TEIL 4 — Drei wohlhabende Familien wiesen mich im Sturm ab, doch eine arme Mutter öffnete ihre Tür – und jemand erstarrte

TEIL 4

…Der Wagen kam kurz vor Mittag.

Nicht Roman Wagen.

Er war größer, schwarz und so sauber, dass die Regentropfen wie Glasperlen über die Türen liefen. Ein Mann stieg aus, dessen grauer Mantel keinen einzigen Spritzer abbekommen hatte.

Roman sah ihn und wich zur Seite.

— Herr Baran, sagte er.

Oлена hielt Maxim und Vera hinter sich. Marta umklammerte den kleinen Schlüssel. Ich stand zwischen ihnen und der Tür.

— Sie hätten nicht kommen sollen, sagte Roman.

— Ich komme immer, wenn jemand meine Unterschrift benutzt, erwiderte der Mann.

Sein Name war Viktor Baran. Vorsitzender des Verwaltungsrats meines Guts.

Der Mann, der mir soeben eine gefälschte Vollmacht vorgelegt hatte.

— Sie haben ihn gerufen? fragte Oлена mich.

— Nein.

Viktor zog die Handschuhe aus.

— Roman hat mich gerufen. Er sagte, Andreas sei verschwunden und die Witwe verweigere die Herausgabe des Grundstücks.

— Sie wussten, dass ich lebe, sagte ich.

— Seit heute Morgen.

— Und trotzdem sind Sie gekommen.

— Weil Ihr Gut ohne Ihre Unterschrift nicht handlungsfähig ist.

Roman trat an ihn heran.

— Wir sollten nicht vor den Kindern sprechen.

— Sie haben vor den Kindern über Räumung gesprochen, sagte Oлена. Jetzt hören sie auch den Rest.

Viktor sah sie an. In seinem Gesicht lag keine Wärme, aber auch nicht die Sicherheit, mit der Roman bisher aufgetreten war.

— Roman hat behauptet, Ihr Vater habe einen Weg verkauft und Sie hätten die Rückzahlung verweigert.

— Mein Vater war tot, als die angebliche Vereinbarung unterschrieben wurde, sagte Oлена.

— Das habe ich inzwischen verstanden.

Roman fuhr herum.

— Was soll das heißen?

Viktor zog ein gefaltetes Blatt aus seiner Manteltasche.

— Der Verwaltungsrat hat die Unterlagen geprüft. Die Kontonummer, auf die Petro Melnyk angeblich das Geld erhalten hat, gehörte nie ihm. Sie gehörte einer Stiftung, die vor neun Jahren aufgelöst wurde.

Roman wurde blass.

— Das können Sie nicht beweisen.

— Doch, sagte Viktor. Ich habe die Bankunterlagen selbst angefordert.

Ich spürte, wie sich meine Finger um die Kante des Tisches schlossen. Das Holz war rau. Kleine Splitter drangen in meine Haut.

— Warum haben Sie Roman vertraut? fragte ich.

Viktor sah mich an.

— Weil er mir sagte, Sie würden das Gut verkaufen.

— Und wenn ich das getan hätte?

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— Dann wäre der Flussweg an eine Gesellschaft gegangen, die ihn mit dem nördlichen Steinbruch verbinden wollte.

Oлена erstarrte.

— Der Steinbruch liegt oberhalb unserer Quelle.

— Genau, sagte ich. Wenn der Weg verschwindet, können die Lastwagen direkt an den Hang.

Marta trat vor.

— Petro hat sich geweigert, weil er wusste, was das bedeutet.

Roman hob beide Hände.

— Das ist Unsinn. Der Mann wollte nur verhindern, dass das Tal Arbeit bekommt.

— Nein, sagte ich. Er wollte verhindern, dass Kinder aus diesem Tal eines Tages Wasser aus einer Leitung trinken, die nach Öl riecht.

Maxim sah zu mir auf.

— Ist das unser Bach?

— Ja.

Roman stieß einen kurzen, harten Atemzug aus.

— Sie haben keine Ahnung, was Sie tun. Das Gut braucht den Verkauf. Schulden, Löhne, Maschinen. Viktor und ich haben versucht, das Land zu retten.

— Ihr Plan war, eine Witwe aus ihrem Haus zu drängen.

— Ihr Haus ist ein Hindernis.

Die Worte fielen in die Küche wie ein umgestürzter Eimer.

Oлена hob langsam den Kopf.

— Sie haben es gerade selbst gesagt.

Roman sah sie an. Dann zu Marta. Dann zu Viktor.

— Ich meinte den Weg.

— Sie meinten mein Haus, sagte Oлена.

Viktor legte den gefälschten Vollmachtsbogen auf den Tisch.

— Roman, wer hat die Unterschrift gesetzt?

— Andreas.

— Andreas war in jener Nacht nachweislich im Nordtal.

— Das können Sie nicht wissen.

— Ich weiß es, weil ich ihn selbst dorthin geschickt habe.

Roman blieb stehen, den Mund halb geöffnet.

Viktor fuhr fort:

— Und ich weiß, dass Sie am dritten Oktober im Archiv waren. Die Wärterin hat Ihr Fahrzeug erkannt. Sie hat heute Morgen ausgesagt.

Marta schloss die Finger um den Schlüssel.

— Sie hat nur Angst gehabt.

— Sie hat lange Angst gehabt, sagte ich. Aber heute hat sie die Quittung für die Schließfachgebühr übergeben.

Ich legte sie neben die beiden falschen Schuldpapiere.

Darauf standen Romans Name, die Uhrzeit und die Nummer des Faches, das er im Archiv benutzt hatte.

Er starrte auf die Quittung.

— Petro hat die Unterlagen dort hinterlegt, bevor er starb, sagte Marta. Er wusste, dass Sie nach seinem Tod kommen würden.

Oлена griff nach dem Schlüssel.

— Wir fahren jetzt zum Schließfach.

Roman stellte sich vor die Tür.

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— Niemand fährt irgendwohin.

Viktor packte ihn am Arm.

— Gehen Sie zur Seite.

— Sie verstehen nicht. Wenn dieser Vertrag auftaucht, ist alles vorbei.

— Für wen? fragte ich.

Roman blickte mich an. Seine Wut riss für einen Moment auf, und darunter erschien etwas Erschöpftes.

— Für mich. Für alle, die in diesem Tal arbeiten. Der Steinbruch hätte Arbeitsplätze gebracht.

— Und was hat Petro bekommen?

— Er hätte verkaufen können.

— Er wollte nicht.

— Weil er stur war!

Marta ging zum Tisch und nahm das kleine Kassenbuch.

— Nein. Weil er wusste, dass Ihre Firma bereits drei Brunnen im Nachbardorf verschmutzt hatte.

Viktor wandte den Kopf.

— Welche Firma?

Roman schwieg.

Das war die Antwort.

Eine Stunde später standen wir im Keller der alten Sparkasse. Das Schließfach klemmte, weil der Schlüssel verrostet war. Der Angestellte musste zweimal mit Öl nachhelfen. Dabei roch der Raum nach Metall und feuchtem Stein.

Im Fach lag kein Geld.

Dort lag ein notariell beglaubigter Vertrag. Petro hatte den Flussweg nicht verkauft. Er hatte ihn einer gemeinschaftlichen Wassergenossenschaft überschrieben, solange die Familien des Tals dort lebten.

Der Vertrag machte den Weg unverkäuflich.

Und darunter lag ein Brief an mich.

Andreas,

wenn du das liest, habe ich mich geirrt, wenn ich glaubte, dass dein Name allein genügt. Du hast immer gedacht, Land müsse geschützt werden, indem man es besitzt. Vielleicht wird es aber erst geschützt, wenn die Menschen, die darauf leben, mitentscheiden dürfen.

Ich legte den Brief langsam zusammen.

Oлена stand neben mir.

— Ihr Vater kannte Sie gut.

— Nicht gut genug, sagte ich.

— Er wusste offenbar, dass Sie lernen mussten.

Am Abend kehrten wir in ihr Haus zurück. Roman wartete nicht mehr dort. Viktor hatte die Räumung zurückgenommen und sämtliche Verkaufsunterlagen gesperrt. Nicht aus Güte. Er hatte verstanden, dass der Vertrag den gesamten Plan unmöglich machte und jeder weitere Schritt das Gut selbst gefährdete.

Roman bekam nichts von dem, was er wollte.

Nicht den Flussweg.

Nicht das Gut.

Nicht einmal Viktors Vertrauen.

Er musste die gefälschten Unterlagen offenlegen, damit die Genossenschaft den Verkauf stoppen konnte. Dafür verlor er seine Stellung und seinen Anteil an der Gesellschaft. Ich sorgte dafür, dass die Arbeiter ihre Löhne erhielten, aber ich ließ Romans Namen aus keiner Liste streichen. Er sollte arbeiten, um die Kosten der beschädigten Wasserleitungen zu bezahlen.

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Oлена nahm das nicht als Geschenk an.

— Ich brauche keine Almosen, sagte sie.

— Es ist kein Almosen. Ihr Vater hat den Weg für die Genossenschaft gesichert. Sie haben Anspruch auf Ihren Anteil.

— Und Sie?

— Ich werde meinen Anteil ebenfalls einbringen.

Sie sah mich lange an.

— Weil Sie uns in einer Nacht aufgenommen haben?

— Nein. Weil Sie mir gezeigt haben, wem dieses Land eigentlich gehört.

Maxim kam mit einer kleinen Holzschale aus dem Stall. Darin lag Ladas alter Kupferzaumring, den er im Stroh gefunden hatte.

— Mama, darf Andreas morgen wieder den Zaun reparieren?

Oлена sah zu mir.

— Nur wenn er diesmal nicht behauptet, er könne bezahlen.

Ich musste lachen. Es tat an der Stirn weh.

— Dann bringe ich Werkzeug mit.

— Und Brot, sagte Vera.

Oлена blickte zu dem leeren Regal, auf dem am Vorabend ihr letzter Laib gelegen hatte. Dann nahm sie das Kassenbuch ihres Vaters und legte es daneben.

— Brot können wir teilen, sagte sie. Aber die Rechnung führt diesmal jemand anders.

Am nächsten Morgen fuhr ich nicht zum Gut zurück. Ich ging mit Maxim zum Flussweg, während Oлена und Marta die Unterlagen für die Genossenschaft ordneten. Der Regen hatte den Schlamm fortgespült. Zwischen den Steinen lief klares Wasser über den Vertrag, den Petro vor seinem Tod gerettet hatte.

Maxim hielt den Kupferring in der Hand.

— Andreas?

— Ja?

— Wenn wieder jemand anklopft, machen wir dann auf?

Ich sah auf den schmalen Weg, auf dem mein ganzes altes Leben beinahe an einer gefälschten Unterschrift zerbrochen wäre.

— Wir fragen zuerst, wer er ist, sagte ich.

Maxim nickte ernst.

— Und wenn er keinen Namen hat?

Ich nahm den Kupferring aus seiner Hand und befestigte ihn an Ladas Zaumzeug. Das Metall klirrte leise, als die Stute den Kopf hob.

— Dann geben wir ihm wenigstens eine Schüssel Suppe.

Hinter uns rief Oлена:

— Andreas! Der Zaun wartet!

Ich drehte mich um. In ihrer Hand lag kein Vertrag, keine Forderung und kein Messer.

Nur ein Stück Brot, in vier gleiche Teile geschnitten.

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