TEIL 4
…ich sah die dritte Silhouette genau in dem Moment, in dem die Stimme im Funkgerät verstummte.
Sie stand nicht beim Tankwagen.
Sie stand hinter uns.
„Captain“, sagte ich, „nicht zum Steinbruch sehen. Nach rechts.“
Walker riss das Fernglas hoch. Der Rauch trieb über den Hang, aber zwischen zwei Bögen davon zeichnete sich ein dunkler Lauf ab, der direkt auf das Kommandopostenzelt zeigte.
„Alle runter!“
Der Schuss zerriss die Luft.
Die Funkantenne auf dem Zeltdach brach entzwei. Funken sprühten herab, und das Funkgerät auf Walkers Tisch fiel aus.
Mitchell stürzte auf die Knie.
„Sie haben mich belogen“, sagte er.
Niemand antwortete ihm.
Ich legte mich hinter die Sandsäcke und suchte durch die Optik den Grat ab. Der Schütze war bereits verschwunden. Nur ein Stück helles Tuch bewegte sich zwischen den Felsen.
„Diaz, linke Kante des Vorsprungs. Nicht schießen. Sag mir, ob du eine zweite Person siehst.“
„Ich sehe eine.“
„Nur eine?“
„Nein. Zwei.“
Ich richtete das Gewehr auf die Stelle, an der der zweite Schatten gerade hinter einem Stein verschwand. Der Schütze am Kommandoposten war nicht gekommen, um uns zu töten. Er wollte uns in Deckung zwingen, damit die Männer am Tankwagen Zeit gewannen.
„Walker, der Tankwagen ist das Ziel. Nicht der Steinbruch.“
„Das Mädchen?“
„Ein Köder.“
Mitchell sah mich an, als hätte ich ihm ins Gesicht geschlagen.
„Meine Tochter ist dort.“
„Vielleicht. Aber sie wollen, dass Sie nur noch auf sie sehen.“
Ich deutete auf den Tankwagen. Unter dem hinteren Fahrgestell klebte ein dunkler Kasten. Kein Teil des Wagens. Eine Sprengladung.
„Der Tankwagen soll die Kehre erreichen. Dort stehen vierhundert Menschen in seiner Nähe.“
Walker verstand.
„Boone! Evakuierungsroute sperren. Niemand an die Kehre!“
Das Funkgerät war tot. Boone konnte ihn nicht hören.
Farid hob plötzlich den Helm vom Boden auf. Darunter lag ein kleines Handfunkgerät mit einer grünen Lampe.
„Das habe ich im Wartungsschacht gefunden“, sagte er.
Walker griff danach. Das Gerät war nicht beschädigt.
„Auf welchem Kanal?“
Farid zeigte auf einen Aufkleber an der Seite.
„Drei.“
Walker drückte die Sprechtaste.
„Boone, hier Walker. Sperren Sie die Kehre sofort.“
Eine Stimme antwortete, aber nicht Boone.
„Zu spät, Captain.“
Mitchell schloss die Augen.
Ich kannte die Stimme. Sergeant Prine.
Der Mann aus dem Speisezelt.
„Prine“, sagte Walker, „wo sind Sie?“
„Bei der Straße.“
„Nehmen Sie Ihre Leute zurück.“
Prine lachte.
„Welche Leute? Die Hälfte steht schon dort, wo sie stehen soll.“
Ich sah auf die Karte. Plötzlich passte alles zusammen: die Spuren am Bachbett, die gelben Markierungen, die beiden Stellungen und die Männer, die sich angeblich nur über mich lustig gemacht hatten.
Mitchell hatte die Route verraten.
Aber Prine hatte den Plan übernommen.
Der Schuss auf die Kiste war nie nur eine Warnung gewesen. Er hatte uns gezwungen, den Blick vom Konvoi wegzunehmen. Währenddessen hatten Männer aus unserem eigenen Zug die Straße besetzt.
„Prine“, sagte ich, „du hast die Sprengladung nicht gebaut.“
Am anderen Ende wurde es still.
„Was soll das heißen?“
„Die Verkabelung ist falsch. Wenn der Tankwagen an der Kehre detoniert, wird nicht nur der Wagen zerstört. Die Druckwelle trifft eure eigenen Leute an der Leitplanke.“
Ich log. Aber ich wusste, dass Prine den Tankwagen nicht selbst geprüft hatte.
„Du bluffst“, sagte er.
„Dann bleib dort.“
Ich sah, wie Mitchell mich anstarrte.
„Was machst du?“
„Ich gebe ihm eine Möglichkeit, seine Männer zu retten.“
Prine atmete schwer.
„Die Ladung geht bei der nächsten Kurve hoch.“
„Nein. Sie geht hoch, sobald du den Zünder auslöst.“
„Woher weißt du das?“
„Weil dein Zünder am hinteren Fahrgestell hängt und der Tankwagen gerade quer steht. Du hast keinen freien Blick darauf.“
Es war ein riskanter Satz. Ich wusste nicht, ob die Ladung ferngesteuert war.
Dann bewegte sich der Tankwagen.
Der Fahrer hatte den Wagen wieder gerade gestellt.
„Er fährt zur Kehre“, rief Diaz.
„Nicht schießen!“ brüllte ich.
Mitchell wollte aufspringen. Ich packte ihn am Gürtel.
„Bleiben Sie unten!“
„Meine Tochter ist dort!“
„Und wenn Sie jetzt loslaufen, sterben vielleicht alle.“
Er schlug meine Hand weg.
„Du hast keine Kinder.“
„Nein. Aber ich sehe die Ladung.“
Er erstarrte.
Auf der Straße tauchte ein kleiner Körper auf. Das Kind trug tatsächlich ein rotes Tuch. Doch es war nicht Lena. Es war ein Junge, höchstens acht Jahre alt, der von einem bewaffneten Mann am Arm gehalten wurde.
Farid stieß einen Laut aus.
„Das ist Samir. Der Sohn meiner Schwester.“
Mitchell wich zurück.
„Sie haben ihn auch genommen.“
Der Tankwagen rollte weiter.
Ich legte die Waffe an. Nicht auf den Mann. Auf die Kette des Ersatzrades neben dem hinteren Tank.
„Wenn ich die Kette treffe, kippt der Wagen an der Böschung“, sagte ich.
Walker sah zur Straße.
„Dann kann er die Kehre blockieren.“
„Und die Ladung bleibt von den Menschen weg.“
„Carter, der Schuss geht in Richtung Geisel.“
„Ich weiß.“
Meine Finger lagen ruhig am Abzug. Innen fühlte es sich an, als würde mein Brustkorb brechen.
„Warten“, sagte Mitchell.
Er nahm das Funkgerät.
„Prine, hier Mitchell.“
„Was willst du?“
„Du hast gesagt, du willst einen offenen Weg für alle. Dann lass das Kind laufen.“
„Du bist nicht mehr in der Position, Forderungen zu stellen.“
„Doch. Weil ich weiß, dass die Ladung nicht von dir stammt.“
Wieder diese Pause.
Mitchell blickte zu mir.
„Der Mann am Tankwagen hat sie angebracht. Er arbeitet für die Leute am Grat. Du bist nur der Idiot, der ihnen die Straße geöffnet hat.“
Prine fluchte.
„Du solltest die Korporalin loswerden.“
Mitchells Gesicht wurde bleich.
„Was?“
„Sie war das Problem. Nicht die Route. Sie hat alles gesehen.“
Walker griff nach dem Funkgerät, doch Mitchell hielt es fest.
Prine sprach weiter.
„Du dachtest wirklich, sie würden Lena zurückgeben?“
Mitchells Hand begann zu zittern.
„Wo ist meine Tochter?“
„Im alten Steinbruch. Wenn sie noch lebt.“
Farid schlug sich die Hand vor den Mund. Ich sah, wie etwas in Mitchell zerbrach, aber diesmal ging er nicht auf Prine los.
Er wandte sich an mich.
„Schießen Sie auf die Kette.“
„Sergeant—“
„Ich habe sie dorthin geführt. Ich hole sie nicht zurück, indem ich noch mehr Menschen sterben lasse.“
Der Tankwagen war nur noch wenige Meter von der Kehre entfernt.
Ich setzte das Fadenkreuz auf die Kette.
Der Wind kam von links. Stark genug, um den Schuss um eine Handbreit zu versetzen.
Ich korrigierte.
Dann drückte ich ab.
Die Kette riss. Das Ersatzrad sprang ab, der Wagen geriet ins Schlingern und rutschte quer gegen die äußere Böschung. Der Tank blieb stehen, nur wenige Meter vor der Kehre.
Der bewaffnete Mann riss den Jungen herum.
Ein zweiter Schuss kam vom Grat.
Er traf den Boden neben dem Kind.
Farid rannte los.
Walker brüllte ihm nach, aber Farid lief weiter, duckte sich hinter dem umgestürzten Wagen weg und zog den Jungen in den trockenen Graben.
Ich suchte den Grat ab. Der Schütze hatte den Lauf gewechselt. Zwischen zwei Felsen sah ich seine Schulter.
Diesmal feuerte ich nicht.
Ich zielte auf den Stein direkt neben seinem Kopf und drückte ab.
Der Einschlag schleuderte Splitter in die Luft. Der Mann ließ seine Waffe fallen und verschwand hinter dem Grat.
„Er läuft“, sagte Diaz.
„Lass ihn.“
Ich drehte mich zu Mitchell um.
Er stand noch immer neben Walker. In seiner Hand hielt er das Papier mit der Uhrzeit aus dem Steinbruch.
„Ich gehe dorthin“, sagte er.
Walker hob die Waffe.
„Sie bleiben hier und erzählen mir, wie viele Männer beteiligt sind.“
„Meine Tochter—“
„Wenn sie dort ist, schicken wir ein Team. Wenn Sie allein losgehen, sterben Sie, bevor Sie den ersten Felsen erreichen.“
Mitchell sah mich an.
„Carter, bitte.“
Das Wort klang falsch in seinem Mund. Nicht wie eine Bitte an eine Untergebene. Wie die Bitte eines Vaters, der alles verloren hatte, lange bevor er es begriff.
Ich nahm ihm das Papier ab.
„Wie heißt Ihre Tochter?“
„Lena.“
„Wie alt?“
„Neun.“
„Was trägt sie?“
Er schloss die Augen.
„Eine gelbe Haarspange. Auf der linken Seite. Sie hasst es, wenn sie schief sitzt.“
Ich wandte mich an Walker.
„Ich kenne einen Weg in den Steinbruch, den die Männer am Grat nicht sehen können.“
„Sie bleiben nicht allein.“
„Diaz kommt mit.“
Diaz schluckte, stellte sich aber neben mich.
„Boone ebenfalls“, sagte Walker. „Und Farid führt uns bis zum alten Wasserbecken.“
Mitchell wollte folgen.
Walker packte ihn an der Weste.
„Sie kommen mit, weil Sie den Weg kennen. Nicht, weil ich Ihnen vertraue.“
„Verstanden.“
Wir erreichten den Steinbruch kurz vor Sonnenuntergang. Der Tankwagen blockierte noch immer die Kehre, aber niemand kam ihm nahe. Die Männer am Grat waren geflohen. Prine fand man im Wartungsschacht, den roten Faden noch an seinem Ärmel. Er hatte sich nicht gewehrt, als Boone ihn herauszog.
Im Steinbruch hörten wir ein leises Klopfen unter einer Metallplatte.
Mitchell stürzte vor.
„Lena!“
„Papa?“
Er sank auf die Knie und riss die Platte hoch. Darunter saß ein Mädchen mit staubigem Gesicht und einer schiefen gelben Haarspange.
Mitchell zog sie an sich.
Lena weinte nicht. Sie hielt nur seine Weste fest.
„Ich wusste, dass du kommst“, sagte sie.
Er presste die Stirn gegen ihr Haar.
„Ich hätte früher kommen müssen.“
„Aber du bist jetzt da.“
Hinter uns blieb Walker stehen. Er sah zu Mitchell, dann zu mir.
„Der gefälschte Befehl, die beiden Feuerstellungen und die Route werden dokumentiert“, sagte er. „Aber das Kind hat gerade Vorrang.“
Mitchell nickte.
„Ich werde alles aussagen.“
„Auch über Prine?“
„Über jeden.“
Ich sah auf mein Gewehr. Der Kratzer am Koffer war noch da. Die Optik hatte gehalten. Meine Waffe ebenso.
Mitchell bemerkte meinen Blick.
„Carter.“
Ich wartete.
„Es tut mir leid wegen des Koffers.“
Ich antwortete nicht sofort.
Dann sagte ich: „Es tut mir nicht leid, dass ich ihn geöffnet habe.“
Er verstand nicht.
„Wenn ich ihn nicht geprüft hätte, hätte ich vielleicht geglaubt, Sie wollten mich nur beleidigen. Dann hätte ich den Berg nicht so genau angesehen.“
Mitchell blickte zur Kehre, wo der Tankwagen schräg in der Böschung stand wie ein schwarzes, aufgebrochenes Tier.
„Sie hätten mich gehen lassen können“, sagte er.
„Ich hätte Lena nicht gefunden.“
Das war alles.
Später brachte Farid den Jungen zu seiner Familie zurück. Diaz schrieb die Koordinaten der dritten Stellung auf. Boone nahm Prine die Waffe ab. Walker ließ den Konvoi erst weiterfahren, als jeder einzelne Felsgrat überprüft war.
Am nächsten Morgen stand Mitchell vor dem beschädigten Gewehrkoffer. Neben ihm wartete Lena und hielt die gelbe Haarspange fest, damit sie nicht wieder verrutschte.
„Was passiert mit meinem Vater?“ fragte sie.
Ich sah zu Mitchell.
„Er wird die Wahrheit erzählen.“
Lena nickte, als wäre das eine Aufgabe, die man erledigen konnte, wenn man nur blieb, bis sie fertig war.
Mitchell hob meinen Koffer auf. Diesmal vorsichtig, mit beiden Händen.
Er brachte ihn nicht zu mir.
Er stellte ihn neben das Fernrohr und sagte zu Lena: „Sieh hin. Von hier aus rettet man Menschen.“
Lena legte die Finger an die Optik, ohne sie zu berühren.
Dann zeigte sie auf den Grat.
„Papa“, sagte sie, „der Felsen dort hat eine andere Form.“
Ich nahm das Gewehr, trat neben sie und stellte das Fernrohr scharf.
Der Berg schwieg.
Aber jetzt hörte jeder hin.
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