TEIL 4
Clara rief zuerst die Polizei und danach den Notar an.
Ich rief niemanden an.
Ich stand nur mitten in der Werkstatt und sah auf die Nachricht von der unbekannten Nummer. Das Licht über dem Zuschneidetisch flackerte. Eine Nadel lag quer auf dem Boden und glänzte wie ein winziger Splitter Eis.
— Mama, sagte Daria, — was meinte diese Person mit meiner Geburtsurkunde?
— Ich weiß es nicht.
— Doch. Du weißt es.
Ich schüttelte den Kopf.
— Ich weiß nur, dass dein Vater dich verunsichern will.
— Er hat gerade versucht, unser Gebäude zu besetzen.
— Ich weiß.
— Dann kann er mit einer Lüge über meine Geburt doch alles behaupten.
Daria trat ans Fenster. Draußen hielt ein Lieferwagen vor dem Haus. Zwei Männer stiegen aus. Einer trug einen Werkzeugkoffer, der andere einen glänzenden Anzug.
— Sie sind da, sagte Zoya.
Die Männer kamen nicht weit.
Vor der Eingangstür standen bereits zwei Polizisten. Hinter ihnen Clara und der Notar, der den Kaufvertrag vor neun Jahren beglaubigt hatte. Igor war ebenfalls dort. Sein Mantel war offen, seine Haare waren vom Wind zerzaust, und in seiner Hand hielt er einen Schlüsselbund.
— Sie haben hier nichts zu suchen, sagte der ältere Polizist.
— Ich bin Miteigentümer, erwiderte Igor. — Das wird gerade gerichtlich geklärt.
— Das Gericht hat nichts angeordnet, was Ihnen erlaubt, das Schloss auszutauschen.
— Sie verstehen die Lage nicht.
— Ich verstehe, dass Sie ohne Zustimmung der Eigentümerin einen Auftrag erteilt haben.
Igor sah zu Daria.
— Du bist von deiner Mutter beeinflusst worden. Du weißt nicht einmal, was deine eigene Großmutter wirklich wollte.
Daria blieb hinter der Tür stehen.
— Du hast versucht, meine Unterschrift zu fälschen.
Er wurde bleich.
— Das ist absurd.
Clara hob ihr Telefon.
— Wir haben die Aufnahme der Bankkamera. Und Ihre Nachrichten an Frau Elena.
— Welche Nachrichten?
— Die, in denen Sie schreiben, dass Nadja „endlich verschwinden“ und die Räume innerhalb einer Woche geräumt werden sollen.
Igor sah zu seinem Anwalt, der neben dem Lieferwagen stand. Der Anwalt schüttelte sofort den Kopf.
— Ich vertrete Sie in dieser Sache nicht mehr, sagte er.
— Was soll das heißen?
— Sie haben mir gegenüber behauptet, der Kaufvertrag laufe auf Ihren Namen. Ich kann nicht weiter für Sie auftreten.
— Sie können mich jetzt nicht im Stich lassen.
— Nicht ich habe Sie verlassen. Sie haben mich belogen.
Igor wurde laut. Er schrie von Verrat, Ehepflichten und undankbaren Frauen. Doch niemand antwortete ihm. Die Polizisten führten ihn nicht ab; dafür gab es in diesem Moment keinen Grund. Sie ließen ihn nur den Schlüsselbund abgeben und nahmen seine Personalien auf.
Das war schlimmer für ihn als Handschellen.
Er wollte die Kontrolle behalten. Er bekam nicht einmal die Tür auf.
Am Nachmittag wurde die gerichtliche Anhörung fortgesetzt. Igor erschien ohne Anwalt. Er saß allein an dem Tisch, an dem er am Morgen noch so selbstsicher gelächelt hatte.
Clara beantragte, die Aufnahme abzuspielen.
Das Gericht gab ihr die Erlaubnis.
Igors eigene Stimme füllte den Saal.
„Papier kann man ändern. Nadja unterschreibt alles, wenn man sie lange genug unter Druck setzt.“
Er bewegte sich nicht.
Die Aufnahme lief weiter.
„Daria wird tun, was ich sage. Wenn sie sich querstellt, bekommt sie keinen Cent.“
Daria saß neben mir. Ihre Hand lag auf meinem Knie. Sie war warm, aber sie zitterte.
Als die Datei endete, hörte man nur das leise Summen der Lautsprecher.
Die Richterin sah Igor an.
— Haben Sie diese Aussagen gemacht?
— Das ist aus dem Zusammenhang gerissen.
— Welcher Zusammenhang rechtfertigt die Drohung, die Unterschrift Ihrer Tochter zu erzwingen?
— Ich war wütend.
— Sie waren offenbar vorbereitet.
Igor schaute zu mir.
— Nadja, sag ihnen, dass ich niemals wirklich verkaufen wollte.
Ich sah ihn lange an.
— Du hast es selbst gesagt.
— Ich habe dich immer versorgt.
— Du hast erwartet, dass ich mich dafür klein mache.
— Wir waren eine Familie.
— Eine Familie ist kein Eigentumsnachweis.
Sein Mund öffnete sich, aber kein Wort kam heraus.
Die Richterin entschied, dass das Gebäude Daria allein gehörte. Die Werkstatt, die Ausstattung, die Kundenverträge und die Einnahmen blieben bei mir, weil Igor keinen nachvollziehbaren Beitrag nachweisen konnte. Seine Forderung wurde zurückgewiesen. Die angeblichen Renovierungskosten wurden nicht anerkannt. Wegen des Fälschungsversuchs und der Drohungen leitete die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren ein.
Es war kein triumphaler Moment.
Niemand applaudierte.
Daria weinte lautlos. Ich legte den Arm um sie. Igor nahm seine Jacke und ging, ohne uns anzusehen.
Am Abend kam die Polizei noch einmal zur Werkstatt. Die Kameraaufnahmen wurden gesichert, die ausgetauschten Schlösser fotografiert, und der Werkzeugkoffer des Auftragnehmers wurde beschlagnahmt. Clara erklärte uns, dass Elena gegen Igor aussagen würde, sobald klar war, dass der geplante Verkauf niemals stattfinden konnte.
— Sie hat ihn benutzt, sagte Daria.
— Vielleicht, sagte ich. — Aber er hat sich benutzen lassen.
Zwei Tage später erhielt Igor die Abschrift der Aufnahme. Clara hatte darauf bestanden, dass er sie vollständig anhören musste, bevor über seine Ansprüche entschieden wurde.
Er saß in einem kleinen Raum beim Gericht. Ein Lautsprecher stand auf dem Tisch. Niemand war bei ihm außer einer Protokollführerin.
Als seine Stimme erklang, begann er zunächst zu lächeln. Dieses alte, überlegene Lächeln, das ich so gut kannte.
Dann hörte er sich selbst sagen, dass Nadja nichts von Verträgen verstehe.
Das Lächeln verschwand.
Er hörte, wie er Daria drohte.
Seine rechte Hand schloss sich zu einer Faust.
Als die Aufnahme endete, fragte die Protokollführerin:
— Möchten Sie etwas ergänzen?
Igor starrte auf den Lautsprecher.
— Nein.
Zum ersten Mal war das Wort nicht taktisch gemeint.
Es war eine Niederlage.
Eine Woche später räumte er seine Sachen aus der Wohnung. Er nahm seine Kleidung, seine Dokumente und die Kaffeemaschine, die er mir vor Jahren zum Geburtstag geschenkt hatte. Im Flur blieb nur ein heller rechteckiger Fleck an der Wand zurück, wo sein gerahmtes Foto gehangen hatte.
Im Arbeitszimmer öffnete ich den Schrank, in dem ich früher die wichtigsten Unterlagen versteckt hatte. Die Schublade war leer. Nur meine dunkelgrüne Aktenmappe lag darin.
Die eingerissene Ecke war noch da.
Ich strich darüber und merkte, dass ich nicht mehr zitterte.
Daria kam herein.
— Er hat wieder angerufen.
— Was wollte er?
— Er sagt, du sollst ihm wenigstens das Auto lassen.
Ich musste fast lächeln.
— Das Auto gehört ihm.
— Er meint, du hättest moralisch die Pflicht, ihm entgegenzukommen.
— Dann soll er mit seiner Pflicht zur Bank gehen.
Daria setzte sich auf den Boden und lehnte den Rücken an den Schrank.
— Ich habe Angst, Mama.
Ich setzte mich neben sie.
— Wovor?
— Dass ich wegen ihm irgendwann genauso werde. Dass ich Menschen nicht mehr vertraue.
Ich nahm ihre Hand.
— Misstrauen ist nicht dasselbe wie Vorsicht. Und Vorsicht ist nicht Kälte.
— Woher weißt du das?
— Weiß ich nicht. Ich lerne es gerade.
In den folgenden Wochen änderte sich vieles, aber nicht alles auf einmal.
Ich ließ das Schild der Werkstatt erneuern. Über dem Eingang stand nun nicht mehr nur „Schwalbe“, sondern darunter in kleinen Buchstaben: „Nadja Melnyk – Änderungen und Maßanfertigungen“.
Zoya behauptete, der neue Schriftzug sei zu bescheiden.
— Du brauchst größere Buchstaben, sagte sie.
— Dann bestellst du sie.
— Ich? Du bist doch die Chefin.
Wir lachten. Es war das erste Lachen in der Werkstatt, das nicht gegen Igor gerichtet war.
Daria übernahm die Verwaltung des Gebäudes. Sie richtete ein eigenes Büro ein, kaufte einen gebrauchten Schreibtisch und klebte einen gelben Zettel an die Tür: „Bitte klopfen. Ich bin vermutlich über den Zahlen.“
Ich begann wieder, morgens selbst Kaffee zu kochen. Nicht für Igor. Nicht, weil jemand danach rief. Ich stellte die Tasse auf den Fenstersims, öffnete das Fenster und hörte den Verkehr, die Straßenbahn und das Klappern der Lieferwagen.
Drei Monate später fiel der erste Schnee.
Daria kam mit einem Stapel Stoffproben in die Werkstatt. Auf ihrem Mantel schmolzen kleine weiße Flocken.
— Ich habe eine Wohnung gefunden, sagte sie.
— In welchem Viertel?
— Zwei Straßen von hier.
— Dann kannst du zu Fuß kommen.
— Genau. Und du kannst mich nicht mehr nachts anrufen, wenn der Drucker Papier frisst.
— Ich kann dich immer anrufen.
— Das weiß ich.
Sie stellte ihre Tasche ab und zog ein Bild aus einem Umschlag. Es war mit Buntstiften gezeichnet: sechs Frauen an einem langen Tisch, eine Lampe darüber und ein großes Fenster mit Schneeflocken.
— Das habe ich als Kind gemalt, sagte sie. — Ich habe es wiedergefunden.
Auf dem Bild war auch ein Mann zu sehen, aber er stand draußen vor der Tür. Sein Gesicht war nur ein schwarzer Kreis.
— Warum hast du ihn dort hingemalt? fragte ich.
Daria zuckte mit den Schultern.
— Weil er nicht wusste, wie man hereinkommt.
Ich hängte das Bild nicht auf. Ich legte es in eine Schublade, in der wir die Zeichnungen der Kinder unserer Kundinnen sammelten.
Ein Monat später kam die letzte Nachricht von Igor.
„Ich habe verstanden, dass vieles falsch gelaufen ist. Wir könnten noch einmal reden. Nur du und ich. Ohne Anwälte. Ich vermisse unser Zuhause.“
Ich las sie in der Mittagspause. Neben mir summte die alte Nähmaschine, die ich aus dem Lager geholt hatte. Sie war schwer, rostig und noch immer mit dem Fußpedal versehen, auf dem Daria als Kind ihre kleinen Schuhe abgestellt hatte.
Ich schrieb keine lange Antwort.
„Es ist nicht mehr unser Zuhause. Und ich komme nicht zurück.“
Dann löschte ich die Nachricht.
Daria stand in der Tür.
— Hast du geantwortet?
— Ja.
— Tut es weh?
Ich sah durch das Fenster auf den Schnee, der sich auf dem Fensterbrett sammelte.
— Ein bisschen.
— Und was machst du jetzt?
Ich legte den Stoff auf den Zuschneidetisch. Dunkelroter Samt, weich und schwer, für ein Kleid, das eine Kundin zu ihrer Silberhochzeit tragen wollte.
— Jetzt arbeite ich.
Am Abend schloss ich die Werkstatt ab. Die sechs Maschinen standen still. Unter der Lampe lag die dunkelgrüne Aktenmappe, deren eingerissene Ecke ich so oft berührt hatte.
Ich nahm sie in die Hand, strich ein letztes Mal über den beschädigten Rand und legte sie nicht zurück in eine Schublade.
Ich stellte sie ins offene Regal, direkt neben Darias Kinderzeichnung.
Draußen fiel weiter Schnee.
Und zum ersten Mal musste ich niemandes Spuren beseitigen.
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