TEIL 4
„Wenn Sie die Unterlagen sehen, werden Sie verstehen, warum Ihre Schwiegermutter nicht allein gehandelt hat…“
Ich las die Nachricht zweimal.
Viktor bemerkte mein Gesicht.
„Was ist passiert?“
Ich hielt ihm das Telefon hin.
Seine Augen wanderten über die Zeile. Dann setzte er sich, als hätte jemand ihm die Knie weggezogen.
„Wer hat das geschrieben?“
„Das frage ich dich.“
Tamara stand am Küchenfenster. In ihrer Hand zerbröselte ein Papiertaschentuch.
„Es war nicht die Bank“, sagte sie.
„Das weiß ich.“
„Und nicht Viktor.“
Viktor fuhr herum. „Mama.“
Sie schloss die Augen.
„Ich habe jemanden um Hilfe gebeten.“
Elena, die noch immer neben dem Tisch stand, nahm ihr die Nachricht ab und prüfte die Nummer.
„Rufen Sie nicht zurück“, sagte sie. „Wir fahren direkt zur Bank.“
Eine Stunde später saßen wir in einem kleinen Besprechungsraum hinter dem Schalter. Der Raum roch nach Toner und warmem Kunststoff. Die Bankmitarbeiterin, Frau Seidel, legte einen Ordner auf den Tisch.
„Die Unterlagen wurden vor fünf Monaten erstmals abgefragt“, sagte sie. „Damals wollte jemand wissen, ob die Schneiderei belastet ist.“
„Wer?“
„Ein Herr namens Rainer Vollmer.“
Viktor wurde starr.
„Das ist mein Geschäftspartner.“
Ich drehte mich zu ihm.
„Du hast einen Geschäftspartner?“
„Nicht mehr.“
„Seit wann?“
Er fuhr sich über den Nacken. Dort klebte noch ein dünner Streifen Pflaster von einer alten Verletzung.
„Rainer hat meine Werkstatt finanziert. Ich wollte dir nichts sagen, weil ich geglaubt habe, ich könnte den Betrag aus den Aufträgen zurückzahlen.“
„Und was hat er verlangt?“
„Eine Sicherheit.“
Frau Seidel schob ein weiteres Blatt vor.
„Die angebliche Abtretung Ihres Ehevertrags wurde nicht von der Bank erstellt. Sie wurde zusammen mit dem Kreditantrag eingereicht. Herr Vollmer hat außerdem eine Erklärung beigefügt, nach der Ihr Mann berechtigt sei, in Ihrem Namen zu handeln.“
„Hast du das unterschrieben?“ fragte ich Viktor.
„Eine Vollmacht für seine Werkstatt. Nicht für dich.“
„Aber du hast eine Kopie meines Personalausweises gegeben.“
„Rainer sagte, das sei nötig, um die gemeinsame Finanzierung zu verlängern.“
Ich fühlte keinen Zorn mehr. Nur einen schweren, klaren Schmerz.
„Und meine Mutter?“ fragte Viktor.
Tamara legte beide Hände auf den Ordner.
„Rainer kam zu mir. Er sagte, wenn Viktor nicht zahlt, würde er alles verlieren. Er behauptete, du würdest die Schneiderei ohnehin schließen, sobald du wüsstest, wie hoch die Schulden sind.“
„Er hat dich benutzt“, sagte ich.
„Ich habe mich benutzen lassen.“
Zum ersten Mal sah sie mich direkt an.
„Ich dachte, du würdest Viktor verlassen, wenn du die Wahrheit erfährst. Also wollte ich die Theaterzahlung nehmen und die Sache beenden, bevor du etwas merkst.“
„Du hast dafür meine Maschine zerstört.“
„Ja.“
Das Wort war leise. Es machte den Schaden nicht kleiner.
„Warum hast du den Stempel benutzt?“
Tamara begann zu weinen. „Rainer sagte, er brauche eine Bestätigung, dass der Auftrag verschoben wird. Ich habe die E-Mail nicht geschrieben. Aber ich habe den Stempel auf die Rechnung gedrückt.“
Elena lehnte sich zurück.
„Damit haben Sie sich selbst belastet.“
Tamara wischte sich über die Wange.
„Ich weiß.“
Viktor sprang auf.
„Wir müssen zu Rainer.“
„Nein“, sagte ich.
Er blieb stehen.
„Was dann?“
Ich nahm den Ordner und blätterte bis zur letzten Seite. Dort lag ein Schreiben des Theaters. Wenn die Lieferung fristgerecht erfolgte, durfte niemand die Anzahlung antasten. Wenn jemand versuchte, den Auftrag zu übertragen, fiel die gesamte Forderung an mich zurück.
Der Vertrag, den Viktor zerstören wollte, war mein Schutz.
„Wir gehen nicht zu ihm“, sagte ich. „Er kommt zu uns, sobald er merkt, dass sein Plan nicht funktioniert.“
„Und was soll ich tun?“
„Du unterschreibst eine Erklärung über alles, was du getan hast. Ohne Beschönigung.“
„Nathalie…“
„Oder du gehst allein zu ihm zurück und lässt ihn behaupten, du hättest mich getäuscht.“
Viktor sank auf den Stuhl.
„Ich unterschreibe.“
Am selben Abend stand Rainer Vollmer in meiner Schneiderei. Er trug einen maßgeschneiderten Mantel und hielt einen Regenschirm, dessen silberner Griff wie ein Spazierstock aussah.
„Ich möchte eine vernünftige Lösung“, sagte er.
Hinter mir liefen die Nähmaschinen. Elena saß am Zuschneidetisch, Herr Kessler reparierte die Abdeckung meiner Maschine, und Tamara stand neben dem Bügelbrett.
Rainer sah sich um.
„Sie haben Ihre Familie gegen mich versammelt.“
„Nein“, sagte ich. „Ihre eigenen Unterlagen haben das erledigt.“
Ich legte die Erklärung von Viktor auf den Tisch.
Rainers Gesicht veränderte sich kaum. Nur sein Daumen begann am Schirmgriff zu reiben.
„Ihr Mann ist ein erwachsener Mensch.“
„Und Sie haben seinen Fehler genutzt, um meine Schneiderei zu übernehmen.“
„Ich habe Geld investiert.“
„In seine Werkstatt. Nicht in mein Unternehmen.“
„Die Forderung ist gültig.“
Frau Seidel hatte uns einen Sachbearbeiter geschickt, der nun neben Elena stand. Er öffnete den Ordner und zeigte auf die gefälschte notarielle Beglaubigung.
„Diese Unterlage ist wertlos. Die angegebene Notarin war zum genannten Zeitpunkt nicht mehr tätig. Außerdem stammt die Nummer von einem leeren Registerblatt.“
Rainer zog den Mund schmal.
„Das ist ein Verwaltungsfehler.“
„Dann erklären Sie“, sagte ich, „warum Ihre Unterschrift auf der Übermittlungsbestätigung steht.“
Er sah auf das Blatt.
Der silberne Schirmgriff blieb plötzlich still.
Viktor trat vor.
„Du hast gesagt, Nathalie würde die Schneiderei aufgeben. Du hast gesagt, ich könne ihre Aufträge als Sicherheit einsetzen.“
„Du hast alles unterschrieben.“
„Nicht ihre Unterschrift.“
Rainer wandte sich an Tamara.
„Sie haben mir versichert, die Familie sei einverstanden.“
„Ich habe mich geirrt“, sagte sie.
„Sie haben mich angelogen.“
„Ja.“
Diese Antwort traf ihn sichtbar. Nicht wegen ihrer Lautstärke, sondern weil sie ihm keinen Raum ließ, die Schuld zurückzuschieben.
Ich zog die Vereinbarung des Theaters aus dem Ordner.
„Die Lieferung geht morgen raus. Der Auftrag bleibt bei mir. Die Anzahlung ist geschützt. Ihre Forderung gegen meine Schneiderei existiert nicht.“
„Sie werden die Konsequenzen tragen.“
„Das werde ich. Aber nicht Ihre.“
Er nahm den Mantelkragen zwischen zwei Finger.
„Sie glauben, damit sei alles erledigt?“
„Nein. Ich glaube, damit ist endlich klar, wem was gehört.“
Rainer ging, ohne sich zu verabschieden.
Die nächsten Stunden waren kein Sieg, sondern Arbeit. Ich nähte bis tief in die Nacht. Elena nummerierte die Kostümteile, Herr Kessler setzte die neue Klemme ein, und Viktor saß am Rand des Raumes mit seiner unterschriebenen Erklärung auf den Knien.
Tamara blieb am Bügelbrett.
„Kann ich etwas tun?“ fragte sie.
Ich reichte ihr ein Bündel goldener Bänder.
„Sortieren. Nicht entscheiden.“
Sie nickte.
Es war keine Vergebung. Aber es war eine Aufgabe, die sie nicht an sich reißen konnte.
Am nächsten Morgen wurden die letzten Kisten ins Theater gebracht. Elena prüfte jedes Etikett, dann legte sie beide Hände auf meine Schultern.
„Sie haben es geschafft.“
Ich sah auf meine Maschine. Das Gehäuse war noch eingedrückt. Die Narbe würde bleiben.
„Nicht allein.“
Viktor wartete vor dem Gebäude. Er hielt einen Umschlag in der Hand.
„Die Schlüssel zu meiner Werkstatt“, sagte er. „Ich habe sie verkauft. Der Erlös deckt einen Teil der Schulden. Den Rest zahle ich selbst zurück.“
„Und was willst du von mir?“
„Nichts. Ich wollte nur, dass du es weißt.“
„Du ziehst aus?“
„Heute.“
Er sah auf den roten Faden, der an meinem Ärmel hing.
„Ich habe geglaubt, ich müsste dich vor allem schützen. In Wahrheit wollte ich nur verhindern, dass du siehst, wie wenig ich im Griff hatte.“
Ich antwortete nicht sofort.
„Du hättest die Wahrheit sagen können.“
„Ich weiß.“
„Und meine Mutter?“
„Sie bleibt bei meiner Schwester. Nicht bei mir.“
Das war die erste Entscheidung, die er traf, ohne darauf zu warten, dass jemand anderes sie für ihn traf.
Tamara kam später allein in die Schneiderei. Sie legte den Seitenschneider auf den Tisch und daneben einen kleinen Umschlag.
„Das ist meine Rente für die nächsten drei Monate“, sagte sie. „Ich weiß, dass es den Schaden nicht wiedergutmacht. Aber ich will nicht so tun, als wäre eine Entschuldigung genug.“
Ich schob den Umschlag zurück.
„Behalten Sie ihn. Zahlen Sie damit die erste Rate von Viktors Schulden.“
Ihre Augen füllten sich.
„Du hasst mich.“
„Nein. Aber ich vertraue Ihnen nicht.“
Sie nickte, als hätte sie genau diesen Satz verdient.
Dann nahm ich die kaputte Abdeckung meiner Maschine und befestigte sie wieder. Sie saß nicht mehr ganz bündig. Beim Nähen klapperte sie leise bei jedem Stich.
Am Abend kam eine Nachricht von Elena. Die Kostüme waren auf der Bühne angekommen. Die Hauptdarstellerin trug bereits das rote Kleid, für das ich drei Nächte durchgearbeitet hatte.
Darunter stand nur: „Der erste Vorhang gehört Ihnen.“
Ich legte das Telefon neben die Maschine und zog den Stoff durch die Nadel.
Der Motor setzte ruckelnd ein.
Klick. Klick. Klick.
Jeder Stich ging durch die Stelle, an der jemand geglaubt hatte, mein Leben ließe sich mit einem Seitenschneider anhalten.
Auf dem Tisch lag noch der Vertrag des Theaters, schwer und glatt unter meiner Hand.
Ich setzte die Nadel an den goldenen Saum und sagte leise: „Dieses Stück bleibt ganz.“
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