Ich entließ jede Pflegekraft nach drei Tagen – doch als die neue Dienstmagd vor meinem Rollstuhl kniete, wurde mein Leibwächter kreidebleich

Am Abend, an dem Fay Willis meine geladene Pistole vom Boden hob, lag ich halb unter meinem Rollstuhl und konnte nicht einmal nach ihr greifen.

Sechs Monate zuvor hatte niemand gewagt, mir den Rücken zuzudrehen. Jetzt stand eine mittellose Dienstmagd in meinem Zimmer, während meine rechte Hand zitterte und mein Bein sich unter der Decke verkrampfte.

„Legen Sie sie auf den Tisch“, sagte ich.

Fay blieb an der Tür stehen. Regen tropfte von ihrem Mantel auf den Marmorboden. Ihre billigen Stiefel hinterließen dunkle Halbmonde.

„Sie liegt näher bei mir.“

„Das war keine Bitte.“

„Das merke ich.“

Sie ging nicht zur Pistole. Stattdessen stellte sie die Teetasse auf das Silbertablett und sah mich an, als wäre ich ein schwieriger Kunde und kein Mann, dessen Name an jedem Hafen der Stadt geflüstert wurde.

Früher hatte ich dafür gesorgt, dass Männer beim Klang meiner Stimme ihre Telefone ausschalteten. Nun brauchte ich drei Anläufe, um meinen Rollstuhl vom Fenster wegzudrehen.

„Raus“, sagte ich.

„Ihre Suppe wird kalt.“

„Dann lassen Sie sie kalt werden.“

„Das werde ich nicht.“

Sie nahm die Pistole, prüfte sie mit ruhigen Fingern und legte sie auf den Tisch neben meinem Bett. Nicht auf die andere Seite. Genau dorthin, wo ich sie erreichen konnte.

Das war keine Dummheit. Es war etwas Schlimmeres.

Sie hatte keine Angst.

Im Flur wartete Mrs. Gable, die seit zwanzig Jahren mein Haus führte. Neben ihr standen Carmine, mein Sicherheitschef, und zwei Männer mit Händen unter ihren Jacken.

„Niemand bleibt länger als drei Tage“, sagte Mrs. Gable zu Fay.

Fay wischte sich den Regen aus dem Gesicht.

„Dann bin ich eben am vierten Tag noch hier.“

Carmine lachte leise. Der silberne Zahn in seinem Mund blitzte.

„Das haben viele gesagt.“

„Dann haben viele zu früh aufgegeben.“

Am nächsten Morgen schob sie mir Haferbrei hin. Ich warf das Tablett gegen die Wand. Der Teller zerbrach neben ihrem Fuß.

„Sie sollten sich fürchten“, sagte ich.

Fay kniete sich hin und sammelte die Scherben ein.

„Vor Haferbrei?“

„Vor mir.“

„Sie sind nicht der Einzige, der schon alles verloren hat.“

Ich fuhr mit dem Rollstuhl näher an sie heran.

„Was haben Sie verloren?“

Sie hielt eine Scherbe zwischen zwei Fingern. Darauf zitterte das Licht des Kamins.

„Mein Zimmer. Meine Arbeit. Und meinen Bruder.“

„Ihr Bruder ist tot?“

„Das hat man mir gesagt.“

Bevor ich antworten konnte, schoss ein brennender Schmerz durch mein rechtes Bein. Der Muskel zog sich zusammen, als wollte er den Knochen zerbrechen. Ich griff nach der Armlehne.

Fay war sofort bei mir.

„Atmen Sie.“

„Fassen Sie mich nicht an!“

„Dann kämpfen Sie eben allein.“

Sie kniete vor meinem Rollstuhl und legte beide Hände gegen meinen Oberschenkel. Ihre Finger waren rau, kalt und erstaunlich sicher.

„Einatmen.“

Ich wollte sie anschreien. Stattdessen gehorchte ich.

Dreißig Sekunden später ließ der Schmerz nach. Schweiß lief mir über die Schläfe. Fay stand auf, nahm ein Tuch und wischte damit die Kaffeeflecken vom Teppich.

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Im Türrahmen standen Mrs. Gable und Carmine. Keiner sagte etwas.

„Warum behandeln Sie mich nicht wie die anderen?“, fragte ich.

Fay sah auf den kleinen Messingschlüssel an ihrem Hals. Er hing an einem roten Band und klapperte bei jeder Bewegung.

„Weil ich nicht wegen Ihrer Angst hier bin.“

„Weswegen dann?“

Sie wollte antworten, als unten im Haus eine Tür zuschlug. Carmine verschwand sofort im Flur. Einen Augenblick später hörte ich seine gedämpfte Stimme.

„Sie darf nicht länger in diesem Zimmer bleiben.“

Fay wurde blass.

„Wer darf nicht bleiben?“, fragte ich.

Niemand antwortete.

Dann kam Carmine zurück, hielt eine schwarze Mappe in der Hand und stellte sie vor mich auf den Tisch.

„Bevor Sie weitere Fragen stellen“, sagte er, „sollten Sie wissen, was diese Frau wirklich sucht.“

Fay machte einen Schritt nach vorn und streckte die Hand nach der Mappe aus…

TEIL 2

Fays Hand war kaum einen Fingerbreit von der schwarzen Mappe entfernt, als Carmine sie am Handgelenk packte.

„Nicht anfassen“, sagte er.

Fay sah zuerst auf seine Finger und dann in sein Gesicht.

„Nehmen Sie Ihre Hand weg.“

Carmine lächelte. „Sie haben offenbar noch nicht verstanden, in welchem Haus Sie arbeiten.“

Ich rollte näher an den Tisch. Die Reifen knirschten über einen Salzkristall, den jemand vom Kamin gestreut hatte.

„Lass sie los.“

Carmine drehte den Kopf zu mir. „Dominic, du bist heute gereizt.“

„Ich sagte, lass sie los.“

Seine Finger blieben noch einen Moment an Fays Arm. Dann gab er nach. Auf ihrer Haut zeichneten sich rote Abdrücke ab.

Fay rieb sich das Handgelenk.

„Diese Mappe gehört nicht ihm“, sagte sie.

„Woher wissen Sie das?“, fragte ich.

„Weil mein Bruder dieselbe gesehen hat.“

Carmine trat einen Schritt zurück. Nur einen. Aber ich sah ihn.

Die Mappe lag zwischen uns wie ein geschlossener Mund. Auf dem Deckel klebte ein schmaler Streifen grünes Wachspapier. Darauf stand in meiner eigenen Handschrift ein Datum: der Abend des Anschlags.

Ich hatte dieses Datum seit sechs Monaten vermieden. Carmine hatte mir gesagt, der Angreifer sei tot und die Sache erledigt.

„Woher kommt sie?“, fragte ich.

„Aus dem Archiv“, sagte Carmine.

„Mein Archiv befindet sich im Westflügel. Der ist abgeschlossen.“

„Dann hat jemand den Schlüssel gestohlen.“

Fay berührte den kleinen Messingschlüssel an ihrem Hals.

„Vielleicht nicht.“

Mrs. Gable wurde hinter ihr kreidebleich.

„Fay“, sagte sie leise, „geben Sie ihm, was Sie mitgebracht haben.“

Fay zog einen zerknitterten Brief aus der Innentasche ihres Kleides. Das Papier war an den Rändern aufgeweicht. Auf der Vorderseite stand nur ein Name: Corso.

Meine Finger krampften sich um die Reifen meines Rollstuhls.

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„Von wem ist der?“

„Von Elias Willis.“

Der Name traf mich härter als jede Kugel.

Elias war mein Fahrer gewesen. Er hatte in der Nacht des Anschlags am Steuer gesessen. Carmine hatte behauptet, Elias habe uns verkauft. Eine halbe Stunde später war sein Wagen ausgebrannt in einem Kanal gefunden worden.

„Ihr Bruder hat mich verraten“, sagte ich.

„Das behauptet Ihre rechte Hand.“

„Ich habe die Leiche gesehen.“

„Nein“, sagte Fay. „Sie haben gesehen, was man Ihnen zeigen wollte.“

Carmine ging zur Wand und nahm den schweren Schürhaken aus der Halterung.

„Genug von diesem Unsinn.“

Ich bewegte den Rollstuhl zwischen ihn und Fay.

„Du fasst sie nicht an.“

„Du kannst dich kaum selbst schützen.“

„Aber ich kann noch entscheiden, wer in meinem Haus spricht.“

Sein Blick wanderte zu meinen Beinen, dann zu meinen Händen. Das war der Blick eines Mannes, der bereits übernahm, was ihm noch nicht gehörte.

Fay öffnete den Brief. Ihre Stimme zitterte nicht.

„Elias schrieb, dass der Anschlag aus dem Haus befohlen wurde. Er schrieb, dass er eine Liste gefunden hatte. Namen, Zahlungen, Treffpunkte.“

„Wo ist diese Liste?“, fragte ich.

„Das wollte ich von Ihnen wissen.“

Carmine ließ den Schürhaken fallen. Das Eisen schlug auf den Steinboden.

Mrs. Gable ging zum Fenster und zog den Vorhang zu. Draußen standen zwei Wagen im Regen.

„Wir sind nicht allein“, sagte sie.

„Wer ist draußen?“, fragte ich.

Sie drehte sich um.

„Männer, die nicht zu uns gehören.“

In diesem Moment vibrierte Fays Taschenuhr. Sie hatte keine Uhr erwähnt, doch aus ihrem Kleid drang ein dünnes, regelmäßiges Ticken. Sie zog ein kleines Messinggehäuse hervor und drückte den Deckel auf.

Darin lag ein zusammengefalteter Zettel.

Fay las die erste Zeile. Dann wich die Farbe aus ihrem Gesicht.

„Was steht dort?“, fragte ich.

Sie hob den Blick.

„Elias ist nicht in dem Kanal gestorben.“

Hinter uns drehte sich der Türgriff langsam nach unten…

TEIL 3

Der Türgriff bewegte sich weiter, und Carmine griff nach seiner Waffe.

„Nicht schießen“, sagte ich.

„Wenn es die Männer draußen sind—“

„Habe ich gesagt: nicht schießen.“

Die Tür öffnete sich einen Spalt. Mrs. Gable stand dahinter und hielt einen kleinen Mann am Kragen. Sein Gesicht war vom Regen glänzend, an seinem linken Ohr fehlte ein Stück.

„Er war im Dienstbotengang“, sagte sie. „Er wollte zur Hintertreppe.“

Der Mann sank auf die Knie.

Fay starrte ihn an.

„Herr Bell?“

Er hob beide Hände. „Ich wollte nur den Brief holen.“

„Sie kennen ihn?“, fragte ich.

„Er war Elias’ Mechaniker.“

Carmine zog die Waffe. Ich stieß meinen Rollstuhl gegen seinen Fuß. Der Lauf zuckte zur Seite, und der Schuss fuhr in die Decke. Putz regnete auf meinen Schoß.

„Mrs. Gable!“, rief ich.

Sie schlug Carmine den Schürhaken gegen das Handgelenk. Die Waffe rutschte über den Boden.

Herr Bell kroch zu Fay. Aus seinem Mantel zog er ein flaches Paket, eingewickelt in ölverschmiertes Tuch.

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„Elias lebt“, keuchte er. „Er versteckt sich seit dem Anschlag in der alten Fährwerkstatt. Er hat auf Ihre Antwort gewartet.“

Ich spürte nichts mehr in meinen Beinen, aber mein ganzer Körper bebte.

„Warum hat er sich nicht gemeldet?“

Herr Bell sah zu Carmine.

„Weil dieser Mann ihn finden ließ. Zweimal.“

Carmine lachte heiser. „Ein sterbender Fahrer und ein verängstigter Mechaniker. Das ist also dein Beweis?“

Fay wickelte das Paket aus. Zum Vorschein kam ein schwarzes Kontobuch mit einem eingerissenen Rücken. Zwischen den Seiten steckten Quittungen, die auf meinen Namen ausgestellt waren.

Ich erkannte die Unterschriften sofort.

Nicht meine.

Carmines.

„Die Zahlungen an die Männer, die den Anschlag vorbereitet haben“, sagte Herr Bell. „Elias nahm das Buch aus dem Handschuhfach, bevor man den Wagen anzündete.“

Carmine starrte auf die Seiten.

„Du hast keine Ahnung, was dort steht.“

„Dann erklär es“, sagte ich.

„Es waren Schutzgelder.“

„Mit dem Vermerk für meinen Tod?“

Er schwieg.

Fay zog eine einzelne Quittung heraus. Unter dem Betrag stand: Eigentümer nach dem Ausfall übernehmen.

Meine Hände wurden kalt.

Carmine hatte nicht nur meinen Tod geplant. Er hatte darauf gerechnet, dass ich lebend, aber gebrochen blieb. Ein Mann im Rollstuhl war leichter zu beherrschen als ein Toter, solange alle glaubten, er sei noch gefährlich.

„Du wolltest meine Häfen“, sagte ich.

„Ich wollte verhindern, dass deine Feinde sie nehmen.“

„Du hast mich angeschossen.“

„Ich habe dich am Leben gelassen.“

Fay trat vor. „Und meinen Bruder?“

Carmine sah sie an.

„Elias hätte schweigen sollen.“

Im Raum wurde es so still, dass ich das Ticken ihrer kleinen Taschenuhr hörte.

Mrs. Gable legte eine Hand auf den Tisch.

„Ich habe die zweite Unterschrift“, sagte sie.

Carmine fuhr herum. „Welche zweite Unterschrift?“

„Die unter dem Befehl, Elias zu beseitigen. Sie stammt nicht von Ihnen.“

Sie holte ein gefaltetes Blatt aus ihrem Kleid und legte es neben das Kontobuch.

„Sie stammt von Ihrem Bruder Matteo.“

Carmine wurde bleich.

In diesem Augenblick klingelte das Telefon im Flur. Es war die direkte Leitung zum Hafen. Niemand rührte sich.

Dann nahm Mrs. Gable ab.

Sie hörte zu. Ihr Gesicht veränderte sich.

„Dominic“, sagte sie, „Elias ist nicht der Einzige, der heute Nacht zurückkommt. Matteo steht am Nordkai und verlangt nach dir. Und er hat jemanden bei sich, den du seit sechs Monaten für tot hältst…

DAS FINALE

Am Nordkai wartete jemand, den alle tot glaubten…

Ich dachte, die Wahrheit würde mich nur zu meinem Feind führen. Doch sie zeigte mir auch, wem ich mein Leben verdankte.

Fay sah auf meinen Fuß und flüsterte:
„Da.“
Unter der Decke bewegte sich mein großer Zeh.

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Обретение гармонии в одиночестве: уроки мудрости от Пауло Коэльо