TEIL 4 — Mein Mann brachte seine Geliebte in unsere Wohnung und versprach ihr den Schlüssel – doch als ich eintrat, verlor sie jedes Lächeln

TEIL 4

Die Uhr an der Wand zeigte 23:41.

Artem starrte auf Miriams Telefon, als könne er die Nachricht durch bloßes Ansehen aus der Welt schaffen.

– Das ist ein Irrtum – sagte er.

– Dann rufen Sie Ihre Bank an – erwiderte Miriam.

– Das werde ich.

– Nicht von Ihrem Telefon. Von dem Gerät, das Sie für den Antrag benutzt haben.

Er griff nach der Ledermappe. Ich stellte mich davor.

– Niemand nimmt mehr etwas aus dieser Wohnung mit.

– Lera, hör auf mit diesem Theater.

– Das Theater hast du begonnen, als du mir eine fremde Frau in meinen Morgenmantel gesetzt hast.

Nastja stand noch immer im Flur. Sie hatte ihren Mantel angezogen, aber ihre roten Schuhe hielt sie in der Hand. Ihre nackten Füße waren auf dem kalten Steinboden weiß geworden.

– Ich gehe – sagte sie.

Artem drehte sich zu ihr.

– Du kannst nicht einfach verschwinden.

– Du hast doch selbst gesagt, ich solle mich nicht einmischen.

– Nastja, bitte.

– Nein. Jetzt erklärst du mir etwas.

Sie ging zurück ins Wohnzimmer und legte die Schuhe auf den Tisch.

– Wie viel war ich dir wert?

Artem sah sie verständnislos an.

– Was soll das heißen?

– Die Wahrheit.

– Es ging nie ums Geld.

– Dann warum hast du mir den Mietvertrag für meine Wohnung gekündigt?

Ich sah sie an.

– Was?

Nastja holte ihr Handy heraus, suchte eine Datei und hielt sie mir hin. Es war ein Schreiben ihres Vermieters. Die Kündigung war mit dem Hinweis begründet, sie werde in Kürze in eine eigene Immobilie einziehen.

Darunter stand eine Adresse.

Meine Adresse.

– Er hat mir gesagt, wir würden hier wohnen – sagte Nastja. – Er hat sogar ausgemessen, wo mein Schminktisch stehen soll.

Artem rieb sich über das Gesicht.

– Ich wollte dich nicht verlieren.

– Du hast mich nicht behalten. Du hast mir eine Wohnung versprochen, die dir nie gehörte.

Dieser Satz traf ihn stärker als jede Anschuldigung.

Miriam nahm ihr eigenes Telefon und wählte eine Nummer. Während sie wartete, öffnete der Notar den Ordner mit den Originalunterlagen.

– Lera, hier ist noch etwas.

Er zog ein Blatt heraus, das zwischen einer alten Kaufbescheinigung und einer Kopie meiner Heiratsurkunde gelegen hatte.

Ich erkannte das Papier sofort. Es war eine handschriftliche Notiz meines Vaters, geschrieben kurz vor seinem Tod. Er hatte damals das Geld für die Anzahlung geliehen, obwohl ich mich dagegen gewehrt hatte.

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Lera, hatte er notiert, unterschreibe nie etwas, nur weil jemand behauptet, es sei für euch beide.

Ich hatte die Notiz jahrelang in der Mappe aufbewahrt. Artem musste sie gefunden haben. Vielleicht hatte er deshalb geglaubt, ich würde niemals nach den alten Unterlagen sehen.

Der Notar zeigte auf den Kaufvertrag.

– Ihr Vater hat damals als Zeuge unterschrieben. Und er hat eine zusätzliche Erklärung beim Notar hinterlegt: Die Wohnung sollte ausschließlich Ihnen gehören, auch wenn Sie später heiraten.

Artem hob den Kopf.

– Das wusste ich nicht.

– Du wusstest sehr wohl, dass sie mir gehört – sagte ich.

– Ich wusste, dass dein Name im Vertrag stand.

– Du hast mich sieben Jahre lang jeden Monat darum gebeten, die Nebenkosten zu überweisen. Du hast die Unterlagen gesehen.

– Ich dachte, wir würden das irgendwann ändern.

– Wann? Nachdem du sie verkauft hast?

Miriam legte auf.

– Die Bank hat die Auszahlung vorläufig gestoppt. Aber es gibt ein Problem.

Artem atmete hörbar aus.

– Welches Problem?

– Der Antrag wurde mit einem Zugang abgeschickt, der auf Leras Namen registriert ist.

Ich spürte, wie mir der Boden unter den Füßen nachgab.

– Mein Zugang?

– Deine elektronische Unterschrift wurde verwendet.

– Ich habe keine elektronische Unterschrift.

Artem wandte sich ab.

Miriam beobachtete ihn.

– Doch. Du hast eine, Lera. Für die Steuererklärung deiner kleinen Keramikwerkstatt. Nur drei Menschen hatten jemals Zugriff: du, deine Buchhalterin und Artem, weil du ihn vor zwei Jahren um Hilfe bei der Software gebeten hast.

Ich dachte an den Abend zurück. Artem hatte damals neben mir gesessen, während ich Tassen und Schalen in meinem Arbeitszimmer fotografierte. Er hatte mein Passwort aufgeschrieben, angeblich nur, damit er die Rechnungen sortieren konnte.

Ein kleines Detail.

Eine vergessene Gefälligkeit.

Ein Schlüssel, den ich ihm selbst in die Hand gelegt hatte.

– Du hast meine Werkstatt benutzt – sagte ich.

Er antwortete nicht.

– Du hast meinen Zugang benutzt, um einen Kredit auf den Namen meiner Firma zu beantragen.

– Die Firma war fast zahlungsunfähig.

– Meine Firma?

– Unsere Zukunft.

– Nenne es nicht unsere Zukunft, wenn nur ich dafür haften sollte.

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Nastja presste die Hand auf ihren Mund.

– Du wolltest nicht nur die Wohnung. Du wolltest auch ihr Geschäft.

Artem fuhr zu ihr herum.

– Du verstehst gar nichts.

– Ich verstehe genug.

Sie nahm ihre Schuhe vom Tisch.

– Ich habe die Nachrichten gespeichert, in denen du mir versprochen hast, dass alles bald dir gehört. Nicht, weil ich dir schaden wollte. Weil ich dir geglaubt habe und Angst hatte, du würdest mich später als Lügnerin darstellen.

Miriam sah sie an.

– Würden Sie diese Nachrichten freiwillig herausgeben?

Nastja schluckte.

– Wenn Lera dadurch ihre Wohnung behält, ja.

Artem starrte sie an.

– Du willst mich ruinieren?

– Nein – sagte Nastja. – Ich will nur nicht mit dir untergehen.

Kurz vor Mitternacht kam die Bestätigung der Bank. Die Überweisung war blockiert. Der Kreditgeber verlangte die Originalunterlagen zurück und kündigte eine Prüfung der eingereichten Vollmacht an.

Artem setzte sich auf den Rand des Sofas. Dort, wo Nastja eben noch gesessen hatte, lag ein einzelner goldener Ohrring.

– Lera, ich kann das erklären.

– Dann erklär mir, warum du meine Unterschrift gefälscht hast.

– Ich hatte Angst.

– Wovor?

Er sah auf den Boden.

– Dass du mich verlässt, wenn du erfährst, wie tief ich drinstecke.

Das war die erste ehrliche Antwort des Abends. Sie machte nichts besser.

– Du hättest mir die Wahrheit sagen können.

– Du hättest mich angesehen wie einen Versager.

– Ich hätte dich angesehen wie meinen Mann.

Seine Lippen zitterten.

– Bist du sicher, dass zwischen uns nichts mehr ist?

Ich sah auf die rote Weinspur im Teppich, auf meinen Morgenmantel, der neben dem Sofa lag, und auf die schwarze Mappe mit dem silbernen Schlüssel.

– Zwischen uns ist noch etwas – sagte ich. – Eine Rechnung. Deine Schulden. Meine Unterschrift. Und sieben Jahre, die ich nicht zurückbekomme.

Am nächsten Morgen brachte Artem seine persönlichen Sachen in vier Kartons nach unten. Nicht weil er plötzlich einsichtig geworden war, sondern weil der Hausverwalter nach Miriams Anruf den Zugang zu den Gemeinschaftsräumen geändert hatte. Er durfte nur noch in Begleitung hinein.

Er blieb vor der Wohnungstür stehen.

– Was wird aus uns?

Ich hielt die Mappe an mich gedrückt.

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– Das entscheidest nicht mehr du allein.

– Ich liebe dich.

Ich glaubte ihm sogar. Vielleicht war das der grausamste Teil. Man kann jemanden lieben und ihn trotzdem nicht mehr in seinem Leben dulden.

Nastja gab mir ihre Nachrichten und zog aus ihrer gekündigten Wohnung zu ihrer Schwester. Sie schickte mir später die Schlüsselkarte zurück, die unter dem Couchtisch gelegen hatte. Auf der Rückseite klebte ein kleiner Zettel.

Danke, dass du mich nicht für seine Lügen bestraft hast.

Miriam half mir, die Zugänge zu meiner Werkstatt zu ändern, die Bank über den Betrug zu informieren und alle Unterlagen in einem Schließfach zu hinterlegen. Mein Vater hatte recht gehabt. Nicht, weil Ehe grundsätzlich Misstrauen verlangte, sondern weil Vertrauen niemals bedeuten durfte, die eigenen Augen zu schließen.

Artem verlor seine Firma, weil die gefälschten Anträge die letzten Geschäftspartner vertrieben. Er musste die Kredite persönlich zurückführen und zog vorübergehend zu seinem Bruder. Er bat mich nicht mehr um Verzeihung. Vielleicht hatte er verstanden, dass Verzeihung kein Ersatz für Wiedergutmachung war.

Die Scheidung wurde später ohne Streit geregelt. Die Wohnung blieb bei mir. Meine Werkstatt ebenfalls.

Eines Tages, als ich neue Tassen für eine Ausstellung beschriftete, fand ich zwischen den Unterlagen meines Vaters wieder den kleinen Brief.

Ich legte ihn nicht zurück.

Ich rahmte ihn ein und stellte ihn neben den ersten Kaufvertrag der Wohnung.

Darunter stellte ich eine der Tassen, die ich selbst geformt hatte. Auf ihrer Außenseite zog sich eine feine, unregelmäßige Linie durch den Ton. Ich hatte sie nicht versteckt. Gerade deshalb war sie schön.

Auf dem Tisch lag noch immer der silberne Schlüsselanhänger aus der schwarzen Mappe.

Ich hatte ihn behalten, aber nicht als Erinnerung an Artem.

Er erinnerte mich an den Moment, in dem ich verstanden hatte, dass ein Schlüssel nicht beweist, wem ein Ort gehört.

Am Abend kam eine Nachricht von Nastja. Nur ein Satz.

– Die Ausstellung ist eröffnet. Dein Vater hätte die Tassen geliebt.

Ich sah auf das gerahmte Blatt und auf die Schale mit der unregelmäßigen Linie.

Dann stellte ich das Schild vor den Eingang meiner Werkstatt:

„Lera Wendt – Eigentum, Keramik und andere Dinge, die man nicht fälschen kann.“

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TEIL 4 — Mein Mann brachte seine Geliebte in unsere Wohnung und versprach ihr den Schlüssel – doch als ich eintrat, verlor sie jedes Lächeln
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