TEIL 4 — Meine Schwiegermutter verlangte nach ihrem Sturz meine Pflege, doch als ich eine Frage stellte, wurde mein Mann plötzlich kreidebleich

TEIL 4

Dort stand Galinas vollständiger Name.

Für einen Moment hörte ich nur das gleichmäßige Piepen des Überwachungsgeräts.

Galina starrte auf Andrejs Telefon.

„Das habe ich nicht veranlasst“, flüsterte sie.

„Dann erklär mir, warum die Bank deinen Namen hat“, sagte ich.

Andrej schüttelte den Kopf.

„Jemand versucht, die letzte Zahlung umzuleiten.“

„Jemand?“, fragte Jelena. „Oder jemand, der weiß, dass Marina die Unterlagen gefunden hat?“

Roman stand plötzlich in der Tür.

Sein roter Schal war nass vom Regen, und an seinem rechten Ärmel klebte weißer Baustaub. Er hatte offenbar nicht damit gerechnet, uns alle dort zu sehen.

„Was macht ihr hier?“, fragte er.

Galina richtete sich unter Schmerzen auf.

„Du hast sie gestoßen.“

Roman wurde bleich.

„Mama, ich wollte nicht—“

„Du hast mich gestoßen, weil ich die Tasche nehmen wollte.“

„Du hast mich bestohlen!“

„Ich habe deine Beweise gefunden.“

Roman sah zu mir.

„Marina, hör nicht auf sie. Sie ist verwirrt.“

„Sie weiß, dass du mich auf meinen Namen verschuldet hast.“

Seine Augen wanderten zu Andrej.

„Du hast es ihr gesagt?“

„Sie hatte ein Recht darauf.“

„Du feiger Verräter!“

Roman machte einen Schritt auf seinen Bruder zu. Andrej stellte sich zwischen uns, nicht um Roman zu schützen, sondern um ihn aufzuhalten.

Das war der erste Augenblick, in dem ich begriff, dass Andrej sich tatsächlich gegen seine Familie stellen konnte.

Aber er war spät dran.

Sehr spät.

„Wir gehen jetzt“, sagte ich.

„Du kannst nicht einfach gehen“, sagte Roman. „Du bist in diese Sache verwickelt.“

„Weil ihr mich hineingezogen habt.“

„Wenn du die Unterlagen herausgibst, kann alles ruhig bleiben.“

Ich lachte kurz.

„Ruhig? Du hast meine Unterschrift gefälscht, meine Schwiegermutter aus dem Weg gestoßen und willst jetzt Ruhe?“

„Sie hat selbst unterschrieben“, sagte Roman und zeigte auf Galina.

Galina ließ den Kopf sinken.

„Ich habe die Kontoauszüge unterschrieben, damit die Firma glaubt, ich hätte das Geld bewegt.“

„Warum?“, fragte ich.

Ihre Stimme war kaum noch hörbar.

„Weil Roman mich vor drei Jahren um Hilfe bat. Er hatte Spielschulden. Ich nahm Geld aus der Firma deines Schwiegervaters, um ihn zu retten. Danach nahm er mehr. Immer mehr. Als ich merkte, dass er die Wohnung mit diesem Geld kaufte, wollte ich die Sache beenden.“

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Die Wahrheit war komplizierter, als ich gedacht hatte.

Galina war nicht nur Opfer. Sie hatte den ersten Betrug ermöglicht.

Und sie hatte mich trotzdem zur Schuldigen gemacht.

„Du hast mich geopfert, um deinen Sohn zu retten“, sagte ich.

„Ich wusste nicht, wie ich ihn sonst retten sollte.“

„Du hättest die Wahrheit sagen können.“

„Dann hätte ich beide Söhne verloren.“

Andrej sah sie an.

„Du hast mich schon verloren, als du meine Frau benutzt hast.“

Galina presste die Lippen zusammen. Zum ersten Mal wirkte sie nicht wütend, sondern erschöpft.

Auf dem Flur erschien Herr Kowal mit einem Umschlag in der Hand.

„Frau Melnik?“, fragte er. „Das wurde heute Morgen im Briefkasten der Eigentümergemeinschaft gefunden. Es ist an Sie adressiert.“

Ich nahm den Umschlag. Er war nicht grau, sondern cremefarben, an einer Ecke mit feinem rotem Wachsstift versiegelt. Darauf stand meine alte Adresse, die nur wenige Menschen kannten.

„Wer hat ihn eingeworfen?“

„Eine Frau mit einem roten Schal.“

Oksana.

Sie stand am Ende des Flurs.

Sie sah aus, als hätte sie seit Stunden geweint.

„Ich habe Galina nicht absichtlich gestoßen“, sagte sie. „Ich wollte ihr die Tasche abnehmen. Roman hatte mir versprochen, die Wohnung auf meinen Namen zu überschreiben, wenn ich ihm helfe. Ich wusste nicht, dass er mich genauso belügen würde wie alle anderen.“

Roman fuhr herum.

„Oksana!“

„Nein“, sagte sie. „Heute rede ich.“

Sie kam langsam näher und legte einen Schlüsselbund auf den Fensterbrett.

„Die Wohnung gehört nicht Roman. Die Anzahlung wurde von einem Firmenkonto überwiesen, aber die Überweisung hat Andrej genehmigt.“

Ich sah meinen Mann an.

Er nickte.

„Ich habe die Freigabe erteilt.“

„Warum?“

„Weil Roman mir sagte, er würde sonst verschwinden. Er hatte Schulden bei den falschen Leuten. Ich dachte, wenn er eine Wohnung hat, kann er sie verkaufen und alles zurückzahlen.“

„Und warum nahmst du dafür meinen Namen?“

Er zog ein gefaltetes Blatt aus der Jackentasche.

„Weil die Bank einen zweiten Schuldner verlangte. Ich hatte bereits zu viele offene Verpflichtungen.“

„Du hast also entschieden, dass mein Name weniger wert ist als deiner.“

Er sah zu Boden.

„Ich dachte, ich könnte alles rechtzeitig in Ordnung bringen.“

„Du hast sieben Jahre lang gedacht, ich würde nichts merken.“

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Niemand widersprach.

Ich öffnete den Umschlag.

Darin lag kein weiterer Kontoauszug. Es war eine Erklärung der Bank, dass der Kredit wegen der gefälschten Angaben sofort überprüft werde. Außerdem lag ein Schreiben der Firma bei, in dem mein Schwiegervater bestätigte, dass ich nie eine Zahlung genehmigt hatte.

Am unteren Rand stand eine handschriftliche Notiz:

Ich habe zu lange geschwiegen. Jetzt soll wenigstens dein Name sauber bleiben.

Die Unterschrift gehörte Galina.

Sie hatte den Brief vorbereitet, bevor sie gestürzt war.

Ich sah sie an.

„Warum hast du ihn mir nicht geschickt?“

„Weil ich noch glaubte, ich könnte Roman allein retten.“

„Und jetzt?“

Galina blickte zu ihrem Gipsbein.

„Jetzt weiß ich, dass ich ihn nur vor den Folgen geschützt habe, nicht vor sich selbst.“

Roman sprang zum Bett.

„Du zerstörst uns alle!“

„Nein“, sagte sie. „Ich höre auf, dich zu tragen.“

Der Satz hing zwischen uns.

Nicht dramatisch. Nicht laut.

Aber endgültig.

Am selben Nachmittag brachte ich die Unterlagen zur Firmenleitung. Ich ging allein. Andrej wollte mitkommen, doch ich ließ ihn im Krankenhaus zurück.

Der Geschäftsführer, Herr Melnik, las die Dokumente schweigend. Dann sah er mich an.

„Warum haben Sie so lange gewartet?“

„Weil ich dachte, mein Mann würde die Wahrheit selbst sagen.“

„Und jetzt?“

„Jetzt sage ich sie.“

Die Firma ließ die Überweisung sperren und erklärte den Kredit für strittig. Roman musste die Wohnung verkaufen. Das Geld reichte knapp, um den größten Teil der Schulden zu decken. Oksana nahm ihre Kinder und zog vorübergehend zu ihrer Schwester. Sie unterschrieb eine Aussage, in der sie den Ablauf des Sturzes schilderte.

Galina musste im Krankenhaus bleiben. Nicht weil ich sie pflegte, sondern weil sie endlich akzeptierte, dass dafür ausgebildete Menschen zuständig waren.

Ich besuchte sie noch einmal.

Es war kurz nach sieben Uhr morgens. Auf ihrem Nachttisch stand ein unberührter Tee, dessen Zitronenscheibe bereits braun geworden war.

„Ich kann dir nichts zurückgeben“, sagte sie.

„Das stimmt nicht.“

„Was dann?“

„Du kannst aufhören, meinen Namen zu benutzen.“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Andrej liebt dich.“

„Liebe ist keine Entschuldigung für Betrug.“

„Wirst du ihn verlassen?“

Ich blickte auf den goldenen Armreif, den eine Krankenschwester in Galinas Schublade gefunden hatte. Die drei kleinen Sterne waren zerkratzt, aber noch zu erkennen.

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„Ich weiß es nicht“, sagte ich. „Aber er wird nicht mehr für mich entscheiden.“

Als ich das Zimmer verließ, wartete Andrej auf dem Flur. In seinen Händen hielt er Sofijkas Rucksack. Auf der Vorderseite war ein schiefes Stoffabzeichen einer gelben Straßenbahn angenäht.

„Sie wollte, dass du ihn bekommst“, sagte er.

„Wo ist sie?“

„Bei meiner Tante. Ich habe sie nicht zu meiner Mutter gebracht.“

Ich nahm den Rucksack.

„Gut.“

Andrej schluckte.

„Ich habe die Wohnung gekündigt.“

„Welche?“

„Unsere. Ich kann die Miete allein nicht bezahlen, wenn ich die Schulden übernehme.“

„Du übernimmst sie?“

„Ja. Den Kredit, die Firmenprüfung, alles, was ich verursacht habe.“

Ich betrachtete sein Gesicht. Er sah müde aus, älter als am Vortag.

„Und was erwartest du von mir?“

„Nichts.“

„Das ist das erste Vernünftige, das du heute gesagt hast.“

Er nickte.

Dann zog er einen kleinen Schlüssel aus der Tasche.

„Frau Melnik hat gesagt, du kannst das Buchhaltungsbüro ab Montag nutzen. Ich habe deine Schreibtischlampe hingebracht.“

Ich nahm den Schlüssel nicht.

„Das war nicht deine Entscheidung.“

„Nein. Deine.“

Er legte ihn auf die Bank zwischen uns und ging.

Ich blieb noch eine Weile sitzen. Nicht wegen ihm. Wegen Sofijkas Rucksack und des gelben Straßenbahnabzeichens, das sich an einer Ecke gelöst hatte.

Zu Hause legte ich den goldenen Armreif nicht zurück in meine Schmuckschatulle. Ich brachte ihn zur Pfandleihe und bezahlte damit die erste Rate des Kredits, den Andrej auf meinen Namen aufgenommen hatte.

Die drei Sterne verschwanden hinter dem Glas der Auslage.

Am Montag setzte ich mich in das kleine Büro neben der Straßenbahnhaltestelle. Vor mir lagen Rechnungen, Kontoauszüge und ein sauberer Vertrag mit meinem eigenen Namen.

Ich unterschrieb nicht sofort.

Ich las jede Zeile.

Draußen klingelte eine Straßenbahn, und Sofijka rief aus dem Flur: „Mama, die gelbe kommt!“

Ich hob den Kopf.

Auf dem Tisch lag der Vertrag, und darunter der Schlüssel zu einem Schreibtisch, den niemand für mich ausgesucht hatte.

„Dann steigen wir ein“, sagte ich zu ihr.

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