PART 4
„…und wenn der Weg verschüttet wird, kommt niemand mehr zu euch hinauf“, sagte Nora.
Draußen donnerte der Berg.
Nicht laut wie ein Gewitter. Tiefer. Schwerer. Der Boden unter meinen Füßen bewegte sich, und aus den Regalbrettern fielen zwei Blechbecher.
Samuel begann zu weinen.
Dr. Mercer riss ihn vom Tisch und drückte ihn an sich. „Die zweite Dosis bekommt er später. Jetzt müssen wir hier weg.“
„Wohin?“ fragte ich.
Nora zeigte auf die hintere Wand. „Es gibt einen alten Versorgungsschacht. Clara kannte ihn.“
Amos starrte sie an. „Du warst dort?“
„Ich war dort, als Gideon die Sprengladung versteckte.“
„Und warum hast du geschwiegen?“
Nora hielt ihm die Briefe entgegen. „Weil ich eine Enkelin hatte, die bei Gideon arbeitete. Er drohte, sie aus dem Tal zu jagen. Ich war feige.“
„Du hättest Clara retten können.“
Nora senkte den Kopf. „Ja.“
Das eine Wort war schlimmer als eine Ausrede.
Amos griff nach seiner Flinte.
„Ich hole Gideon.“
„Du gehst nirgendwohin“, sagte ich.
„Er sprengt den Berg.“
„Und Samuel erstickt, wenn du ihn hier liegen lässt.“
Amos sah zu seinem Sohn. Der Kleine lag in Dr. Mercers Armen, blass, aber lebendig. Ben kniete daneben. Hattie stand mit dem rostigen Messer vor der Tür.
„Ich kann nicht beides tun“, sagte Amos.
„Doch“, erwiderte ich. „Du kannst anfangen, nicht mehr allein zu entscheiden.“
Ich nahm die Laterne und schlug sie gegen die lose Wandbohle. Das Holz splitterte. Dahinter öffnete sich ein enger schwarzer Schacht, aus dem kalte Luft strömte.
„Ben, du gehst hinter Dr. Mercer. Hattie, du bleibst bei Samuel. Nora, du führst uns.“
Amos hob den Kopf. „Und du?“
„Ich komme zuletzt.“
„Nein.“
„Das war keine Bitte.“
Hattie schob das Messer in ihren Gürtel. „Ich helfe Ava.“
Wir krochen durch den Schacht, während über uns weitere Steine krachten. Der Gang roch nach feuchter Erde und altem Rauch. Meine Knie rutschten über scharfkantige Felsen. Hinter mir hörte ich Amos schwer atmen, doch er trug Samuel, damit Dr. Mercer die Hände frei hatte.
Nach wenigen Metern blieb Nora stehen.
„Hier ist die Abzweigung.“
Vor uns führten zwei Gänge auseinander. Einer stieg zur alten Seilbahn hinauf. Der andere endete an einer hölzernen Tür.
„Die Tür“, sagte Amos. „Gideon würde zur Seilbahn gehen.“
Nora schüttelte den Kopf. „Er kennt den Gang. Er wusste immer, dass die Tür klemmt.“
Ein dumpfer Schlag ließ Staub von der Decke rieseln.
„Zur Seilbahn“, sagte ich.
Amos sah mich an. „Wenn du dich irrst—“
„Dann irren wir uns gemeinsam.“
Wir nahmen den rechten Gang.
Die alte Seilbahnstation lag hinter einem Felsvorsprung. Ein morsches Dach hing über den Schienen. Gideon stand am Rand des Abgrunds und hielt eine brennende Fackel in der Hand. Unter ihm verlief die Leitung, die das Wasser vom Berg ins Tal brachte.
Neben seinen Füßen lagen drei kleine Fässer.
„Noch einen Schritt“, rief er, „und die Quelle gehört niemandem.“
Amos stellte Samuel vorsichtig auf eine Decke. Dr. Mercer kniete sofort neben ihm.
„Gideon“, sagte Amos, „komm herunter.“
„Du hast immer geglaubt, dieser Berg sei deiner.“
„Er gehört den Kindern.“
„Den Kindern?“ Gideon lachte. „Du hast sie verhungern lassen, während du deinen Schmerz bewacht hast wie ein Schatz.“
Amos’ Gesicht veränderte sich.
Hattie trat neben ihn. „Du hast Mama sterben lassen.“
Gideon sah sie an. „Deine Mutter war schon verloren.“
„Nein“, sagte Dr. Mercer. „Sie hätte überlebt.“
Gideon hob die Fackel.
Ich sah auf den Boden. Zwischen den Bohlen verlief ein dünnes Zündkabel. Es führte nicht zu den Fässern, sondern zu einer Kiste neben Gideons Stiefel.
„Gideon“, sagte ich, „du hast die falsche Leitung erwischt.“
Er erstarrte.
„Was?“
„Die Quelle liegt unter der alten Tür. Dort hast du den Sprengstoff platziert. Wenn du ihn zündest, stürzt der Versorgungsschacht ein. Die Wasserleitung bleibt offen.“
Nora sah mich scharf an. „Woher weißt du das?“
„Ich habe die alten Markierungen gesehen. Clara hat sie in ihrem Heft eingezeichnet.“
Ich hielt den verbrannten Brief hoch. Auf der Rückseite befand sich eine kleine Zeichnung: drei Striche, ein Kreis und ein Pfeil.
Gideon blickte auf das Papier. Sein Gesicht wurde dunkel.
„Gib mir das.“
„Du willst gar nicht den Berg“, sagte ich. „Du willst, dass Amos glaubt, er hätte alles verloren. Dann verkauft er dir den unteren Wald für einen Preis, den du selbst bestimmst.“
Amos sah seinen Bruder an.
Gideon wich zurück. „Du verstehst nichts.“
„Doch“, sagte Amos. „Du wolltest die Quelle.“
„Die Quelle hätte das Tal reich gemacht!“
„Und Clara?“
Gideon schrie: „Clara hätte geredet! Sie hätte alles zerstört!“
Der Wind riss ihm die Fackel aus der Hand. Sie fiel auf das nasse Holz und erlosch.
Niemand bewegte sich.
Gideon sah auf seine eigenen Hände, als hätte er gerade erst bemerkt, was er gesagt hatte.
Amos ging nicht auf ihn los. Er hob nur die Kiste mit den Fässern an und schleuderte sie in den leeren Schacht. Sie zerbarst tief unten. Der Sprengstoff verteilte sich im Schlamm.
„Du gehst zurück ins Tal“, sagte Amos.
Gideon lachte heiser. „Und dann?“
„Dann erzählst du jedem, warum du die Quelle sprengen wolltest.“
„Du glaubst, sie werden dir glauben?“
Nora trat vor und legte die Quittungen auf das nasse Holz. „Sie müssen dir nicht glauben. Sie müssen nur lesen können.“
Gideon sah die Briefe, die Quittungen und Claras Nachricht. Seine Schultern sanken.
Doch bevor er antworten konnte, stieß Amos ihn zur Seite und rannte zu Samuel.
Der Junge bekam keinen Atemzug mehr.
Dr. Mercer legte zwei Finger an seinen Hals. „Ava, halt seinen Kopf.“
Ich kniete mich in den Schlamm und nahm Samuel an mich. Sein Körper war heiß und schlaff. Hattie weinte lautlos. Ben stand mit geballten Fäusten daneben.
„Nein“, flüsterte ich. „Nicht jetzt.“
Dr. Mercer zog die Spritze auf.
Amos griff nach meiner Hand. „Er bleibt bei uns.“
„Dann halt ihn fest.“
Dr. Mercer setzte die Nadel. Samuel zuckte. Ein langer, rauer Atemzug brach aus seiner Brust.
Dann noch einer.
Das Rasseln wurde dünner.
Samuel öffnete die Augen.
Hattie fiel auf die Knie. Ben drehte sich weg und weinte in beide Hände. Amos beugte den Kopf über seinen Sohn, ohne ihn zu berühren, als fürchte er, der kleinste Druck könne ihn wieder fortreißen.
Dr. Mercer setzte sich erschöpft auf einen Stein.
„Er lebt“, sagte er.
Amos sah zu ihm. „Ich habe dir Unrecht getan.“
„Das weißt du.“
„Ich hätte dich damals holen müssen.“
„Ja.“
Amos nickte. Keine Entschuldigung. Kein Versuch, die Schuld kleiner zu machen.
Dann ging er zu Nora.
„Warum hast du Claras Briefe behalten?“
Nora strich über das zerknitterte Papier. „Weil ich wusste, dass irgendwann jemand kommen würde, der nicht akzeptiert, dass alle nur überlebt haben.“
Sie sah mich an.
Ich wusste, dass sie Ava meinte, obwohl sie meinen Namen nicht sagte.
Am Morgen brachte uns eine Gruppe Männer aus dem Tal über die alte Seilbahn zurück. Der Bergweg war an zwei Stellen verschüttet, aber die Wasserleitung war unbeschädigt. Gideon musste vor allen Bewohnern des Tals erklären, wie er die Schuld erfunden und die Sprengung vorbereitet hatte. Niemand schlug ihn. Niemand musste es tun. Die Menschen, die jahrelang auf seine Versprechen angewiesen gewesen waren, trugen seine Fässer aus dem Schuppen und stellten sie vor seine eigene Tür.
Der Kaufvertrag wurde verbrannt.
Nicht von Amos.
Von Hattie.
Sie hielt das Papier über die Flamme des Ofens und sah zu, wie die Schrift sich kräuselte.
„Das ist für Mama“, sagte sie.
Amos stand hinter ihr. „Und für Ava.“
Hattie drehte sich um. „Ava bleibt?“
Alle sahen mich an.
Ich blickte auf die Hütte, die immer noch nach Rauch roch. Auf den Tisch, an dem Ben inzwischen saß. Auf Samuel, der in Dr. Mercers Decke schlief. Auf Amos’ Mantel, dessen roter Berglöwe am Kragen fast vollständig aufgerissen war.
Ich hatte nicht geheiratet, um eine Familie zu retten.
Ich hatte geheiratet, weil ich glaubte, irgendwo müsse es einen Ort geben, an dem ein Mensch gebraucht wurde, ohne darum betteln zu müssen.
Aber gebraucht zu werden war nicht dasselbe wie geliebt zu werden.
Also sah ich Amos an.
„Ich bleibe nicht als Ersatz für Clara“, sagte ich.
„Das habe ich nie verlangt.“
„Und ich bleibe nicht, wenn du wieder schweigst, sobald du Angst bekommst.“
„Dann werde ich reden.“
„Auch wenn es dir wehtut.“
„Gerade dann.“
Hattie nahm meine bandagierte Hand. Ben stellte wortlos einen sauberen Teller vor mich. Samuel hustete schwach, aber sein Atem blieb frei.
Amos ging zum Tisch und zog den Stuhl neben mir heran.
Er setzte sich nicht sofort.
Er wartete, bis ich nickte.
Dann nahm er Platz.
Unter dem Tisch berührte Samuels kleiner Fuß meinen Stiefel. Ich legte meine Hand darauf. Neben mir strich Hattie über das verbrannte Stück Vertrag, das noch zwischen ihren Fingern klebte.
„Ava“, sagte sie, „kannst du mir beibringen, wie man meinen Namen auf die richtige Weise schreibt?“
Ich nahm ein Stück Holzkohle und schrieb ihren Namen auf die Rückseite von Gideons Quittung.
Hattie betrachtete die Buchstaben lange.
Dann sagte sie: „Jetzt weiß jeder, wem der Berg nicht gehört.“
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