Als Santino Ferrara vor meinen Augen aus dem Rollstuhl glitt und im tiefen Wasser verschwand, blieb die gesamte Gesellschaft auf der Terrasse stehen.
Es war kurz nach elf Uhr an einem warmen Junimorgen in Newport. Die Rasenflächen glänzten vom Tau, silberne Kaffeekannen standen auf weißen Tischen, und eine Jazzkapelle spielte neben dem künstlichen See des Anwesens. Zweihundert Gäste waren gekommen: Geschäftsmänner, Politiker, deren Ehefrauen und Männer, die niemand vorstellte, obwohl jeder ihren Namen kannte.
Santino saß am Rand des Beckens und hielt ein Glas Mineralwasser zwischen zwei Fingern. Sein dunkelblauer Anzug war makellos, sein Rollstuhl stand genau auf den Steinplatten. Er hatte seit elf Jahren die Familie Ferrara geführt, ohne jemals laut zu werden. Sogar seine Feinde senkten die Stimme, wenn sie über ihn sprachen.
Dann hörte ich ein kurzes metallisches Knacken.
Das rechte Rad rutschte weg. Santinos Körper kippte seitlich über die Kante, sein Glas zersprang auf den Fliesen, und im nächsten Augenblick schlug er mit der Schulter ins Wasser.
— Helfen Sie ihm! — schrie ich.
Niemand bewegte sich.
Nicht die Männer in ihren hellen Leinenjacken. Nicht die Frauen mit den breitkrempigen Hüten. Nicht einmal der Rettungsschwimmer, der am anderen Ende des Beckens stand und die Hände um ein Handtuch krampfte.
Ich sah zu Marco Bellini, Santinos Stellvertreter. Er stand hinter einem Tisch mit Erdbeertörtchen und hob nur zwei Finger. Eine winzige Bewegung. Fast höflich.
Der Rettungsschwimmer senkte den Blick.
Mein Magen zog sich zusammen.
Ich war erst seit neun Tagen Santinos Sekretärin. Ich kannte die Namen seiner Ärzte, seine Medikamentenzeiten und die Tatsache, dass er morgens schwarzen Kaffee trank, aber nachmittags keinen Zucker duldete. Ich wusste auch, dass in diesem Haus jeder Befehl leise gegeben wurde.
Und ich wusste, dass gerade ein Befehl ausgeführt wurde.
— Warum tut niemand etwas? — fragte ich neben mir.
Eine ältere Frau mit Perlenohrringen stellte ihr Glas so vorsichtig ab, als könnte es explodieren.
— Halten Sie sich heraus, Miss Taylor.
Unter der Wasseroberfläche sah ich Santino. Sein Rollstuhl war aufrecht auf den Kacheln gelandet. Der dunkle Stoff seines Jacketts hatte sich am Rahmen verfangen. Er versuchte nicht, sich loszureißen. Seine Hände lagen ruhig auf den Armlehnen, aber seine Augen waren geöffnet.
Und sie suchten mich.
Ich dachte an den Umschlag, den ich vor zwei Tagen in der falschen Schublade von Marcos Schreibtisch gefunden hatte. An den Namen meines Vaters. An den Satz, den meine Mutter vor ihrem Tod immer wieder gesagt hatte: Dein Vater ist nicht bei einem Unfall gestorben.
Dann zog ich die Schuhe aus.
— Emily, bleiben Sie stehen! — rief Marco.
Ich sprang.
Das Wasser schlug über meinem Kopf zusammen. Kälte presste mir die Luft aus der Brust. Ich tauchte tiefer, vorbei an den flimmernden Lichtstreifen, und erreichte Santino nach wenigen Sekunden. Sein Gesicht war blass, doch seine Augen blieben ruhig auf meine Hände gerichtet.
— Nicht bewegen — formte ich unter Wasser.
Er bewegte sich nicht.
Ich griff unter seine Arme. Nichts. Der Rollstuhl hielt ihn fest. Erst als ich den Stoff seines Jacketts ertastete, verstand ich, was geschehen war: Der Saum hatte sich zwischen Sitz und Achse gewickelt.
Ich hatte noch vielleicht eine halbe Minute Luft.
Mit klammen Fingern öffnete ich den ersten Knopf. Dann den zweiten. Meine Schulter brannte, meine Lunge schrie, und Santino sah mir zu, als würde er darauf warten, ob ich die Wahrheit über ihn herausfinden würde.
Der dritte Knopf klemmte.
Ich riss stärker daran, während über uns zweihundert Menschen auf meinen Tod und seinen warteten. Der Stoff gab nach. Santinos Jackett löste sich, und sein Körper stieg plötzlich nach oben.
Gerade als ich seinen Kopf über die Wasseroberfläche bekam, packten mehrere Hände nach ihm. Männer zogen ihn auf die Steine. Eine Frau schob mich zur Seite. Die Kapelle verstummte.
Ich kniete tropfend neben dem Becken, während Santino hustete und jemand nach einem Arzt rief.
Marco trat zu mir. Sein Lächeln war verschwunden.
— Sie hätten ihn sterben lassen sollen, — sagte er so leise, dass nur ich es hörte.
Ich starrte auf das Wasser, in dem ein kleiner Messingknopf kreiste.
— Dann hätten Sie mich nicht einstellen dürfen.
In diesem Moment öffnete sich hinter uns die Tür zum Wintergarten. Ein grauhaariger Mann trat heraus, trug eine lederne Mappe unter dem Arm und rief:
— Santino, bevor du wieder zu Atem kommst, musst du wissen, wer die Bremsen gelöst hat. Ich habe die Unterlagen dabei…
Seine Hand glitt zum Verschluss der Mappe…
TEIL 2
Seine Hand glitt zum Verschluss der Mappe, doch Marco war schneller. Er stieß den Tisch mit den Erdbeertörtchen um, und die Platte krachte genau zwischen uns und den grauhaarigen Mann.
— Alle hinein! — befahl Marco.
Es war halb zwölf. Die Terrasse, eben noch voller Musik und höflicher Gespräche, verwandelte sich in ein Gewirr aus hastigen Schritten. Gläser rollten über die Steinplatten. Eine Kaffeekanne kippte um, und der bittere Geruch verbrannter Bohnen mischte sich mit Chlor und nasser Wolle.
Ich blieb knien.
Santino lag auf einer dicken Decke neben dem Becken. Der Arzt, den jemand endlich gerufen hatte, überprüfte seinen Puls. Santino griff nach meinem Handgelenk. Seine Finger waren kalt.
— Wer ist der Mann? — fragte ich.
— Dr. Elias Moretti, — sagte Santino. — Mein früherer Buchhalter.
Marco kam näher.
— Er ist ein alter Mann, der Aufmerksamkeit sucht.
Moretti hob die Mappe auf. Seine Hände zitterten, aber seine Stimme nicht.
— Ich habe elf Jahre geschwiegen, Marco. Heute nicht mehr.
Marco trat einen Schritt auf ihn zu.
— Du weißt nicht, wovon du redest.
— Ich weiß genau, wer am vierzehnten Oktober die Bremsanlage von Santinos Wagen bezahlt hat.
Santino richtete sich mit Mühe auf die Ellbogen. Der Arzt wollte ihn zurückdrücken, doch er schüttelte den Kopf.
— Bring die Mappe ins Arbeitszimmer, — sagte er.
— Das ist keine gute Idee, — warnte Marco.
Santino sah ihn an.
— Dann begleite uns.
Fünf Minuten später saßen wir im Arbeitszimmer. Es lag im hinteren Teil des Hauses, mit hohen Bücherregalen und einem schweren Teppich, der unter den Rädern des Rollstuhls knirschte. Durch das Fenster sah ich die nassen Spuren, die Santino und ich auf den Boden gezogen hatten.
Ich stand neben dem Schreibtisch. Mein Hemd klebte an meinen Schultern. In meiner Tasche lag noch immer der Messingknopf aus seinem Jackett.
Moretti legte die Mappe auf das Holz.
— Ich habe die Rechnung vor sechs Jahren gefunden, — sagte er. — Eine Werkstatt in Providence bekam achttausend Dollar für die Veränderung der Bremsen. Bezahlt wurde über eine Firma, die offiziell Marco gehört.
Marco lachte kurz.
— Das beweist gar nichts.
— Die Firma existiert nur auf dem Papier, — erwiderte Moretti. — Und die Unterschrift auf dem Auftrag stammt von deinem damaligen Fahrer.
— Der Mann ist tot.
— Aber seine Witwe lebt.
Mein Herz schlug so hart, dass ich es im Hals fühlte.
Santino öffnete die erste Seite. Ich sah, wie seine Augen über die Zahlen wanderten. Seine Miene blieb unbewegt, aber seine Hand schloss sich um die Armlehne.
— Warum hast du gewartet? — fragte er.
Moretti blickte auf seine Schuhe.
— Weil meine Tochter noch lebte und ich wusste, dass du nach deinem Unfall nicht mehr jedem befehlen konntest, dich zu schützen.
Marco beugte sich über den Tisch.
— Wenn du weiterredest, wird deine Tochter nicht lange sicher bleiben.
Der Raum wurde plötzlich kleiner.
Moretti hob den Kopf.
— Genau deshalb rede ich heute vor zweihundert Zeugen.
Santino wandte sich mir zu.
— Emily, hol aus der unteren Schublade den grünen Ordner.
Ich öffnete die Schublade. Dort lag kein grüner Ordner, sondern ein vergilbtes Foto. Mein Vater stand darauf vor demselben Haus, neben einem jüngeren Santino. Auf der Rückseite war ein Datum notiert: drei Tage vor seinem Tod.
Unter dem Foto lag ein Zettel in Santinos Handschrift.
Ich las nur vier Wörter: Finde Daniel Taylors Tochter.
Die Luft blieb mir weg.
— Sie wussten, wer ich bin, — sagte ich.
Santino sah mich lange an.
— Seit dem Tag, an dem du deine Bewerbung geschickt hast.
Marco fuhr herum.
— Was soll das heißen?
Ich steckte das Foto ein.
— Mein Vater hat für Sie gearbeitet.
— Dein Vater hat Santino bestohlen! — rief Marco. — Er hat Geld verschwinden lassen und ist dann aus der Stadt geflohen.
Ich spürte, wie mir die Finger taub wurden.
— Er ist nicht geflohen. Er wurde auf der Landstraße getötet.
Santino schloss die Augen.
Moretti schlug die Mappe auf und zog ein gefaltetes Blatt hervor.
— Daniel Taylor hat das Geld nicht genommen. Er hat entdeckt, dass jeden Monat dieselben Beträge an eine geheime Stiftung überwiesen wurden. Die Stiftung gehörte nicht Santino.
— Wem dann? — fragte ich.
Moretti drehte das Blatt um.
Unten stand eine Unterschrift. Ich kannte sie aus jedem Brief, den meine Mutter nach dem Tod meines Vaters erhalten hatte.
Marco sah die Seite, machte einen Schritt zurück und stieß dabei gegen den Schreibtisch.
In diesem Augenblick vibrierte Santinos Telefon. Er nahm ab, hörte drei Sekunden zu und wurde so blass, dass sogar der Arzt ihn ansah.
— Was ist passiert? — fragte ich.
Santino reichte mir das Telefon.
Am anderen Ende weinte eine Frau und sagte: „Emily, wenn du mich hörst, komm nicht zurück in dieses Haus. Deine Mutter hat dich all die Jahre angelogen…“
TEIL 3
Am anderen Ende weinte eine Frau und sagte: „Emily, wenn du mich hörst, komm nicht zurück in dieses Haus. Deine Mutter hat dich all die Jahre angelogen…“
Die Verbindung brach ab.
Es war kurz nach zwölf. Im Arbeitszimmer tickte eine alte Standuhr, und irgendwo im Flur weinte ein Kind, das von einem Gast mitgebracht worden war. Ich hielt Santinos Telefon so fest, dass die Kanten in meine Handfläche schnitten.
— Wer war das? — fragte ich.
— Deine Mutter, — sagte Santino.
Ich starrte ihn an.
— Meine Mutter ist seit vier Jahren tot.
Moretti ließ die Mappe fallen.
Marco sagte nichts. Das war schlimmer als jeder Widerspruch.
Santino deutete auf den freien Stuhl neben sich.
— Setz dich, Emily. Du sollst die ganze Geschichte hören.
Ich setzte mich nicht.
— Sie haben mich eingestellt, weil mein Vater etwas entdeckt hatte.
— Ja.
— Und Sie wussten, dass ich kommen würde.
— Ich wusste, dass Daniel eine Tochter hatte. Ich wusste nicht, ob du mir glauben würdest.
Moretti schob das gefaltete Blatt über den Tisch. Darauf standen Überweisungen, Namen und eine Kontonummer. Die Unterschrift am unteren Rand gehörte tatsächlich meiner Mutter Margaret Taylor.
— Deine Mutter hat die Zahlungen genehmigt, — sagte Moretti. — Aber sie hat das Geld nicht für sich genommen. Sie leitete es an Familien weiter, deren Angehörige unter Marcos Befehlen verschwunden waren.
Ich konnte nicht atmen.
— Meine Mutter war Teil Ihrer Organisation?
— Sie war meine Informantin, — antwortete Santino. — Daniel wollte die Bücher offenlegen. Margaret bat ihn, zu warten. Sie glaubte, Marco würde ihn töten.
Marco schlug mit der Hand auf den Tisch.
— Lügen! Beide! Daniel war ein Dieb, und deine Mutter war eine Verräterin.
Moretti ging zur Tür und rief in den Flur:
— Rosa, komm herein.
Eine kleine Frau in einer dunkelgrünen Schürze betrat den Raum. Sie war die Haushälterin des Hauses und hatte mir an meinem ersten Arbeitstag gezeigt, wo die Büromaterialien lagen. In der Hand hielt sie einen Schlüsselbund.
— Ich habe die Bremsen gesehen, — sagte Rosa.
Marco drehte sich zu ihr.
— Du warst gar nicht dort.
— Doch. In der Garage. Am Abend vor Santinos Unfall. Du hast den Mechaniker bezahlt und ihm gesagt, er solle die Notbremsung entfernen.
— Warum hast du sechs Jahre geschwiegen? — fragte ich.
Rosa sah Santino an.
— Weil er mir versprach, meine Enkelin aus der Stadt zu bringen. Aber er wusste nicht, dass Marco bereits meine Schwester bedrohte.
Santino senkte den Kopf.
— Ich dachte, ich hätte alle geschützt.
— Sie haben meinen Vater nicht geschützt, — sagte ich.
— Nein, — erwiderte er. — Das habe ich nicht.
Zum ersten Mal klang seine Stimme nicht wie die eines Herrschers. Sie klang müde.
Marco griff plötzlich nach dem Blatt. Ich trat dazwischen. Er stieß mich zurück, doch Santino schlug mit der flachen Hand auf die Armlehne.
— Fass sie nicht an.
Die Tür öffnete sich. Draußen standen mehrere Gäste, darunter der Rettungsschwimmer vom Becken. Niemand sprach. Sie hatten alles gehört.
Moretti hob die zweite Seite aus der Mappe.
— Es gibt noch etwas. Daniel hat vor seinem Tod eine Erklärung hinterlegt. Darin steht, dass Santino nicht der Mann ist, der den Ferrara-Verbund erben soll. Er hat das gesamte Vermögen in eine Stiftung übertragen, falls ihm etwas zustößt.
Marco wurde kreidebleich.
— Die Stiftung existiert nicht.
— Seit gestern, — sagte Santino.
Ich wandte mich zu ihm.
— Warum haben Sie mir nichts gesagt?
— Weil ich wissen musste, ob du wegen Rache springst oder wegen eines Menschen.
Die Worte trafen mich härter als die Kälte des Wassers.
Dann klingelte das Telefon erneut. Diesmal war es nicht die unbekannte Frau. Es war die Bank.
Santino hörte zu. Sein Blick wanderte zu Marco.
— Sag ihm, dass die Übertragung nicht gültig ist, — zischte Marco.
Santino legte auf.
— Die Konten wurden heute Morgen geleert. Jemand hat das Geld der Stiftung abgezogen. Und die Anweisung trägt meine persönliche Freigabe…
Auf dem Schreibtisch lag plötzlich ein zweiter Umschlag. Er war an mich adressiert, mit der Handschrift meines Vaters.
Als ich ihn öffnete, fiel ein kleiner Messingschlüssel auf das Holz. Auf dem Anhänger stand nur ein Wort: Bootshaus…
Auf der letzten Seite stand der Name meiner Mutter…
Ich glaubte, die Wahrheit über meinen Vater gefunden zu haben. Dann öffnete Santino den letzten Brief, und alles bekam eine andere Bedeutung.
„Deine Mutter lebt.“
Meine Hand ließ den Messingschlüssel fallen.
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