TEIL 4 — Ich erkannte den falschen Faden in der Wunde des gefürchteten Geschäftsmanns, doch als ich ihn berührte, wurde sein Stellvertreter kreidebleich

TEIL 4

In diesem Augenblick begriff ich, dass die schwarze Naht nicht dort begonnen hatte, wo Gawriil angeschossen worden war.

– Welchen Namen? fragte ich.

Vera sah mich an, als müsse sie entscheiden, ob sie eine Tür öffnete, hinter der sie selbst begraben werden würde.

– Deine Mutter, sagte sie.

Der Raum schien sich zu neigen.

– Meine Mutter ist tot.

– Das weiß ich.

– Dann erklären Sie mir, was sie damit zu tun hat.

Vera legte die Hand auf die Tasche. Ihre Finger zitterten.

– Vor neun Jahren hat sie für Arturs Firmen Sicherheitsgurte und Abdeckungen repariert. Sie bemerkte, dass in einigen Lieferungen gefälschte Prüfsiegel eingenäht waren. Sie wollte damit zur Staatsanwaltschaft gehen.

Maxim starrte sie an.

– Artur hat sie bedroht?

– Er hat ihr Geld angeboten. Sie lehnte ab.

Ich hörte nur noch das Pochen in meinen Ohren. Meine Mutter hatte nie von Artur gesprochen. Sie hatte nur gesagt, manche Kunden bezahlten schlecht und manche Fragen seien gefährlich.

– Was ist dann passiert?

Vera schluckte.

– Sie bekam die Diagnose, die sie später krank machte. Aber die erste Klinik gehörte Arturs Freund. Ihre Unterlagen wurden verändert. Medikamente verschwanden aus der Akte. Niemand musste sie sofort töten. Man musste nur dafür sorgen, dass niemand ihr glaubte.

Ich presste die Hand auf den Mund.

Gawriil lag reglos unter der Lampe. Sein Arm war geöffnet, gereinigt und wieder verschlossen worden. Rudenko nähte mit hellem medizinischem Faden, langsam und sorgfältig.

– Sie wussten das alles? fragte ich.

– Ich wusste nur einen Teil. Deine Mutter kam einmal zu mir, bevor sie in die Klinik musste. Sie bat mich, eine Probe eines Fadens zu untersuchen. Ich hatte Angst und gab sie an Artur weiter.

– Sie haben sie verraten.

– Ja.

Das Wort fiel ohne Verteidigung.

Draußen sprang ein Motor an. Maxim ging zum Fenster, blieb aber hinter dem Vorhang.

– Zwei Fahrzeuge auf dem Weg zum Zollhaus, sagte er. – Aber wir haben ein größeres Problem. Artur weiß, dass wir ihn kennen.

Das Telefon klingelte erneut.

Diesmal nahm ich ab.

– Sofia Sawtschuk? fragte eine Männerstimme.

Ich sagte nichts.

– Deine Mutter hat einen Umschlag hinterlassen. Im Nähatelier unter dem dritten Tischbein. Wenn du ihn holst, bevor Mitternacht, erfährst du, warum sie wirklich gestorben ist. Wenn du ihn nicht holst, verbrennt jemand ihn.

– Wer sind Sie?

– Der Mann, der ihr damals versprochen hat, sie zu schützen.

Die Verbindung endete.

Meine Knie gaben nach, doch Maxim fing mich auf.

– Du gehst nirgendwohin.

– Das ist der Laden meiner Mutter.

– Genau deshalb ist es eine Falle.

Gawriil bewegte die Finger seiner gesunden Hand. Seine Augen öffneten sich einen Spalt.

– Lassen Sie sie gehen.

Maxim beugte sich zu ihm.

– Sie haben gerade eine Operation überstanden.

– Und sie hat mir den Arm gerettet. Jetzt retten wir ihr, was von ihrer Mutter übrig ist.

Rudenko zog die Maske herunter.

– Er darf nicht aufstehen.

– Ich stehe nicht auf, sagte Gawriil. – Ich gebe nur Befehle.

Trotz der Schmerzen lag etwas in seiner Stimme, das nicht mehr nach dem gefürchteten Geschäftsmann klang. Vielleicht war es Schwäche. Vielleicht zum ersten Mal Verantwortung.

Wir fuhren mit zwei Wagen zur alten Werkstatt. Nicht zum Zollhaus. Dorthin schickte Maxim drei Männer, während wir durch die hinteren Straßen der Stadt fuhren. Vera blieb im Haus bei Rudenko und Gawriil. Sie hatte darum gebeten, nicht mitzukommen.

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Der Laden lag unter einer niedrigen Wohnung, in der meine Mutter und ich aufgewachsen waren. Die Rollläden waren geschlossen. Auf dem Gehweg stand Wasser in den Rissen, und über der Tür hing noch das verblichene Schild mit ihrem Namen.

Ich schob den Schlüssel ins Schloss.

– Wenn jemand drinnen ist, gehst du hinter mich, sagte Maxim.

– Ich kenne den Raum besser als du.

– Dann sag mir, wo ich hinschießen soll.

– Nirgendwo.

Wir traten ein. Der Geruch nach Stoffstaub, Öl und Lavendel lag noch immer in der Luft. Meine Mutter hatte getrocknete Lavendelzweige in eine Blechdose gelegt, um Motten fernzuhalten.

Der dritte Tisch stand hinten an der Wand. Ein Bein war mit einem roten Faden umwickelt, damit es nicht wackelte.

Ich kniete mich hin und tastete unter das Holz.

Nichts.

Dann hörte ich ein leises Klicken.

Maxim riss mich zur Seite. Eine kleine Metallkapsel fiel aus dem Tischbein und rollte über die Dielen.

Ich hob sie auf.

Darin lagen drei Dinge: eine alte Quittung, ein Schlüssel und ein Zettel in der Handschrift meiner Mutter.

Sofia, wenn du das liest, habe ich dir nicht alles gesagt, weil ich wollte, dass du wenigstens eine Weile ohne Angst lebst. Suche nicht nach Artur. Suche nach dem Namen, den er benutzt, wenn er nicht Artur sein will.

Auf der Quittung stand der Name des Mannes, der meine Mutter regelmäßig besucht hatte: Nikolai Serebrjakow.

Der Pfleger.

Und unter seinem Namen stand eine zweite Bezeichnung, die mir den Atem nahm.

Dr. Nikolai Sawtschuk.

Mein Vater.

Ich hatte ihn nie kennengelernt. Meine Mutter hatte gesagt, er sei vor meiner Geburt gestorben.

Maxim nahm mir das Papier aus der Hand.

– Das kann nicht sein.

– Warum nicht?

– Weil ich seinen Namen kenne. Arturs wichtigster Berater hieß Nikolai Sawtschuk.

Ein Geräusch kam aus dem Nebenraum.

Wir drehten uns um.

Ein Mann trat aus dem Schatten. Er war älter, als ich ihn mir vorgestellt hatte, mit einem Verband am Hals und roten Sohlen unter den Schuhen. In seiner Hand hielt er einen kleinen Kanister.

– Du siehst deiner Mutter ähnlich, sagte er.

Ich konnte nicht sprechen.

Maxim zog seine Waffe.

– Stell den Kanister ab.

Nikolai lächelte müde.

– Artur ist bereits auf dem Weg hierher. Wenn ihr mich mitnehmt, findet er die Werkstatt leer vor und verbrennt alles, was übrig ist.

– Er ist am Zollhaus, sagte Maxim.

– Das war vor zehn Minuten.

Ich starrte auf den Kanister.

– Sie haben meine Mutter getötet.

Nikolai senkte den Blick.

– Ich habe ihre Medikamente verändert. Aber ich habe die letzte Dosis nicht gegeben.

– Wer dann?

– Artur. Er wollte sicherstellen, dass sie nicht mehr sprechen kann.

Meine Hände wurden kalt.

– Warum haben Sie mir den Hinweis gegeben?

Er zog einen zweiten Zettel aus der Jacke.

– Weil ich vor neun Jahren feige war. Und weil Artur beschlossen hat, auch Gawriil zu beseitigen, nachdem er erfuhr, dass Gawriil den alten Betrug entdeckt hatte.

Maxim ging einen Schritt auf ihn zu.

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– Wo ist Artur jetzt?

Nikolai sah nicht ihn an, sondern mich.

– Bei dem Menschen, dem Gawriil am meisten vertraut.

Mein Magen zog sich zusammen.

Das Telefon in Maxims Tasche klingelte. Er nahm ab. Seine Miene veränderte sich.

– Wer? fragte ich.

Er reichte mir das Telefon.

Rudenkos Stimme war atemlos.

– Sofia, kommen Sie sofort zurück. Gawriil ist aufgewacht, aber Vera ist verschwunden. Und jemand hat die Tür zum Medikamentenschrank geöffnet.

Im Hintergrund hörte ich ein Geräusch, dann Gawriils schwache Stimme:

– Sofia, geh nicht allein zurück.

Ich blickte auf Nikolai. Er hatte den Kanister fallen lassen. Der Deckel sprang auf, und ein stechender Geruch breitete sich zwischen den Stoffballen aus.

Maxim schob mich hinter sich.

– Wir fahren zurück.

– Nein, sagte ich. – Wir nehmen ihn mit.

Nikolai hob beide Hände.

– Ich werde aussagen.

– Nicht für mich, sagte ich. – Für meine Mutter.

Im Haus angekommen, fanden wir Gawriil sitzend vor. Sein Arm war dick verbunden, aber seine Finger bewegten sich. Rudenko stand neben ihm, blutverschmiert an der Manschette.

Vera lag nicht im Zimmer.

Auf dem Bett lag stattdessen ein Blatt Papier. Darauf stand eine einzige Zeile: Bring die Übertragungsunterlagen ins alte Gewächshaus. Komm allein, oder der nächste Faden liegt nicht in deiner Schulter.

Gawriil las die Nachricht und richtete sich trotz der Schmerzen auf.

– Artur.

Maxim nahm das Blatt.

– Das Gewächshaus gehört zum Grundstück. Er kann dort sein.

– Er will die Unterschrift, sagte ich.

– Dann bekommt er sie, sagte Gawriil.

Ich sah ihn an.

– Sie können kaum stehen.

– Ich muss nicht stehen, um meinen Bruder zu besiegen.

Im Gewächshaus roch es nach feuchter Erde und Heizöl. Artur wartete zwischen leeren Pflanzkästen. Vera kniete neben ihm, die Hände gefesselt. In seiner Hand glänzte ein chirurgisches Messer.

– Du bist also Sofia, sagte er.

– Sie kennen meinen Namen.

– Deine Mutter hat zu viel gewusst.

Gawriil wurde von Maxim und Rudenko hereingetragen. Sein Gesicht war weiß, doch sein Blick blieb fest.

– Du hättest mich einfach erschießen lassen können.

Artur lachte.

– Eine Kugel macht einen Märtyrer. Eine verdorbene Wunde macht einen Fehler.

– Du wolltest meine Firmen.

– Ich wollte, was mir zustand.

– Du bist tot gewesen.

– Für die Welt. Nicht für die Verträge.

Artur hielt Vera das Messer an den Hals.

– Unterschreibe, Gawriil.

Gawriil sah zu mir.

– Sofia, in meiner Manteltasche ist ein Umschlag.

Maxim griff hinein und zog ihn heraus. Darin lag keine Übertragung, sondern eine beglaubigte Erklärung über alle Firmenanteile, mit einem Datum vom Vortag.

Gawriil sprach langsam.

– Ich habe alles, was Artur wollte, bereits übertragen.

Artur starrte ihn an.

– An wen?

– An einen Treuhandfonds für die Familien, die durch unsere Transporte geschädigt wurden. Die Firmen bleiben unter Kontrolle von Menschen, die nicht zu meiner Familie gehören.

Artur wurde bleich.

– Du würdest dein eigenes Reich verschenken?

– Ich würde verhindern, dass du es bekommst.

Das war der unerwartete Verlust, den Artur nicht einkalkuliert hatte. Er wollte nicht nur Gawriils Tod. Er wollte den Namen, das Geld und die Macht, die an diesem Namen klebten. Nun hatte Gawriil ihm alles entzogen, ohne ihm einen einzigen Anteil zu überlassen.

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Artur drückte das Messer fester an Veras Hals.

– Dann sterben eben andere.

Nikolai trat hinter ihm aus dem Schatten.

– Nein, Artur.

Artur wirbelte herum.

Nikolai schlug ihm nicht die Waffe aus der Hand. Er tat etwas anderes. Er stellte sich zwischen Artur und Vera, obwohl er wusste, dass Artur ihn erschießen konnte.

– Du hast mich neun Jahre lang bezahlt, sagte Nikolai. – Heute bezahle ich selbst.

Artur stieß ihn zurück. Vera riss den Kopf zur Seite, und Maxim warf sich auf Artur. Das Messer fiel in die Erde. Sekunden später lag Artur mit dem Gesicht zwischen den Pflanzkästen, während Vera zitternd aufstand.

Nikolai blieb am Boden sitzen.

Ich kniete mich neben ihn.

– Warum haben Sie mich nie gesucht?

Er presste die Hand auf seine Brust.

– Weil deine Mutter mich aus deinem Leben verbannen wollte. Und weil sie recht hatte.

– Sie hätte mir die Wahrheit sagen müssen.

– Ja.

Hinter uns nahm Maxim Artur die Handschellen ab. Die Behörden würden später kommen, ebenso die Ermittler, die Unterlagen aus der Klinik sichern und die gefälschten Berichte prüfen würden. Aber der wichtigste Kampf war in diesem Gewächshaus entschieden worden.

Rudenko würde seine Aussage machen. Vera ebenfalls. Nikolai würde den Namen meiner Mutter öffentlich reinigen, auch wenn ihn das ins Gefängnis brachte.

Gawriil hielt die Übertragungsunterlagen nicht zurück. Er ließ jede Firma prüfen und zahlte den Familien Entschädigungen, die er früher nie beachtet hatte. Nicht aus Großzügigkeit. Weil er verstanden hatte, dass sein Reich auf zu vielen fremden Verletzungen gebaut worden war.

Ich nahm den Zettel meiner Mutter aus der Tasche und legte ihn neben Gawriils Bett, als er wieder im Arbeitszimmer lag.

– Ihre Mutter hat Ihnen einen Anfang hinterlassen, sagte er.

– Nein. Sie hat mir eine Rechnung hinterlassen.

Gawriil sah auf seinen verbundenen Arm.

– Und werden Sie sie begleichen?

Ich betrachtete die helle Naht, die Rudenko gesetzt hatte. Kein schwarzer Faden. Kein versteckter Knoten. Nur saubere Stiche, die jede Bewegung schmerzlich langsam zurückbrachten.

– Ich werde herausfinden, wie viele Menschen wegen dieses Namens geschwiegen haben.

– Dann brauchen Sie Geld.

– Ich brauche Zugang zu den Akten.

Er nickte.

– Den bekommen Sie.

Auf dem Tisch lag noch immer das kleine Stück schwarzer Schnur in der Glasampulle. Ich nahm es nicht als Andenken mit. Ich brachte es in die Werkstatt meiner Mutter zurück und legte es in die Blechdose mit den Lavendelzweigen.

Nicht, um es aufzubewahren.

Sondern damit jeder, der die alten Unterlagen sah, verstand, womit alles begonnen hatte.

Als ich am nächsten Morgen vor dem Werkstatttisch stand, fand ich unter dem roten Faden am dritten Tischbein eine letzte Notiz, die niemand bemerkt hatte.

Sofia, suche immer den ersten falschen Stich.

Ich strich mit dem Finger über die Schrift und hörte hinter mir Nikolais Stimme.

– Deine Mutter wusste, dass du ihn finden würdest.

Ich drehte mich um.

Er hielt die alte Spule in beiden Händen. Der schwarze Faden war vollständig abgewickelt.

– Dann soll er hier enden, sagte ich.

Und ich schnitt ihn mit der Schere meiner Mutter in zwei Teile.

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У меня есть 16-летняя дочь от первого брака.