinnen wegfuhr, während Andrej behauptete, wir müssten sparen. Er hatte nicht nur die Rechnungen bezahlt. Er hatte eine Lüge finanziert, weil er lieber meine Unterschrift fälschte, als seiner Mutter eine Grenze zu setzen.

Sabine Reuter blieb am Telefon.

—Ich kann die Überweisung sperren lassen, wenn Frau Berger sie ausdrücklich widerruft. Für den Kreditantrag brauchen wir außerdem eine schriftliche Erklärung, dass sie den Vertrag nicht unterschrieben hat.

Andrej stand auf.

—Marina, ich kann das erklären.

—Du hast genug erklärt.

—Ich wollte Zeit gewinnen.

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—Für wen?

Er sah zu Galina.

—Für uns alle.

—Nein, sagte ich. Für dein Bild von einer guten Familie.

Einer der Gäste nahm leise seinen Mantel. Danach folgte die Cousine. Niemand sagte etwas. Die Menschen gingen nicht wegen des leeren Tisches. Sie gingen, weil sie verstanden hatten, dass sie jahrelang eine Geschichte geglaubt hatten, in der Galina großzügig und Marina undankbar war.

Galina griff nach meinem Arm.

—Wenn du die Bank einschaltest, verliere ich mein Zuhause.

Ich zog mich nicht ruckartig zurück. Ich löste nur ihre Finger einzeln von meinem Ärmel.

—Du verlierst nicht dein Zuhause, weil ich die Wahrheit sage. Du verlierst es, weil du es verpfändet hast.

—Du bist herzlos.

—Nein. Ich bin müde.

Andrej trat zwischen uns.

—Hör auf, Mama.

Galina starrte ihn an.

—Du stellst dich gegen mich?

—Ich stelle mich gegen das, was ich getan habe.

Er nahm sein Telefon aus der Tasche und rief seinen Vorgesetzten an. Seine Stimme zitterte, aber er legte nicht auf.

—Herr Winter, ich muss einen privaten Vorgang melden. Ich habe versucht, eine Finanzierung über Unterlagen meiner Frau abzusichern. Ohne ihre Zustimmung.

Galina schlug die Hände vors Gesicht.

Ich wusste, was dieser Anruf für ihn bedeutete. Andrej arbeitete in der Finanzabteilung eines großen Unternehmens. Eine Unterschriftenfälschung im privaten Bereich würde nicht einfach verschwinden, nur weil er sich entschuldigte. Vielleicht verlor er seine Stelle. Vielleicht auch mehr.

Aber ich konnte nicht mehr die Folgen seiner Entscheidungen tragen, nur damit er nach außen ein anständiger Mann blieb.

Als er aufgelegt hatte, legte er das Telefon auf den Tisch.

—Ich werde die Überweisung stoppen. Ich werde die Bank informieren. Und ich verkaufe das Auto.

Galina starrte ihn an.

—Du kannst mich nicht zwingen, auf alles zu verzichten.

—Nein, sagte er. Aber ich werde deine Rechnungen nicht mehr vor Marina verstecken.

Er öffnete seine Bankanwendung und zeigte mir die regelmäßigen Überweisungen. Die Summen waren höher, als ich erwartet hatte. Kosmetikstudio. Reisekasse. Möbelgeschäft. Zwei Wochenendhotels. Ein privater Fahrdienst.

Ich spürte keinen Zorn mehr. Nur eine klare, erschreckende Leere.

—Seit wann?

—Seit fast zwei Jahren.

—Wir sind seit achtzehn Monaten verheiratet.

Andrej senkte den Kopf.

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—Ich habe geglaubt, ich könnte alles kontrollieren.

—Du hast nur kontrolliert, was ich wissen durfte.

Er trat näher.

—Ich liebe dich.

Ich sah auf seine Hand. Der Ehering war an der Innenseite zerkratzt.

—Liebe macht keine Kopie meiner Unterschrift.

Sein Gesicht verzog sich.

—Was willst du tun?

—Die Ehe beenden.

Galina stieß einen ungläubigen Laut aus.

—Wegen Geld?

—Wegen jeder Lüge, die du Geld genannt hast.

Ich nahm die Mappe und ging zur Garderobe. Mein schwarzer Schal hing noch am Haken, an einer Stelle ausgefranst. Ich wickelte ihn um meinen Hals und spürte den rauen Faden an meiner Haut.

Andrej folgte mir bis in den Flur.

—Marina, bitte geh nicht einfach.

Ich blieb stehen.

—Ich gehe nicht einfach. Ich nehme meine Unterlagen, mein Konto und meinen Namen mit. Alles andere bleibt hier.

—Und wenn ich alles zurückzahle?

—Dann hast du eine Schuld bezahlt. Keine Ehe gerettet.

Am nächsten Morgen fuhr ich zur Bank. Sabine Reuter wartete bereits mit zwei Mappen und einer Tasse Tee, deren Untertasse einen Sprung hatte.

Sie legte mir die Vollmacht vor.

—Die Unterschrift ist tatsächlich nicht von Ihnen.

—Ich weiß.

—Wir können den Kreditantrag stoppen. Aber Sie müssen entscheiden, ob Sie eine formelle Erklärung abgeben wollen.

Ich dachte an Galinas Gesicht, an die Gäste, an Andrejs zitternde Finger und an all die Abende, an denen ich mich selbst davon überzeugt hatte, dass Geduld irgendwann belohnt würde.

—Ja, sagte ich. Ich gebe die Erklärung ab.

Nicht aus Rache.

Weil mein Name nicht der Preis für ihre Bequemlichkeit war.

Andrej verkaufte den Wagen drei Tage später. Das Geld ging direkt an die Bank, nicht an Galina. Für die restliche Schuld musste sie ihre Reisen absagen, ihre teuren Abonnements kündigen und die große Wohnung aufgeben. Sie zog in die kleine Wohnung, deren Schlüssel an dem roten Plastikherz gehangen hatte.

Sie rief mich kein einziges Mal an.

Andrej schon.

Er kam zu meinem Büro, blieb aber vor dem Empfang stehen und ließ mir nur einen Umschlag geben. Darin lagen die ersten Rückzahlungen und ein handgeschriebener Satz: „Die Belege sind angekommen.“

Ich antwortete nicht.

Nicht jeder Schaden wird durch Worte kleiner.

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Die Scheidung verlief ohne gemeinsame Auftritte und ohne große Erklärungen. Andrej unterschrieb jede Vereinbarung, die nötig war, und widersprach keinem meiner Ansprüche. Galina musste ebenfalls unterschreiben, dass sie den Antrag ausgelöst und die Überweisung verlangt hatte.

Als ich die letzte Bankbestätigung erhielt, lag darauf ein kleiner roter Stempel: Vorgang abgeschlossen.

Ich steckte das Schreiben in meine Mappe.

Wochen später traf ich Galina auf dem Markt. Sie trug einen Mantel, der an den Ärmeln zu lang war, und hielt einen Einkaufszettel in der Hand.

Sie sah auf meinen Korb.

—Du kaufst immer noch alles nach Liste?

—Ja.

—Das Menü von meinem Geburtstag habe ich noch.

Ich sagte nichts.

—Ich habe es nicht weggeworfen, fuhr sie fort. Ich habe die Gerichte gestrichen, die ich nicht bezahlen kann.

—Das ist vernünftig.

Sie schluckte.

—Neben jedes Gericht habe ich den Namen geschrieben, wer es machen soll.

Ich sah sie an.

—Und wer steht neben dem Braten?

Galina senkte den Blick.

—Ich.

Es war keine Entschuldigung. Aber es war eine Handlung, und Handlungen waren die einzige Sprache, der ich noch glaubte.

Sie reichte mir das gefaltete Blatt. Die Schrift war kleiner geworden. Weniger herrisch. Neben dem Kartoffelgratin stand Galinas Name, neben dem Salat der Name ihrer Cousine und neben dem Kuchen das Wort „gekauft“.

Ganz unten war eine freie Zeile.

—Was soll ich dort eintragen? fragte sie.

Ich gab ihr den Stift zurück.

—Niemanden, der nicht zugesagt hat.

Galina nickte langsam.

Ich ging weiter, während sie am Marktstand ihre Kartoffeln abwog. Später hörte ich, dass Andrej in einer anderen Abteilung arbeitete und jeden Monat einen festen Betrag auf ein eigenes Rückzahlungskonto überwies. Nicht, um mich zurückzugewinnen. Sondern weil er endlich aufgehört hatte, die Rechnung jemand anderem zuzuschieben.

An dem Abend nahm ich das alte Menü aus meiner Mappe und strich die letzte Zeile durch.

Darunter schrieb ich mit meinem eigenen Namen:

„Für zweiundzwanzig Gäste: zweiundzwanzig Verantwortliche.“

Dann legte ich den Stift auf Galinas Liste — genau neben den Braten, den sie diesmal selbst zubereiten wollte.

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