Um 23:47 Uhr behauptete der mächtigste Mann der Stadt, ich hätte ihn absichtlich im Aufzug eingesperrt, und zwei bewaffnete Männer stellten sich vor die Türen.
Ich hatte gerade die letzte Etage des Hochhauses gereinigt. Meine Finger rochen nach Zitronenmittel, in der Tasche meiner Arbeitsjacke lag eine zerknitterte Einkaufsliste meiner Großmutter, und in meinem Kopf rechnete ich zum hundertsten Mal aus, ob das Geld noch für ihre Medikamente reichen würde.
Dann betrat Viktor Hajduk den Aufzug.
Ich kannte sein Gesicht aus den Zeitungen. Die Leute in unserer Stadt sprachen seinen Namen leiser aus als andere Namen. Er besaß die Firmen, die Gebäude und offenbar auch die Angst vieler Menschen.
— Fahren Sie noch nach unten? — fragte er.
— Wenn der Aufzug funktioniert, ja.
Er sah mich an, als hätte ich etwas Ungehöriges gesagt. Sein Mantel war makellos, an seiner Manschette glänzte ein kleiner schwarzer Stein. Ich drückte den Knopf für das Erdgeschoss.
Der Aufzug ruckte.
Die Kabine sackte mehrere Zentimeter ab, die Lampen flackerten, und ein metallisches Krachen ließ meine Knie weich werden. Dann blieb alles stehen. Zwischen zwei Stockwerken.
Viktor schlug mit der Faust gegen das Bedienfeld.
— Lassen Sie das! — sagte ich.
Sein Kopf drehte sich langsam zu mir.
— Niemand sagt mir, was ich zu tun habe.
— Wenn Sie das Bedienfeld zerstören, kommen wir noch später hier heraus.
Aus dem Notruflautsprecher kam nur ein trockenes Knacken. Ich drückte die Taste erneut. Nichts.
Die Kabine war eng. Zu eng. Sein teures Parfüm vermischte sich mit dem scharfen Geruch der Reinigungsmittel, die an meinen Händen klebten. Als das Notlicht anging, stand Viktor plötzlich so nahe vor mir, dass ich seinen Atem hören konnte.
— Sie sind erstaunlich ruhig, Kira.
Ich erstarrte. Ich hatte ihm meinen Namen nicht genannt.
— Meine Karte steckt an meiner Jacke.
— Ich merke mir Gesichter.
Er hob die Hand und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Finger glitten über meine Wange.
Ich schlug seine Hand weg.
— Halten Sie Ihre Hände von mir fern.
Für einen Moment hörte ich nur das Summen der Notbeleuchtung.
Dann lächelte er. Nicht freundlich. Eher so, als hätte ich eine Grenze berührt, von der ich nichts wusste.
— Sie wissen nicht, mit wem Sie sprechen.
— Und Sie wissen offenbar nicht, dass Macht kein Recht gibt, andere anzufassen.
Das Lächeln verschwand nicht. Aber seine Augen wurden kalt.
Der Aufzug ächzte, setzte sich ruckartig in Bewegung und öffnete sich schließlich im Erdgeschoss. Draußen warteten zwei Männer mit Pistolen unter den Jacken. Einer packte meinen Arm.
— Hat sie Schwierigkeiten gemacht, Chef?
Viktor blickte auf die Finger an meinem Unterarm.
— Lassen Sie sie los.
Der Mann gehorchte sofort.
— Niemand berührt sie. Ist das klar?
Ich rannte hinaus, bis ich an der Bushaltestelle wieder atmen konnte.
Zu Hause schlief meine Großmutter. Unter einem Geschirrtuch stand ein Teller mit Kartoffeln, den sie für mich warm gehalten hatte. Ich stellte ihn in den fast leeren Kühlschrank und schloss mich in meinem Zimmer ein. Erst dort begann mein ganzer Körper zu zittern.
Am nächsten Morgen rief mein Vorgesetzter Boris an.
— Kira, die Geschäftsleitung glaubt, der Aufzug sei absichtlich beschädigt worden.
— Was habe ich damit zu tun?
— Die Leute von Hajduk wollen nicht, dass du zurückkommst, bis alles geklärt ist.
— Aber ich habe nichts getan!
— Ich weiß. Doch ich kann den Auftrag nicht riskieren.
Kurz danach begann das Telefon zu klingeln. Niemand sprach, wenn ich abnahm. Dreimal sah ich denselben schwarzen Wagen vor unserem Haus.
Als meine Großmutter eingeschlafen war, ging ich zur Kirche am Ende der Straße. Der Wagen folgte mir, überholte mich und versperrte den Weg.
Das Beifahrerfenster glitt herunter.
— Steigen Sie ein, Kira, — sagte Viktor.
Die hintere Tür stand offen.
— Wohin bringen Sie mich?
— An einen Ort, an dem Sie sicher sind.
Vorn saß Luka, der Wachmann aus dem Aufzug. Er reichte Viktor einen gefalteten Bogen Papier. Ich erkannte meine Dienstnummer und meinen Namen.
Unten stand eine Uhrzeit.
23:31 Uhr.
Sechzehn Minuten, bevor der Aufzug stehen geblieben war.
— Wer hat das unterschrieben? — fragte ich.
Viktor hielt mir das Papier hin. Ich nahm es, und genau in diesem Moment setzte sich der Wagen in Bewegung. Seine Finger deuteten auf die letzte Zeile, während er sagte:— Lesen Sie den Namen ganz genau…
TEIL 2
Ich beugte mich über das Papier, obwohl der Wagen über das Kopfsteinpflaster holperte. Die Unterschrift war hastig gesetzt, aber deutlich genug.
Marek Voss.
Leiter der Sicherheitsabteilung von Hajduk Bau.
— Dieser Mann hat mich nicht einmal gesehen, — sagte ich. — Woher will er wissen, dass ich eine Gefahr bin?
Viktor saß mir gegenüber. Sein Gesicht blieb unbewegt, doch sein Daumen strich immer wieder über die Kante seiner Uhr.
— Das ist die Frage, die ich Ihnen beantworten will.
— Sie haben mich entlassen lassen.
— Nein.
— Ihr Name steht auf dem Gebäude.
— Mein Name steht auf vielen Dingen. Nicht jede Entscheidung stammt von mir.
Der Wagen hielt vor einem unscheinbaren Bürohaus am Fluss. Keine Firmenzeichen, keine bewaffneten Männer vor dem Eingang. Nur eine kaputte Lampe, die bei jedem Windstoß gegen das Metallgehäuse klapperte.
Luka öffnete mir die Tür.
— Ich kann selbst gehen, — sagte ich.
— Das bezweifle ich nicht, — antwortete Viktor.
Im dritten Stock führte er mich in einen Raum mit einem Tisch, zwei Stühlen und einem Wasserkocher. Auf dem Tisch lag eine kleine Messingklammer, wie sie in unserem Büro für Schichtpläne benutzt wurde. An ihr hing ein Stück Papier mit meiner Arbeitszeit.
Ich nahm es hoch.
— Das war in meinem Spind.
Luka blieb an der Tür stehen.
— Wir haben es dort gefunden.
— Nachts war mein Spind abgeschlossen.
— Dann hatte jemand einen Schlüssel.
Viktor legte beide Hände auf den Tisch.
— In der Nacht wurden vier Zugangskarten benutzt. Ihre, meine, die von Luka und eine Karte, die offiziell seit zwei Wochen gesperrt ist.
— Wem gehörte sie?
Er antwortete nicht sofort.
Das Schweigen machte mich wütender als jede Drohung.
— Wenn Sie mich hergebracht haben, um mich einzuschüchtern, verschwenden Sie Ihre Zeit. Ich habe eine Großmutter zu versorgen und keinen Grund, für Ihre internen Machtspiele zu sterben.
Luka senkte den Blick.
Viktor sah ihn an.
— Sag ihr, was du vor dem Aufzug gesehen hast.
— Ich habe nichts gesehen.
— Du standest sechs Meter entfernt.
— Ich habe auf den technischen Dienst gewartet.
Ich spürte, wie sich meine Fingernägel in meine Handfläche bohrten.
— Der technische Dienst wusste also schon vorher, dass der Aufzug ausfallen würde?
Lukas Kiefer spannte sich an.
— Das habe ich nicht gesagt.
— Aber Sie haben es gedacht.
Viktor ging zum Fenster. Unten fuhr ein Lastwagen vorbei und ließ die Scheiben zittern.
— Vor drei Wochen verschwinden aus meiner Firma Lieferungen. Nicht aus dem Lager, sondern aus den Büchern. Jemand bezahlt für Dinge, die nie geliefert werden. Wer widerspricht, verliert seine Stelle oder verschwindet aus der Stadt.
— Und was soll ich damit zu tun haben?
— Sie reinigen nachts die Räume, in denen die Entscheidungen vorbereitet werden. Menschen übersehen Reinigungskräfte. Das ist ihr Fehler.
Ich erinnerte mich an die siebte Etage, an den Konferenzraum, aus dem in den letzten Nächten ein ungewöhnlicher Geruch gekommen war: heißes Papier, Lösungsmittel und etwas Süßliches, wie verbrannter Honig. Ich hatte dort einen feuchten Abdruck auf dem Boden gesehen, obwohl niemand ein Getränk verschüttet hatte.
— Ich habe nichts gestohlen, — sagte ich.
— Das behaupte ich nicht.
— Warum wurde ich dann zum Ziel?
Viktor drehte sich um.
— Weil Sie vielleicht etwas gehört haben.
In diesem Augenblick vibrierte sein Telefon. Er las die Nachricht, und die Farbe wich aus seinem Gesicht.
— Was ist passiert?
Er reichte mir das Gerät nicht. Stattdessen griff Luka in seine Jacke und legte einen zweiten Umschlag auf den Tisch.
Darauf stand nicht mein Name.
Darauf stand der Name meiner Großmutter.
— Woher haben Sie diese Adresse? — fragte ich.
Luka antwortete nicht.
Viktor riss den Umschlag auf, überflog den Inhalt und sah dann zu mir.
— Sie müssen mir sofort sagen, ob heute jemand bei Ihnen zu Hause war.
Ich dachte an den schwarzen Wagen, an die stillen Anrufe und an die Wohnungstür, die am Morgen einen Spalt offen gestanden hatte.
— Ich weiß es nicht.
Da klingelte mein eigenes Telefon.
Es war die Nummer meiner Wohnung.
Ich nahm ab.
Eine fremde Stimme flüsterte nur einen Satz: „Kira, kommen Sie nicht zurück.“
Dann hörte ich hinter der Stimme das schwere Atmen meiner Großmutter…
TEIL 3
Ich sprang auf, doch Viktor hielt meinen Arm nicht fest. Er trat nur zur Seite und zeigte auf Luka.
— Ruf die Nachbarin an. Sofort.
Luka wählte. Seine Stimme klang hart, bis die Nachbarin abhob. Dann veränderte sich sein Gesicht.
— Frau Seidel, gehen Sie nicht in unsere Wohnung. Bleiben Sie auf dem Flur. Sagen Sie mir, ob die Wohnungstür offen steht.
Er lauschte.
— Und meine Großmutter?
Luka schloss kurz die Augen.
— Sie sitzt im Wohnzimmer. Sie ist unverletzt.
Meine Knie gaben nach. Viktor schob mir einen Stuhl hin.
— Wir fahren hin.
— Warum sollte ich Ihnen vertrauen?
— Das müssen Sie nicht. Sie müssen nur verstehen, dass derjenige, der Ihnen droht, gerade versucht, seine eigene Spur zu beseitigen.
Zwanzig Minuten später standen wir im Treppenhaus unseres Hauses. Frau Seidel wartete im Morgenmantel neben unserer Tür und hielt eine Bratpfanne in beiden Händen.
— Der Mann ist vor fünf Minuten gegangen, — sagte sie. — Er trug eine graue Arbeitsjacke.
In der Wohnung roch es nach Kamillentee. Meine Großmutter saß blass im Sessel, den abgewetzten Schal um die Schultern.
— Ich habe ihm nichts gesagt, — flüsterte sie.
— Wem?
Sie sah Viktor an und begann zu zittern.
— Dem Mann, der gestern Nacht vor der Tür stand. Er fragte nach dir. Ich habe ihn nicht hereingelassen.
Auf dem Teppich lag ein kleiner Metallsplitter. Ich hob ihn auf. Darauf war ein eingeprägtes Zeichen: ein Kreis mit einem schmalen Schnitt in der Mitte.
Luka wurde bleich.
— Das ist von der Zugangskarte der alten Sicherheitsgruppe.
Viktor wandte sich abrupt zu ihm.
— Du hast gesagt, diese Karten seien vernichtet worden.
— Das dachte ich.
— Du hast die Vernichtung unterschrieben.
Luka sah zu Boden.
— Ich habe die Liste unterschrieben. Nicht die Vernichtung.
Der Raum schien enger zu werden. Ich legte den Splitter auf den Tisch.
— Sie wussten, dass die Karte noch existiert.
— Ich wusste, dass eine Karte fehlt, — sagte Luka. — Ich wusste nicht, wer sie hat.
— Und warum haben Sie im Wagen gesagt, das Schreiben sei ein Fehler?
Luka fuhr sich über den Mund.
— Weil ich den Auftrag gesehen habe, bevor er in das System eingetragen wurde. Voss verlangte, dass Ihre Karte um 23:31 Uhr gesperrt wird. Aber Ihre Karte wurde erst um 23:58 Uhr benutzt, als Sie schon mit Viktor im Aufzug festsaßen.
Viktor starrte ihn an.
— Wer hat sie benutzt?
Luka zog ein gefaltetes Formular aus der Tasche. Es war ein altes Papierformular, mit einem blauen Firmenstempel und einer handschriftlichen Bestätigung versehen.
— Marek Voss. Er hat die Sperre angeordnet und danach Ihre Karte verwendet, um die siebte Etage zu betreten.
— Warum? — fragte ich.
Luka legte das Formular vor mich.
— Weil er wollte, dass man glaubt, Sie hätten dort etwas vorbereitet.
Viktor nahm das Blatt. Seine Finger zitterten kaum sichtbar.
— Was war in der siebten Etage?
— Der Raum mit den Lieferverträgen, — sagte ich. — Und der Geruch nach Lösungsmittel.
Viktor sah mich an.
— Dort werden die gefälschten Rechnungen hergestellt.
Die Wahrheit traf mich wie ein Schlag. Ich war nicht zufällig in den Aufzug geraten. Man hatte mich als Schuldige ausgewählt, bevor ich Viktor überhaupt begegnet war.
Da klopfte es an der Wohnungstür.
Niemand bewegte sich.
Ein zweites Klopfen folgte. Schwer. Geduldig.
Meine Großmutter griff nach meiner Hand.
Viktor hob den Kopf.
— Voss weiß, dass wir es herausgefunden haben.
Unter der Tür wurde ein weiterer Umschlag hindurchgeschoben.
Darauf stand nur ein Satz: „Wenn Hajduk die Wahrheit liest, wird er wissen, wer ihn verraten hat.“
Viktor riss den Umschlag auf. Während seine Augen über die erste Seite liefen, klingelte draußen ein Telefon.
Sein eigenes.
Er nahm ab.
Eine Stimme sagte:— Ihre Großmutter ist nicht die Einzige, die ich erreichen kann…
Die Unterschrift auf dem Formular veränderte plötzlich alles…
Ich glaubte, den Verräter endlich zu kennen. Doch dann entdeckte ich, dass die Wahrheit viel weiter zurückreichte.
Und diesmal konnte ich niemandem erlauben, sie wieder verschwinden zu lassen.
„Ich bin nicht nur getäuscht worden. Ich habe es zugelassen.“
Da wusste ich, dass die nächste Entscheidung bei mir lag.
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