TEIL 4 — An meinem Geburtstag widersprach ich Bostons gefürchtetem Verbrecherboss – dann verschwand sein Lächeln

TEIL 4

Ich nahm das Armband, aber meine Finger schlossen sich nicht darum.

Das Plastik war vergilbt und an einer Stelle eingerissen. Darauf stand: Clara Hartmann. Begleitperson von Elena Conti. Geboren am 14. November 1999.

Mein Geburtstag.

Mein Blut rauschte so laut in meinen Ohren, dass ich Jimmys Stimme kaum verstand.

„Ich habe es vor sechs Jahren im Keller des Clubs gefunden“, sagte er. „Zwischen alten Lieferlisten. Ich wusste nicht, was es bedeutete.“

„Elena Conti“, wiederholte ich.

Matteo stand reglos unter der Küchenlampe.

„Wer ist Elena Conti?“

Er sah mich an, als hätte ich ihm gerade den Boden unter den Füßen weggezogen.

„Meine Schwester.“

„Du hast keine Schwester.“

„Ich hatte eine.“

Leo trat zum Tisch und starrte auf das Armband.

„Matteo.“

„Ich weiß.“

„Du musst es ihr sagen.“

„Ich weiß!“

Sein Ausbruch ließ die Tassen im Regal klirren. Dann fuhr er sich mit beiden Händen über das Gesicht.

„Meine Schwester starb angeblich drei Tage nach ihrer Geburt. Mein Vater zeigte mir eine Urkunde. Eine Beerdigung gab es nie. Nur eine kleine Holzkiste.“

Ich konnte nicht atmen.

„Und meine Mutter?“

„Clara war bei der Geburt dabei.“

„Sie war meine Mutter.“

„Ja.“

„Dann bin ich nicht Elena.“

Matteo hob den Blick.

„Doch.“

Die Küchenuhr über seinem Kopf zeigte 2.03 Uhr. Der Sekundenzeiger bewegte sich mit einem trockenen Klick weiter, während ich versuchte, die Worte zusammenzusetzen.

„Mein Vater war Daniel Hartmann“, sagte ich. „Das weiß ich.“

„Daniel Hartmann war der Mann, den Clara geheiratet hat, um deine Herkunft zu verbergen.“

„Warum?“

Matteo schob den Leinenumschlag zu mir.

„Weil mein Vater entdeckt hatte, dass Victor Sanz die Medikamente stahl. Sanz ließ Daniel ermorden. Danach wollte er dich beseitigen, weil du als Erbin der Conti-Familie Anspruch auf das Geld hattest, das die Stiftung verschwinden ließ.“

Ich riss den Umschlag auf. Darin lag ein handgeschriebener Brief und ein gefaltetes Dokument. Die Tinte war an mehreren Stellen verlaufen, aber die Unterschrift meines Vaters war deutlich.

Lena heißt in Wahrheit Elena. Clara nimmt sie mit. Das Konto wird versiegelt, bis sie sechsundzwanzig ist. Matteo darf erst dann erfahren, dass sie lebt, wenn Sanz keine Möglichkeit mehr hat, sie zu erreichen.

Unter dem Satz stand die Unterschrift meines Vaters.

Darunter die meiner Mutter.

Und als drittes Zeichen ein roter Wachsstempel mit dem Wappen der Conti-Familie.

„Sechsundzwanzig“, flüsterte ich.

Mein Geburtstag war kein Zufall gewesen. Matteo hatte mich nicht zufällig im Velvet Room erkannt. Er hatte auf diesen Tag gewartet.

„Ich wusste es seit heute Morgen“, sagte er. „Ein Notar hat mir den Brief gebracht. Ich wollte dich erst aus der Stadt bringen, bevor ich dir alles erzähle.“

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„Du wolltest mich entführen.“

„Ich wollte dich schützen.“

„Du hattest sechsundzwanzig Jahre Zeit, mich zu suchen.“

Sein Gesicht zerbrach nicht. Das wäre leichter gewesen. Er blieb stehen, mit Blut am Kiefer und dem offenen Ordner vor sich.

„Ich war zwölf, als man mir sagte, meine Schwester sei tot.“

„Und als du älter wurdest?“

„Da wurde mir beigebracht, niemandem zu glauben.“

Jimmy bewegte sich plötzlich.

Nicht nach vorn. Zurück.

Leo bemerkte es zuerst und packte ihn am Arm.

„Warte.“

Jimmy riss sich los. Aus seiner Jacke fiel ein zweites Telefon.

Matteo hob es auf.

Auf dem Bildschirm stand eine ungelesene Nachricht von Victor Sanz: Bring sie zum Terminal. Danach bekommst du die Adresse deiner Tochter.

Jimmy wurde weiß.

„Meine Tochter ist verschwunden“, sagte er. „Sanz hat sie vor zwei Tagen aus der Schule holen lassen. Er versprach, sie freizulassen, wenn ich Lena in den Club locke.“

Ich sah ihn an. Der Verrat tat weh, aber seine Angst war echt. Seine Daumen waren wund gekaut, und an seinem Ärmel klebte rosa Kreide, wie sie Kinder an Schulen benutzten.

Matteo nahm das Telefon und wählte eine Nummer.

„Wir fahren nicht zum Fährterminal“, sagte ich.

„Nein.“

„Wir fahren zur Klinik.“

Leo schüttelte den Kopf.

„Das ist eine Falle.“

„Natürlich ist es eine Falle“, sagte ich. „Aber Sanz glaubt, er besitzt drei Dinge: meine Mutter, Jimmys Tochter und den Schlüssel.“

Ich nahm den kleinen Anhänger vom Hals.

Der Schlüssel war nicht aus Metall. Er war ein winziger Hohlkörper. Ich hatte das nie gewusst. Als ich ihn gegen den Tisch schlug, sprang eine verborgene Kapsel heraus.

Darin lag eine winzige Speicherkarte.

Jimmy starrte darauf.

Matteo wurde wieder ganz still.

„Was ist darauf?“, fragte ich.

„Die Buchhaltung“, sagte Leo. „Wenn Clara sie all die Jahre versteckt hat, dann wahrscheinlich die ursprünglichen Konten.“

„Und wenn Sanz sie will, kennt er ihren Wert.“

Matteo zog seine Jacke an.

„Wir holen Clara und das Mädchen.“

„Nein“, sagte ich.

Er sah mich scharf an.

„Du bleibst hier.“

„Du hast mich schon einmal über meine Schulter geworfen. Das reicht für einen Geburtstag.“

Zum ersten Mal an diesem Abend wirkte er beinahe hilflos.

„Elena—“

„Lena“, unterbrach ich ihn. „Diesen Namen hat mir meine Mutter gegeben. Den behalte ich.“

Um 3.11 Uhr erreichten wir die verlassene Klinik am Hafen. Der Flur roch nach feuchtem Beton, und an den Wänden blätterte grüne Farbe ab. Matteo und Leo gingen voraus. Ich folgte mit der Speicherkarte in meiner Faust.

Im ehemaligen Behandlungsraum saß meine Mutter auf einem Stuhl. Ihre Lippe war aufgeplatzt, aber sie hob den Kopf, sobald sie mich sah.

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„Lena.“

Ich fiel vor ihr auf die Knie.

„Bist du verletzt?“

„Nicht so, wie du glaubst.“

Hinter ihr stand Victor Sanz. Er war kleiner, als ich ihn aus den Zeitungen in Erinnerung hatte. Sein Mantel war makellos, nur an seinem rechten Ärmel klebte ein winziger Tropfen Blut.

Neben ihm stand ein Mädchen von ungefähr neun Jahren.

Jimmy stieß einen Laut aus und rannte zu ihr. Sie sprang in seine Arme.

Sanz hob eine Pistole.

„Die Karte“, sagte er.

Ich zeigte sie ihm.

„Zuerst meine Mutter.“

„Du stellst Bedingungen?“

„Ich habe heute gelernt, dass Leute mit Pistolen nicht automatisch klüger sind.“

Matteo bewegte sich keinen Zentimeter.

Sanz lächelte.

„Du weißt überhaupt nicht, wer du bist.“

„Doch“, sagte ich. „Ich bin die Frau, deren Mutter du entführt hast, weil du Angst vor einer Buchhaltung hast.“

Sein Lächeln verschwand.

„Clara hat nie verstanden, wann man aufhören muss.“

Meine Mutter hob mühsam den Kopf.

„Du hast Daniel getötet.“

Sanz’ Finger spannte sich um den Abzug.

„Daniel wollte die Konten an die Öffentlichkeit bringen. Dein Vater hätte es verhindert, wenn er nicht so sentimental gewesen wäre.“

Matteo trat vor.

„Mein Vater hat dich geschützt.“

„Dein Vater hat mich benutzt.“

„Du hast seine Stiftung gestohlen.“

„Ich habe sie gerettet. Ohne mich wäre dieses Imperium längst zerfallen.“

Ich hielt die Speicherkarte höher.

„Und ohne diese Karte wüsste niemand, dass du Medikamente für Kinder gestohlen hast.“

Sanz lachte hart.

„Du glaubst, darauf stehen Namen?“

„Nicht nur Namen.“

Ich deutete auf die Wand hinter ihm. Dort hing ein alter Bildschirm, offenbar Teil der früheren Überwachungsanlage.

Leo hatte ihn kurz nach unserer Ankunft eingeschaltet. Auf dem Bildschirm sah man den Flur vor der Klinik. Sanz hatte die Waffe nicht bemerkt, die in der Spiegelung der gläsernen Tür sichtbar war. Ebenso wenig hatte er bemerkt, dass seine eigene Stimme aus dem Lautsprecher kam.

Nicht eine Aufnahme von ihm, die wir heimlich gemacht hatten.

Seine Anordnung an den Schützen, die er vor zehn Minuten über das Kliniktelefon gegeben hatte.

„Wenn die Frau auftaucht, erschießt ihr zuerst Conti“, hatte er gesagt. „Danach nehmt ihr die Karte.“

Leo hatte das Gespräch über die offene Leitung umgeleitet.

Sanz sah zum Bildschirm. Die Farbe wich aus seinem Gesicht.

„Das ist manipuliert.“

„Dann erklär, warum du gerade genau das wiederholst“, sagte Leo.

Sanz drehte die Pistole in meine Richtung.

Meine Mutter stieß den Stuhl um und warf sich gegen seine Beine.

Der Schuss krachte in die Decke.

Matteo war schneller. Er riss Sanz den Arm zur Seite, Leo entwaffnete ihn, und Jimmy zog seine Tochter hinter eine Behandlungsliege. Staub rieselte von den Lampen.

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Ich sprang zu meiner Mutter. Ihre Hände waren voller roter Druckstellen.

„Du hättest nicht kommen dürfen“, flüsterte sie.

„Du hättest mir sagen müssen, wer ich bin.“

„Ich wollte, dass du ein Leben hast, das nicht von Männern wie ihm bestimmt wird.“

„Du hast mich mein ganzes Leben lang Lena genannt.“

„Weil du Lena bist.“

Sie legte ihre Stirn an meine.

„Elena war der Name auf einem Papier. Lena war das Kind, das ich großgezogen habe.“

Hinter uns schrie Sanz, als Leo ihn mit Kabelbindern fesselte. Nicht wegen des Gerichts. Nicht wegen einer großen Abrechnung. Er schrie, weil Matteo den Ordner, die Konten und die Karte bereits an mehrere Zeitungen und Kliniken weitergeleitet hatte.

Sanz verlor in derselben Minute seine Pflegeheime, seine Stiftung und die Kontrolle über das Geld, das er für immer verstecken wollte.

Matteo stand später im Behandlungsraum und hielt den roten Wachsstempel zwischen zwei Fingern.

„Das Konto gehört dir“, sagte er.

„Ich will kein Geld, das aus all dem entstanden ist.“

„Dann benutze es für die Menschen, von denen es gestohlen wurde.“

Meine Mutter sah mich an.

„Das wäre ganz nach deinem Vater.“

„Ich bin nicht mein Vater.“

Matteo trat näher.

„Und du bist nicht meine Pflicht.“

„Gut.“

„Du bist meine Schwester.“

Es war keine Umarmung. Noch nicht. Zu viel fehlte zwischen zwölf Jahren und heute Morgen. Zu viele Begräbnisse ohne Leichen, zu viele Lügen, zu viele Nächte, in denen meine Mutter allein gewesen war.

Aber ich nahm seine Hand.

Nur kurz.

Am Mittag brachte Matteo Clara in ein anderes Pflegezentrum, dessen Verträge nicht Victor Sanz gehörten. Jimmy saß neben seiner Tochter im Wagen und weinte, ohne sich dafür zu schämen. Leo übergab die Unterlagen an die Kliniken, die jahrelang auf die gestohlenen Lieferungen gewartet hatten.

Ich blieb bei meiner Mutter, bis sie eingeschlafen war.

Dann legte ich den kleinen hohlen Anhänger auf den Tisch neben ihrem Bett.

„Warum hast du ihn mir gegeben?“, fragte ich.

Clara öffnete die Augen.

„Weil du irgendwann selbst entscheiden solltest, was du damit öffnest.“

Ich nahm die Speicherkarte heraus und hielt sie gegen das Licht.

Auf ihrer Oberfläche spiegelte sich die rote Notleuchte über dem Bett.

Meine Mutter griff nach meiner Hand.

„Lena“, sagte sie.

Ich sah sie an.

„Ja?“

„Morgen erzählen wir dir alles.“

Ich schloss die Finger um den winzigen Schlüssel.

„Nein“, sagte ich. „Heute.“

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