TEIL 4
— Was steht in dieser Akte? fragte ich.
Helene antwortete nicht sofort.
Sie ging nicht zur Garagentür. Sie ging zum Tisch, nahm die Scherben der weißen Schüssel nicht auf und legte stattdessen die Hand auf die Mappe.
— In der Akte steht, dass Sie vor drei Monaten wegen einer möglichen Herzerkrankung vorgestellt wurden.
Ich hörte nur das leise Ticken der Küchenuhr.
— Ich war nie dort.
— Das weiß ich. Aber ein Arzt hat Ihre Blutwerte untersucht. Unter Ihrem Namen.
Andreas presste die Lippen zusammen.
— Das war keine Untersuchung für sie.
— Für wen dann? fragte ich.
Er sah mich an.
Und plötzlich begriff ich, dass die Angst in seinem Gesicht nicht nur mit dem Geld zu tun hatte.
— Andreas, für wen?
Er setzte sich auf den Stuhl. Die Scherben lagen zwischen seinen Schuhen wie weiße Zähne.
— Für mich, sagte er.
Helene nickte knapp.
— Andreas hat eine schwere Herzmuskelerkrankung. Er braucht eine Transplantation. Das Zentrum hat ihm gesagt, dass seine Chancen gering sind, wenn er nicht nachweist, dass eine nahe Angehörige als mögliche Spenderin geeignet ist.
Ich starrte ihn an.
— Du hast meine Untersuchungen durchführen lassen.
— Nur Blutproben.
— Ohne mein Wissen.
— Ich wollte wissen, ob du infrage kommst.
Meine Knie wurden weich. Ich stützte mich an der Tischkante ab. Das Holz war an einer Stelle eingeritzt, eine alte Spur von einem Umzug, den wir gemeinsam geplant hatten.
— Und wenn ich geeignet gewesen wäre?
Andreas schluckte.
— Dann hätte ich mit dir gesprochen.
Helene sah ihn an, als hätte er gerade etwas Unanständiges getan.
— Nein. Sie hätten Frau Keller erst abhängig gemacht und dann eine Betreuung beantragt. Damit hätten Sie jede medizinische Entscheidung beeinflussen können.
— Ich wollte nicht, dass sie stirbt, sagte Andreas.
— Du hast jeden Abend darauf gewartet, dass ich die Luft anhalte, erwiderte ich.
Er hob den Kopf.
— Ich hatte solche Angst.
— Angst macht keinen gefälschten Antrag. Angst überweist kein Erbe auf ein Firmenkonto.
Das traf ihn. Seine Schultern sanken.
— Die Firma war überschuldet. Ich hatte Kredite aufgenommen, bevor ich krank wurde. Als die Bank die Rückzahlung verlangte, wusste ich, dass alles zusammenbricht.
— Und du dachtest, mein Geld würde dich retten.
— Ich dachte, wir könnten beide gerettet werden.
— Du hast nicht gefragt, ob ich bereit bin.
— Du hättest Nein gesagt.
— Ja.
Dieses eine Wort lag schwerer auf dem Tisch als alle Dokumente.
Helene zog einen weiteren Umschlag aus ihrer Mappe. Er war cremefarben und an der Ecke geknickt, als hätte jemand ihn zu lange in einer Manteltasche getragen.
— Das ist nicht aus dem Zentrum, sagte sie. Es kam heute an meine private Adresse.
— Von wem? fragte ich.
— Von einer ehemaligen Mitarbeiterin der Betreuungsstelle.
Sie reichte mir den Umschlag.
Darin lag eine Kopie eines Formulars, das Andreas vor sechs Wochen eingereicht hatte. Doch auf der letzten Seite befand sich eine handschriftliche Notiz.
„Die Patientin wurde nie persönlich gesehen. Der Ehemann bestand darauf, dass alle Gespräche über ihn laufen.“
Darunter stand der Name der Sachbearbeiterin: Sabine Riedel.
— Sie war es, die mich angerufen hat, sagte Helene. Sie wollte nicht länger schweigen. Sie hatte den Verdacht, dass Ihre Unterschrift gefälscht worden war, konnte aber zunächst nichts beweisen.
Ich sah zu Andreas.
— Du wusstest, dass sie dich beobachtet.
— Ich wusste es nicht.
— Deshalb hast du die Vorhänge geschlossen.
Er antwortete nicht.
— Warum genau um 19:14 Uhr? fragte ich.
Sein Blick fiel auf die Küchenuhr.
— Um diese Uhrzeit kam früher der Pflegedienst zu meinem Vater. Er nahm seine Medikamente nicht, wenn jemand ihn beobachtete. Ich habe mir eingeredet, eine feste Zeit würde alles kontrollierbar machen.
Ich musste bitter lachen.
— Du hast mich mit deinem Vater verwechselt.
— Nein. Ich habe dich mit einer Lösung verwechselt.
In diesem Moment vibrierte Helenes Telefon.
Sie nahm ab, hörte einige Sekunden zu und reichte es mir dann.
— Frau Keller? Die Stimme am anderen Ende war weiblich. Mein Name ist Sabine Riedel. Ich habe die Unterlagen gesehen. Ihr Mann hat heute Morgen erneut versucht, eine Vollmacht einzureichen. Diesmal mit einem Datum für morgen.
— Was soll morgen passieren?
— Eine Untersuchung im Zentrum. Sie sollten dort Ihre Zustimmung zu einer möglichen Organentnahme unterschreiben.
Mir blieb der Atem weg.
Andreas stand auf.
— Das war nur eine medizinische Beratung.
— Mit einer vorbereiteten Zustimmung? fragte ich.
Er sah zu Helene.
— Sie verstehen das nicht.
— Doch, sagte ich. Jetzt verstehe ich alles.
Sabine erklärte mir, dass die Bank die Auszahlung blockiert hatte. Die Betreuungsstelle würde den Antrag prüfen. Das Zentrum durfte ohne meine eigene, freiwillige Zustimmung keine Untersuchung und schon gar keinen Eingriff durchführen. Helene hatte außerdem die restliche Suppe versiegelt und die Laborergebnisse weitergeleitet.
Es war kein dramatischer Sieg. Niemand schlug eine Tür ein. Niemand rief einen Richter herbei.
Aber jede kleine Möglichkeit, die Andreas geschaffen hatte, wurde ihm aus der Hand genommen.
Er durfte die Wohnung nicht mehr allein betreten, bis die Unterlagen geprüft waren. Nicht, weil ich ihn bestrafen wollte, sondern weil ich nicht wusste, ob er aus Angst noch eine Grenze überschreiten würde.
Am nächsten Morgen traf ich Klara vor dem medizinischen Zentrum.
Sie trug einen roten Wollschal und hielt zwei Pappbecher Kaffee in den Händen. Als sie mich sah, stellte sie einen Becher auf die Mauer.
— Du hast mich angerufen, sagte sie.
— Helene hat mir deine Nummer gegeben.
Klara sah auf meine Finger.
— Du zitterst.
— Ich habe jeden Abend etwas getrunken, das mich krank gemacht hat.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Trotzdem ging sie nicht sofort auf mich zu.
— Warum hast du mir nicht geglaubt, als ich dich gewarnt habe?
— Weil Andreas mir sagte, du wolltest nur an das Geld.
— Ich wollte, dass du zu mir kommst.
— Ich weiß.
Das war die schwerste Wahrheit von allen. Nicht, dass Andreas mich betrogen hatte. Sondern dass ich eine Schwester verloren hatte, weil ich ihm geglaubt hatte.
Im Untersuchungszimmer nahm ein Arzt später meine Blutwerte ab. Er erklärte jeden einzelnen Schritt, bevor er mich berührte. Ich musste bei der ersten Frage weinen.
Nicht wegen der Nadel.
Wegen der einfachen Frage.
— Sind Sie mit dieser Untersuchung einverstanden?
Ich antwortete:
— Ja. Weil ich gefragt wurde.
Andreas wartete draußen in einem kleinen Raum. Er hatte seine Hände auf die Knie gelegt. Neben ihm stand eine Tasche mit seinen Medikamenten.
Als ich herauskam, hob er den Kopf.
— Mara.
Ich blieb stehen.
— Was?
— Ich werde alles zurückgeben, was ich genommen habe.
— Das Geld ist blockiert.
— Dann werde ich die Firma verkaufen.
— Die Firma gehört dir. Deine Schulden gehören dir auch.
Er nickte.
— Ich weiß.
— Und die Wohnung?
— Ich ziehe aus.
Ich hatte erwartet, dass mich das erleichtern würde. Stattdessen fühlte ich nur eine tiefe, erschöpfte Leere.
— Du brauchst eine Behandlung, sagte ich.
— Ja.
— Eine echte. Mit Ärzten, die du nicht belügst, und Menschen, deren Namen du nicht fälschst.
Sein Gesicht verzog sich.
— Wirst du mich besuchen?
Ich sah auf seine Tasche. Aus der Seitentasche ragte ein zerknitterter Zettel mit den Einnahmezeiten seiner Herztabletten.
— Ich weiß es nicht.
Er nickte wieder.
Diesmal verlangte er keine Antwort.
Drei Tage später brachte mir Helene die Laborrechnung. Sie legte sie auf meinen Küchentisch, neben das gelbe Maßband aus der Nähkiste.
— Sie haben mir geholfen, sagte ich.
— Ich habe zu spät verstanden, was passiert.
— Aber Sie haben nicht zu spät gehandelt.
Sie strich über den ausgefransten Rand des Maßbands.
— Bewahren Sie es auf.
— Warum?
— Weil es Sie daran erinnert, dass die kleinsten Dinge manchmal genau dort bleiben, wo jemand sie nicht erwartet.
Ich wusste nicht, ob ich je wieder eine Suppe aus einer weißen Schüssel essen würde. Wahrscheinlich nicht. Einige Gegenstände verloren ihre Unschuld, sobald man wusste, was an ihnen haftete.
Am folgenden Abend stellte ich keine Schüssel auf den Tisch.
Ich legte stattdessen die Laborrechnung, den gefälschten Antrag und die Kopie der Vollmacht nebeneinander. Klara saß mir gegenüber. Nicht Andreas.
Die Vorhänge blieben offen.
Um 19:14 Uhr fiel das letzte Licht auf die drei Unterschriften, und Klara schob mir den Kaffee hin.
— Trink, sagte sie. Diesmal weißt du, was darin ist.
Ich nahm den Becher und sah auf die Straße, wo die Stadt mein Wohnzimmer wiederfand.
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