TEIL 4
Ich nahm den Messingknopf zwischen Daumen und Zeigefinger. Die Rückseite war tatsächlich nicht glatt. In der Mitte verlief eine kaum sichtbare Kerbe.
„Woher hast du ihn?“, fragte ich Anja.
Sie zeigte auf den Knopf und dann auf ihre Brust.
Elena trat näher.
„Darf ich?“
Anja nickte.
Mit einer feinen Pinzette öffnete Elena das winzige Fach. Darin lag kein Schmuckstück, sondern ein zusammengerollter Papierstreifen, kaum größer als ein Fingernagel.
Der ältere Beamte nahm ihn vorsichtig heraus.
Darauf standen Zahlen, Namen und zwei Bankkonten.
Viktors Name war mehrfach markiert.
Auch der Name meines Bruders stand dort.
„Das ist eine Aufstellung der Zahlungen“, sagte der Beamte. „Schmiergeld. Für den damaligen Ermittler, für einen Gutachter und für Pavel.“
Anja presste die Hände vor den Mund.
Ich starrte auf die Zahlen. Mein Bruder hatte Geld bekommen, damit Viktor das Waldstück meiner Nachbarn übernehmen konnte. Der Brand sollte die Familie vertreiben. Dass Anjas Eltern im Haus waren, war kein Unfall gewesen.
Viktor hatte gewusst, dass sie nicht rechtzeitig herauskommen würden.
Am nächsten Morgen rief Viktor siebenmal an.
Beim achten Mal nahm ich ab.
„Sie müssen vernünftig sein“, sagte er. „Wir können das ohne Aufsehen regeln.“
„Sie haben ein Kind bedroht.“
„Ich habe niemanden bedroht.“
„Ich habe Sie aufgenommen.“
Er schwieg.
„Sie haben alles aufgenommen?“
„Ja.“
Zum ersten Mal hörte ich echte Angst in seiner Stimme.
„Dann hören Sie gut zu“, sagte er. „Ich kann Ihnen Geld geben. Genug, damit Sie nie wieder arbeiten müssen.“
„Ich will kein Geld.“
„Sie wissen nicht, was Sie da verlangen.“
„Doch.“
Ich legte auf.
Sein Anwalt erschien noch am selben Vormittag im Jugendamt. Er trug einen glänzenden Mantel und roch nach Pfefferminz. Er behauptete, ich hätte Anja beeinflusst.
„Das Kind ist traumatisiert“, sagte er. „Ihre Aussagen sind nicht zuverlässig.“
Elena schob die Videoaufnahmen über den Tisch.
„Die Bilder stammen nicht von ihm.“
„Das beweist nicht, dass mein Mandant den Brand gelegt hat.“
Der Beamte legte die Bankaufstellung daneben.
Der Anwalt sah darauf, nahm sein Telefon und ging ans Fenster. Wir hörten nur einzelne Worte.
„Nein. Das ist nicht mehr zu verteidigen.“
Als er zurückkam, war sein Gesicht hart geworden.
„Ich lege das Mandat nieder“, sagte er.
„Sie können doch nicht—“, begann Viktor.
„Doch. Ich kann.“
Es war das erste Mal, dass ich sah, wie jemand Viktor den Rücken kehrte.
Am Nachmittag wurde Viktor vor seinem Haus festgenommen. Nicht auf dem Dorfplatz und nicht vor Kameras. Nur neben seinem Lieferwagen, während Regen auf das Blech trommelte.
Ich stand mit Anja am Fenster.
„Soll ich weggehen?“, fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf.
Viktor sah zu uns herauf. Sein Mund bewegte sich. Vielleicht fluchte er. Vielleicht bat er um Hilfe.
Dann spielte einer der Beamten die Aufnahme ab, auf der Viktor sagte: „Das Mädchen wird verschwinden.“
Viktor hörte seine eigene Stimme.
Er wurde kreidebleich.
„Das habe ich nicht so gemeint“, sagte er.
Niemand antwortete.
Später erfuhr ich, dass Pavel den Umschlag mit den Zahlungen kurz vor seinem Tod versteckt hatte. Er hatte vermutlich Angst bekommen. Vielleicht wollte er aussteigen. Vielleicht wollte er nur verhindern, dass Viktor ihn ebenfalls beseitigte. Ich werde es nie erfahren.
Einige Wochen später wurde der Brandfall neu aufgerollt. Viktor gestand schließlich, dass er den Auftrag gegeben hatte. Die Untersuchungen ergaben, dass Anjas Eltern noch lebten, als das Feuer gelegt wurde. Einer der Männer, die geholfen hatten, wurde ebenfalls verurteilt. Über meinen Bruder sprach ich lange mit niemandem.
Nicht, weil ich ihn entschuldigte.
Sondern weil ich nicht wusste, wie man gleichzeitig trauert und sich schämt.
Der schlimmste Moment kam nicht bei der Vernehmung.
Er kam an einem Dienstagmorgen, als ich Anjas altes Zimmer aufräumte.
Auf dem Bett lag ihr erster Rucksack. Der Stoff war an einer Seite eingerissen. Unter dem Tisch stand die Lampe mit dem grünen Schirm. Auf dem Fenstersims verwelkte die Geranie, obwohl Anja sie jeden Tag gegossen hatte.
Ich öffnete den Schrank.
Das Zimmer war leer.
Nicht, weil Anja fort war. Sie saß im Hof und malte.
Leer war nur der Teil in mir, der geglaubt hatte, sie müsse immer Angst haben.
Im Herbst begann Anja wieder zu sprechen. Zuerst einzelne Wörter.
„Wasser.“
„Brot.“
„Kalt.“
Jedes Wort war klein, aber für uns war es ein Schritt über einen Abgrund.
Drei Monate nach der Festnahme saßen wir auf der Veranda. Der erste Schnee fiel auf das Dach. Anja hielt eine Tasse Kakao in beiden Händen.
„Bist du traurig?“, fragte sie.
Ich sah zum Wald.
„Manchmal.“
„Wegen Pavel?“
„Ja.“
Sie dachte lange nach.
„Er war schlecht.“
Ich nickte.
„Aber du bist gut.“
Ich musste wegsehen, damit sie meine Tränen nicht bemerkte.
„Ich bin nicht immer gut“, sagte ich. „Ich bin nur geblieben.“
Anja legte ihre kleine Hand auf meine.
„Das reicht.“
Im Winter nahm ich wieder Aufträge an. Ich reparierte Stühle für das Gemeindehaus und baute eine niedrige Bücherbank für Anjas Schule. Jeden Abend legte sie ihre Buntstifte ordentlich in eine Blechdose. Auf dem Deckel klebte ein Bild von unserem Haus. Der Rauch aus dem Schornstein war darauf nicht schwarz, sondern golden.
Im Dorf redeten die Menschen weiter.
Rosa brachte uns manchmal Eier.
Die Verkäuferin entschuldigte sich für alte Bemerkungen.
Ich nahm die Entschuldigung an, aber ich vergaß nichts.
Anja ging wieder zur Schule. Nicht jeden Tag war es leicht. An manchen Morgen blieb sie vor dem Tor stehen und bekam keine Luft. Dann wartete ich neben ihr, ohne sie zu drängen.
„Du musst nicht stark sein“, sagte ich.
„Und du?“
„Ich auch nicht.“
Im Frühjahr kam ein Brief von Viktor aus der Haftanstalt. Er schrieb, er habe sich verändert. Er schrieb, er denke jeden Tag an Anja. Er schrieb, er wolle nur einmal mit mir sprechen.
Ich las den Brief am Küchentisch.
Anja malte neben mir einen roten Vogel.
„Was wirst du antworten?“, fragte sie.
„Nichts.“
„Warum?“
Ich faltete das Papier zusammen.
„Weil manche Türen geschlossen bleiben müssen, damit ein Kind schlafen kann.“
Ich verbrannte den Brief im Ofen. Das Papier wurde schwarz, rollte sich ein und verschwand zwischen den Holzscheiten.
Am Abend fand ich Anja auf der Veranda. Sie trug eine gelbe Strickmütze. An deren Rand hatte sie den Messingknopf mit dem Stern angenäht.
„Schau“, sagte sie. „Jetzt ist er sichtbar.“
Ich berührte den Knopf.
Jahrelang hatte er ein Geheimnis verborgen. Danach hatte er uns die Wahrheit gebracht. Nun hing er dort, wo jeder ihn sehen konnte, hell im letzten Licht des Tages.
„Gefällt er dir?“, fragte Anja.
„Sehr.“
Sie lehnte den Kopf an meinen Arm.
Unten im Dorf läutete die Glocke. Im Wald knackte ein Ast. Aus dem Schornstein stieg warmer Rauch in den ersten Schnee.
Anja nahm meine Hand.
„Papa?“
„Ja?“
„Bleibst du?“
Ich sah auf den kleinen Stern an ihrer Mütze.
„Immer.“
Und zum ersten Mal war die Stille kein leeres Haus mehr.
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