TEIL 4 — Ich spendete Blut für meinen angeblich verunglückten Freund, doch hinter der Kliniktür hörte ich plötzlich Gelächter und jemand erstarrte

TEIL 4

„Dann ist es noch nicht zu spät“, sagte ich.

Mein Vater antwortete sofort.

„Nein. Aber du musst heute handeln.“

Brendan hatte den Lautsprecher gehört. Er kam einen Schritt auf mich zu.

„Was hat dein Vater dir erzählt?“

„Dass du mein Stipendium stehlen wolltest.“

„Das ist lächerlich.“

„Dann öffne den Ordner.“

Scarlett hielt ihn noch immer fest. Ihre Finger waren so angespannt, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Mason hob die Kopie vom Boden auf. Er überflog die Seite und ließ sie wieder fallen.

„Brendan, wir sollten verschwinden.“

„Du hältst dich da heraus.“

„Ich habe deine Anweisungen unterschrieben.“

„Dann hast du ein Problem.“

„Nein“, sagte Nina. „Ihr habt beide ein Problem.“

Sie zog ein zweites Notizbuch aus ihrer Tasche. Dieses war dünner und an den Kanten mit rotem Klebeband verstärkt.

„Das erste Buch enthält die Racheakte. Das zweite enthält die Geldbewegungen.“

Scarlett starrte sie an.

„Woher hast du das?“

„Aus deinem Büro.“

„Du warst in meinem Büro?“

„Du hast mich dort arbeiten lassen, weil du dachtest, ich sei zu eingeschüchtert, um etwas zu bemerken.“

Nina schlug das Buch auf. Neben jedem Datum standen Beträge, Kontonummern und kurze Vermerke. Zahlungen an Mason. Zahlungen an eine Klinikangestellte. Zahlungen an eine Beratungsfirma, die den Antrag für mein Tanzstipendium verändert hatte.

Mein Magen zog sich zusammen.

„Ihr habt sogar meine Bewerbung gefälscht.“

Brendan presste die Lippen zusammen.

„Das sollte nur verhindern, dass du Erfolg hast, bevor die Sache beendet war.“

„Welche Sache?“

Er sah mich an, als wäre die Antwort selbstverständlich.

„Neunundneunzig Akte. Danach sollte Scarlett bekommen, was ihr zusteht.“

Scarlett fuhr herum.

„Du wolltest mich nicht nur zurückhaben.“

„Natürlich wollte ich dich zurück.“

„Nein. Du wolltest vor ihr beweisen, dass du sie vollständig zerstören kannst.“

Er packte ihren Arm.

„Du hast mich darum gebeten.“

Scarlett riss sich los. Das Glas, das sie aus der Wohnung mitgenommen hatte, fiel zu Boden und zerbrach auf dem Holzboden.

„Ich wollte, dass sie merkt, wie sich Verlust anfühlt“, sagte sie. „Aber du hast daraus ein Spiel gemacht.“

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„Du warst dabei.“

„Ja.“

Ihre Stimme war kaum noch hörbar.

„Und ich werde dafür bezahlen. Aber nicht, indem ich dich heirate oder dir dabei zusehe, wie du ihren Namen endgültig vernichtest.“

Brendan wandte sich wieder mir zu.

„Chloe, hör mir zu. Du weißt nicht, wie alles angefangen hat.“

„Doch. Du hast mir gerade die Kurzfassung gegeben.“

„Scarlett war alles, was ich wollte.“

„Und ich war was?“

Er antwortete nicht sofort. Hinter den blinden Spiegeln klapperte ein Heizungsrohr.

„Eine Herausforderung“, sagte er schließlich.

Das Wort war schlimmer als jede Lüge.

Ich nahm mein Handy heraus und öffnete eine Nachricht meines Vaters. Er hatte mir ein Dokument geschickt: eine unterschriebene Erklärung der Bank, dass die Übertragung meines Stipendiums gestoppt worden war. Dazu lag eine Kopie von Brendans Antrag.

Seine Unterschrift stand darunter.

Auch Scarletts.

„Du hast unterschrieben“, sagte ich zu ihr.

„Ja.“

„Warum hast du mir dann geholfen?“

Scarlett sah auf die Liste.

„Weil ich zu spät begriffen habe, dass ich nicht deinen Sieg zurückhaben wollte. Ich wollte, dass jemand anderes genauso leidet wie ich. Brendan hat mir gezeigt, wie leicht es ist, einen Menschen dafür zu benutzen.“

„Das macht dich nicht unschuldig.“

„Das weiß ich.“

Sie nahm den Ordner und legte ihn auf die Ballettstange.

„Aber ich kann verhindern, dass er noch mehr bekommt.“

Darin lagen nicht nur die Klinikpapiere. Es lagen auch die ursprünglichen Unterlagen meines Tanzstipendiums. Meine echte Bewerbung. Die Version, die mein Professor unterschrieben hatte. Ein Vertrag, der bewies, dass das Geld ausschließlich für mein eigenes Studio bestimmt war.

Scarlett hatte die Dokumente aufbewahrt.

„Warum?“, fragte ich.

„Weil ich irgendwann Angst bekam, dass Brendan nach mir dasselbe mit jemand anderem macht.“

„Du hättest früher sprechen können.“

„Ja.“

Sie sagte es ohne Ausrede.

Das war das Erste, was sie mir je gab, ohne etwas dafür zu verlangen.

Die nächsten Stunden waren kein dramatischer Kampf. Es gab kein lautes Geständnis vor einer Menge und keine schnelle Gerechtigkeit. Es gab Tabellen, Unterschriften, Anrufe und die müde Stimme meines Vaters, der jede einzelne Zahlung mit den Klinikunterlagen verglich.

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Petra kam am Nachmittag dazu. Sie legte eine schriftliche Erklärung auf den Tisch und zeigte, wie der Blutbeutel entsorgt worden war.

„Ich habe nichts über Ihr Blut behauptet, was nicht stimmt“, sagte sie. „Es wurde nicht verwendet. Es sollte nur beweisen, dass Sie alles tun würden, was Brendan verlangt.“

Ich sah auf meinen Arm. Der Bluterguss war dunkler geworden.

„Und wenn ich es nicht getan hätte?“

Petra senkte den Blick.

„Dann hätten sie sich etwas anderes ausgedacht.“

Mason setzte sich auf die Tribüne des Tanzsaals. Er wirkte plötzlich jünger als am Morgen.

„Ich habe bei den ersten Streichen mitgemacht“, sagte er. „Am Anfang dachte ich, es sei harmlos.“

„War es das je?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Brendan blieb stehen, bis die Unterlagen vollständig unterschrieben waren. Niemand bat ihn, sich zu setzen. Niemand musste ihn festhalten. Er schien zu begreifen, dass jedes weitere Wort nur eine neue Spur hinterlassen würde.

Als mein Vater eintraf, übergab er mir den Vertrag für das Tanzstudio.

„Die Wohnung in Tucson bleibt frei“, sagte er. „Aber du musst nicht mit uns gehen, wenn du nicht willst.“

Ich strich mit dem Daumen über die Kante des Papiers.

„Ich will nicht dorthin fliehen.“

„Dann flieh nicht.“

Brendan lachte bitter.

„Du glaubst, du kannst einfach weitermachen?“

Ich sah ihn an.

„Nein. Ich glaube, ich kann entscheiden, was ich mit dem mache, was übrig ist.“

„Du hast drei Jahre mit mir gelebt.“

„Und du hast drei Jahre lang darauf gewartet, dass ich mich selbst nicht mehr erkenne.“

Er trat näher.

„Ich habe dich geliebt.“

Scarlett schloss die Augen.

Ich antwortete ruhig:

„Du hast geliebt, dass ich geblieben bin.“

Das traf ihn sichtbar. Nicht wie eine Ohrfeige. Eher wie ein Spiegel, den jemand vor ihn stellte und nicht mehr wegnahm.

Die Klinik meldete den Vorgang an ihre interne Prüfungsstelle. Petra sagte gegen die Beteiligten aus. Mein Vater ließ die Übertragung des Stipendiums endgültig sperren. Mason übergab die Zahlungslisten und verschwand aus dem Tanzsaal, bevor es dunkel wurde.

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Scarlett unterschrieb eine Erklärung, in der sie ihre Rolle offenlegte. Danach stand sie lange vor dem alten Spiegel.

„Ich werde nicht um Vergebung bitten“, sagte sie.

„Gut.“

„Aber ich werde die Kosten für die Reparatur des Studios übernehmen.“

„Warum?“

„Weil ich den Raum beschädigt habe, bevor du ihn überhaupt betreten konntest.“

Ich wusste nicht, ob das Wiedergutmachung war. Vielleicht war es nur der erste Schritt dorthin.

Ich nahm den Vertrag, die echten Bewerbungsunterlagen und Ninas Notizbuch. Dann ging ich zur Mitte des Tanzbodens.

Dort lag noch ein Glassplitter von Scarletts zerbrochenem Becher.

Ich hob ihn nicht auf.

Ich bat Brendan, ihn zu entfernen.

Er sah mich an.

„Warum ich?“

„Weil du ihn fallen gelassen hast.“

Er kniete sich hin. Seine Finger zitterten, als er den Splitter mit einem Taschentuch aufhob.

Auf der Tribüne öffnete Nina das zweite Notizbuch und strich die letzte leere Seite glatt.

„Was machst du?“, fragte ich.

„Ich schreibe dazu, wie es endet.“

„Schreib nicht, dass alles gut geworden ist.“

„Das wäre gelogen.“

„Schreib, dass ich nicht mehr Teil ihrer Liste bin.“

Nina nahm den Stift.

Draußen wartete mein Vater mit den Schlüsseln für das neue Studio. Nicht als Rettung. Als Möglichkeit.

Ich legte den Wattebausch aus der Klinik auf die Ballettstange, direkt neben den Vertrag, und zog meine Tanzschuhe an.

Der violette Fleck an meinem Arm war noch sichtbar.

Er würde verschwinden.

Aber zuerst wollte ich tanzen — nicht für Brendan, nicht gegen Scarlett und nicht, um irgendjemandem etwas zu beweisen.

Ich setzte den ersten Schritt genau dort, wo der Glassplitter gelegen hatte.

Nina schrieb die letzte Zeile in das Buch:

„Akte siebenundneunzig: Chloe betritt den Saal allein — und niemand bestimmt mehr, wohin sie sich dreht.“

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TEIL 4 — Ich spendete Blut für meinen angeblich verunglückten Freund, doch hinter der Kliniktür hörte ich plötzlich Gelächter und jemand erstarrte
Он даже и значения этому не придал: почему мы игнорируем сигналы организма