Ich wurde als seine Braut verspottet, doch als Andreas mich vor allen an sich zog, verschwand sein Lächeln

Der junge Knecht hatte kaum ausgesprochen, da hob Andreas die Hand, und auf dem Hof verstummten sogar die Pferde.

„Was hast du gesagt, Lukas?“

Seine Stimme war nicht laut. Gerade deshalb wurde es still.

Lukas lehnte noch immer am Scheunentor. Zwischen seinen Fingern drehte er einen rostigen Hufnagel, als wäre die ganze Sache ein harmloser Spaß. Hinter ihm roch die Scheune nach Heu, Leder und warmem Staub. Ich spürte, wie sich meine Nägel in den Stoff meiner Schürze bohrten.

„Ich habe nur gesagt, dass unser Herr offenbar einen besonderen Geschmack hat“, erwiderte Lukas. „Das wird man doch noch sagen dürfen.“

Der alte Arbeiter, Jakob, senkte den Blick.

Andreas trat einen Schritt vor.

„Du darfst vieles sagen. Aber nicht auf meinem Hof, wenn du glaubst, ich würde darüber lachen.“

Lukas’ Grinsen rutschte ihm aus dem Gesicht.

„Sie ist doch nicht einmal—“

„Noch ein Wort“, unterbrach Andreas ihn, „und du gehst heute nicht durch das Tor hinaus. Du wirst getragen.“

Mein Herz schlug so heftig, dass ich kaum hören konnte, was danach geschah. Ich war es gewohnt, dass Männer über mich lachten. Ich war es nicht gewohnt, dass jemand ihretwegen wütend wurde.

Andreas wandte sich mir zu.

„Du bist müde. Marta zeigt dir das Zimmer.“

„Ich brauche kein Zimmer, das man mir zeigt“, sagte ich schärfer als beabsichtigt. „Ich kann selbst gehen.“

Seine Augen ruhten einen Moment auf meinem Gesicht. Nicht auf meinem Körper. Auf meinem Gesicht.

„Das weiß ich.“

Marta, die Haushälterin, führte mich durch den Flur. Die Dielen knarrten unter meinen Schritten. An der Wand hing ein gerahmtes Bild von einer schmalen Frau mit hellen Zöpfen. Ihr Lächeln war so traurig, dass ich sofort wusste, wer sie sein musste.

„Seine erste Frau?“ fragte ich.

Marta blieb stehen.

„Elisabeth. Sie ist vor drei Jahren gestorben.“

„Und deshalb heiratet er nun mich?“

Die Haushälterin strich über eine Kerbe im Türrahmen.

„Frag ihn selbst.“

Das Zimmer lag am Ende des Flurs. Auf dem Bett stand eine kleine Schachtel aus dunklem Holz. Darin fand ich ein Paar neue Handschuhe, dick und braun, mit einer Messingschnalle am Handgelenk. Auf der Innenseite war mein Name eingenäht.

I. Sorenko.

Ich hielt die Handschuhe hoch.

„Wann wurden die angefertigt?“

Marta antwortete nicht sofort.

„Vor zwei Wochen.“

„Vor zwei Wochen kannte Andreas mich noch gar nicht.“

„Vielleicht kannte er deinen Namen.“

Unten schlug eine Tür. Dann hörte ich Andreas’ Stimme, gedämpft, aber hart.

„Du hast in meinem Büro nichts verloren, Lukas.“

Ich trat näher an die Treppe. Durch das Geländer sah ich, wie Lukas vor Andreas stand. In seiner Hand hielt er einen Schlüsselbund.

„Ich wollte nur nach dem Viehbuch sehen.“

„Das Viehbuch liegt nicht in meinem verschlossenen Schrank.“

Lukas wurde blass.

Andreas nahm ihm den Schlüssel ab. Dabei fiel ein schmaler Umschlag auf die Dielen.

Ich erkannte das Siegel sofort. Es war das Wappen des Notars aus meinem Heimatort, jenes Mannes, der mir vor drei Monaten erklärt hatte, ich hätte keinen Anspruch auf den kleinen Hof meines verstorbenen Vaters.

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Andreas hob den Umschlag auf und sah zu mir hinauf.

Zum ersten Mal wirkte er nicht zornig, sondern erschrocken.

„Irina“, sagte er, „du solltest diesen Brief nicht sehen.“

Ich ging die Treppe hinunter.

„Dann hätte er nicht in Lukas’ Hand sein dürfen.“

Andreas presste den Umschlag gegen seine Handfläche. Hinter ihm knarrte die Tür zum Büro, weil der Wind sie langsam aufdrückte. Auf dem Tisch lag eine dicke braune Akte, und obenauf zeichnete sich mein Name ab.

Ich streckte die Hand danach aus. Andreas griff gleichzeitig nach dem Ordner…

TEIL 2

Andreas’ Finger lagen bereits auf dem Ordner, als ich seine Hand zurückstieß.

„Gib ihn her.“

Der Ordner rutschte über den Tisch. Eine Metallklammer sprang auf, und mehrere vergilbte Blätter glitten zu Boden. Eines davon blieb direkt vor meinen Stiefeln liegen.

Oben stand mein vollständiger Name.

Darunter: Übertragung des väterlichen Grundstücks an die Nordtal-Kreditgesellschaft.

Mir wurde kalt.

„Was ist das?“

Lukas bewegte sich zur Tür, doch Andreas stellte sich ihm in den Weg.

„Du bleibst.“

„Ich habe damit nichts zu tun.“

„Dann wird es dir leichtfallen, hierzubleiben.“

Der Schlüsselbund in Andreas’ Hand klirrte. Dieses Geräusch war klein, aber es schnitt durch die Spannung wie ein Messer. Ich hob das Blatt auf. Die Unterschrift meines Vaters stand darunter. Oder etwas, das wie seine Unterschrift aussah.

„Mein Vater hat dieses Land nie verkauft“, sagte ich.

„Nein“, antwortete Andreas.

„Warum liegt es dann auf deinem Tisch?“

Er sah mich an, und in seinem Gesicht lag etwas, das ich nicht einordnen konnte: Schuld, Vorsicht und eine Müdigkeit, die älter wirkte als er selbst.

„Weil jemand versucht, es dir wegzunehmen.“

„Jemand? Oder du?“

Lukas stieß ein kurzes Lachen aus.

„Siehst du? Sie versteht es schneller als du gehofft hast.“

Andreas fuhr herum.

„Was soll das heißen?“

„Frag deine Braut, warum ihr Vater in den Büchern Schulden hatte. Frag sie, warum der Notar behauptet, sie habe den Hof freiwillig übertragen.“

Ich trat auf Lukas zu.

„Woher weißt du das?“

Er hob das Kinn.

„In einem großen Haushalt hört man einiges.“

„Du hast meinen Namen auf dem Brief gelesen.“

„Vielleicht hat jemand ihn mir genannt.“

Andreas packte ihn am Kragen und drückte ihn gegen den Türrahmen. Das Holz vibrierte. Ich sah den Hufnagel noch immer in Lukas’ Hand. Seine Spitze hatte sich in Andreas’ Ärmel gebohrt.

„Wer hat dich geschickt?“ fragte Andreas.

Lukas grinste wieder, diesmal ohne jede Leichtigkeit.

„Du glaubst wirklich, du kannst sie retten, nur weil du sie heiratest?“

Das Wort retten blieb zwischen uns hängen.

Ich sah Andreas an.

„Ist das der Grund?“

Er ließ Lukas los. Der junge Mann stolperte zur Seite und rieb sich den Hals.

„Nicht hier“, sagte Andreas.

„Natürlich nicht hier. Am besten nie.“

„Irina—“

„Du hast mich aus einem Dorf geholt, in dem jeder über mich gelacht hat. Du hast neue Handschuhe mit meinem Namen anfertigen lassen, bevor wir uns trafen. Du hattest meine Akte auf dem Tisch. Und jetzt sagt er, du wolltest mich retten.“

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Meine Stimme zitterte. Ich hasste das.

Andreas ging zum Fenster. Draußen trieben dunkle Wolken über die Felder. Eine lose Dachrinne schlug im Wind gegen die Wand.

„Dein Vater hat mir einmal das Leben gerettet“, sagte er.

Ich erstarrte.

„Wann?“

„Vor zwölf Jahren. Bei dem Brand in der alten Mühle.“

Ich erinnerte mich an die Geschichte. Mein Vater hatte nie darüber gesprochen. Er hatte nur eine Narbe am Hals getragen und bei starkem Rauch den Raum verlassen.

„Er starb, ohne mir zu sagen, dass er dich kannte.“

„Er wollte nicht, dass du glaubst, ich hätte dich aus Dankbarkeit geheiratet.“

„Aber hast du das?“

Andreas drehte sich um.

„Ich habe dich geheiratet, weil du sonst alles verlieren würdest.“

„Das ist keine Antwort.“

„Es ist die einzige, die ich dir heute geben kann.“

Im selben Moment schlug draußen ein Pferd aus. Jakob rief etwas vom Stall herüber. Marta kam hastig in den Flur gelaufen und hielt einen zerrissenen Stoffstreifen in der Hand.

„Herr Andreas“, sagte sie, „ich habe das in der Nacht an der hinteren Weide gefunden.“

Auf dem Stoff war ein schwarzer gestickter Vogel zu sehen. Ich kannte dieses Zeichen. Es gehörte dem Mann, der meinen Vater kurz vor dessen Tod besucht hatte.

Andreas nahm den Stoff, und sein Gesicht veränderte sich.

„Er ist zurück“, flüsterte er.

„Wer?“ fragte ich.

Bevor er antworten konnte, donnerte es am Tor. Ein Wagen fuhr durch den Hof, ohne anzuhalten. Auf der Seite prangte das Wappen der Nordtal-Kreditgesellschaft.

Ein Mann sprang herunter und hielt ein versiegeltes Schriftstück hoch.

„Andreas Falk“, rief er, „im Namen der Gläubiger erkläre ich dieses Gut mit sofortiger Wirkung für beschlagnahmt…“

TEIL 3

„…und fordere Sie auf, das Anwesen bis morgen früh zu räumen.“

Der Regen hatte begonnen. Er prasselte auf die Pflastersteine, lief über das Gesicht des Boten und tropfte von dem roten Siegel in seiner Hand.

Andreas nahm das Schriftstück nicht an.

„Auf welcher Grundlage?“

„Auf Grundlage einer notariell bestätigten Forderung.“

„Die Forderung ist gefälscht.“

Der Bote zuckte mit den Schultern.

„Das können Sie dem Notar erklären.“

Ich stand unter dem Vordach und spürte, wie der Stoff meiner neuen Handschuhe feucht wurde. Jakob kam aus dem Stall. In seinem Gesicht lag eine Entscheidung, die er offenbar seit Jahren mit sich herumgetragen hatte.

„Nein“, sagte er.

Alle drehten sich zu ihm.

Jakob nahm langsam die Mütze ab.

„Nicht der Notar hat die Forderung geschrieben.“

Andreas wurde bleich.

„Jakob.“

„Es reicht, Herr. Zu lange habe ich geschwiegen.“

Lukas wich einen Schritt zurück.

Ich sah es. Andreas sah es auch.

„Sprich“, sagte ich.

Jakob legte die Mütze auf das Fass neben sich. Der Regen trommelte auf das Blech, als würde jemand ungeduldig mit den Fingern klopfen.

„Vor drei Jahren kam Lukas zum alten Herrn Sorenko. Nicht wegen Arbeit. Er brachte ihm die Papiere zur Unterschrift.“

Mein Atem stockte.

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„Mein Vater kannte ihn?“

„Er kannte seinen Auftraggeber. Lukas sagte, der Notar schicke ihn. Ihr Vater weigerte sich. Er sagte, er würde den Hof niemals verkaufen.“

Lukas sprang vor.

„Der Alte war betrunken!“

„Er war krank“, erwiderte Jakob. „Aber nicht betrunken.“

Andreas trat näher.

„Warum hast du nichts gesagt?“

Jakob sah ihn an.

„Weil man mir meine Enkelin wegnehmen wollte. Der Mann, der hinter Lukas stand, drohte mir mit der Fabrik. Und ich war feige.“

„Wer war es?“ fragte ich.

Jakob zeigte nicht auf Lukas. Er deutete auf den Boten der Kreditgesellschaft.

„Sein Onkel, Richard Falk.“

Der Regen schien plötzlich lauter zu werden.

Ich wandte mich zu Andreas.

„Dein Onkel?“

„Er hat die Gesellschaft gegründet“, sagte Andreas. „Nach Elisabeths Tod wollte er das Gut kaufen. Ich habe abgelehnt.“

„Und deshalb hast du mich geheiratet?“

Andreas ging in die Knie und hob das Blatt auf, das ich im Büro gefunden hatte. Seine Hand zitterte.

„Dein Vater hatte nie verkauft. Er hatte nur einen Vertrag unterschrieben, der ihn verpflichtete, dir das Land zu hinterlassen. Richard ließ eine zweite Seite einsetzen. Darauf stand, dass du bei einer Heirat außerhalb des Dorfes deinen Anspruch verlieren würdest.“

„Warum wusste ich davon nichts?“

„Weil dein Vater die Seite verbrannte, bevor er starb. Aber die Abschrift blieb beim Notar.“

Jakob zog aus seinem Mantel ein kleines Heft. Das Leder war an den Kanten aufgerissen.

„Ich habe die ursprüngliche Seite gesehen. Dein Vater bat mich, sie zu verstecken.“

Er schlug das Heft auf. Zwischen den Seiten lag ein schmaler, handschriftlicher Vermerk, versehen mit dem Siegel meines Vaters.

„Wenn Irina bedroht wird, bring sie zu Andreas Falk. Er wird sie nicht besitzen wollen. Er wird ihr Zeit verschaffen.“

Ich konnte nicht sprechen.

Andreas sah mich an.

„Ich habe dich nicht geheiratet, weil du groß bist, weil du arbeiten kannst oder weil ich eine Frau für den Hof brauchte. Ich habe dich geheiratet, weil dein Vater mich bat, dich zu schützen. Und weil ich längst wusste, dass du stark genug bist, selbst zu entscheiden, was aus deinem Leben wird.“

Lukas lachte heiser.

„Wie rührend. Nur leider ist die Frist abgelaufen.“

Der Bote reichte Andreas schließlich das Schriftstück.

„Morgen bei Sonnenaufgang gehört das Gut den Gläubigern.“

Andreas öffnete den Mund, doch bevor er antworten konnte, ritt ein Junge durch das Tor. Er war völlig durchnässt und hielt einen versiegelten Brief über den Kopf.

„Frau Sorenko!“ rief er. „Der Notar ist tot aufgefunden worden. Und in seinem Haus hat man nach Ihnen gefragt…“

FINALES KAPITEL

Ich las die letzte Zeile des Briefes und verstand alles…

Ich glaubte, endlich die ganze Wahrheit zu kennen. Dann tauchte ein Name auf, der unseren Hof und meine Ehe erneut erschütterte.

Andreas legte mir das Dokument hin und sagte:
„Du entscheidest selbst, was aus deinem Leben wird.“
Ich hielt den Atem an.

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Ich wurde als seine Braut verspottet, doch als Andreas mich vor allen an sich zog, verschwand sein Lächeln
Порой самый простой выбор способен неожиданно многое рассказать о характере.